INHALTSVERZEICHNIS
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1. EINLEITUNG 1
2. HISTORISCHE RAHMENBEDINGUNGEN 6
2.1 POLITIK UND GESELLSCHAFT 6
2.1.1 Die politische Situation Deutschlands bis zur Gründung der
Bundesrepublik (1945-1949) 6
2.1.2 Die Westintegration der Bundesrepublik und der Weg in die
Souveränität (1949-1955) 9
2.1.3 Die Sonderrolle des Saarlandes 11
2.1.4 Die wirtschaftliche Konsolidierung der BRD und der Beginn des
Wirtschaftswunders 11 NA
2.1.5 Die bundesrepublikanischen Lebensumstände Mitte der 50er Jahre 12
2.1.6 Die Einstellung der bundesdeutschen Gesellschaft zu Politik Staat
und Demokratie 13
2.2 SPORT 16
2.2.1 Der Einfluss der Besatzungsmächte auf die Entwicklung des
bundesdeutschen Sports nach dem Zweiten Weltkrieg 16
2.2.2 Die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB) 17
2.2.3 Die Gründung des bundesdeutschen Nationalen Olympischen
Komitees (NOK) 19
2.3 FUßBALL 23
2.3.1 Erste Initiativen zur Wiederbelebung des Spielbetriebes nach dem
Zweiten Weltkrieg 23
2.3.2 Die Wiedergründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) 23
2.3.3 Der Weg aus der internationalen Isolation 25
2.3.4 Die Reintegration des DFB in die FIFA 26
2.4 MEDIEN 28
2.4.1 Die Alliierte Medienpolitik und ihr Einfluss auf die bundesdeutsche
Presselandschaft am Beispiel Nordrhein-Westfalen 28
2.4.2 Der Kölner Stadt-Anzeiger (KSTA) 31
2.4.3 Die Kölnische Rundschau (KR) 33
2.4.4 Die kommunistischen Presse in Nordrhein-Westfalen unter
besonderer Berücksichtigung der Volksstimme 34
3. ANALYSE DER BERICHTERSTATTUNG AUSGEWÄHLTER
KÖLNER TAGESZEITUNGEN ÜBER DIE FUßBALLWELT-
MEISTERSCHAFT 1954 37
3.1 IM VORFELD DER WELTMEISTERSCHAFTSENDRUNDE 37
3.1.1 Analyseeinheit 1 (24 Mai 1954 16 Juni 1954) 40
3.1.1.1 Die Beurteilung der Erfolgsaussichten des bundesdeutschen Teams 40
3.1.1.2 Die Berücksichtigung ausländischer Mannschaften 46
3.1.1.3 Die Auseinandersetzung mit dem Austragungsmodus 48
3.1.2 Zusammenfassung 51
3.2 DIE VORRUNDE 52
3.2.1 Analyseeinheit 2 (17 Juni 1954 24 Juni 1954) 55
3.2.1.1 Der Weltmeisterschaftsauftakt 55
3.2.1.2 BR Deutschland Türkei 56
3.2.1.3 BR Deutschland Ungarn 58
3.2.1.4 Das Foul Liebrichs an Puskas 63
3.2.1.5 BR Deutschland Türkei (Entscheidungsspiel) 66
3.2.2 Zusammenfassung 70
3.3 DIE FINALSPIELE 72
3.3.1 Analyseeinheit 3 (25 Juni 1954 - 05 Juli 1954) 74
3.3.1.1 Vor dem Viertelfinale gegen Jugoslawien 74
3.3.1.2 BR Deutschland Jugoslawien 76
3.3.1.3 Das Skandalspiel Ungarn Brasilien 80
3.3.1.4 Vor dem Halbfinale gegen Österreich 82
3.3.1.5 Das Halbfinale BRD Österreich 85
3.3.1.6 Vor dem Endspiel gegen Ungarn 90
3.3.1.7 Das Endspiel BR Deutschland Ungarn 96
3.3.2 Zusammenfassung 107
3.4 DIE EREIGNISSE NACH DER W-MENDRUNDE 109
3.4.1 Analyseeinheit 4 (06 Juli 1954 20 Juli 1954) 111
3.4.1.1 Die Rede des DFB-Präsidenten Bauwens im Löwenbräukeller 126
3.4.1.2 Die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die bundesdeutsche
Mannschaft durch Bundespräsident Heuss in Berlin 128
3.4.1.3 Der Film Fußballweltmeisterschaft 1954 131
3.4.1.4 Die Ausschreitungen in Budapest bei der Rückkehr der ungarischen
Nationalmannschaft 132 NA
3.4.2 Zusammenfassung 134
4. SCHLUSSBETRACHTUNG 135
5. LITERATURVERZEICHNIS 138
6. ANHANG 149
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 1
1. Einleitung
Der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Juli 1954 in Bern wird in der Retrospektive häufig nicht nur als eine der vielleicht größten sportlichen Sensationen dargestellt, ihm wird auch von vielen Historikern, Journalisten und Politikern eine über den Sport hin- ausreichende, gesellschaftliche und politische Dimension zugeschrieben. Der Sport- journalist Joachim SCHWEER sieht den WM-Gewinn sogar als eigentliche Ge- burtsstunde der Bundesrepublik Deutschland (BRD) an:
„Die Bundesrepublik feiert[e] zwar erst 1999 ihren 50. Geburtstag, doch es gibt nicht wenige Menschen, die nur fünf Jahre zuvor ihren 40. fest gestellt haben wollen.“ 1
In der vorliegenden Studie soll aufgezeigt werden, ob, und wenn ja in welcher Ausprägung sich diese gesellschaftliche und politische Relevanz bereits während der Fußballweltmeisterschaft und in unmittelbarem Anschluss an diese in der Kölner Tagespresse manifestiert. Dies soll mittels einer qualifizierenden Inhaltsanalyse geschehen, die sowohl diagnostisch auf Einstellungen des Kommunikators, als auch reflektorisch auf Bedürfnisse auf Seiten des Rezipienten Rückschlüsse erlauben soll. Somit geht das Analyseverfahren über das von REINERMANN für seine Diplom-Arbeit zum gesellschaftlichen Stellenwert von Fußballweltmeisterschaften gewählte Verfahren einer rein quantifizierenden Inhaltsanalyse hinaus. 2 REINERMANN diagnostiziert aufgrund des deutlich gestiegenen Umfangs der Berichterstattung in den von ihm analysierten Untersuchungsobjekten 1998 im Vergleich zu 1954 eine erhöhte gesellschaftliche Bedeutung der Fußball-WM in Deutschland, lässt dabei aber den ebenfalls gestiegenen Gesamtumfang der Untersuchungsobjekte ebenso außer Acht wie die Tatsache, dass sich die Medienlandschaft während dieser Zeitspanne ebenso radikal verändert hat wie die personelle, technische und finanzielle Ausstattung der analysierten Zeitungen. Allerdings legt REINERMANN
1 J. SCHWEER, ‚Der Sieg von Bern‘ V. Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, Kassel 1994, S. 11.
2 Vgl. S. REINERMANN, Der gesellschaftliche Stellenwert von Fußballweltmeisterschaften im Wan- del der Zeit: Ein Vergleich der Turniere von 1954 und 1998, Diplom-Arbeit DSHS Köln, Köln 1999, S. 36-43.
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wohl auch ein anderes Verständnis von ‚gesellschaftlichem Stellenwert‘ zu Grunde, mehr im Sinne von Rezipienteninteresse, denn – wie in dieser Untersuchung angedacht – als identitätsstiftenden Faktor mit konkreten gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Bezüglich der Ausweitung der Berichterstattung über Fußball- weltmeisterschaften in deutschen Tageszeitungen liefert LAMMERTZ interessantere Ergebnisse, indem er den Umfang der Sportberichterstattung in Relation zum Umfang der Gesamtausgabe der untersuchten Zeitungen setzt und den Anteil der WM-Berichterstattung am Sportteil berechnet. 3
Als Untersuchungsgegenstände der vorliegenden Arbeit werden mit dem Kölner Stadt-Anzeiger (KSTA), der Kölnischen Rundschau und der Volksstimme drei Kölner Tageszeitungen herangezogen, deren unterschiedliche politische Grundhaltungen und Entstehungsgeschichte eine signifikant unterschiedliche Beurteilung des WM-Sieges der DFB-Auswahl nahelegen. Diese sich sowohl auf quantitativer, in erster Linie aber auf qualitativer Ebene darstellenden Unterschiede aufzuzeigen, soll ein weiteres Ziel dieser Untersuchung sein. In diesem Zusammenhang interessiert auch die Fragestellung, ob sich ganz konkret eine Vermischung von Politik und Sport festmachen lässt, wie sie HEINRICH in Teilen der ausländischen und ostdeutschen Presse diagnostiziert 4 , oder ob die untersuchten Zeitungen der laut HEINRICH unpolitischen westdeutschen Bevölkerung folgend 5 eine konsequente Trennung zwischen Sport und Politik vornehmen und durchhalten. Besonders interessante Ergebnisse bezüglich propagandistischer Tendenzen lässt hier vor allem die Analyse der kommunistischen Volksstimme erwarten.
Ebenfalls ist die Aussage FREIs zu überprüfen, der in den zeitgenössischen bundesdeutschen Medien eine Überbetonung des Gemeinschafts- und Zusammen- gehörigkeitsgefühl feststellt, wenn es darum geht, das Erfolgsgeheimnis des deutschen Teams zu umreißen:
3 Vgl. C. LAMMERTZ, Die Berichterstattung der Tageszeitung über die Fußballweltmeisterschaften 1954, ´74 und ´90, Dipl.-Arbeit DSHS Köln, Köln 1995, S. 51-55.
