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0. Einführung
Wenn wir von Solidarität reden, geht es meist um einen politischen Kampfbegriff. Die Rede ist von der Solidargemeinschaft, vom Solidaritätszuschlag, vom Solidarpakt, von der Klassensolidarität oder von „Solidarität als Wert und als Instrument politischer Steuerung“. (1) Es ist also ein Begriff, der auf den ersten Blick sehr viel unterschiedliche Inhalte annehmen kann. Dabei werden weder dieselben Interessengruppen angesprochen noch wird geklärt aus welchem Grund wir in einer bestimmten Situation solidarisch handeln -falls wir es tun-. „Diese Annahmen lassen sich in ihrer allgemeinen Tendenz so zusammenfassen, dass sie dem Begriff der >Solidarität< zu schnell und zu einseitig eine normative und insbesondere eine politische und dabei teils instrumentelle, teils speziell auf den Staat bezogene Bedeutung zuschreiben.“ (2) Wildt fehlt die „affektiv-moralische Bedeutung“ des Wortes.(3) Trotzdem ist diesen Schlagwörtern eines gemeinsam: Solidarität bedeutet Zusammengehörigkeitsgefühl bzw. Gemeinsinn. Duden Fremdwörterbuch Wer gehört jedoch zu wem? Hondrich und Koch-Arzberger, definieren die Solidarität als „eine freie Art der sozialen Bindung“ (4) die durch „latente Reziprozität“ (5) gekennzeichnet ist. Es wird also freiwillig gehandelt und mit der Erwartung der Solidarität von der anderen Seite in ähnlicher Situation gerechnet. „Solidarität erweist sich so, in der Praxis, als ein überaus voraussetzungsvoller, eng umgrenzter Begriff: als Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Personen, die, trotz Differenzen, ihre Interessenlage und Ziele als gleich verstehen, aber ungleich beeinträchtigt sehen, woraus der Anspruch bzw. die freiwillige Verpflichtung einseitiger Unterstützung erwächst, gekoppelt mit dem Anspruch auf bzw. der Verpflichtung zur Unterstützung von der anderen Seite, sofern die Situation sich verkehrt.“ (6) Über den historischen Ursprung des Wortes und wann es eine politische Bedeutung annahm, herrscht Uneinigkeit. Wildt weist darauf hin, dass Solidarité zunächst die „römisch-rechtliche Bedeutung der Haftungspflicht für Mitschuldige (>Solidarobligation<)“ (7) beinhaltete im Gegensatz zu der verbreiteten Meinung, dass Solidarität aus dem Brüderlichkeitsideal der Französischen Revolution hervorgegangen sei. Als „>Solidarität< bezeichnet man nun immer häufiger das Bestehen einer wechselseitigen moralischen Verpflichtung zwischen Individuum und Gemeinschaft.“ (8)„ Sie ist eine historisch junge Erscheinung.“ (9)
(1) Hondrich, Koch-Arzberger, 9
(2) Wildt, 202 (3) ebd. (4) Honrich, Koch-Arzberger, 15 (5) ebd., 14 (6) ebd. (7) Wildt, 203 (8) Bayertz, 11 (9) Hondrich, Koch-Arzberger, 7
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Für Wildt liegt jedoch der „wesentliche Unterschied zwischen den Begriffen >Solidarität< und >Brüderlichkeit< [...] weniger in ihrem normativen Gehalt als in den deskriptiven Unterstellungen in der Rede von >Solidarität<, die von Ökonomen und Soziologen, besonders in Anlehnung an die Biologie (cf. Schmelter 1991:18), betont wurden.“ (1)Wann jedoch kommt es zu einem solidarischen Handeln und wie finden die Personen heraus, dass sie ein gemeinsames Interesse haben? Wenn Solidarität nur ein politischer Programmpunkt wäre, gäbe es keine Erklärung für ein solidarisches Verhalten jenseits davon und es dürfte vor dem Aufkommen von Parteien und politischen Orientierungen keine solidarischen Handlungen gegeben haben. Ich denke jedoch, dass es im Verlauf der Geschichte genügend Beispiele für solidarisches Handeln gibt, die darauf hinweisen, dass Menschen schon immer unter gewissen Bedingungen solidarisch handelten. Diese Tatsache können wir also voraussetzen. Deswegen möchte ich die Entwicklung eines solidarischen Verhaltens von der Institutionalisierung im Wohlfahrtsstaat und politischer Motivation abkoppeln und mich dem allgemeinen Phänomen der Solidarität zuwenden. Welches sind nach Hondrich und Koch-Arzberger die Voraussetzungen? Wann genau sind die gemeinsamen Interessen größer als die Differenzen? Kommt es durch die einfache Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen bereits zum Handeln oder gibt es noch andere Vorbedingungen, die darauf einen Einfluss ausüben? Wie wird der reziproke Anspruch gesichert? Darauf werden keine klaren Antworten gegeben. Trotzdem diese Definition Lücken aufzeigt, werde ich sie jedoch als Arbeitsgrundlage benutzen. Um diese Lücken zu füllen, möchte ich mich dem Problem von einer anderen Seite her nähern. Wenn Solidarität auch als Gemeinsinn verstanden werden kann, gibt es nicht vielleicht etwas wie einen Sinn für den anderen und für das Funktionieren der Gemeinschaft? Etwas, das jenseits von Klasseninteressen oder persönlichen Vorteilen liegt? Es gibt viele Ansätze in dieser Richtung, wie in der Moralphilosophie oder der theologischen Ethik. Um diese Frage zu klären, möchte ich mich zuerst dem Altruismus zuwenden. Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht gewagt, sich dem Problem auf diese Art und Weise zu nähern.
