Inhaltsverzeichnis:
1. Forschungsgegenstand 1
1.1 Allgemeine Definition von „Hexe“ und „Hexenprozessen“ 1
1.2 Schwerpunktsetzung und Fragestellung 2
2. Stellung und Funktion des Kindes in der Mythologie der „Hexe“ 3
2.1 Der Weg vom Kind zur „Hexe“ 3
2.2 Selbst-Denunzierung der „Kinderhexen“ 6
2.3 Biographische, soziologische und psychische Hintergründe 7
3. Zeitliche Entwicklung der Kinder-Hexenprozesse 8
3.1 Allgemeine Hintergründe 8
3.2 Beginn der Verfolgung: 14.und frühes 15. Jahrhundert 8
3.3 Vom Opfer zum Angeklagten. Der Glaube an „Kinderhexen“ im 16.Jhd 10
3.4 Ausweitung und Endphase: 17. und 18. Jahrhundert 10
4. Der Strafvollzug in juristischer Hinsicht 11
4.1 Juristische Vorgaben 11
4.2 Die Strafen 13
5. Kinderhexen-Prozess in Darmstadt, August 1582 14
5.1 Das Verfahren 14
5.2 Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt 15
5.3 Vorgeschichte der Angeklagten: Wolf Weber und Anne 16
5.4 Erklärungsversuche der Verhaltensmuster beider Kinder 17
5.5 Die Urteilsverkündung 20
6. Schluss: Parallelen zur heutigen Zeit 21
7. Literaturverzeichnis 22
3
1. Forschungsgegenstand
1.1 Allgemeine Definition von „Hexe“ und „Hexenprozessen“
„(...) erzählt, dass zwei Hexen einem schlafenden jüngling das herz wegnahmen und braten wollten; ein geistlicher hatte ohne es hindern zu können alles mit angesehn, erst beim erwachen des jünglings löste sich der zauber, und als nun der geistliche den hexen näher trat, salbten sie sich aus einem krüglein und entflohen. er zog das halb gebratne herz vom feuer und hiess es eilig den jüngling verschlucken, der dadurch völlig wieder hergestellt wurde.“ (Jakob Grimm) 1
„Die Hexe ist eine“, so steht es im Duden beschrieben „als mit dem Teufel im Bund stehend betrachtete, über angebliche Zauberkräfte verfügende Person. Meist in Gestalt einer hässlichen, buckligen, alten Frau (..) die mit ihren Zauberkräften den Menschen Schaden zufügt." 2 Hexenprozesse, sprich die Verfolgung und Verurteilung von vermeintlichen Hexen, lässt sich im wesentlichen von 1400 bis 1700 fassen. Entwickelt als besonderes Verfahren der Inquisition, wurden hierbei meist Frauen, aber auch Männer und Kinder, mittels obszöner Schauveranstaltungen angeprangert.
Verfolgung der Ketzer, Einrichtung der Inquisition und die Zulassung der Folter ließen Hexen bereits im Hochmittelalter zu Opfern und Sündenböcken für schwierige Zeiten, Hungersnöte und Epidemien werden. Besonders die Veröffentlichung des Hexenhammers 1487 leitete den Beginn der jahrhundertelangen Hexenprozesse ein. 3
1 Grimm, Jakob: Deutsche Mythologie. Band 2. Darmstadt 1965/ Unveränderter
reprographischer Nachdruck der 4.Ausgabe, Berlin 1876. S.904
2 Duden: Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (in zehn Bänden). 3. Auflage, 1999.
Band 4, S. 1788
3 Vgl. Referat „Der Hexenhammer“ vom 19.11.03, Referentin Astrid Stölzle
1
1.2 Schwerpunktsetzung und Fragestellung
Die vorangegangene Einführung zum Thema Hexen und Hexenprozesse in 1.1 und 1.2 wirft bereits interessante Fragen und mögliche Themen einer Hausarbeit auf:
Ø Wie und durch wen begann die Hexenverfolgung? Ø Wie zeichneten sich Hexen aus?
Ø Welche Magie und welche Foltermethoden wurden angewandt? Ø Wo fand die Verfolgung ihre größte Ausprägung? Das Themengebiet ist groß und anhand dieser Fülle eine genauere Abgrenzung von Nöten.