4 Vgl. A. HEINRICH, Tooor! Toor! Tor! 40 Jahre 3:2, Nördlingen 1994, S.108-133.
5 Vgl. HEINRICH, Tor!, S. 14.
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„Das Zusammenhalten, gegenseitige Unterstützung, kämpferische Ein- heit – das galt und gilt als das Besondere des deutschen Fußballs, im Gegensatz zum Beispiel zu den Ungarn, den Brasilianern oder Italienern, die immer als Individualisten, Stars oder Zauberer bezeichnet wurden. Dass diese ‚deutschen Tugenden‘ in den frühen fünfziger Jahren noch einen außersportlichen Sinn machten und deswegen von den Journalisten fast schon inflationär beschworen wurden, ist begreiflich: Der Krieg war erst wenige Jahre vorüber; Niederlage, Verluste, Not und Schuld ließen sich mit Gemeinschaftsgeist besser ertragen – und besser zur Seite schie- ben.“ 6
Um den über das rein Sportliche hinausgehenden Stellenwert des deutschen WM- Sieges zu verdeutlichen, ist es von Nöten, das Ereignis in seinem historischen Kontext zu betrachten. Diese Rahmenbedingungen sollen zu Beginn der Arbeit vorgestellt werden. Zunächst wird in diesem Teil der Studie die durch die Besatzungsmächte beeinflusste politische und wirtschaftliche Entwicklung in den drei westlichen Besatzungszonen bzw. der Bundesrepublik Deutschland dargestellt. Es folgt eine Skizzierung der Lebensumstände in der BRD zu Beginn der 50er Jahre, der privatwirtschaftlichen Situation und der politischen Einstellungen der Bevölkerung, insbesondere bezüglich der Akzeptanz des neu geschaffenen Staats- gefüges. Des Weiteren wird auf die Situation und die Reorganisation des west- deutschen Sports nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen, wobei der Schwerpunkt auf der Entwicklung im Fußball liegen soll. In diesem Kapitel wird wieder auf den Einfluss der Besatzungsmächte hinzuweisen sein, ebenso wie auf den jahrelangen Ausschluss deutscher Sportorganisationen von den internationalen Verbänden und dem damit verbundenen Wettkampfverbot für deutsche Spitzensportler auf inter- nationaler Ebene. Schließlich wird die Medienpolitik der Alliierten vorgestellt, die die Basis für die Entwicklung der west- bzw. bundesdeutschen Medienlandschaft bildete. Die Skizzierung der historischen Rahmenbedingungen endet mit einer Vor- stellung der drei Untersuchungsobjekte, deren Entstehungsgeschichte und politischen Grundhaltungen.
In einem zweiten Teil sollen die Analyseergebnisse der Untersuchung präsentiert werden. Aufgrund einer besseren Übersichtlichkeit bietet sich hier eine chronolo- gische Vorgehensweise an, in der die Textanalyse der drei Tageszeitungen parallel durchgeführt und eng an die entsprechenden Ereignisse angelehnt wird. Es finden
6 A. FREI, Finale Grande 1954 – Die Rückkehr der Fußballweltmeister, Berlin 1994, S. 28-29.
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alle Artikel Berücksichtigung, in denen die Fußballweltmeisterschaft thematisiert wird, unabhängig davon, welchem Ressort sie zugeordnet sind, wobei der Schwer- punkt auf die Berichterstattung rund um das bundesdeutsche Team gelegt werden soll. Auch die von Agenturen übernommene Berichterstattung wird in die Unter- suchung miteinbezogen, da sich alleine in der Veröffentlichung bzw. Ausklam- merung bestimmter Agenturmeldungen politische Positionen festmachen lassen, wie zu zeigen sein wird. Zudem können Veränderungen dieser Artikel von Seiten der Redakteure zumindest auf sprachlicher Ebene nicht ausgeschlossen werden. Als Beginn des Untersuchungszeitraumes bietet sich der Tag nach dem Finale um die Deutsche Meisterschaft zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Kaiserslautern am 23. Mai 1954 an, da von diesem Zeitpunkt an eine verstärkte Fokussierung auf die bevorstehende Weltmeisterschaft zu erwarten ist. Das Ende des Untersuchungs- zeitraums soll der 19. Juli 1954 markieren, der Tag nach der Auszeichnung der Weltmeister-Mannschaft mit dem Silbernen Lorbeerblatt durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss im Berliner Olympiastadion. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird der Untersuchungszeitraum in vier größere Abschnitte ge- gliedert. Diese sind:
1. Der Zeitraum vor der Weltmeisterschaft (24. Mai – 16. Juni 1954) 2. Die Vorrundenspiele (17. Juni – 24. Juni 1954) 3. Die Finalspiele (25. Juni – 05. Juli 1954) 4. Die Zeit nach der Weltmeisterschaft (06. Juli – 20. Juli 1954)
Den einzelnen Untersuchungsabschnitten soll jeweils eine kurze Schilderung der wichtigsten Ereignisse vorangestellt werden, um beim Leser eine bessere Verständ- lichkeit zu gewährleisten, wobei von einer ausführlichen Darstellung der Spielverläu- fe aufgrund der relativ geringen Relevanz für die Untersuchung abgesehen wird. Den vier Analyseeinheiten folgt jeweils eine kurze Präsentation der signifikantesten Inter- pretationsresultate dieses Abschnittes nach.
Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung, in der die essenziellen Ergebnisse der Analyse zusammengefasst und bewertet werden. Außerdem werden aufgetretene Probleme bei der Bearbeitung des Themas ebenso diskutiert wie neue Frage- stellungen für zukünftige Untersuchungen, die sich aus den gewonnenen Erkennt-
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nissen ableiten lassen. Abgerundet wird die Studie durch das im Anhang beigefügte Interview mit dem Kölner Journalisten Jupp Müller, der während des Unter- suchungszeitraumes als Sportredakteur für den Kölner Stadt-Anzeiger arbeitete und vor Ort vom Halbfinale der bundesdeutschen Auswahl gegen Österreich berichtete. Seine Ausführungen, die sich größtenteils mit den während der Analyse gewonnenen Erkenntnissen decken, fließen an einigen Stellen in die Beurteilung des Daten- materials ein.
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2. Historische Rahmenbedingungen
2.1 Politik und Gesellschaft
2.1.1 Die politische Situation Deutschlands bis zur Gründung der Bundesre-
publik 1945-1949
Der 8. Mai 1945 markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Bevollmächtigt durch Hitlers Nachfolger als Reichspräsident, Groß- admiral Dönitz, unterzeichnete Generaloberst Jodl an diesem Tag im Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Reims die bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Mit dem Zweiten Weltkrieg fand damit der grausamste und blutigste Krieg der menschlichen Geschichte zumindest in Europa sein Ende. Trotz der Tatsache, dass die Kapitulation in ihrem Kern ein rein militärischer Vorgang blieb, bedeutete dieses Datum faktisch auch den politischen Untergang des deutschen Staates. Großadmiral Dönitz und dessen Geschäftsführende Reichsregierung wurden am 23. Mai in Flensburg von britischen Soldaten festgenommen.
Bereits während des Krieges hatten Großbritannien, die USA und die Sowjetunion auf mehreren Konferenzen über die zukünftige Verwaltung eines besiegten Deutschlands diskutiert. Während der Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 einigten sich die Alliierten auf Empfehlung der European Advisory Commission (EAC), die aus Vertretern der drei Siegermächte Großbritannien, USA und Sowjetunion gebildet worden war, auf die Aufteilung Deutschlands in drei Besatzungszonen. Außerdem wurde Frankreich eingeladen, ebenfalls eine Besatzungszone und einen Sitz in dem zu gründenden Kontrollrat zu übernehmen, der aus den Oberbefehlshabern der Besatzungsarmeen bestehen und alle Angelegenheiten regeln sollte, die Deutschland als Ganzes betrafen.
Am 5. Juni 1945 gaben die mittlerweile vier Siegermächte – Frankreich hatte der Regelung von Jalta zugestimmt – in Berlin die „Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme der obersten Regierungsgewalt
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hinsichtlich Deutschlands“ 7 bekannt. Deutschland wurde auf der Grundlage der Grenzen vom 31. Dezember 1937 in vier Besatzungszonen unterteilt, die Hauptstadt Berlin in vier Sektoren gegliedert. Ohne Rücksprache mit den anderen Alliierten zu halten, übergab Stalin in der Folge die eigentlich zur sowjetischen Besatzungszone gehörenden Gebiete Ostpreußen, Schlesien und Pommern (bis auf den nördlichen Teil Ostpreußens) an die neu eingesetzte, pro-sowjetische Regierung Polens. Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 wurde dieses eigenmächtige Vorgehen der Sowjets durch die Amerikaner und Briten unter der Bedingung ge- billigt, dass Stalin sich mit dem amerikanischen Vorschlag zur Reparationsfrage ein- verstanden erklärte. Dieser sah vor, dass jede Siegermacht ihre Reparationsan- sprüche nur aus der eigenen Besatzungszone befriedigen sollte.
Durch die von den Sowjets initiierte Westverschiebung Polens und dem damit einsetzenden Flüchtlingsstrom Richtung Westen erhöhte sich die deutsche Bevöl- kerungszahl in den vier Besatzungszonen von knapp 50 Millionen 1939 auf nun 66 Millionen. Demgegenüber stand ein durch die Bombardements der Alliierten in den letzten Kriegsjahren entstandener eklatanter Wohnungsmangel. Fast 5 Millionen Wohnungen war entweder ganz zerstört oder stark beschädigt worden. Genauso katastrophal stellte sich die Ernährungslage dar. Die Kalorienzahl pro Kopf, die auf Lebensmittelkarten festgelegt wurde, lag 1946 je nach Besatzungszone nur zwischen knapp 1000 und 1330 Kalorien, wobei aufgrund der Nahrungsmittelknappheit oft- mals noch nicht einmal diese Menge ausgegeben werden konnte.
Unter dem Eindruck der französischen Blockadepolitik im Kontrollrat, die jegliche Bildung von zentralen Verwaltungsstellen verhinderte und der eigenmächtigen, auf die Einführung einer sozialistischen Planwirtschaft abzielenden Politik der Sowjets in ihrer Besatzungszone versuchten Großbritannien und die USA der schlechten wirtschaftlichen Situation in Deutschland dadurch Herr zu werden, dass sie ihre
7 „Erklärung in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme der obersten Regie- rungsgewalt hinsichtlich Deutschlands“, in: Amtsblatt der Militärregierung Deutschland. Britisches Kontrollgebiet Nr. 5, [o.O.u.J.] (Da es sich bei der recherchierten Quelle allem An- schein nach um eine im Format von der Originalausgabe abweichende Zusammenstellung mehrer- er Amtsblätter handelt, soll an dieser Stelle und bei allen folgenden Literaturangaben, die sich auf Verordnungen der Besatzungsmächte beziehen, auf eine Seitenangabe verzichtet werden, um Missverständnisse auszuschließen.).
