Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Platons Theaitet’ 2
III. Rekonstruktion der Diskussion der These
Episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’ 5
III.1. Die dritte These 5
III.2. Der Unterschied zwischen Wissbarem und Nichtwissbarem 6
III.3. Der Begriff logos’ 9
III.4. Das Scheitern der Untersuchungen 11
IV. Ist die dritte These noch zu retten? 12
Literaturverzeichnis
Gegenstand meiner Arbeit ist Platons Dialog ‚Theaitet’, genauer gesagt Theaitets dritte These [201c-210b] als Antwort auf die Frage des Sokrates „Was ist episteme?“.
Das zweite Kapitel soll einleitend eventuelle Begriffsunklarheiten zwischen zentralen griechischen Worten und deren deutschen Übersetzungen klären und den Verlauf des Dialogs bis hin zur behandelten These kurz darstellen. Im Hauptteil wird die Diskussion der These ‚episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’ rekonstruiert und ausgelegt. Schließlich prüft das vierte Kapitel die behandelte Textstelle auf ihre Fehler und versucht deren Korrektur und eine Rettung der dritten These.
1
Der Dialog ‚Theaitet’ wird in Platons späte Periode (ca. 370-347 v. Chr.), dort in den Zusammenhang zu ‚Sophistes’ und ‚Politikos’, eingeordnet und behandelt die Frage ‚Was ist episteme?’, welche von Sokrates, Theaitet und teils auch von dessen Lehrer Theodoros erörtert wird und in der Aporie endet.
Die erste Schwierigkeit für den Interpreten ergibt sich bereits aus der dem Dialog zugrunde liegenden Was-ist-Frage, denn sie fragt nach der ‚episteme’, die mehrdeutig gebraucht wird. Unter ihr versteht man sowohl Erkenntnis (also das erfolgreiche Ende eines Prozesses) als auch Wissen (einen Zustand), aber auch praktische Fähigkeit und Kompetenz. Das dazugehörige Verb kann entsprechend mit (er-)kennen, wissen oder auch verstehen übersetzt werden. Die vermeintlich korrekte Übersetzung kann von Interpret zu Interpret und von Textstelle zu Textstelle variieren, und da ich weder die griechische Sprache beherrsche, noch in der philologischen Diskussion mitreden kann, bleibe ich in dieser Arbeit möglichst bei dem griechischen Wort episteme. Entsprechend verfahre ich mit anderen zentralen Begriffen, wie ‚doxa’, die zumeist mit Meinung, Ansicht oder Vorstellung übersetzt wird, und ‚logos’, der eine sehr große Bandbreite von Übersetzungen von Wort, sinnvolle Rede, Vernunft bis Definition, Begründung und Erklärung zulässt.
Neben den sprachlichen Problemen, die der Begriff der episteme aufwirft, können auch Verständnisschwierigkeiten auftreten, wenn man den Unterschied zwischen den von G. Ryle auf den Punkt gebrachten Bedeutungsfeldern des Begriffs ‚episteme’ ‚know-how’ und ‚know-that’ nicht beachtet. Bei dem Bereich des know-that geht es nämlich um propositionale Wissensformen (also bivalentes Wissen von Sätzen), bei dem des know-how dagegen um nichtpropositionale Wissensformen (in Relation zu Objekten).
Doch soll dieses Kapitel nicht den interpretatorischen Teil der Arbeit vorwegnehmen, sondern vielmehr den Weg der Dialogpartner bis zur letzten These als Ant-wort auf die Frage nach der episteme kurz nachzeichnen und auf den Hauptteil dieser Arbeit vorbereiten.