(1) Wildt, 206
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Daher zuerst eine Übersicht über die verschiedenen Elemente der Persönlichkeit:
p Interesse e r s o n a l e Ehrgeiz 3 s o speziell z i a generell l e U S nach Harbach, 51
Altruismus wird normalerweise als Gegenteil des Egoismus angesehen. Vom lateinischen alter (der andere) abgeleitet, bezeichnet er eine ’selbstlose Denkungsweise’, die keinen eigenen Nutzen bringt. Egoismus dagegen meint ’Selbstsucht’. Kluge, Etymologisches Wörterbuch Genauso wenig, wie jedoch klar ist, ob der Mensch beim Altruismus tatsächlich keinerlei Nutzen haben darf, ist nicht gesagt, wie sehr der egoistische Mensch dem anderen schaden muss. Diese Begriffe sind also nicht so absolut gegenteilig, sondern legen nur eine Hauptorientierung fest. Auch sind lt. der Übersicht in jeder Persönlichkeit immer altruistische und egoistische Komponenten enthalten.
So haben wir auf der einen Seite den Begriff des Altruismus und auf der anderen Seite den gesamten Theorienkomplex der Rational-choice -Theorien stellvertretend für den egoistischen Ansatz. Da es jedoch insgesamt um die Klärung der Frage, unter welchen Bedingungen der Mensch sich solidarisch verhält, geht, finde ich es sinnvoll einmal vom Individuum aus und das andere mal von der Gruppe aus nach einer Erklärung zu suchen. Auch wenn es von der Motivation her eventuell unterschiedlich ist, im Ergebnis der altruistischen Handlung liegt auch das Handeln für eine andere Person. Ich werde versuchen, die Frage nach der Motivation außen vor zu lassen, da sie eher eine psychologische Frage ist und mich tatsächlich auf die Situationen zu konzentrieren, in denen es zu einer Art von solidarischem Verhalten kommt. Meine These ist, wenn es eine altruistische Persönlichkeit gibt, dann hat diese einen großen Einfluss auf das Verhalten in der Gruppe und in der Gesellschaft und vielleicht würde dies die
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Lücken in der Solidaritätsdefinition schließen. Im 1. Kapitel werde ich mich also mit den Fragen: Gibt es eine altruistische Persönlichkeit? und Ist Altruismus angeboren? beschäftigen. Interessanterweise kann aber auch eine egoistische Verhaltensweise zu Kooperation führen. Diese Theorie von Axelrod möchte ich im 2. Kapitel erläutern. Die Frage, ob Kooperation gleichbedeutend mit Solidarität ist, lasse ich bis dahin offen.
Nach diesen zwei scheinbar gegensätzlichen Theorien, möchte ich die Frage der Solidarität wieder aufnehmen. Hauptaugenmerk soll darauf bleiben, in welchen Situationen sich Menschen solidarisch verhalten.
1.Altruismus
1.1. Was bedeutet Altruismus?
„Altruismus ist eine mögliche Form prosozialen Verhaltens - die einzige allerdings, die gegen das Gesetz der Verstärkung zu verstoßen und dem Eigeninteresse zuwiderzulaufen scheint.“ (1)
Als Beispiele für altruistisches Verhalten werden ehrenamtliche Tätigkeit, Blutspenden und andere spontane Hilfen (beim Ausrutschen etc.) genannt. Den eigentlichen Beweis für die Existenz von altruistischem Verhalten liefert für Morton Hunt die Tatsache, dass die Menschen noch nicht ausgestorben sind, denn wenn jeder tatsächlich der Feind des anderen wäre, hätten sich schon längst alle ausgerottet. (2) Dieses Argument ist insofern nicht überzeugend, da man das Überleben als einziges verbindendes Interesse ansehen könnte und die Annahme einer sei des anderen Feind nicht unbedingt zu einer Ausrottung führen muss. Utilitaristisches Verhalten ist für das Gemeinschaftsleben nützlich, aber noch nicht ausreichend. „Keine Gesellschaft könnte Bestand haben, lautete die bekannte Hypothese des großen Soziologen Emile Durkheim, in der die Menschen nicht ständig Opfer füreinander brächten.“ (3) Bei Durkheim ist also Altruismus oder Solidarität der Kitt für die Gesellschaft. Was genau ist nun aber altruistisches Verhalten? Nach der Definition von Macauly und Berkowitz „ein Verhalten, das anderen nützt und nicht in Erwartung einer externen Belohnung erfolgt.“ (4) Mit der „externen Belohnung“ umgehen die beiden geschickt die Zweifel, die an der „echten“ altruistischen Persönlichkeit von v.a. Verhaltenspsychologen angemeldet werden. Diese halten Altruismus für eine Illusion und suchen nach den versteckten eigennützigen Motiven („gutes Gefühl“). Für Hunt widerspricht zusätzlicher Eigennutz altruistischem Verhalten jedoch gar nicht, wenn die Handlung auch ohne den erfolgt wäre. Das ist jedoch empirisch schlecht nachzuweisen, so wie überhaupt eine Motivation schlecht empirisch erforscht werden kann, da dies voraussetzen würde, dass sie bewusst geschieht. (1) Hunt, 16 (2) ebd., 14 (3) ebd. (4) nach Hunt, 16
