Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Aufgabenstellung 2
3. Rahmenbedingungen 2
3.1 Quellenlage 2
3.2 Die Beziehung zwischen Hartmann und Ödipus 3
3.3 Querbeziehungen zu der Gregoriuslegende 5
4. Ödipus und Gregorius 6
4.1 Die Vorgeschichte 6
4.2 Die Aussetzung 8
4.3 Der Lebensweg von Ödipus und Gregorius 11
4.4 Buße, Erhöhung und Tod 15
4.5 Zusammenfassung 16
5. Fazit 17
6. Literaturverzeichnis 19
6.1 Primärliteratur 19
6.2 Sekundärliteratur 19
6.3 Quellenangaben 20
1. Einleitung
Rund 1500 Jahre liegen zwischen der Entstehung des sophokleischen Ödipus und der Gregoriuslegende Hartmanns von Aue. Da erscheint es auf den ersten Blick äußerst gewagt, wenn nicht gar unmöglich, eine Verbindung zwischen beiden Werken sehen und darlegen zu wollen. Denn „Tragödie und Legende sind verschieden voneinander wie ein griechischer Tempel und ein gotischer Dom“ [1] , wie Günther Zuntz zu Recht bemerkt. Dabei ist es nicht nur der große zeitliche Raum, der die beiden Werke voneinander trennt. Auch zwischen den politischen, religiösen und sozialen Rahmenbedingungen, in denen Ödipus und Gregorius erschaffen worden sind, herrscht eine gewaltige Kluft. Es wäre durchaus angebracht, hier den berühmten Vergleich zwischen Tag und Nacht heranzuziehen. Zwei wesentliche Elemente, an denen die Differenz besonders deutlich wird, seien hierbei in aller Kürze genannt. Auf der einen Seite finden wir im antiken Grieche nland eine polytheistisch ausgerichtete Gesellschaft, wohingegen die Zeit Hartmanns schon ein Jahrtausend lang durch die monotheistische Lehre des Christentums geprägt ist. Ebenso liegen zwischen der gesellschaftlichen Struktur Welten. Während wir in Griechenland die erste Einführung einer ansatzweise demokratischen Grundsätzen verpflichteten Gesell-schaftsordnung beobachten dürfen, folgt die mittela lterliche Gesellschaft Hartmanns dem strengen und noch unveränderliche n Prinzip einer nach Ständen geordneten Struktur, in der Klerus und Adel um die Vorherrschaft kämpfen. Auch wenn mit dieser Beschreibung die Distanz nur grob umrissen wird, zeigt sie doch deutlich, dass man sehr vorsichtig mit dem angestrebten Vergleich vo n Ödipus und Gregorius umgehen muss. Keinesfalls darf man die Texte ohne Berücksichtigung dieses Hintergrunds nebeneinander legen. Dennoch hat sich auch immer wieder erwiesen, dass der Literatur universelle Prinzipien der menschlichen Existenz zugrunde liegen, die die Grenzen von Zeit und Raum sprengen. So bescheinigt Joachim Pfeiffer vollkommen zu Recht den Mythen der Antike, dass sie „auch nach über 2000 Jahren […] noch nichts von ihrer Wirkungskraft eingebüßt“ haben [2] . Insbesondere gilt das für die Tragödie des Königs Ödipus, die Zuntz nicht zuletzt „als das Meisterstück auch formaler Vollendung“ bezeichnet [3] . Ein ebenso großes und nicht minder zutreffendes Lob hält er für den Gregorius bereit, den er „ein Juwel mittelalterlicher Dic htung“ [4] nennt.
