- 2 -1. allgemeine Definitionen
1.1 abweichendes Verhalten (allgemeine Definition)
Als abweichendes (deviantes) Verhalten, wird das Verhalten bezeichnet, das von Sanktionen bedroht ist, weil es den gesellschaftlichen Normen nicht entspricht. Der Bezug auf gesellschaftliche Normen, welcher der Definition zu Grunde liegt, zeigt das bestehende abweichende Verhaltensweisen variieren, wenn die Gesellschaft ihre Normen verändert. Durch verschiedene Sozialwissenschaftler wird jedoch deutlich, dass manche Verhaltensarten in einigen Ländern (z.B. Westeuropa und Nordamerika) als abweichend gelten, welche in anderen Ländern (z.B. Deutschland) als “normal“ gelten, oder zumindest toleriert werden. Dazu gehören unter anderem Homosexualität, Prostitution und Sitzblockaden. (Quelle: Stimmer: Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit, 2000, S. 2 - 5) 1.2 Norm(en)
Das gesellschaftliche Miteinander wird durch nicht natürliche, soziale Regeln, die auch als Normen bezeichnet werden, bestimmt und geordnet. Gesellschaften wären ohne allgemeinverbindliche Normen funktionsuntüchtig, da sie sich nur durch ihren Instinkt organisieren können. Es wird bei den Normen unterschieden in informell (z.B. Brauch, Sitte) und formell (Gesetz). Überwacht wird die Normeinhaltung von Instrumenten der sozialen Kontrolle (Polizei, Gerichte..). Alle bestehenden Normsysteme treten in modernen Gesellschaften in Konkurrenz miteinander und sind einem stetigen Wandel unterworfen. Das heißt, dass alte Normen ihre Gültigkeit verlieren und neue in Kraft treten. Deshalb wird in der Sozialpädagogik versucht den Klienten bestehende Normen zu vermitteln und sie dennoch darauf vorzubereiten, dass Normen sich mit der Gesellschaft verändern und man erkennen muss, was man als Norm erhält und was man als Norm verändern, beziehungsweise verwerfen kann.
(Quelle: Stimmer: Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit, 2000, S. 456 / 801)
- 3 -2. Definitionen nach Lamnek
2.1 Definition von Normen
Normen regeln und leiten unser Verhalten und dienen als Orientierung für unser Leben. Normen sind die Ursache für abweichendes Verhalten und können mit Bewertungen gleichgesetzt werden.
Es gäbe keine abweichenden Verhaltensweisen ohne positive oder negative Bewertungen von Verhalten. Normen beschreiben und umschreiben Werte und es werden in ihnen Verhaltensforderungen ausgedrückt.
Geltungs- und Wirkungsgrad der Norm haben Einfluss auf das Verhalten eines Menschen. Der Geltungsgrad sagt etwas über die Akzeptanz einer Norm aus und der Wirkungsgrad beschreibt das Befolgen, beziehungsweise das Nichtbefolgen einer Norm. Der Toleranzbereich einer Norm entscheidet, wann Sanktionierungen erfolgen. Die Institutionalisierung ist die Gesetzgebung (Normgebung) in großen Gruppen (Firmen, Länder, Politik, ...) und wird in Verträgen festgehalten. In kleinen Gruppen (Cliquen) besteht meistens eine Selbstregulierung, da sich jeder einzelne an Regeln und Vorgaben hält. Die Institutionalisierung bietet Sicherheit für Mitglieder aus großen Gruppen, durch Einigung, Verhaltenssicherheit und Standardisierung. Die Norm setzt ethische, moralische, politische und theoretische Überlegungen voraus.
- 4 -2.1.1 Variabilität von Normen interkulturell:
Normen sind Interpretationssache und von Land und Kultur verschieden. Zum Beispiel bieten die Eskimos ihre Frau als Geschenk an. Für sie ist das Gastfreundschaft, in unserem Land wäre dieses Verhalten als abwertend zu bezeichnen und würde gegen die Norm verstoßen. Normen sind funktional für gesellschaftliche Systeme, gleich welcher Kultur. Abweichendes Verhalten führt nicht zur Dysfunktionalität (Zusammenbruch) einer Gesellschaft oder eines Systems.
Anbei ein Beispiel, um zu zeigen, wie unterschiedlich einige Handlungen in verschiedenen Ländern aufgenommen werden.
(Abbildung: Joas, Hans: Lehrbuch der Soziologie, 2001, S. 172)
intrakulturell:
Gewisse Normen sind unumstößlich, da sie mit moralischen Wertungen argumentieren und als feste Regel für die Gesellschaft gelten.