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Hunt genügt, wenn lediglich der Hauptantrieb altruistisch ist. Allerdings weist Hunt darauf hin, dass bei dieser Definition eine wichtige Komponente unerwähnt bleibt: „die Kosten des Altruismus für den Altruisten - oft das zentrale Rätsel“ (1)
Ein Schwerpunkt der Forschung zum altruistischen Verhalten liegt in der Beantwortung der Frage, ob Altruismus angeboren oder anerzogen ist und ob es altruistisches Verhalten auch im Tierreich gibt. „Wenn wir altruistisch sind, handeln wir absichtsvoll; wenn Tiere altruistisch sind, handeln sie - bis auf wenige Ausnahmen - instinktiv und ohne Absicht.“ (2) Das ist nach Hunts Meinung kein Altruismus, da er nicht im Bewusstsein, etwas Gutes zu tun, entsteht, sondern durch die Aufopferung der Erhalt der eigenen Art gewährleistet wird. Das bedeutet, dass es für Hunt nicht ausreicht, etwas für jemand anderen zu tun. Es muß eine zusätzliche willentliche Entscheidung eine Rolle spielen ( im Gegensatz zur instinktiven). Trotzdem kommt Hunt zu der Schlussfolgerung, dass 50% des altruistischen Handelns auf angeborenen Nerven- und Instinktmechanismen basiert, wofür die Reaktionszeit von 6-10 Sekunden in Notsituationen spricht. (3) Diese Nerven- und Instinktmechanismen bezeichnet er vereinfachend als Altruismusgen. Mit der Existenz eines Altruismusgens ergibt sich die Frage, wie dies die Evolution überleben konnte, da der Altruismus die eigene „Konkurrenzfähigkeit“ behindert. (darwinistisches Rätsel)
Andere Forscher wiederum sprechen die Existenz eines Altruismusgens völlig ab: „[...] es gibt in der menschlichen Natur keine genetische Basis für Altruismus (wie er hier definiert wurde), außer einer gewissen biologischen Fähigkeit, ihn zu erlernen. Ob Altruismus existiert oder nicht und in welchem Umfang, liegt in der Natur und der Evolution des sozio-kulturellen Systems, welches seinerseits auf die Motivationen und Verhaltensweisen der Individuen einwirkt. [...] Altruismus [...] ist im Grunde eine Überlebensvorkehrung oder Adaption auf der Ebene der sozio-kulturellen Evolution. Belohnung suchende Individuen lernen solche Normen und müssen dann das angeborene hedonistische Selbstinteresse in den gelernten [...] Altruismus integrieren“ (4)
Diese biologischen Fragen möchte ich nur am Rande der Vollständigkeit halber erwähnen. Interessant für unser Thema ist jedoch die Antwort, die Hunt auf das darwinistische Rätsel findet. Die Ideen der Gruppenselektion (egoistische Gruppen mit Altruisten haben höhere Überlebenschancen) hält Hunt für überholt, da sich die Egoisten innerhalb der Gruppe durchsetzten würden und damit eine Vererbung nicht gewährleistet werden könnte. (Auf diese Frage werden wir später noch einmal im Zusammenhang mit der Durchsetzung der TIT for TAT -Strategien kommen.) Die Verwandtschaftsselektion („Leben für 2 Brüder oder 8 Vettern geben“), führt zwar zur Erhaltung des Altruismusgens bei den Verwandten, kann aber als Gesamterklärung nicht genügen, da altruistisches Verhalten Fremden gegenüber nicht erklärt wird.
So kommt Hunt zu den restlichen 50 % der kulturellen Normen. „Wir tun es, sagen die Psychologen, weil wir diese Normen «verinnerlicht» haben; sie sind Teil unseres eigenen Rechts- und Unrechtsempfindens geworden, so dass wir, wenn wir nach ihnen handeln, sie als das empfinden, was wir tun sollten, was unter den gegebenen Umständen das Richtige, Einzige, Natürliche ist.“ (5) (1) Hunt, 19 (2) Hunt, 45 (3) vgl. Hunt, 50 (4) Cohen, nach Harbach, 350 (5) Hunt, 74
Arbeit zitieren:
Daniela Hendel, 2000, Solidarität in Gruppen zwischen Altruismus und RC-Theorien, München, GRIN Verlag GmbH
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