2
Inhaltsverzeichnis
1. Historische Vorla ge 3
2. Überblick über die Rennewart - Handlung 4
3. Beziehung Rennewarts zu anderen Personen 6
3.1. Lôîs 6
3.2. Alîse 7
3.3. Gyburc 7
3.4. Willehalm 9
3.5. Heiden S 10
4. Fragen um Rennewart S 12
4.1. Hinweise auf Rennewarts Alter S 12
4.2. Schuldfrage um den Verwandtenmord S 13
4.3. Die Rolle der tumpheit S 15
5. Entwicklung Rennewarts ? S 16
6. Literaturangaben S 17
6.1. Primärliteratur S 17
6.2. Sekundärliteratur S 17
3
1. Historische Vorlage
Der `Willehalm´ Wolframs von Eschenbach wurde ca. 1180 den chansons de geste, also der französischen Nationalgeschichte entnommen, jedoch unter Veränderung einiger Szenen und Figuren. Von dieser Abwandlung ist auch Rennewart betroffen.
Immerhin in 4 der 24 Branchen des Garin de Monglane - Zyklus taucht die Rainouart - Figur auf 1 : hier verschwindet Rainouart jedoch nur für kurze Zeit aus der Schlacht und findet wieder zu Guillaume zurück, so dass die Dichter der chansons de geste für Rainouart einen weiteren Lebensweg „einschließlich Heirat mit der französischen Königstochter, Geburt eines Sohnes namens Malafer und letztendlichem Rückzug ins Kloster ent werfen“ 2 konnten. Im Gegensatz zu den Quellen hat Wolfram jedoch „die Züge Rainouarts entsprechend seiner Konzeption des `Aliscans - Stoffs´ verändert bzw. anders gewichtet“ 3 , ja er hat eine „rigorose Kürzung der Rennewartauftritte [vorgenommen und] [...] nur eben so viel übernommen, wie nötig war, um die angesponnenen Fäden nicht abreißen zu lassen.“ 4 So wird also bei Wolfram Rennewarts Handlungsanteil im Vergleich zur Quelle zurückgedrängt, dennoch sind seine Handlungen aber auch in Wolframs `Willehalm´ schlachtentscheidend. Rennewart bekommt also „eine neue, fest umrissene Aufgabe zugewiesen [... :] Ihm ist es bestimmt, den Christen in der zweiten Schlacht den Sieg zu erkämpfen: sîn hant vaht sige der kristenheit (285,13)“ 5 . Zu beachten ist jedoch, dass Wolfram im Gegensatz zu seiner Quelle hier andere Akzente setzt: ging es in der Vorlage noch „um die Wunder, die sein tinel vollbringt“ 6 und der Sieg war nur Belohnung und Folge der Taten, geht es bei Wolfram einzig und allein um den Sieg, „Rennewarts Taten haben nur so weit Bedeutung, als sie auf die Entscheidung [im Kampf gegen die Heiden] hinführen.“ 7 Dies begründet auch, warum Rennewart sofort nach der gewonnenen Schlacht aus der Handlung verschwindet: sein Auftrag ist erledigt, für das weitere Geschehen ist Rennewart jetzt nicht mehr wichtig.
Im Gegenzug zu dieser Reduzierung der Handlungsanteile Rennewarts im Vergleich zu der Quelle hat Wolfram im `Willehalm´ einen der Rainouart - Figur inhärenten Zug verstärkt: den Verwandtenhass. Ferner zeichnet sich Rennewart in der Vorlage wie auch in Wolframs Werk durch seine „äußerliche Schönheit, zugleich Ausdruck seiner königlichen Abstammung, seine
1 Aus: Przybilski, Martin: sippe und geslehte. Verwandtschaft als Deutungsmuster im „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach., Wiesbaden 2000, S. 174: `Chansons de Guillaume´, `Bataille d’Aliscans´, `Bataille Loquifer´, `Moniage Rainouart´
2 Przybilski, S. 174
3 Przybilski, S. 175
4 Bumke, Joachim: Wolframs Willehalm., Heidelberg 1959, S. 41
5 Bumke, S. 41
6 Bumke, S. 41
7 Bumke, S. 41
4
übermenschliche Kraft, sein[en] unberechenbare[n] Jähzorn, sein[en] gewaltige[n] Appetit, seine Kriegs- und Ruhmlust und seine unhöfische tumpheit [aus], so daß Lofmark resümieren kann:
Da diese Eigenschaften Rennewarts im Mittelalter einer positiven Reaktion oder gar Identifikation aber nicht hinderlich waren und Rennewart somit zu einer “beliebten” Figur im `Willehalm´ wurde, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf Rennewart zu werfen.