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Besatzungszonen am 1. Januar 1947 zu einer wirtschaftlichen Einheit, der so genannten Bizone, zusammenlegten.
Auf den beiden ergebnislos verlaufenden Außenministerkonferenzen des Jahres 1947 8 verfestigten sich die gegensätzlichen Standpunkte der Alliierten in der Deutschlandfrage. Der sowjetische Außenminister Molotow verlangte wiederholt die Rücknahme der Entscheidung zur Errichtung der Bizone und forderte utopische Reparationssummen. Für die Amerikaner und Briten bedeutete das Scheitern vor allem der Londoner Konferenz, dass mit der UdSSR eine gemeinsame Deutschlandpolitik zu diesem Zeitpunkt nicht mehr realistisch war. Von da an forcierten sie die Zusammenlegung der drei westlichen Zonen nicht nur zu einer wirtschaftlichen, sondern auch politischen Einheit.
Während der Sechs-Mächtekonferenz in London, die – mit Unterbrechung – vom 23. Februar bis zum 2. Juni 1948 dauerte, beschlossen die teilnehmenden Nationen Großbritannien, USA, Frankreich und die Benelux-Staaten neben einer sicher- heitspolitischen Zusammenarbeit auch die Zusammenlegung der drei westlichen Besatzungszonen und die Gründung eines Weststaates. Die drei westlichen Militär- gouverneure überreichten daraufhin am 1. Juli 1948 den deutschen Ministerpräsi- denten ihrer Besatzungszonen die so genannten Frankfurter Dokumente, in denen die Landesoberhäupter aufgefordert wurden, eine Verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, um eine Verfassung für ein föderalistisch organisiertes Staatsgebilde zu erarbeiten. Am 20. Juni 1948 war durch die Währungsreform in den Westzonen bereits die wirtschaftliche Einheit hergestellt worden 9 .
8 Moskauer Außenministerkonferenz vom 10. März. bis 24. April 1947, Londoner Außenmini- sterkonferenz vom 25. November bis 12. Dezember 1947.
9 In Zusammenarbeit mit deutschen Experten hatten die westlichen Alliierten einen Plan aus- gearbeitet, der die Ablösung der inflationären Reichsmark durch die Deutsche Mark vorsah. 40 Reichsmark konnten sofort in 40 Deutsche Mark (DM) umgetauscht werden, einen Monat später erhielt jeder Bewohner der westlichen Zonen nochmals 20 DM. Während Löhne, Gehälter und Renten im Verhältnis 1:1 umgewandelt wurden, wurden Guthaben zu einer Hälfte im Verhältnis 100:10, die andere Hälfte im Verhältnis 100:6,5 getauscht, um die umlaufende Geldmenge zu reduzieren. Die Obergrenze des sich in Umlauf befindlichen Geldes wurde auf 10 Milliarden DM festgelegt.
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Nach einigen Diskussionen zwischen den Ministerpräsidenten und den westlichen Alliierten über Vorgehensweise und Begriffsbestimmungen 10 konstituierte sich am 1. September 1948 in Bonn der Parlamentarische Rat aus Vertretern der einzelnen Landtage, um das Grundgesetz der zukünftigen Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten. Dieses wurde schließlich am 8. Mai 1949 verabschiedet und – nach der Genehmigung durch die drei westlichen Militärgouverneure – am 23. Mai feierlich verkündet. Allerdings war die Bundesrepublik damit noch kein souveräner Staat. In dem so genannten Besatzungsstatut behielten sich die Alliierten wichtige Befugnisse vor, so zum Beispiel auf dem Gebiet der Abrüstung, der Ruhrkontrolle, der Reparationen, des Außenhandels und der Auswärtigen Angelegenheiten. Änderungen des Grundgesetzes konnten nur mit Genehmigung der Besatzungsbehörden erfolgen. Außerdem waren die Besatzungsmächte jederzeit berechtigt, „die Ausübung der vollen Gewalt ganz oder teilweise wieder zu übernehmen, wenn sie dies für unerläßlich erachten für die Sicherheit oder zur Aufrechterhaltung der demokra- tischen Ordnung in Deutschland.“ 11 Als Kontrollorgan wurde die Alliierte Hohe Kommission mit jeweils einem Mitglied aus Frankreich, Großbritannien und den USA eingesetzt. 12
2.1.2 Die Westintegration der Bundesrepublik und der Weg in die Souveränität
(1949-1955)
Der Zeitraum von der bundesrepublikanischen Staatsgründung 1949 bis zur Mitte der 50er Jahre waren vor allem geprägt durch den sich abzeichnenden wirtschaftlichen Aufschwung und die schrittweise Integration der BRD in das westliche Staatenbündnis, die von der 1949 gewählten und 1953 im Amt bestätigten Regierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer forciert wurde. So trat die Bundesrepublik am 13. Juli 1950 als assoziiertes Mitglied dem Europarat bei, einem losen Staaten-
10
Die Ministerpräsidenten wollten den provisorischen Charakter der Staatsgründung betonen und setzten daher die Umbenenunng der Verfassungsgebenden Versammlung in
Parlamentarischen Rat
durch. Dieser sollte auch keine Verfassung erarbeiten, sondern ein so genanntes ‚Grund-
gesetz‘.
Außerdem wurde das Grundgesetz nicht durch eine Volksabstimmung verabschiedet, son- dern von den Landtagen ratifiziert.
11 „Besatzungstatut“, in: Amtsblatt der Hohen Alliierten Kommission in Deutschland, Nr. 1, Bonn 23. September 1949.
12 Vgl. zu diesem Kapitel P. BOROWSKY, Deutschland 1945-1969, Hannover 1993, S. 11-79.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 10
bündnis, das sich 1949 konstituiert hatte und dem Großbritannien, Frankreich, Ita- lien, die Benelux-Staaten, Dänemark, Schweden, Norwegen und Irland angehörten. Ein Jahr später wurde sie vollwertiges Mitglied. Weitere entscheidende Schritte auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Partnerschaft mit dem Westen stellte die Mitgliedschaft in der Montanunion 13 und die Revision des Besatzungsstatutes dar, die der Bundesrepublik unter anderem erweiterte Kompetenzen im Bereich der Auswärtigen Beziehungen gestattete. Die endgültige Abschaffung des Besatzungs- statutes und der Alliierten Hohen Kommission und damit die fast vollständige Souveränität der Bundesrepublik wurde zwar am 26. Mai 1952 im so genannten Generalvertrag zwischen Adenauer und den Außenministern der drei westlichen Alliierten beschlossen, trat aber in dieser Form nie in Kraft, da die französische Nationalversammlung 1954 den Vertrag über die Europäische Verteidigungs- gemeinschaft (EVG) 14 ablehnte, und die Gültigkeit des Generalvertrages an das Zustandekommen des EVG-Vertrages gekoppelt war. Somit konnte die vollständige Westintegration der Bundesrepublik und deren Souveränität erst nach weiteren Verhandlungen in London und Paris hergestellt werden. In den Pariser Verträgen vom Oktober 1954 wurde unter anderem die Gründung der Westeuropäischen Union (WEU) 15 , der Beitritt der Bundesrepublik zur Northern Atlantic Treaty Organization (NATO) und eine Modifizierung des Generalvertrages beschlossen. Nach der Zustimmung des Deutschen Bundestages traten die Pariser Verträge am 5. Mai 1955 in Kraft: Das Besatzungsstatut verlor seine Gültigkeit, die Bundesrepublik war souverän. Am 07. Mai 1955 wurde sie Mitglied der WEU, zwei Tage später trat sie der NATO bei. 16
13
Mitglieder der am 24. Juli 1952 entstandenen
Montanunion,
auch
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl
(EGKS) genannt, waren neben der
Bundesrepublik
Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten. Für den Handel zwischen den Mitgliedsländern mit Kohle, Eisen und Stahl entfielen fortan die Zollbeschränkungen. Durch die deutsche Mitgliedschaft endete auch jegliche Kontrolle und Einflußnahme der westlichen Alliierten im Bereich der deutschen Schwerindustrie.
14
Die EVG ging auf einen Vorschlag des französischen Verteidigungsminister Rene Pleven zur Etablierung einer europäischen Armee zurück. An ihrer (vorläufigen) Gründung am 27. Mai 1952 beteiligten sich neben Frankreich und der
Bundesrepublik
auch Italien und die Benelux-Staaten.
15
Die WEU war die Nachfolgeorganisation des am 17. März 1948 von Frankreich, Großbritannien und den Benelux-Staaten gegründeten
Brüsseler Paktes
zur gegenseitigen militärischen Unter- stützung im Falle eines feindlichen Angriffs.