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Doch auch in ihrer eigentlichen Aussagekraft sind beide Werke weit voneinander entfernt. So finden wir auf der einen Seite die griechische Tragödie mit ihren Merkmalen der Vernichtung, der Zerstörung, der Verzweiflung und des Untergangs, die bei dem Zuschauer Furcht und Schauder hervorrufen soll, um ihm die Gefahr und die Konsequenzen der durch den freien Willen ermöglichten Verfehlungen vor Augen zu führen und damit eine Reinigung (Katharsis) zu bewirken. Auf der anderen Seite hingegen steht die Lege nde, deren Grundaussage es ist, dass das Festhalten und die stete Berufung auf Gott gekoppelt mit der Buße einem jeglichen Sünder Erlösung verspricht, wie schwer das Vergehen auch sein mag. Eine besonders gute Zusammenfassung dieses Umstands gibt Zuntz:
Vom Griechischen her gesehen: welche Verkehrung, welche Entwertung einer
grandiosen tragischen Konzeption ist diese Legende! Hier überwältigt uns kein
konzentrierter und stürmischer Schwung vernichtender Selbsttäuschung und -
entdeckung; hier droht keine Vernichtung. Man folgt dem vergleichsweise gela s-senen Fortgang einer erbaulichen Erzählung […] in der Tat: wer an einem knap-
pen und eindrücklichen Symbol die Wandlung demonstrieren wollte, die das
Christentum über Welt und Menschheit gebracht hat, der könnte schwerlich ein
bedeutungsvolleres ersinnen, als Tragödie und Legende hier, am gleichen Stoff,
verwirklicht haben. [5]
2. Aufgabenstellung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, unabhängig von der eben erwähnten ästhetischen Vollkommenheit der beiden Werke, Gemeinsamkeiten und Unterschiede inhaltlicher Natur zwischen dem „Gregorius“ von Hartmann von Aue sowie dem „Ödipus “ in der Bearbeitung des Sophokles herauszuarbeiten. Vor allem soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob man den Gregorius wie Zuntz als den „Ödipus des Mittelalters“ [6] bezeic hnen darf oder ob dies unzulässig ist.
3. Rahmenbedingungen
3.1 Quellenlage
Bevor man sich dem Vergleich von Ödipus und Gregorius zuwendet, ist es unabdingbar, sich die Tatsache bewusst zu machen, dass es sich bei diesen Texten nicht um isolierte und allein stehende Werke handelt. Vielmehr gibt es in beiden Fällen, vor allem aber bei
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Ödipus, eine große Fülle an verschiedenen Versionen. Bei Otto Rank findet sich ein Überblick über die konkreten literarischen Ausgestaltungen des Ödipus-Mythos, der von zahlreichen griechischen Autoren wie Homer, Aischylos, Sophokles und Euripides über die römischen Tragiker wie Seneca bis hin zu Voltaire und Hölderlin reicht. [7] Rank verweist in diesem Zusammenhang anhand einiger Beispiele auch auf die zum Teil erheblichen Unterschiede, welche die einzelnen Werke charakterisieren. Ähnlich verhält es sich mit der Gregoriuslegende, die ebenfalls „in zahlreichen Textfassungen in West- und Mitteleuropa verbreitet“ ist und deren erstes Erscheinen auf Mitte des 11. bis Mitte des 12. Jahrhunderts datiert wird. [8] Die Version Hartmanns geht auf die „altfranzösische Verslegende ‚La Vie du Pape (Saint) Grégoire’“ zurück, von der sechs Handschriften überliefert sind, die aus dem 13.-15. Jahrhundert stammen, also deutlich nach der ersten Verbreitung der Legende. [9] Originalhandschriften sind bislang keine ge-funden worden, so dass auch im Falle von Hartmanns Gregorius nur ein indirekter Zugang über die erhaltenen Handschriften zum Ursprungstext möglich ist. Aufgrund der Tatsache, dass von Ödipus und Gregorius unterschiedliche inhaltliche Versionen verschiedener Autoren existieren und dass die Originaltexte nicht zugänglich sind, schreibt Kühnel daher zu Recht:
Hartmanns von Aue ‚Gregorius’ (und entsprechend die altfranzösische ‚Vie du
pape Grégoire’, Hartmanns Vorlage) ist mit der Gregorius-Legende sowenig iden-
tisch wie der ‚König Ödipus des Sophokles’ oder der ‚Oedipus’ des Seneca mit
dem griechischen Mythos von Ödipus. [10]
Betrachtet man demnach bei dem hier anzustellenden Vergleich nur die sophokleische Ödipus-Version und den Gregorius von Hartmann, die jeweils nur eine einzelne stoffliche Konkretisierung des Mythos bzw. der Legende darstellen, so stellt diese Konzentration auf zwei spezielle Texte eine erhebliche Reduktion dar, deren man sich zumindest bewusst sein muss. Ein weitergehender Vergleich, der auch unterschiedliche Varianten mit einbezieht, würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch bei weitem sprengen.