In den folgenden Kapiteln wende ich mich deshalb einer speziellen und besonders grausamen Art des Hexenwahns zu: Den Kinderhexen-Prozessen. Denn entgegen der weitverbreiteten Meinung, es seien nur Frauen der Magie und des Bundes mit dem Teufel bezichtigt worden, wurden gleichfalls Männer und sogar Kinder angeprangert. 4 5 In diese Anschuldigungen selbst Kinder miteinzubeziehen entfaltet erst in Hinblick auf die traditionelle Darstellung des Kindes die volle Bandbreite der Grausamkeit. Das kindlich Unschuldige, wie in Kapitel 2 näher beleuchtet, wandelt sich durch einen oftmals unbegründeten Wahn vom Opfer zum Täter und Ankläger!
Im Verlaufe dieser Arbeit wende ich mich der Frage zu in welchen Ausmaßen Kinderhexenprozesse durchgeführt wurden und ob diese eine existentielle Bedeutung für die Zeit der Hexenverfolgung hatten. Aber vor allem geht es darum zu klären wie es überhaupt dazu kommen konnte.
Beginnen möchte ich mit der Stellung des Kindes in der Mythologie, da diese im Umgang mit Kinderhexen besonders zu beachten ist. Hierbei wird Wert auf die Soziologie und das persönliche Umfeld des Kindes
4 Levack, Brian P.: Hexenjagd - Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa/ Aus
dem Englischen von Ursula Scholz. München, 1995. S.133ff
5 Vgl. Weber, Hartwig: Von der verführten Kinder Zauberei - Hexenprozesse gegen Kinder
im alten Württemberg. Sigmaringen 1996, S.62ff
2
gelegt. Wie konnte es zu den Anklagen, die sich die Kinder meist wissentlich einhandelten, kommen? Wie wird ein Kind zur Hexe? Kapitel 3 bietet einen Überblick über allgemeinen Hintergründe der Kinderhexen-Prozesse. Dazu gehören die Auslöser und Gründe die es zu solchen Anschuldigungen haben kommen lassen. Eine Einteilung in 14. /15. , 16. als auch 17. /18. Jahrhundert soll dabei für mehr Übersichtlichkeit sorgen.
Weiterhin greife ich das Thema des Strafvollzuges in Hinblick auf die juristischen Vorgaben, aber auch auf die konkreten Strafen auf. Mit diesen Hintergründen wird bereits das nächste Kapitel eingeleitet. Anhand eines Beispiels aus Darmstadt, aus dem Jahre 1582 zweier 11-und 16-jähriger Kinder, möchte ich zusammenfassend die Ergebnisse der Hausarbeit prüfen und veranschaulichen. Ergänzend zum Schlusswort soll eine Parallele zur heutigen Zeit zum Nachdenken anregen und mögliche gleichartige Strukturen erkennen lassen.
2. Stellung und Funktion des Kindes in der Mythologie der „Hexe“
2.1 Der Weg vom Kind zur „Hexe“
Wie bereits erwähnt wurden Kinder nicht seit jeher in den Kreis möglicher Hexen miteinbezogen. Dieser Prozess vom Kind zur Hexe vollzieht sich im Laufe mehrerer Jahrhunderte. Bevor man zur Betrachtung und Interpretation der Kinderhexenprozesse übergehen kann ist die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Bild von Kindheit und Jugend und dessen Bedeutung im Selbstverständnis der Menschen durchaus hilfreich.
Immer schon war es üblich, das Leben der Menschen in Altersklassen einzuteilen. 6 So unterlag auch der Status Kindheit im historischen Prozess einigen Änderungen. Die mittelalterliche Auffassung von
6 vgl. Richter, Dieter, Das fremde Kind. Die Entstehung der Kindheitsbilder des
bürgerlichen Zeitalters, Frankfurt am Main 1987
3
Altersgruppen erfolgte demnach nach dem Schema des Isidor von Sevilla, der „die infantia bis zum siebten, die pueritia bis zum vierzehnten und die adolescencia vom fünfzehnten bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr“ 7 einteilte. Justinian setzte daraufhin den Mündigkeitstermin für Jungen auf das vierzehnte und für Mädchen auf das zwölfte Jahr fest. Die Integration in den häuslichen Arbeitsprozess des Familienlebens fand somit meist im fünften oder sechsten Lebensjahr statt und endete oftmals bereits mit vierzehn beim Verlassen des Elternhauses. Erst im 18. Jahrhundert sollte eine einheitliche Auffassung von Kindheit und Jugend gefunden werden. 8