16 Vgl. zu diesem Kapitel BOROWSKY, Deutschland 1945-1969, S. 135-152.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 11
2.1.3 Die Sonderrolle des Saarlandes
Vor allem aus Interesse an den reichen Kohlevorkommen setzten die Franzosen eine Abtrennung des Saarlandes von ihrer Besatzungszone und dessen schrittweise Ein- gliederung in das französische Zoll- und Währungsgebiet durch. Im Dezember 1946 errichteten sie eine Zollgrenze zwischen dem Saarland und dem übrigen Deutsch- land. Am 15. Dezember 1947 verabschiedete der von der pro-französischen Christ- lichen Volkspartei (CVP) dominierte Landtag eine Verfassung, in deren Präambel nicht nur der wirtschaftliche Anschluss an Frankreich festgestellt, sondern auch die Landesverteidigung und die Wahrung der saarländischen Interessen im Ausland in die Hände Frankreichs gelegt wurde. Ab dem 1. April 1948 war das Saarland kom- plett in das französische Zoll- und Währungsgebiet integriert, im Juli 1948 wurde eine eigene saarländische Staatsangehörigkeit eingeführt. Mit dem Verbot der gegen eine zu enge Anlehnung an Frankreich protestierenden Opposition schwand jedoch 1951/52 die Zustimmung der saarländischen Bevölkerung zur Politik der CVP, so dass die Volksabstimmung über das Saarstatut, dass eine Europäisierung des Saar- landes mit starken wirtschaftlichen Bindungen an Frankreich vorsah, am 23.10.1955 eine deutliche Ablehnung dieser Lösung erbrachte. Daraufhin erklärte sich Frankreich bereit, das Saarland wieder mit der BRD zu vereinigen. Im Luxemburger Saarvertrag vom 27. Oktober 1956 wurde die politische Eingliederung zum 1. Januar 1957, die wirtschaftliche Reintegration zum 31. Dezember 1959 beschlossen. 17
2.1.4 Die wirtschaftliche Konsolidierung der BRD und der Beginn des ‚Wirt-
schaftswunders‘
Nach anfänglichen Schwierigkeiten als direkter Folge der Währungsreform 18 entwickelte sich auch die bundesdeutsche Wirtschaftspolitik in den 50er Jahren immer mehr zur Erfolgsstory. Die Arbeitslosenzahlen sanken ab 1950 kontinuierlich, die Industrieproduktion erreichte ebenfalls 1950 erstmals wieder den Wert von 1936
17
Vgl. zu diesem Kapitel BOROWSKY,
Deutschland 1945-1969,
S. 34-35 und S. 155-156; vgl. ebenso BUNDESZENTRALE
FÜR POLITISCHE
BILDUNG (Hrsg.),
Die Teilung Deutschlands 1945-1955
(=Informationen
zur politischen Bildung,
Band 232), München 1991, S. 14.
18 Nach der Etablierung der Währungsreform konnten nur noch solche Arbeitnehmer beschäftigt werden, die auch produktiv einsetzbar waren. Somit stieg die Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent im Juni 1948 auf 12,2 Prozent Anfang 1950.
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und 1952 wurde zum ersten Mal ein Außenhandelsüberschuss erwirtschaftet. Diese rasante Entwicklung, die bis Mitte der 60er Jahre anhielt, muß in einem multi- kausalen Zusammenhang gesehen werden. Neben der Marshallplan-Hilfe 19 kam der deutschen Wirtschaft vor allem der 1950 beginnende Korea-Krieg 20 zu Gute. Mit ihm stieg die weltweite Nachfrage nach den aufgrund der geringen Produ- ktionskosten günstigen Rohstoffen aus Deutschland. Die durch Kriegsschäden und alliierte Demontagen unbrauchbaren deutschen Industrieanlagen wurden nun mit staatlicher Unterstützung wieder aufgebaut und hatten dadurch den entscheidenden Modernitätsvorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Ein weiterer Grund für den wirtschaftlichen Aufschwung ergab sich aus der Situation der Vertriebenen. Die aus Pommern, Schlesien, Ostpreußen und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) geflohenen Deutschen stellten billige Arbeitskräfte dar, die aufgrund ihrer Entwurzelung leichter dort angesiedelt werden konnten, wo sie von der Wirtschaft gebraucht wurden. 21
2.1.5 Die bundesrepublikanischen Lebensumstände Mitte der 50er Jahre
Trotz der wirtschaftlichen Konsolidierung ist es verfrüht, die bundesrepublikanischen Lebensumstände Mitte der fünfziger Jahre als die einer Wohlstandsgesellschaft zu kennzeichnen, wie folgende Fakten verdeutlichen sollen: So erreichte die durch- schnittlich pro Bundesbürger zur Verfügung stehende Kalorienzahl erst 1953/54 wie- der den Stand der Vorkriegsjahre. Der Konsumschwerpunkt lag dementsprechend auf dem Einkauf von Nahrungsmitteln, Kleidern und elementaren Haushalts- gegenständen. An den Erwerb von Luxusgütern wie Fernsehgeräten oder Autos war
19
Der
Marshall-Plan,
auch
European Recovery Program
(ERP) genannt, ging auf eine Idee des da- maligen US-Außenministers George C. Marshall zurück, der den vom Krieg gebeutelten euro- päischen Nationen finanzielle Unterstützung beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zukommen las- sen wollte, um neue Handelspartner zu gewinnen und gleichzeitig den Einfluss des Kommunismus in Europa einzudämmen. Insgesamt erhielten die 17 beteiligten Nationen in den Jahren der
Mar- shall-Plan-Hilfe
von 1948-1952 Zuwendungen im Wert von 12,4 Mrd. Dollar, der Anteil der
Bun- desrepublik
betrug ca. 1,5 Mrd. Dollar.
20 Am 25. Juni 1950 kam es zwischen dem kommunistischen Norden und dem Süden Koreas zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Nachdem nordkoreanische Truppen die südkoreanische Stadt Seoul besetzt hatten, entsandte der Sicherheitsrat der UNO von den US-Amerikanern dominierte Truppen zur Befreiung des Südens. Gegen den Willen der südkoreanischen Führung und nach zähen Verhandlungen wurde schließlich am 27. Juli 1953 vom amerikanischen und nordkoreanischen Chefdelegierten ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet.
21 Vgl. zu diesem Kapitel Borowsky, Deutschland 1945-1969, S. 85-94.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 13
in den meisten Haushalten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken. 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung lebte 1955 noch immer in Haushalten mit einem Ein- kommen von weniger als 250 DM im Monat und damit am Rande des Existenz- minimus. Über die Hälfte der Bevölkerung hatte zum selben Zeitpunkt inklusive Bad und Küche nur drei Wohnräume zur Verfügung, nur ein Zehntel besaß einen Kühlschrank und nur jeder Fünfte hatte seit Einführung der DM eine Auslandsreise unternommen, wobei sich dies zudem in den meisten Fällen auf einen Urlaub in benachbarten Ländern beschränkte. Der Weg in die Wohlstandsgesellschaft zeichnete sich erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre mit einer stark zu- nehmenden Penetration der Bevölkerung mit PKWs, TV-Geräten und anderen Luxusgütern ab. 22
2.1.6 Die Einstellung der bundesdeutschen Gesellschaft zu Politik, Staat und
Demokratie
Die Identifikation mit dem neu geschaffenen Staatsgefüge Bundesrepublik Deutschland fiel einem Großteil der westlichen Bevölkerung lange Zeit schwer. Dies lag zum einen an der Tatsache, dass die meisten Deutschen Anfang der 50er Jahre die Teilung Deutschlands nur für einen kurzfristigen Zustand hielten, der mit einem zu vereinbarendem Friedensvertrag sein baldiges Ende finden würde. Der provi- sorische Charakter des Staatsgebildes wurde ja auch ganz bewusst von den Politikern in der Benennung der ausgearbeiteten Verfassung als Grundgesetz dokumentiert und in der dortigen Präambel festgehalten. 23 Hinderlich für eine bessere Akzeptanz der BRD in der Bevölkerung war zudem, dass die Staatsgründung in den Augen vieler als von den westlichen Besatzungsmächten oktroyiert und nicht dem Willen der Bevölkerung entsprechend angesehen wurde. Für die ca. sechs Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze und den volks- deutschen Siedlungsgebieten in Südost- und Osteuropa wurde dieser Identifi- zierungsprozess aufgrund des Verlustes der Heimat noch erschwert. Einen empi- rischen Beleg für die Aktzeptanzprobleme der jungen Bundesrepublik liefert eine
22
Vgl. zu diesm Kapitel BOROWSKY, Deutschland 1945-1969, S. 117.
23 Vgl. F. GIESE/E. SCHUNCK (Hrsg.), Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 1970, S. 10-11.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 14
Studie des Instituts für Demoskopie, die für die frühen 50er Jahre einen extrem niedrigen Prozentsatz an Bundesbürgern ausweist, die die Frage, wann es Deutschland im 20. Jahrhundert am besten gegangen sei, mit ‚gegenwärtig‘ beantworteten 24 , wobei hier sicherlich auch die im vorangegangenen Kapitel 2.1.5 geschilderten, gravierenden privatwirtschaftlichen Probleme zu berücksichtigen sind.
Ein weiteres signifikantes Merkmal der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 50er Jahre war die unpolitische Grundhaltung weiter Teile der Bevölkerung. Neben der Tatsache, dass für die meisten zunächst die reine Existenzsicherung im Vor- dergrund stand, spielten hier vor allen Dingen die Negativerfahrungen derer eine Rolle, die sich in der Weimarer Republik oder der Nazizeit politisch engagiert hatten und dafür benachteiligt oder verfolgt wurden. So lag die Quote derjenigen, die die Frage, ob man sich für Politik interessiere, positiv beantworteten, Anfang der 50er Jahre bei unter 30 Prozent. 25 Die Generation der in den 20er Jahren Geborenen wurde zudem nach zwölf Jahren Diktatur zum ersten Mal mit einer demokratischen Staatsform konfrontiert, was zunächst bei vielen zu einer abwartenden, skeptischen Grundhaltung führte. Diese Skepsis dokumentiert sich exemplarisch in der Tatsache, dass zu Beginn der 50er Jahre weniger als die Hälfte der Bundesbürger die Arbeit des Bundestages als positiv einstuften. 26
Ebenfalls von Relevanz für die vorliegende Studie ist die Selbstwahrnehmung der Bevölkerung bezüglich der internationalen Beziehungen und des bundesdeutschen Status im Ausland. So gaben 1951 nur 8% der Bundesbürger an, die Bundesrepublik sei als vollwertiges Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft anzusehen. Diese Zahl ist als Indiz für die von den eigenen Bürgern subjektiv empfundene und erlebte Außenseiter Rolle des jungen bundesdeutschen Staates zu werten. 27
Der geistigen, in vielen Fällen auch geografischen Entwurzelung und der Orientierungslosigkeit durch den Wegfall lange Zeit gültiger Normen und Werte
24
Vgl. E. NOELLE-NEUMANN/E. PIEHL (Hrsg.),
Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-1983,
Band VIII, München 1983, S. 187.