3.2 Die Beziehung zwischen Hartmann und Ödipus
Ein Blick in die wissenschaftlich Literatur über den Gregorius zeigt, wie kontrovers die Debatte um die Frage geführt wurde, ob man überhaupt eine Nähe zwischen dem Mythos des Ödipus und der Legende um Gregorius in irgendeiner Form, sei es inhaltlicher oder formaler Natur, unterstellen darf. Die deutlichste Ablehnung dieser Vorstellung findet
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sich bei Bernward Plate, der zusammen mit einer knappen Inhaltsangabe der Tragödie des Sophokles zu dem Schluss kommt: „Außer Aussetzung und unwissentlicher Mutterheirat - und dies nicht einmal exakt - ist nichts aus der antiken Sage mit Gregorius gemein.“ [11] Zu einer ganz ähnlichen Auffassung gelangen Christoph Cormeau und Wilhelm Störmer, die bei der Behandlung des Stoffumkreises mythische Geschic hten und vor allem deren psychoana lytische Deutung außen vor lassen wollen, obwohl sie durchaus die Aussetzung und den Mutter-Sohn-Inzest als Gemeinsamkeit anerkennen. Zudem gestehen sie ein, dass die Ödipussage den Autoren des Mittelalters durchaus bekannt war. [12]
Auf der anderen Seite ist Ingrid Kasten von der engen Verbindung zwischen den beiden Werken überzeugt und beginnt ihren Aufsatz über die weibliche Hauptfigur des Gregorius mit den Worten: „Die mittelalterliche Gregoriuslegende, das ist inzwischen überze ugend belegt, geht in ihrem Kern auf die antike Ödipusfabel zurück.“ [13] Auch Jürgen Kühnel sieht die „stofflichen Parallelen“ zwischen Ödipus und Gregorius als hinreiche nde Legitimation, diesem Thema einen eigenen Aufsatz zu widmen. [14] Zuntz dagegen ist sich nicht ganz sicher, ob die Überlieferung der Ödipussage einen direkten Einfluss auf den Gregorius hatte und schreibt dazu:
Gewiß ist nicht unmöglich, daß auch diese [die Legende von Gregorius] letzten
Endes von griechischer Tragödie abhängt - und vielleicht eher von Euripides als
von Sophokles - ; vielleicht war das alte tragische Motiv in Byzanz auf einen Hei-ligen übertragen und in den Kreuzzügen dem Westen vermittelt worden.“ [15]
Genau an dieser Stelle setzen die Überlegungen von Ulrich Mölk ein, der sich intensiv mit den Quellen des Gregorius befasst hat und auf dessen Aufsatz Kasten ihre eben erwähnte Annahme stützt. Auch Mölk behandelt die Frage, ob es für den französischen Dichter von „La Vie du Pape (Saint) Grégoire“ eine lateinische Vorlage gab, die ihrerseits auf einen byzantischen Ursprung zurückzuführen ist und dann aus dem östlichen Mittelmeerraum ihren Weg in die französische Literatur gefunden hat. Trotz einiger Belege oder vielmehr Ind izien für diese These, die hier nicht näher erläutert werden sollen, kommt Mölk zu dem Schluss, dass es ohne klaren Beweis ergiebiger sei, „zu fragen, ob die Entstehung der französischen Gregoriuslegende nicht aus westlichem Erzählgut verständlich gemacht werden kann.“ [16]
Direkt im Anschluss daran verfällt er auf die Ödipussage. Obgleich er sich sicher ist, dass den Autoren des Mittelalters die Stücke des Euripides und des Sophokles unbekannt wa-
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Arbeit zitieren:
Sascha Fiek, 2004, Gregorius und Ödipus - ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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