Durch einsetzende schulische Bildung vollzog sich im 17. Jahrhundert die Wandlung vom „kleinen Erwachsenen“, dem keine richtige Kindheit zugesprochen wird, zum noch ungebildeten „ungeformten Erwachsenen“, dem nun größere Beachtung geschenkt wird. Die moderne Sicht, dass die Kindheit als eine besondere und zu beachtende menschliche Phase zu handeln ist, entsteht. Kinderzuwachs bedeutete auch Zuwachs an sozialem Ansehen -Kinderlosigkeit hingegen galt als Strafe Gottes. Natürlich wurden die Kinder noch immer als zusätzliche Arbeitskräfte und Altersvorsorge angesehen, doch verengte sich auch die emotionale Beziehung der Eltern zu ihren Kindern, wenn sich auch oftmals die hohe Kindersterblichkeit dazwischen drängte. Die wachsende Sorge um den ersehnten Nachwuchs ließ die Magie - zum Schutz von Mutter und Kind während der Schwangerschaft und Geburt - an Relevanz gewinnen. Dazu gehörten, nach Hartwig Weber, Riten zur Abwehr böser Geister, die Namensgebung, als auch die Sitte der Patenschaft. 9 Generell galt die Auffassung, das unschuldige Kind sei Hauptopfer der Hexen gewesen, da ihne n magische Kraft und Zauberpotenz
7 Vgl. Wackernagel, Wilhelm, Die Lebensalter. Ein Beitrag zur vergleichenden Sitten- und
Rechtsgeschichte. Basel 1862 (bei Weber S.68)
8 Vgl. van Dülmen, Richard: Kultur und Alltag in der frühen Neuzeit. Bd.1: Das Haus und
seine Menschen. München 1990, S.80ff
9 Weber: Von der (...) Zauberei, S.71
4
zugesprochen wurde. 10 Kinderfleisch gebe den Hexen Schutz gegen Angriffe und mache sie stark. Gleichfalls könne man „im Nagel eines Kindes wie in einem Spiegel alle beliebigen lebendigen oder toten Personen sichtbar machen“. 11 So endete beispielsweise in Schongau eine Frau auf dem Scheiterhaufen, da sie angeblich Kinderleichen ausgrub und siedete um Hexensalbe zuzubereiten. 12 13
Nach Claudia Jarzebowskis 14 Meinung verleiht gerade diese Tatsache den Hebammen eine besondere Bedeutung. Da sie die Ersten sind, die mit dem Neugeborenen in Kontakt kommen, sind auch sie die Ersten die bei einer Totgeburt mit Vorwürfen konfrontiert werden einen Pakt mit dem Teufel zu besitzen. Dadurch, so die Forscherin, seien die sogenannten „Hexenhebammen“ 15 zu einer gefährdeten sozialen Gruppe geworden. 1728 wurde eine Hebamme aus Szeged (Ungarn), mit der Beschuldigung sie habe 2000 Kinder in Satans Namen getauft, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 16
Doch nicht nur die Hebammen gerieten ins Blickfeld der Inquisition, auch Frauen die zur Versorgung der Kleinkinder engagiert worden waren fielen nun in dieselbe Sparte. Durch die Sorge um die eigene und die Gesundheit ihrer Neugeborenen wurde bei Krankheit oder anderen Unglücksfällen schnell die Wochenbettpflegerin der Hexerei bezichtigt. 17 Generationen von Kindern, so Weber, sind im Hexenglauben als einem selbstverständlichen und unveräußerlichen Bestandteil christlicher Lehre erzogen worden. Anhand dieser Entwicklungen war nun der Übergang
10 Weber: Von der (...) Zauberei, S.73
11 ebd., S.74
12 Soldan- Heppe: Geschichte der Hexenprozesse, Band 2 (Hrsg. Max Bauer), Darmstadt
1976, S.72
13 Vgl. Soldan-Heppe, Bd. 2, S.78: „bekannte eine Frau aus Seresheim, die man aller Hexen
Mutter nannte: sie habe das Hexenwerk seit unvordenklichen Zeiten betrieben, wohl an die
400 Kinder, auch drei ihrer eigenen Kinder umgebracht. Die seien alle wieder ausgegraben,
gesotten, gekocht, teils gefressen, teils zu Schmier- und Hexenkunst gebraucht worden; den
Pfeifern habe sie die Knochenröhrlein zu Pfeifen gegeben“
14 Jarzebowski, Claudia: Friedrich-Meinecke -Institut für Geschichte der freien Universität
Berlin. Artikel unter www.magieheim.at/stellaluna/kinderhexen1.htm
15 Weber, Hartwig: Von der (...) Kinder Zauberei, S.72
16 Levack, Brian P.: Hexenjagd, S.138
17 ebd.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Müller, 2004, Kinderhexenprozesse in der frühen Neuzeit anhand eines Beispiels aus Darmstadt, München, GRIN Verlag GmbH
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