25 Vgl. H.O. LUTHE/H. MEULEMANN (Hrsg.), Wertwandel – Faktum oder Fiktion?, Frankfurt am Main – NewYork 1988, S. 61.
26 Vgl. EMNID (Hrsg.), EMNID-Informationen, 4/1983, [o.O.] 1983, S. 11.
27 Vgl. EMNID (Hrsg.), EMNID-Informationen, 2-3/1987, [o.O.] 1987, S. 31-35.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 15
wurde mit einem Rückzug ins Private und einer von Besessenheit gekennzeichneten Konzentration auf die zu leistende Aufbauarbeit und der Bekämpfung der finanziellen und wirtschaftlichen Notlage begegnet. Der Publizist Paul SCHALLÜCK spricht in diesem Zusammenhang von einem „Taumel maßloser Tüchtigkeit“ 28 . Ent- sprechend der harten, oftmals physisch erschöpfenden Arbeit und der Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit, die der zurückliegenden, kriegsbedingten Zwangsmobilität entsprang, war die karge Freizeit größtenteils durch häusliche, familiäre Aktivitäten (bzw. Passivitäten) geprägt. Daneben war ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis festzu- stellen verbunden mit der Angst vor einem erneuten Weltkrieg oder einer neuerlichen Wirtschaftskrise. Dies offenbarte sich beispielsweise in der Tatsache, dass der Zu- wachs an Sparrücklagen den der Lohnsteigerung trotz der vielerorts bestehenden materiellen Armut übertraf. 29
28
P. SCHALLÜCK, „Von deutscher Tüchtigkeit“, in: P. SCHALLÜCK,
Zum Beispiel. Essays,
Frankfurt am Main 1962, S. 10.
29 Vgl. zu diesem Kapitel F.Ph. LUTZ, „Empirisches Datenmaterial zum historisch-politischen Be- wußtsein“, in: BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG (Hrsg.), Bundesrepublik Deutschland. Geschichte · Bewußtsein (=Studien zur Geschichte und Politik, Band 273) Bonn 1989, S. 150-169; vgl. ebenso A. SCHILDT, „Massenmedien im Umbruch der fünfziger Jahre“, in: Jürgen WILKE (Hrsg.), Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland (=Studien zur Geschichte und Politik, Band 361) Bonn 1999, S. 633-648.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 16
2.2 Sport
2.2.1 Der Einfluss der Besatzungsmächte auf die Entwicklung des bundesdeut-
schen Sports nach dem Zweiten Weltkrieg
Wie für alle anderen Bereichen des öffentlichen Lebens markierte das Ende des verlorenen Zweiten Weltkrieg auch für den organisierten Sport in Deutschland einen einschneidenden Wendepunkt. Am 10.10.1945 wurden per Kontrollratsgesetz Nr. 2 alle faschistischen Organisationen und Einrichtungen verboten, somit auch der NS- Reichsbund für Leibesübungen (NSRL), in dem alle Sportverbände der prae-natio- nalsozialistischen Zeit gleichgeschaltet worden waren. 30 Noch im Dezember desselben Jahres erließen die Alliierten die Direktive Nr. 23, die die Auflösung aller „vor der Kapitulation in Deutschland bestehenden sportlichen, militärischen oder paramilitärischen athletischen Organisationen [...] zum 1. Januar 1946“ 31 verfügte. Gleichzeitig wurde aber die Neugründung „nichtmilitärischer Sportorganisationen örtlichen Charakters“ 32 erlaubt, die „das Niveau eines Kreises nicht übersteigen und von keiner über dem Kreisniveau stehenden öffentlichen oder privaten Körperschaft überwacht, angeleitet oder finanziell unterstützt werden“ 33 durften, „außer mit der Erlaubnis des Zonenbefehlhabers“ 34 . Die Umsetzung dieser Direktive wurde jedoch in den verschiedenen Zonen unterschiedlich gehandhabt, da die Kontrollratsbestim- mungen nach der Rechtsauffassung der westlichen Alliierten erst dann Gültigkeit besaßen, wenn sie von dem jeweiligen Zonenbefehlshaber durch eine eigene Ver- ordnung umgesetzt wurde. So bezog sich die US-amerikanische Militärregierung zwar auf die Direktive 23, erlaubte aber durchaus die Bildung landesweiter Sport- organisationen. In der britischen Zone wurde die Direktive 23 sogar erst am 18. Juli 1946 umgesetzt, zu einem Zeitpunkt, als sich hier schon der so genannte Zonen- sportrat konstituiert hatte, der – ohne Exekutivfunktionen ausgestattet – eine Art
30
Vgl. Gesetz Nr. 2 „Auflösung und Liquidierung der Naziorganisationen“, in:
Amtsblatt des Kon- trollrats in Deutschland,
Nr. 1, 29. Oktober 1945.
31 Direktive Nr. 23 „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland“, in: ALLIIERTES SEKRETARIAT (Hrsg.), Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nr. 3, Berlin 31. Januar 1946.
32 Ebenda.
33 Ebenda.
34 Ebenda.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 17
Mittlerfunktion zwischen den Vereinen und der britischen Militärregierung einnahm. In der Folge bildeten sich zunächst in der US-amerikanischen und später in der britischen Zone Landessportbünde. Diese für den deutschen Sport neue, sportart- übergreifende Organisationsform, deren Basis in den meisten Fällen die Vereine bil- deten, überwand die historisch bedingte Trennung von bürgerlichem, konfes- sionellem und Arbeitersport. Die Franzosen standen der zentralen Reorganisation des deutschen Sports dagegen lange skeptisch gegenüber. Am Veto des französischen Hohen Kommissars scheiterte beispielsweise noch Pfingsten 1950 die Gründung des Deutschen Turnerbundes (DTB), die dann erst im September 1950 nach heftiger Intervention des Bundespräsidenten und der Bundesregierung vollzogen werden konnte. 35
2.2.2 Die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB)
Trotz des formalen Verbots der Konstituierung überregionaler oder gar zo- nenübergreifender Sportorganisationen entbrannten unter den deutschen Sport- funktionären schon recht bald heftige Diskussionen über die mögliche Orga- nisationsstruktur eines zu schaffenden zentralen Dachverbands für den Sport. Neben den Landessportbünden hatten sich ab 1947/48 auch viele überzonal agierende sportartspezifische Arbeitsgemeinschaften gebildet, die sich in kurzer Zeit zu Fachverbänden weiterentwickelten. Das Problem war nun, ein Modell zu ent- wickeln, das diese beiden Organisationsformen in einen zentralen Verband inte- grierte, ohne die Interessen der beiden konkurrierenden Systeme zu stark zu be- schneiden. Im Frühjahr 1948 gab es hierzu erste ernsthafte Initiativen, die allerdings unter Ausschluss von Sportfunktionären aus der französischen und sowjetischen Zone stattfinden mussten, da die Franzosen – wie bereits erwähnt – eine restriktivere Umsetzung der Direktive 23 praktizierten und der Kontakt zu den Sportlern der SBZ zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend abgebrochen war. Bei einer Plenums- sitzung der Fachverbands- und Landessportbundsvertreter am 23. und 24. Oktober
35
Vgl. zu diesem Kapitel E. STRYCK,
Der westdeutsche Sport in der Phase der Neugründung 1945- 1950
(=Beiträge
zur Lehre und Forschung der Leibeserziehung,
Band 58) Schorndorf bei Stutt- gart 1975, S. 15-17; vgl ebenso F. NITSCH, „Wiederbeginn oder Neubeginn? Die Entscheidungs- jahre für Turnen und Sport 1945-1950”, in: Manfred LÄMMER (Hrsg.),
175 Jahre Hasenheide – Stationen der deutschen Turnbewegung,
St. Augustin 1988, S. 46-57.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 18
1948 in Bad Homburg wurde schließlich die Gründung einer provisorischen Dach- organisation mit Namen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sport (ADS) verabschiedet. Die geladenen Vertreter der Besatzungsmächte behielten sich allerdings eine endgültige Anerkennung dieser Vereinigung bis auf weiteres noch vor, da sie vor allem zwei Themenkomplexe geklärt wissen wollten. Dies war zum einen die Frage nach den Gründen für die geringe Resistenz der Weimarer Sportorganisationen gegen den Nationalsozialismus, zum anderen die Entwicklung von Maßnahmen, die eine erneute Einspannung des Sports für die Politik verhindern sollten. Nachdem im Juli 1949 auf einer Konferenz von Mitgliedern der ADS mit den Sportoffizieren der westlichen Besatzungsmächte diese Fragen geklärt sowie neue, den veränderten politischen Gegebenheiten Rechnung tragenden Richtlinien für den Sport entwickelt werden konnten, war der Weg zur Gründung eines zentralen Dachverbandes frei, so dass auf der konstituierenden Sitzung am 10. Dezember 1950 in Hannover Willi Daume 36 , der sich in kurzer Zeit vom Befürworter einer Stärkung der Fachverbands- idee zum Vermittler zwischen den verhärteten Fronten entwickelt hatte, zum 1. Präsi- denten des Deutschen Sportbundes (DSB) gewählt werden konnte. 37
Im Zusammenhang mit diesem Prozess der Konstituierung einer Dachorganisation für den Sport sei auf die unrühmliche Rolle des DFB-Präsidenten und Vorsitzenden des Landessportbundes NRW, Peco Bauwens 38 , hingewiesen, der als strikter Ver- fechter einer Lösung im Sinne der Fachverbände des Öfteren fehlende Kompro- missbereitschaft und ein recht eigenwilliges Demokratieverständnis an den Tag legte. 39 Seine unrühmliche Rolle im Kontext der Bewertung des bundesdeutschen Fußball-WM-Sieges wird im Verlauf der vorliegenden Untersuchung noch zu durchleuchten sein.
36
Daume,
Willi (1913-1996): Olympiateilnehmer 1936 im Basketball, 1948-1950 Vize-Präsident ADS, 1949-1955 Präsident Deutscher Handballbund, 1949-1952 Schatzmeister NOK, 1950-1970 Präsident des DSB, 1961-1992 Präsident NOK, 1956-1991 IOC-Mitglied.