2. Überblick über die Rennewart - Handlung
Bereits in der Szene, in der Rennewart in die Handlung eingeführt wird, prägen einige für ihn typische Merkmale sein Erscheinungsbild: Lôîs, Alîse und Willehalm beobachten eines âbends (187,1) von den Fenstern des Palastes in Munlêûn aus, wie sich Knappen zum Spaß und Zeitvertreib im Kampf üben. Hier wird also „durch die Unbestimmtheit der einleitenden Zeitbestimmung“ 9 wie auch die Aussage Willehalms, dass er niht bezzer kurzewîle sehen könnte (187,4-6) ein sehr friedliches Bild gezeichnet. Doch mit dem Auftritt Rennewarts schlägt diese Stimmung sofort um: dô nam der marcgrâve war, daz ein knappe kom gegangen , der wart mit spote enpfangen. (187,30 - 188,2)
Nicht nur durch die einleitende Konjunktion dô, auch dadurch, dass es Willehalm ist, der den Neuankömmling, der für ihn später noch so wichtig werden soll, als Erster bemerkt, lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese Szene. Sogleich wird Rennewart vom Erzähler als sehr kräftig (188,6f., 12-15) beschrieben, „er arbeitet in der königlichen Küche (188,8-11), ist verdreckt und schäbig gekleidet (188,16f.)“ 10 , so dass seine Schönheit, die auf seine adlige Herkunft hinweist, nicht wahrgenommen werden kann (188,18f.). Diese Verkennung durch seine Umwelt führt den Erzähler schließlich zu einem Vergleich Rennewarts mit einem Stück Gold, dass in Schmutz gefallen ist und doch nicht rostet, sowie mit einem Edelstein, der auch nichts an seiner leuchtenden Röte einbüßt, wenn er in Ruß geworfen wird (188,20-29). Somit
8 Bumke, S. 41
9 Przybilski, S. 176
10 Przybilski, S. 176
5
wird bereits in dieser ersten Rennewart - Szene auf die hohe Abstammung Rennewarts angespielt, kann er doch gar mit Gold und Edelsteinen verglichen werden. Seiner adligen Herkunft jedoch nicht im Geringsten gerecht zu werden gipfelt diese Szene schließlich in der Namensoffenbarung der neuen Figur: verdahter tugent in noete pflac Rennewart, der küchenvar (188,30 - 189,1)
Rennewarts Schicksal wird hier also in seinem Beinamen küchenvar bereits angedeutet, das das Grundproblem dieser Figur darstellt: die „gewaltsame verwandtschaftliche und geographische, topographische und soziale Dislozieung“ 11 Rennewarts, die Lôîs Willehalm in dem nun folgenden Gespräch erläutert. So erklärt er, dass Rennewart von Kaufleuten aus seiner Heimat entführt und an den französischen Hof verkauft wurde, so dass er sich nun „nicht mehr im Verwand tenverband seiner sippe, sondern im falschen geographischen Rahmen befindet.“ 12 Hinzu kommt, dass Lôîs Rennewart trotz seiner an der körperlichen Schönheit erkennbaren adligen Herkunft wegen dessen Taufverweigerung zum Küchenjungen degradiert. Dies hat zur Folge, dass Rennewart „innerhalb des falschen geographischen Raums [...] sein Leben also zudem noch an dem Ort [verbringt], der den krassesten Gegensatz zu der sozialen Rolle darstellt, für die er durch seine Geburt prädestiniert ist.“ 13 Somit ist festzustellen, dass Rennewart nicht nur in der falschen sippe, sondern auch am falschen Ort aufwächst und ihm daher Teile seiner Identität sowie eine ihm angemessene, adlige Erziehung fehlen.
Durch dieses Schicksal Rennewarts berührt, bittet Willehalm Lôîs schließlich, ihm den Küchenjungen zu überlassen, um dessen Leben in die rechte Bahn lenken zu können. Nachdem dieses Vorhaben durch die Bitten Alîses gelungen ist, schafft es Willehalm, das Vertrauen Rennewarts in ihrer ersten Begegnung zu gewinnen, indem er Re nnewart in seiner Muttersprache anredet. Hierdurch entsteht eine enge Verbindung zwischen Rennewart und Willehalm, sind sie doch durch die gemeinsame Erfahrung des Lebens in der Fremde -Rennewart als Küchenjunge am französischen Hof, Willehalm als ehemaliger Gefangener am Hof der sippe Rennewarts - miteinander verbunden. Auf Grund dieser Gemeinsamkeiten und dem Verständnis Willehalms für seine Situation wagt es Rennewart, seinem neuen Herrn von seinem natürlichen Drang nach ritterlicher Bewährung zu erzählen, was Willehalm ihm auch ermöglichen will, sofern Rennewart ihm dient. Überglücklich angesichts des Ausbruchs aus seiner unstandesgemäßen Rolle des Küchenjungens lässt sich Rennewart von Willehalm
11 Przybilski, S. 176
12 Przybilski, S. 176
13 Przybilski, S. 177
Quote paper:
Kathrin Brandl, 2002, Die Figur des 'Rennewart' in Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm', Munich, GRIN Publishing GmbH
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