INHALT
1. EINLEITUNG 1
2. DER SCHELMENROMAN 3
2.1 Zur Entstehungsgeschichte des Schelmenromans 3
2.2 Etymologische Begriffsbestimmung 4
3.2.1 Das Wort „pícaro“ 4
3.2.2 Das Wort „Schelm“ 6
2.3 Merkmale und Strukturen des Pikaresken Romans 6
2.3.1 Pseudoautobiographischer Erzählcharakter 6
2.3.2 Episodenförmiger Aufbau und offener Schluss der Handlung 7
2.3.3 Typische Themen, Schauplätze und Figuren 8
2.3.4 Der schelmische Typus 8
2.3.4.1 El Lazarillo de Tormes 8
2.3.4.2 El Guzmán de Alfarache 9
2.3.4.3 El Buscón 10
2.3.5 Funktion des Schelms 12
2.3.6 Das Verhältnis zwischen Herr und Knecht im pikaresken Roman 13
2.3.6.1 im Lazarillo de Tormes 14
2.3.6.2 im Guzmán de Alfarache 16
2.3.6.3 im Buscón 17
3. BEZÜGE ZUM SCHELMENROMAN IM DON QUIJOTE 18
3.1 Vergleich der Merkmale und Strukturen des Quijote mit denen des
Schelmenromans. 18
3.2 Verhältnis zwischen Herr und Knappe 22
3.2.1 Erziehung und Funktion des Knappen im Mittelalter im Vergleich zum
literarischen Knappen im Don Quijote 22
3.2.2 Die Stellung von Herrn und Knappen im Don Quijote und im
Schelmenroman - ein Vergleich. 26
3.2.3 Die gegenseitige Beeinflussung von Don Quijote und Sancho
Panza 27
4. FAZIT 29
5. BIBLIOGRAPHIE 32
1
1. EINLEITUNG
El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha, zu deutsch, ‘der scharfsinnige edle Herr Don Quijote de la Mancha’ von Miguel de Cervantes Saavedra gilt als eines der berühmtesten und der am häufigsten rezipierten Werke der spanischen Literatur sowie der Weltliteratur 1 . Don Quijote sticht in den Curricula der Universitäten hervor und sorgt aufgrund seines Reichtums an struktureller, soziokultureller, literarischer und sprachlicher Vielfalt für zahlreiche Diskussionen und Forschungen auf internationaler Ebene.
In Cervantes Werken und besonders im Don Quijote spielt zum einen die Auseinandersetzung mit typischen Thematiken einer Literaturepoche, wie zum Beispiel die des „engaño - desengaño“ im Barock, eine wichtige Rolle. Ebenso stellt die Beurteilung von Verhaltensmodellen unter Berücksichtigung von Verhaltensspiegeln, die für den Ritter und den Knappen im Mittelalter aufgestellt wurden, eine inhaltliche Besonderheit dar. Zum anderen ist die Verknüpfung der Merkmale verschiedener literarischer Gattungen in ein und demselben Werk ein strukturelles Phänomen in seinen Werken: Cervantes hebt die Struktur der jeweiligen Gattungskonzepte auf und vermischt einzelne Elemente der Novelle, des Schelmen-, des Ritter- und des Schäferromans miteinander. Welche Elemente des Schelmenromans dabei im Quijote existent bleiben, soll anhand folgender Vorgehensweise in dieser Hausarbeit erarbeitet werden: Das Kapitel 2.1 beschreibt die Entstehungsgeschichte der novela picaresca. Das Kapitel 2.2 untersucht die Etymologie des Wortes pícaro anhand der Hypothesen von drei Autoren. Im Kapitel 2.3 werden die typischen Merkmale eines Schelmenromans zusammengestellt. Der Typus, die Funktion des Protagonisten, sowie das Verhältnis zwischen Herr und Knecht im Schelmenroman werden anhand von drei ausgewählten pikaresken Romanen ermittelt 2 . Die umfangreiche Darstellung dient als Grundlage für die Analyse der Hauptfragestellung dieser Arbeit, die da lautet: In wie weit besteht im Don Quijote ein Bezug zum Schelmenroman? So beschäftigt sich das dritte Kapitel mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen einem Schelmenroman und dem Quijote, wobei insbesondere das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht bzw. Knappen untersucht wird. Ein Beitrag zur Erziehung und Funktion des Knappen im Mittelalter im Vergleich
1 Thomas Mann bezeichnet den Don Quijote in seiner Meerfahrt mit, Don Quijote als ein „Volks- und
Menschheitsbuch“. Heinrich Heine benennt den Roman als einen der „besten der Weltliteratur, neben
Werken von Goethe und Shakespeare“, vgl. Horst, E., “Meine Freunde - Don Quijote und Sancho Panza”,
in: Neue Deutsche Hefte 34 (3 (195)), 1987, S. 500.
2 Vertreter: El Lazarillo de Tormes (anonym), El Buscón (Francisco de Quevedo), El Guzmán de Alfarache
(Matteo Alemán).