37 Vgl. zu diesem Kapitel STRYCH, Der westdeutsche Sport, S. 51-69; vgl. ebenso F. NITSCH, „Die Organisation des Sports in Deutschland 1945-1974. Zur Genese eines Konflikts.“ in: Olympische Jugend, 19(1974)7, S. 12-14.
38 Bauwens, Peco (1886-1963): 1932-1945 Mitglied Exekutivkomitee FIFA, 1949-1963 Vizepräsi- dent NOK, Mitbegründer und 1947 Vorsitzender LSB NRW, 1949-1962 Präsident DFB.
39 Vgl. STRYCH, Der westdeutsche Sport, S. 58-59.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 19
2.2.3 Die Gründung des bundesdeutschen Nationalen Olympischen Komitees
(NOK)
Erste Initiativen zur Wiederbelebung der Olympischen Bewegung in Deutschland gingen nach dem Zweiten Weltkrieg von Carl Diem 40 aus. Zu Beginn des Jahres 1947 fand in den deutschen Medien eine rege Diskussion darüber statt, ob eine Teilnahme deutscher Sportler an den Olympischen Sommerspielen in London zu befürworten sei oder nicht. Diem, ermutigt durch die rege Korrespondenz mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dem Schweden Sigfrid Edström, arbeitete jedenfalls im Vorfeld der 40. IOC-Session, auf der unter anderem über die deutsche Frage beraten werden sollte, konsequent auf dieses Ziel hin. So wurde im Juni 1947 in Frankfurt der Olympischer Ausschuß unter Vorsitz des deutschen IOC-Mitgliedes Herzog von Mecklenburg 41 gegründet, da die Existenz einer solchen Organisation aus IOC-Sicht zwingende Voraussetzung für eine Einladung deutscher Sportler zu den Londoner Spielen war. Trotzdem verlief die IOC-Session vom 18. Bis 21. Juni 1947 in Stockholm aus deutscher Sicht alles andere als befriedigend. Die Frage der Legitimierung des Olympischen Ausschußes wurde auf unbestimmte Zeit verschoben und Edström teilte Herzog von Mecklenburg mit, dass die Anerkennung eines Deutschen Olympischen Komitees erst nach der Bildung eines westdeutschen Staates erfolgen könne. Zudem regte sich bei der französischen Besatzungsmacht Widerstand gegen die Beteiligung Diems am Wiederaufbau der Olympischen Bewegung in Deutschland. Nach dieser Enttäuschung kehrte – wenn auch nur kurzfristig – etwas Ruhe in die olympische Diskussion ein.
Im Zusammenhang mit den Bemühungen um die Etablierung eines zentralen Dachverbandes für den deutschen Sport ergab sich jedoch bald neues Konfliktpotenzial. Im Vorfeld der ADS-Gründungsversammlung am 23. Oktober 1948 in Bad Homburg wurde beschlossen, dass das dortige Plenum gleichzeitig die Funktion eines Nationalen Olympischen Komitees ausüben solle. Die Befürworter
40
Diem,
Carl (1882-1962): Generalsekretär Organisationskomitee OS 1936 in Berlin, 1938-1944 Direktor Internationales Olympisches Institut, 1947-1961 Gründer und Rektor Sporthochschule Köln, 1949-1953 Sportreferent der Bundesregierung.
41 Mecklenburg-Schwerin, Herzog Adolf Friedrich zu (1873-1969): 1926-1956 IOC-Mitglied, seit 1926 Vorstandsmitglied DOA, 1949-1951 NOK-Präsident.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 20
dieser Lösung, die sich in der Mehrheit aus den Reihen der Landessportverbände rekrutierten, sahen die Arbeit des Olympischen Ausschusses mit der Absage für die Londoner Spiele als gescheitert an, während Diem, von Mecklenburg und Bauwens auf dessen rechtmäßigen Vertretungsanspruch beharrten. Diese Diskussion erübrigte sich mit dem aus deutscher Sicht niederschmetternden Resultat der IOC-Sitzung vom 29. April 1949 in Rom. Hier stellte sich heraus, dass sich vor allem im Zuge der
Erweiterung und Verjüngung des IOC eine breite Opposition gegen deutsche Interessen formiert hatte, was sich in der Ausladung des deutschen IOC-Mitgliedes von Mecklenburg ebenso dokumentierte, wie in der weiterhin negativen Resonanz bezüglich der Anerkennung eines wie auch immer gearteten deutschen Olympischen Ausschusses.
Diese Enttäuschung ließ unter den zerstrittenen deutschen Sportfunktionären die Einsicht reifen, dass die Wiedereingliederung in die olympische Familie nur mit Geduld und durch Einigkeit und Bündelung aller Kräfte zu erreichen wäre. Trotz der auf der Bad Schwalbacher Konferenz ausgesprochenen Empfehlung der westlichen Allierten, mit der Gründung eines Olympischen Komitees bis zur Entstehung eines Dachverbandes für den Sport zu warten, kam es am 24. September 1949 in Bonn dann doch unerwartet schnell zur Konstituierung des bundesdeutschen Nationalen Olympischen Komitees (NOK), diesmal allerdings auf Initiative der neu gewählten ersten Bundesregierung hin, die wie der Sporthistoriker Franz NITSCH vermutet, „sich [...] des Sports bediente, um einer schmucklosen Staatsgründung wenigstens etwas festlichen Glanz und vor allem den Hauch von Jugendlichkeit zu verleihen.“ 42 Dieses (vor-)schnelle Handeln sorgte nicht nur bei Diem, Bauwens und Daume für Unbehagen, sondern sorgte auch für Kritik aus dem Lager der Landessportbünde. Die kurzfristige Ansetzung des Gründungstermins führte sogar soweit, dass zu diesem Termin noch gar kein kompletter Satzungsentwurf vorlag, was dann auf der ersten Hauptversammlung des NOK am 5. November 1949 nachgeholt wurde. Auf der 44. IOC-Session im Mai 1950 in Kopenhagen wurde das bundesdeutsche NOK nach heftigen Diskussionen zunächst nur provisorisch anerkannt, da sich die deut- schen Delegierten nicht zu einer Erklärung durchringen konnten, in der sie sich von den Verbrechen des Faschismus distanzierten. Diese ‚Erklärung des Bedauerns‘
42
F. NITSCH, „Das NOK und die Deutschlandfrage“, in:
Olympische Jugend
24(1979)3, S. 12.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 21
erfolgte erst bei einem Treffen der Exekutivkommission mit einer deutschen Vertretung am 28. und 29. August 1950 in Lausanne, so dass einer endgültigen Aufnahme des NOKs bei der 45. IOC-Session im Mai 1951 in Wien nichts mehr im Wege stand. Neue Komplikationen ergaben sich aber durch die Gründung des NOKs der DDR am 22. April 1951. Das IOC erkannte dieses zwar noch nicht an 43 , beauftragte allerdings beide deutschen NOKs mit der gemeinsamen Nominierung einer gesamtdeutschen Mannschaft für die Olympischen Spiele 1952 in Oslo und Helsinki und forderte zumindest die Bildung eines gemeinsamen Organisations- ausschusses, besser noch die Zusammenlegung der beiden Komitees. Beide Vor- haben ließen sich jedoch aufgrund massiven Einflusses aus der Politik und des schon im Namen Nationales Olympisches Komitee für Deutschland intendierten Alleinvertretungsanspruchs des westdeutschen NOKs für Gesamtdeutschland nicht realisieren. 44
Die skizzierten Abläufe der Reorganisation des offiziellen bundesdeutschen Sports und dessen Spitzengremien zeigen auf, dass diese Entwicklungen nicht isoliert von den politischen Gegebenheiten betrachtet werden können. Die Arbeit deutscher Sportfunktionäre beim Wiederaufbau sportorganisatorischer Strukturen wurde beispielsweise durch Kontrollratsbestimmungen der Aliierten wie der Direktive 23 beeinflusst, wobei die unterschiedlich strenge Umsetzung dieser Bestimmung in den einzelnen Besatzungszonen berücksichtigt werden muss, was beispielsweise NITSCH dazu veranlasst, die Bedeutung der Direktive für die praktische Sportpolitik zu relativieren. 45 Dazu nahm auch die deutsche Politik maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung der Sportorganisationen, wie das Beispiel der Gründung des bundes- deutschen NOK und die Verhinderung der Zusammenarbeit mit dem NOK der DDR bei der Bildung einer gesamtdeutschen Mannschaft für die Olympischen Spiele 1952 aufzeigt.
43
Dies geschah erst 1955 auf der IOC-Session in Paris.
44 Vgl. zu diesem Kapitel NITSCH, „Das NOK“, S. 12-13; vgl. ebenso F. NITSCH, „Auf konflikt- trächtigem Weg – Initiativen 1945-1949”, in: NATIONALES OLYMPISCHES KOMITEE FÜR DEUTSCH- LAND (Hrsg.), Rückkehr nach Olympia: Vorgeschichte, Gründung, Erste Jahre, München 1989, S. 12-48.
45 Vgl. F. NITSCH, „Wiederbeginn oder Neubeginn? Die Entscheidungsjahre für Turnen und Sport 1945-1950“ in: M. LÄMMER (Hrsg.), 175 Jahre Hasenheide – Stationen der deutschen Turnbe- wegung, St. Augustin 1988, S. 50-51.