Normen ändern sich mit der Gesellschaft und passen sich ihr an, wie am Beispiel Homosexualität deutlich wird. Früher verpönt und verachtet, heute von den meisten als normal angesehen.
Normen sind situationsspezifisch und können sich zu verschiedenen Zeitpunkten ändern. Normen sind positionsbezogen, können unterschiedliche Empfänger oder unterschiedliche Ausprägung haben. Normen oder Verhaltensforderungen sind schichtbezogen, zum Beispiel Etikette und Lebensstil. Nicht die Norm selber, sondern nur ihr Inhalt ist wichtig. Die Norm gilt als notwendige Richtlinie, wodurch das abweichende Verhalten toleriert wird. (Quelle: Lamnek, S. 31-35)
- 5 -2.1.2 Realisierbarkeit von Normen
Realisierbarkeit ist notwendig, um eine Norm zu erfüllen.
Können muss dem Sollen vorausgesetzt sein, um funktionalen Ablauf zu gewährleisten. Das bedeutet, dass gewährleistet sein muss eine Norm überhaupt erfüllen zu können, bevor man sie erfüllen soll.
Eine regelmäßige Überprüfung der Norm ist notwendig, da Motivation und Situation sich ändern können.
Normen sind auf wiederkehrende zeitliche Situationen angelegt, um typische wiederkehrende Situationen vorauszusehen. Man rechnet also mit Regelmäßigkeit. (Quelle: Lamnek, S. 35-37)
2.1.3 Zufälligkeitscharakter von Normen
Norm richtet sich an das Individuum, sich so zu verhalten, wie die Norm es erfordert. Die Fähigkeit des Empfängers, sich nach einer Norm zu richten muss gegeben sein. Die Norm ist eine Richtlinie und hat die Aufgabe den Menschen zu helfen, „alleine die Realität zu bewältigen“, unabhängig von der Außenwelt. Die Norm ist eine Richtlinie für die eigene Persönlichkeit.
Man hat die freie Wahl, für oder gegen eine Norm zu handeln und muss sich dem Risiko der negativen Bestrafung bewusst sein. Eine Norm kann positiv sein, aber bei unzeitgemäßem Festhalten negativen Charakter annehmen. (Quelle: Lamnek, S. 38-40)
- 6 -2.2 Definition von abweichendem Verhalten
Alle Verhaltensweisen, die nicht der „Norm“ entsprechen sind Formen von abweichendem Verhalten. Dazu gibt es jeweilige Untergruppen, wie zum Beispiel Kriminalität. Abweichendes Verhalten und Konformität sind gleichrangige Verhaltensweisen, die nur in verschiedenen Richtungen (andere Gesichtspunkte) verlaufen. Dabei ist das Verhalten abhängig von Situation, Motivation und Verhaltenserwartung. Abweichendes Verhalten orientiert sich an Normen. Unverschuldetes abweichendes Verhalten geschieht durch Unwissenheit oder andere Bewertung einer Norm. Ein Beispiel hierfür wäre, wenn man beim Auto fahren einen Unfall verschuldet und dabei einen Blechschaden verursacht, um einem Kind auszuweichen und es nicht zu verletzen. Abweichendes Verhalten hängt von der Situation, der Position und der Kultur ab, denn ob ein Verhalten abweichend ist oder nicht, ist Ansichtssache und nicht eindeutig definierbar. Abweichendes Verhalten unterliegt den Normen der Gesellschaft. mögliche Definitionen 1) nach Sutherland / Cressey
Abweichendes Verhalten bedeutet die Abweichung von Gesetzen.
2) nach Erikson
Abweichendes Verhalten hängt von den Ansichten der Gesellschaft ab. (was die Gesellschaft als abweichend bezeichnet)
3) nach Kitsue
Abweichendes Verhalten ist reaktionsabhängig (Reaktionen der Umwelt / Mitmenschen)
4) nach Durkeim / Cohen
Abweichendes Verhalten ist erwartungsabhängig (Erwartungen der Mitmenschen an ein Individuum)
5) Klassifikation nach Wiswede
Abweichendes Verhalten wird unterteilt in juristische-, Erwartungs- und Reaktionsdefinition
Lamnek formuliert das Ganze um in Erwartungs-, Norm- und Sanktionsorientiert (Quelle: Lamnek, S. 43-45)
Arbeit zitieren:
Nicole Budzinski, 2004, Abweichendes Verhalten und Wertewandel, München, GRIN Verlag GmbH
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