Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Fortunatus’ Auszug 4
2.1 Ausgangssituation und Beweggründe 4
2.2 Das Scheitern der Integration 5
3 Fortunatus’ erste Reise 7
3.1 Voraussetzungen 7
3.2 Reise als Mittel zum Zweck’ ? 8
3.3 Verwirklichung der Integration 10
4 Fortunatus’ zweite Reise 11
4.1 Motivation 11
4.2 Fortunatus’ Rückkehr 12
5 Andolosias Reisen 13
6 Abschlußbemerkung 14
7 Bibliographie 16
7.1 Textausgabe 16
7.2 Forschungsliteratur 16
1
Fortunatus
Reisen als Medium zur gesellschaftlichen Integration?
1 Einleitung
Der Prosaroman Fortunatus 1 , der in dieser Hausarbeit untersucht werden soll, wurde 1509 in Augsburg herausgegeben.
Der Text aus dem Spätmittelalter nimmt Bezug auf den beginnenden strukturellen sozialen Wandel, auf die „frühkapitalistische Wirtschaftsentwicklung“ 2 und den diesbezüglichen Umgang mit Geld und Reichtum. Die Glücksallegorie Fortuna, sowie die Zaubergegenstände Geldsäckel und Wünschelhütlein sind als Märchenmotive in die Handlung eingepflochten . Im Mittelpunkt des Romans stehen die Reisen des Protagonisten. Der Hintergrund dieser Thematik ist der Beginn der
Entdeckungsfahrten, die zunehmende intensive Reisetätigkeit und ihre neue Aufbruchsmotivationen, die als Streben nach Erfahrungen, nach ‘experienz’ als Lern-und Erkenntnismodus , und unter dem Begriff der ‘curiositas’ , der „verwerflichen menschlichen Wißbegier“ 3 , der Neugier, zu verstehen sind. Das Reisen an sich ist keine zu der Zeit neue Tätigkeit, sondern ihre Motive haben sich verändert. Das Wort Reisen hat seinen Ursprung in dem althochdeutschen rîsan, das soviel bedeutet wie „aufstehen, sich erheben, aufbrechen zu kriegerischer Unternehmung“ 4 .
1 Fortunatus. Studienausgabe nach der Editio princeps von 1509. Hg. von HANS-GERT ROLOFF, Stuttgart 1981 u.ö. (RUB 7721).Wenn im folgenden aus diesem Text zitiert wird, erscheint die Seitenangabe eingeklammert unmittelbar nach dem Zitat.
2 RAITZ,WALTER: „Fortunatus“, München 1984(UTB), S.93.
3 KÄSTNER, HANNES: Peregrinator mundi. Welterfahrung und Selbsterkenntnis im ersten deutschen Prosaroman der Neuzeit, Freiburg 1990,S.67.
4 OHLER,NORBERT: Reisen im Mittelalter, München 1986, S.12.
2
Impliziert wird die Nicht-Freiwilligkeit. Üblich waren Pilger-, Kaufmanns- und Botenreisen.
In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob Reisen Mangel an Integration beheben kann.
Fortunatus stößt auf seinen Reisen auf vorwiegend feudal strukturierte Gesellschaftskonventionen und deren Rechtsordnung. Diese ist noch nach dem Priviligienrecht organisiert, in der, der Fremde, Reisende und Nichtstandesgemäße sich in sozialer und rechtlicher Unsicherheit befindet. Fortunatus wurde in einem Zeitraum verfasst, in dem die bürgerliche Gesellschaft entstand 5 . Die Koexistenz von Feudalem System und Bürgertum wird erkenntlich, indem der Protagonist mit der in der Feudalgesellschaft fixierten Standeszugehörigkeit, in der das Individuum von Geburt an in ein soziales System integriert ist und die soziale Identität vorgegeben ist , konfrontiert wird 6 .Fortunatus, als Isolierter, muß sich seine soziale Identität aktiv durch eigene Leistung konstruieren ,um sich in eine Gesellschaft zu integrieren, d.h. seinen Stand zu finden, der seinem natürlichen Status und auch seinem Besitz adäquat ist . Der Text gibt nicht genau Aufschluß darüber, welchem Stand Fortunatus’ Familie zugehörig ist. Theodorus wird als „ain edler purger/ altz herkommens “(S.5) beschrieben, während Fortunatus „nit ain geborner edelman was“(S.50). In dieser Untersuchung soll davon ausgegangen werden, daß er aus einem patrizischen Geschlechts stammt.