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Daneben verdeutlicht die langwierige, heftig geführte Diskussion im IOC über die Anerkennung eines deutschen NOK exemplarisch die Problematik der Reintegration des deutschen Sports in die internationalen Sportföderationen. Diese wurde vor allem durch personelle Kontinuitäten bei der Besetzung der hochrangigen Ämter im deutschen Sport erschwert. So gab es unter den neuen IOC-Mitgliedern, insbe- sondere unter denen, die aus einem Land stammten, das im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung zu leiden hatten, eine starke Opposition gegen Diem, dem aufgrund seiner Führungsrolle in der deutschen Olympischen Bewegung während der Nazizeit Misstrauen entgegengebracht wurde. Wie noch zu zeigen sein wird, ergibt sich ein ähnliches Bild, wenn man die Rolle von Bauwens bei dessen Bemühungen um die Wiederaufnahme des Deutschen Fußball-Bundes in den Fußballweltverband Fédération Internationale de Football Association (FIFA) betrachtet.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 23
2.3 Fußball
2.3.1 Erste Initiativen zur Wiederbelebung des Spielbetriebes nach dem Zwei-
ten Weltkrieg
Trotz der wirtschaftlichen Notlage und der damit verbundenen existenziellen Probleme der Bevölkerung wurden gerade im Fußball bereits kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wieder Anstrengungen zur Aufnahme eines organisierten Spielbetriebes unternommen. So berichtet MARTIN von einem Lokalderby zwischen Bayern München und Wacker München am 24. Juni 1945, also gerade einmal sechs Wochen nach der deutschen Kapitulation. 46 Viele Traditionsmannschaften konsti- tuierten sich neu und trugen in der Provinz so genannte ‚Kalorienspiele‘ aus, in denen sie im Gegenzug für ein Spiel gegen den örtlichen Fußballverein Lebensmittel erhielten. Trotz der eigentlich von den Alliierten verfügten Beschränkung der Sportkontakte auf die lokale Ebene wurde bereits am 4. November 1945 mit Ge- nehmigung der zuständigen amerikanischen Besatzungsbehörde eine süddeutsche Oberliga mit 16 teilnehmenden Mannschaften gegründet. Bis 1947 folgten ihr die Oberliga West, die Oberliga Nord und die Oberliga Südwest nach, die jedoch aufgrund der Tatsache, dass die teilnehmenden Vereine teils zur französischen, teils zur amerikanischen Besatzungszone gehörten, in zwei Gruppen ausgetragen werden musste. In Berlin konstituierte sich 1948 eine Oberliga, der zunächst sowohl West- als auch Ostberliner Vereine angehörten. 47
2.3.2 Die Wiedergründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB)
Durch die positive Entwicklung des Spielverkehrs und das immense Zuschauerinteresse in den einzelnen Ligen fühlten sich führende Fußballfunktionäre, allen voran Dr. Peco Bauwens, ermutigt, die Gründung eines zonenübergreifenden Fachverbandes voranzutreiben. Auf einer Tagung der Prüfungskommission für
46
H.G. MARTIN,
Deutschlands Fußball – Geschichte eines rasanten Aufstiegs,
Düsseldorf 1990, S. 15.
47 Vgl. zu diesem Kapitel M. TRZECIAK, Fußball-Weltmeisterschaft 1954 unter besonderer Berück- sichtigung der deutschen Teilnahme, Dipl.-Arbeit DSHS Köln, Köln 1999, S. 2-9.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 24
Berufsfußballfragen am 13. und 14. Dezember 1947 in Stuttgart-Fellbach, die sich eigentlich mit den Plänen süddeutscher Unternehmer zur Gründung einer Profiliga auseinander setzen sollte, wurde die Bildung eines bizonalen Fußballausschusses an- geregt. Am 10. April 1948 wurde in Frankfurt am Main dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt und Bauwens zum Vorsitzenden des neu gegründeten Deutschen Fußball- Ausschusses (DFA) gewählt. Trotz der Deklarierung als Arbeitsauschuss stellte diese Organisation de facto bereits einen zonenübergreifenden Fachverband dar und war somit im Sinne der Direktive Nr. 23 eigentlich illegal. Ungeachtet dieser Tatsache wurden Unterausschüsse gegründet, die sich z.B. mit der Wiederaufnahme internationaler Beziehungen oder mit der Ausspielung einer Deutschen Meisterschaft beschäftigten. Man plante Ausscheidungsspiele, an denen die beiden Erstplatzierten der drei Ligen der westlichen Besatzungszonen sowie der Sieger der Ostzone und der Berliner Stadtliga teilnehmen sollten. Nach intensiven Verhandlungen mit den Alliierten und unter der Auflage, mit der Austragung nicht die Bildung einer gefes- tigten, überzonalen Organisation vorantreiben zu wollen, konnte der erste deutsche Nachkriegsmeister noch im selben Jahr ausgespielt werden, wenn auch ohne Betei- ligung des Ostmeisters SC Planitz, der auf Anordnung der sowjetischen Besat- zungsmacht im Viertelfinale gegen den späteren Gewinner 1. FC Nürnberg nicht antrat.
Im Juli 1949 fand in Stuttgart der erste Fußball-Bundestag der Nachkriegsgeschichte statt. Trotz der weiterhin fehlenden Genehmigung der Besatzungsmächte wurde hier die Wiedergründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) beschlossen und in ei- nem Festakt im Stuttgarter Staatstheater feierlich proklamiert. Gleichzeitig wurde in Stuttgart nach jahrelangen Diskussionen um die Einführung des Profitums die Anerkennung der ‚Vertragsspielerklasse‘ beschlossen, die es den Spielern fortan er- möglichte, monatlich bis zu 320 DM brutto mit ihrem Sport zu verdienen. Erst nach Gründung der Bundesrepublik erfolgte die formale Zustimmung der westlichen Besatzungsmächte zur Wiedergründung des DFB, die am 21. Januar 1950, dem 50. Geburtstages des Verbandes, de jure vollzogen wurde. Zu diesem Zeitpunkt gehörten dem DFB bereits 13 000 Vereine mit 50 000 Mannschaften und 1,4 Millionen Mit- gliedern an. 48 In den Folgejahren beschäftigten die Funktionäre vor allen Dingen die
48
Vgl. DEUTSCHER FUßBALL-BUND (Hrsg.),
100 Jahre DFB: Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes,
Berlin 1999, S. 42.
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zunehmende Entfremdung zwischen den Fußballern in Ost und West, die die geplante Durchführung einer gesamtdeutschen Meisterschaft in immer weitere Ferne rücken ließ, sowie die trotz der Einführung des Vertragsspielerstatus weiterhin geführte Diskussion um das Profitum im deutschen Fußball. 1953 kam zum ersten Mal der Gedanke einer einheitlichen Fußball-Bundesliga auf, der von den Verbänden und Vereinen ebenso wie die Einführung des Berufsspielertums, zunächst noch mehrheitlich abgelehnt wurde. 49
2.3.3 Der Weg aus der internationalen Isolation
Trotz eines nie erfolgten formalen Ausschlusses Deutschlands aus dem Fußballweltverband FIFA hatte dieser 1946 auf seinem Kongress in Luxemburg für alle Mitgliedsverbände ein Verbot der Sportkontakte zu deutschen Mannschaften beschlossen. Ungeachtet dessen und unter Inkaufnahme hoher Geldstrafen durch die FIFA knüpften Schweizer Mannschaften schnell wieder Kontakte zu deutschen Fußballern. Bereits im November 1946 fand in Schwenningen ein Freundschaftsspiel zwischen dem einheimischen ASV und dem schweizerischen FC Schlieren statt. Während dies in Deutschland ausgesprochen positiv aufgenommen und als ein richtiges Signal gedeutet wurde, gab es vor allem aus Ländern, die im Krieg unter deutscher Besatzung zu leiden hatten, kritische Stimmen, die der Schweiz als ein von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten verschontes Land die moralische Berechtigung absprach, als erste wieder sportliche Kontakte mit den Deutschen zu pflegen. 50 Mit dem im Rahmen der Konstituierung des DFA 1948 gegründeten Gremiums zur Aufnahme internationaler Kontakte unter Vorsitz von Bauwens wurden die Bemühungen um die Aufhebung des Boykotts gegen deutsche Teams intensiviert. Ein erster Schritt auf dem Weg aus der Isolation stellte der FIFA- Beschluss vom Mai 1949 dar, der den Mitgliedsorganisationen des Fußballwelt- verbandes Spiele gegen deutsche Mannschaften zumindest auf Vereinsebene gestattete. Diese Entscheidung ging in erster Linie auf die Initiative des Schwei- zerischen, des Englischen und des Deutsch-Amerikanischen Fußballverbandes
49
Vgl. zu diesem Kapitel C. WARNECKE,
Bis zum Wunder von Bern – Der DFB und die Fußball- weltmeisterschaften 1930 bis 1954,
Dipl.-Arbeit DSHS Köln, Köln 1997, S. 206-212.
50 Vgl. WARNECKE, Bis zum Wunder von Bern, S. 216.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 26
zurück, die sich vehement für eine internationale Reintegration des deutschen Fuß- balls einsetzten. Daraufhin entwickelte sich ein reger Spielbetrieb zwischen deut- schen und ausländischen Teams. 51
2.3.4 Die Reintegration des DFB in die FIFA
Die Solidarität einiger Verbände mit den deutschen Fußballern war jedoch nicht repräsentativ für das Meinungsbild in der FIFA. Es gab auch einflussreiche Stimmen, beispielsweise die des belgischen FIFA-Vizepräsidenten Seeldrayers, die einer Wie- dereingliederung Deutschlands in den Weltverband äußerst skeptisch gegenüber- standen. Dementsprechend konnte man sich auch auf dem anlässlich der WM 1950 in Brasilien stattfindenden FIFA-Kongress trotz der mittlerweile erfüllten formalen Kriterien, sprich: der Existenz eines deutschen Fußballverbandes, nicht zu einer Anerkennung des DFB als vollwertiges Mitglied in der FIFA durchringen. Eine endgültige Entscheidung in dieser Frage wurde dem Exekutivkomitee übertragen. Immerhin konnte man sich auf den Beschluss einigen, es den Mitgliedsverbänden der FIFA von nun an freizustellen, die Beziehungen zu Deutschland wieder aufzu- nehmen und inoffizielle Länderspiele auszutragen. Da der DFB von dieser Mög- lichkeit jedoch keinen Gebrauch machen wollte, dauerte es bis zum 22. November 1950, bis eine deutsche Auswahl wieder ein Länderspiel absolvieren konnte, nach- dem das Exekutivkomitee der FIFA am 23. September desselben Jahres die end- gültige Wiederaufnahme des DFB als reguläres Mitglied in den Fußball-Weltverband beschlossen hatte. Sinnigerweise war die Schweiz als vehementester Fürsprecher der deutschen Interessen in der FIFA der Gegner in diesem ersten Nachkriegsländerspiel, das eine wichtige Etappe der Wiedereingliederung des deutschen Sports in die internationale Sportgemeinschaft darstellte. 52
Nicht unerwähnt bleiben darf die Tatsache, dass die in der FIFA ob der politischen Vergangenheit bereits vorhandenen Ressentiments gegen Deutschland durch die an- maßende Einstellung einiger Funktionäre im deutschen Fußball und deren bereits während der Zeit des Nationalsozialismus bestehenden Führungsrollen im Sport noch
51
Vgl. zu diesem Kapitel WARNECKE,
Bis zum Wunder von Bern,
S. 212-224.
52 Vgl. ebenda.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 27
verstärkt wurden. Dieser Umstand war einer schnellen Reintegration des DFB in die FIFA nicht eben förderlich. So reagierte Bauwens beispielsweise auf seine Ausladung von der ersten Nachkriegssitzung des FIFA-Exekutivkomitees, dessen Mitglied er seit den 20er Jahren war, ausgesprochen uneinsichtig und wenig sensibel. 53 Das gleiche Prädikat verdient die nach der Genehmigung von internationalen Freundschaftsspielen auf Vereinsebene getroffene Maßnahme des DFB, diese auf deutschen Boden nur zuzulassen, wenn auch ein Rückspiel verabredet wurde, was viele ausländische Klubs von solchen Vergleichen Abstand nehmen ließ. 54
53
Vgl. NITSCH, „Auf konfliktträchtigem Weg“, S. 44-45.