2
Einleitend [142a-143d] erfährt der Leser aus einer Unterhaltung zwischen Eukleides und Terpsion, dass Theaitet erst kürzlich schwer verwundet aus der Schlacht bei Korinth (369 v. Chr.) heimgekehrt ist, dass also der von Eukleides aufgeschriebene und dessen Sklaven vorgelesene Dialog, der beendet wird, weil Sokrates wegen Metelos’ Anklage zur Königshalle gehen will (Sokrates’ Todesjahr: 399 v. Chr.), bereits knapp dreißig Jahre alt sein muss. Der eigentliche Dialog setzt in 143d ein. [143d-151d] Auf Sokrates’ Frage, was episteme sei, antwortet Theaitet zunächst mit der Aufzählung von Einzelfällen bzw. Gegenständen derselben, woraufhin Sokrates zwar betont, dass sich jede episteme auf etwas bezieht, dass aber nicht nach ihren Objekten und auch nach keiner zirkulären Erklärung gefragt ist. Theaitet versteht schnell, dass die Suche einem einheitlichen Begriff der episteme gilt, der ihr Wesen und ihre Struktur enthält.
[151e-186e] Und er stellt sogleich die erste These auf, nach der episteme nichts anderes als Wahrnehmung ist. Die Prüfung dieser These, die mit dem Phänomenalismus des protagoreischen Homo-mensura-Satzes verknüpft und mit der Antithetik zwischen Parmenides und Heraklit in Beziehung gesetzt wird, nimmt den größten Teil des Dialoges ein. Für den Hauptteil der Arbeit ist in dieser Passage unter anderem die Charakterisierung der episteme als untrüglich, also absolut, von Bedeutung. Fallen gelassen wird die erste These schließlich, weil Theaitet herausstellt, dass es die Seele ist, die die vermittels der Sinnesorgane gewonnene Wahrnehmung betrachtet und beurteilt, die Wahrnehmung selbst also nicht Wahrheit oder Falschheit enthält und somit auch keine episteme. Diese entsteht erst durch die Schlüsse, die die Seele aus der Wahrnehmung zieht. Sinneswahrnehmung ist demnach kein ausreichendes, aber in einigen Fällen notwendiges Mittel zur Erfassung der Wahrheit. [187a-201c] Also wird die episteme nun in der Urteilstätigkeit der Seele gesucht, die Sokrates als ein Gespräch derselben mit sich selbst über den untersuchten, noch nicht gewussten Gegenstand darstellt. Wenn die Seele im Laufe des Selbstgesprächs zu einem Urteil gekommen ist und keinen Zweifel mehr hat, dann sei sie zu der doxa gelangt, die sie subjektiv für wahr hielte, die objektiv betrachtet aber von Natur aus entweder wahr oder falsch sein könne. In der wahren doxa vermutet Theaitet nun die episteme. Diese Bestimmung wirft die Frage nach der Möglichkeit der falschen doxa auf, die ausgiebig untersucht wird, bevor Sokrates feststellt, dass man falsche doxa gar nicht erkennen kann, bevor man erfasst hat, was episteme ist. Dies hätte sofort auf die zweite These erwidert und umgekehrt von der wahren doxa behauptet werden
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können, denn bevor man das Kriterium für irrtumsfreie episteme gefunden hat, kann man auch nie irrtumsfrei wissen, welche doxa wahr und welche falsch ist. Doch Sokrates geht nicht weiter auf die Tautologie ein und widerlegt die These von der wahren doxa (im Gegensatz zu der vorherigen) empirisch mit dem Verweis auf die Tatsache, dass doxai auch durch Überredung erzeugt und unreflektiert, also ohne episteme übernommen werden können.
[201d-210b] Diese Feststellung führt zu der letzten These, die die wahre doxa um den logos ergänzt, um die Möglichkeit einer unreflektierten Übernahme auszuschließen. Die dritte These, ihre Diskussion und Widerlegung werden im folgenden Kapitel eingehend untersucht.
[210b-210d] Der Dialog endet in der Aporie, keine der drei Thesen hat sich als haltbar erwiesen, aber das Gespräch soll nach Sokrates’ Wunsch am folgenden Tage fortgesetzt werden.
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Arbeit zitieren:
Eleonóra Szemerey, 2004, Die dritte These des Theaitet - und was dann?, München, GRIN Verlag GmbH
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