Ich möchte in dieser Hausarbeit folgenden Fragen nachgehen: Ist Fortunatus’ Ziel überhaupt die Integration, wenn er sagt: „es ist noch vil glüks in diser welt“(S.8). Tritt das Reisen oder der materielle Besitz, sein unerschöpflicher Reichtum, als Medium zur Integration in Kraft 7 ? Oder dient das Reisen nur der Legitimation des Geldes? Welche Voraussetzungen Fortunatus gegeben sind, welche Motivationen seinen Reisen zu Grunde liegen , ob Integration erfolgt oder wie er mit seinem Scheitern
5 vgl. RAITZ( 1984), S.71.
6 vgl. BACHORSKI, HANS-JÜRGEN: Geld und soziale Identität im „Fortunatus“ .Studien zur Bewältigung frühbürgerlicher Widersprüche, Göppingen 1983 (GAG 376), S.113ff. Weiterhin beschreibt er die sozialen Veränderungen, die Verelendung des Adels, die Perspektiven für das Bürgertum als eine „Auflösung kollektiver Identität“(S.111).Die Detailierung dieses sich bildenden Gesellschaftsbildes ist meines Erachtens zu umfangreich für diese Arbeit. Ich gehe hier davon aus, das feudale Strukturen vorwiegend noch vorhanden waren, aber sich schon bürgerlicher Handlungsspielraum etablierte.
7 vgl. BACHORSKI (1983), der in seiner Dissertation ausführlich , Geld als das Gestaltungsmittel zur Herstellung sozialer Identität und gesellschaftlicher Integration ,untersucht und belegt.
3
umgeht , soll an Hand des Textes chronologisch bearbeitet werden und an wesentlichen Passagen belegt werden. Ergänzend werden Andolosias Beweggründe zur Reise, Schlüsselerlebnisse und auch sein Scheitern komprimiert dargestellt.
2 Fortunatus’ Auszug
Im Folgenden soll der Auszug Fortunatus’ aus seinem Elternhaus, seiner Heimatstadt untersucht werden. Obwohl Fortunatus quer durch Europa reist, wird dies nicht als Reisen tituliert 8 .Auch hier sollen seine ersten Reisen nach Flandern, London und in die Bretagne unter dem Begriff des Auszugs zusammen gefaßt werden, da diese sich bedeutend von den nächsten , großen Reisen unterscheiden, was im Verlauf der Arbeit weiter thematisiert wird.
2.1 Ausgangssituation und Beweggründe
Fortunatus’ Situation zu dem Zeitpunkt seines Auszuges ist durch soziale Unsicherheit und finanzielle Mittellosigkeit gekennzeichnet, die aus dem verschwenderischen Lebensstil des Vaters resultiert. Dem feudalen Konventionen angepaßte Lebensführung wird folgendermaßen beschrieben: Doch fieng er [Theodorus] an widerumb sein alt wesen zu haben mit stechen turnieren /vil knecht / costliche roß / rait dem künig zu hoff / ließ weib und kind und fragt nit wie es gieng / hewt verkaufft er ainen zinß /den andren tag versatzt er ain gelegen gutt. das traib er so lang und vil biß das er nicht mer zu verkauffen noch zu versetzen hett /und kam also zu armut/ (S.6f.)
Er verliert nicht nur sein geerbtes, materielles Gut, sondern auch sein Ansehen und seinen sozialen Halt und klagt „auch das mich alle die verlassen haben/ mit den ich mein gut so miltigklich getailt hab/ den selben byn ich yetz ain unwerder gast.“ (S.7f.) Die Familie ist isoliert, der Verlust an Integration scheint für Fortunatus in Famagusta nicht revidierbar zu sein , so daß der Auszug eine notwendige Konsequenz und auch zugleich, eine Möglichkeit zur aktiven, selbständigen Konstruktion seines Lebensraumes und seiner sozialen Identität darstellt. „Beides wird gestaltet, die Freiheit von Bindungen und damit die Fähigkeit zu Selbstgestaltung des eigenen
8 vgl.. RAITZ, WALTER: Zur Soziogenese des bürgerlichen Romans. Eine literatursoziologische Analyse des „Fortunatus“, Düsseldorf 1973(Literatur und Gesellschaft 19),S.53.
4
Arbeit zitieren:
Sibylle Grundmann, 1999, Fortunatus Reisen als Medium zur gesellschaftlichen Integration?, München, GRIN Verlag GmbH
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