54 Vgl. WARNECKE, Bis zum Wunder von Bern, S. 217-218.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 28
2.4 Medien
2.4.1 Die Alliierte Medienpolitik und ihr Einfluss auf die bundesdeutsche Pres-
selandschaft am Beispiel Nordrhein-Westfalen
Der Regulierung und Neuordnung der Medienlandschaft in Deutschland wurde von
Seiten der Alliierten hohe Bedeutung zugemessen, da in der propagandistischen
Medienlenkung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ein
wesentlicher Faktor für die nationalsozialistische Machtergreifung und –stabilisie-
rung und den daraus resultierenden Konsequenzen erkannt wurde. Noch bevor es
zum Thema Presseregulierung durch die Direktive Nr. 40 vom 12. Oktober 1946 55 zu
einer Einigung im Kontrollrat kam, hatten sich Briten und Amerikaner bereits auf
eine gemeinsame Vorgehensweise in dieser Frage geeinigt. Für den Neuaufbau der
deutschen Presse waren drei Phasen vorgesehen:
1. Das Verbot aller bestehenden deutschen Informationsmedien
2. den Aufbau alliierter Presseerzeugnisse
3. die schrittweise Übergabe der Informationsmittel in deutsche Hände unter al-
liierter Kontrolle
Das Verbot umfasste
„das Drucken, Erzeugen, Veröffentlichen, Vertreiben, Verkaufen und ge- werbliche Verleihen von Zeitungen, Magazinen, Zeitschriften, Büchern, Broschüren, Plakaten, Musikalien und von sonstigen gedruckten oder mechanisch vervielfältigten Veröffentlichungen, von Schallplatten und sonstigen Tonaufnahmen und Lichtspielfilmen jeder Art; ferner die Tä- tigkeit oder den Vertrieb jedes Nachrichtendienstes und Bilddienstes oder Agenturen, von Rundfunk- und Fernsehstationen und Rundfunk- einrichtungen, von Drahtfunksendern und Niederfrequenzübertragungs- anlagen...“ 56
55
Direktive Nr. 40 „Richtlinien für die deutschen Politiker und die deutsche Presse“, in: ALLIIERTES SEKRETARIAT (Hrsg.),
Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland,
Nr. 11, Berlin 31. Oktober 1946.
56 Gesetz Nr. 191 „Kontrolle über Druckschriften, Rundfunk, Nachrichtendienst, Film, Theater und Musik und Untersagung der Tätigkeit des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propa- ganda“, in: Amtsblatt der Militärregierung Deutschland. Britisches Kontrollgebiet, Nr. 3, [o.O.] 17.09.1945 (Das Gesetz war bereits 1944 formuliert worden und trat am 12. Mai 1945 in geän- derter Form in Kraft.).
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 29
In Ausnahmefällen konnten jedoch Personen, die „vorher bei der Dienststelle der Militärregierung in der von dieser vorgeschriebenen Art und Weise registriert“ 57 und „ordnungsgemäß zugelassen“ 58 waren, eine Erlaubnis zur publizistischen Betätigung erhalten.
Nach der Zulassung demokratischer Parteien wurden zunächst in der US- amerikanischen, kurze Zeit später auch in der französischen und britischen Besat- zungszone Lizenzen für Zeitungen und Zeitschriften vergeben. Neben den bereits im Januar 1945 von den US-Amerikanern nach der Eroberung der westdeutschen Grenzstadt gegründeten Aachener Nachrichten erhielten am 26. Februar 1946 fol- gende Zeitungen in Nordrhein und Westfalen die ersten Lizenzen der Militärbehörde: Volksstimme, Köln; Rheinische Zeitung, Köln; Rheinische Post, Düsseldorf; Freiheit, Düsseldorf; Westfälische Rundschau, Dortmund; Westfalen-Zeitung, Bielefeld. Bis 1949 wurden in Nordrhein-Westfalen weitere 22 Zeitungen lizensiert.
Die meisten Altverleger, deren Presseorgane noch im Nationalsozialismus publiziert wurden, fielen nach der Direktive Nr. 38 unter die dehnbare Kategorie „Belastete“ 59 und erhielten dementsprechend keine Lizenz und mussten ihre Produktionsmittel in manchen Fällen sogar an die Lizenzinhaber zwangsverpachten.
In der Kontrollratsdirektive Nr. 40, den „Richtlinien für die deutschen Politiker und die deutsche Presse“ 60 vom 12. Oktober 1946, wurde den deutschen Parteien und der Presse gestattet, sich zu deutschen Problemen und zur Politik der Besatzungsmächte frei zu äußern, sofern diese Publikationen kein antidemokratisches Gedankengut be- inhalteten oder die deutsche Bevölkerung gegen die Besatzungsmächte und deren
57
„Bestimmungen über die Nachrichtenkontrolle Nr. 1. Kontrolle über Druckschriften, Rundfunk, Film, Theater und Musik“, in:
Amtsblatt der Militärregierung Deutschland. Britisches Kontroll- gebiet,
Nr. 5, [o.O.o.J.] (Die Bestimmung besaß ab dem 12. Mai 1945 Rechtsgültigkeit.).
58
Ebenda.
59 Vgl. zu den alliierten Begriffsbestimmungen und Kategorisierungen Direktive Nr. 38 „Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, Nationalsozialisten und Militaristen und Internierung, Kontrolle und Überwachung von möglicherweise gefährlichen Deutschen“, in: ALLIIERTES SE- KRETARIAT (Hrsg.), Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nr. 11, Berlin 31. Oktober 1946. 60 Direktive Nr. 40 „Richtlinien für die deutschen Politiker und die deutsche Presse“, in: ALLIIERTES SEKRETARIAT (Hrsg.), Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nr. 11, Berlin 31. Oktober 1946.
Der bundesdeutsche Fußball-WM-Sieg 1954 in der Kölner Tagespresse Seite 30
Politik aufwiegelten. Verstöße gegen diese Verordnung wurden strafrechtlich ver- folgt. 61
Um auf der einen Seite weiterhin Einfluss auf die öffentliche Meinung in ihrer Zone nehmen zu können, ohne andererseits unglaubwürdig zu werden hinsichtlich ihres Versprechens der Förderung einer freien deutschen Presse, entwickelten die Briten das Prinzip der indirekten Kontrolle. Dies geschah durch die Gründung des German News Service (GNS), der im Dezember 1945 in Deutscher Pressedienst (dpd) umbenannt wurde und der für die deutschen Redaktionen bezüglich überregionaler und internationaler Meldungen eine Filterfunktion im Sinne der Besatzungsmacht ausübte. Außerdem wurden gezielt Journalisten mit pro-alliierter Gesinnung in den verschiedenen Redaktionen eingesetzt.
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland entfiel der Lizenzierungszwang, nachdem sich in den Vorjahren der Widerstand der nichtlizenzierten Verleger gegen die Pressepolitik der Alliierten verstärkt hatte. Das am 21. September 1949 von der Alliiierten Hohen Kommission erlassene Gesetz Nr. 5 „Über die Presse, den Rund- funk, die Berichterstattung und die Unterhaltungsstätten“ 62 ermöglichte nun jedem Bundesbürger – abgesehen von den im Rahmen der Entnazifierungsverfahren als „Hauptschuldige“ 63 oder „Belastete“ 64 Eingestuften – ohne vorherige Genehmigung publizistisch tätig zu werden. In der Folge gab es eine Flut von Neu- bzw. Wiedergründungen auf dem Zeitungssektor, deren Höhepunkt im April 1950 erreicht wurde, wobei der Trend hin zu einer überparteilichen, neutralen Generalanzeiger- Presse unverkennbar war. Allein in Nordrhein-Westfalen hatten sich in dieser Zeit 70 neue Zeitungen etabliert, wodurch ein erbitterter Konkurrenzkampf entbrannte, dem in den nächsten Jahren viele Blätter zum Opfer fielen. Andere mussten aus finan- ziellen Gründen vertriebliche oder redaktionelle Kooperationen eingehen, um zu überleben. Auf diese Krise der Presselandschaft wurde von Seiten der westlichen Alliierten mit finanzieller Hilfe aus Mitteln des Marshall-Planes reagiert, von denen
62 Gesetz Nr. 5 „Über die Presse, den Rundfunk, die Berichterstattung und die Unterhaltungsstätten“, in: Amtsblatt der Hohen Alliierten Kommission in Deutschland, Nr. 1, Bonn 23. September 1949. 63 Direktive Nr. 38 „Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, Nationalsozialisten und Militaristen“.
64 Ebenda.
Quote paper:
Paul Fürhoff, 2002, Die gesellschaftspolitische Dimension des bundesdeutschen Fußball-WM-Sieges 1954: Eine Analyse der Kölner Tagespresse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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