2
zur Erziehung und Funktion des literarischen Knappen im Don Quijote wird vorangestellt, um festzustellen, ob im Don Quijote eine realitätsnahe Schilderung der Ereignisse im Leben des Pikaro, wie sie im klassischen Schelmenroman zu Tage tritt, präsent ist.
In einem abschließenden Kommentar werden die Ergebnisse der Hausarbeit zusammengefasst und evaluiert.
3
2. DER SCHELMENROMAN
2.1 ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES SCHELMENROMANS
Mit der Veröffentlichung des Werkes La vida de Lazarillo de Tormes, y de sus fortunas y adversidades, von einem anonymen Autor, im Jahre 1554 in Spanien verfasst, beginnt die Entwicklung des europäischen Schelmenromans. Zu diesem Zeitpunkt existieren jedoch bereits ältere epische Texte in der chinesischen, arabischen und römischen Literatur. Sie weisen ähnliche Merkmale auf, wie sie im ersten Schelmenroman der spanischen Literatur enthalten sind. Eine wichtige Frage ist demzufolge, wie der Lazarillo de Tormes entstanden ist, bzw. an welchen Vorbildern der Literatur er sich orientiert. 3
Als einer der Vorläufer des Schelmenromans gilt das im Jahr 55 nach Christus verfasste Satyricon von Petronius, welches „eine episodische Reihung der Abenteuer“ enthält. Diese Struktur selbständiger Episoden entsteht dadurch, dass die Hauptfigur, der Diener, sein Dienstverhältnis aufgrund schlechter Behandlung durch den Herrn stetig abbrechen muss und zu einem anderen Herrn geht. Diese episodische Struktur wird später vom europäischen Schelmenroman, dem zur Folge auch vom Autor des Lazarillo de Tormes, übernommen. 4
Als ein weiterer Vorläufer kann das im Jahr 170 nach Christus entstandene Werk Metamorphosen oder Der goldene Esel von Lucius Apuleius aufgefasst werden. Der Ich-Erzähler dieses Werkes wird auf Grund eines missglückten Zaubers in einen Esel verwandelt. Aus dieser verfremdeten Perspektive berichtet er als Esel mit menschlichem Denkvermögen und Empfinden von seinem Dienst unter wechselnden Herren. Diese „pseudoautobiographische 5 Form“ des Erzählens stellt später auch ein Stilelement des Schelmenromans dar. 6
Am Ende des Werkes verwandelt sich der Ich-Erzähler wieder in einen Menschen und lässt sich zum Priester weihen. Dieses entspricht wiederum dem „Erweckungserlebnis“ des Protagonisten im Schelmenroman. 7
3 König, B., „Margutte-Cingar-Lázaro, Guzmán. Zur Genealogie des pícaro und der novela picaresca“, in:
Romanistisches Jahrbuch 32, 1981, S. 289.
4 Kruse, M., „Die parodistischen Elemente im ‛Lazarillo de Tormes’“, in: Romanistisches Jahrbuch 10,
1959, S. 301.
5 „pseudoautobiographisch“ deshalb, weil man nicht davon ausgehen kann, dass der Held die Wahrheit
erzählt, da der Leser nur seine Erzählperspektive wahrnehmen kann.
6 Kruse, M., „Die parodistischen Elemente im ‛Lazarillo de Tormes’“, S. 300-301.
7 Ebda., S. 302.
4
Lucius Apuleius’ Werk umfasst somit eine Reihe pikaresker Elemente, wie sie später im europäischen Schelmenroman wieder zu finden sind, nämlich eine pseudoautobiographische Erzählperspektive, der Dienst des Protagonisten unter wechselnden Herren, der verfremdete Blickwinkel auf das Geschehen und das „Erweckungserlebnis“ des Schelms.
Als direkten Vorreiter des spanischen Schelmenromans sieht KÖNIG das komischburleske Versepos aus Italien, das später nach Spanien gelangt. 8 Luigi PULCI verfasst zu Zeiten der italienischen Renaissance, die zeitlich gesehen vor der spanischen Renaissance einsetzt, ein Epos mit dem Titel Morgante, das nach folgendem Grundmuster aufgebaut ist: Zwei seltsame Gestalten - ein Ritter, der sich als Riese namens „Morgante“ versteht und ein Galgenvogel namens „Margutte“ - begeben sich als Diener und Herr auf eine Reise. Sie leiden stetig an Hunger und Durst, gelangen aber dank der List des Dieners und Stärke des Herrn immer gerade rechtzeitig an Lebensmittel. Trotz des doch relativ guten Verhältnisses zwischen den beiden Figuren kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Diener und Herr, wobei der Herr trotz aller Gewitztheit des Dieners stetig den Diener leer ausgehen lässt. 9 Neben der episodenhaften Struktur und dem Erzählen in der Ich-Form steht in diesem Epos besonders das Thema der ewigen Existenznot, sowie Hunger und Durst im Vordergrund; ein Aspekt der ebenfalls ein typisches Merkmal des heutigen Schelmenromans darstellt, weshalb KÖNIG unter anderem dieses Epos als direkten Vorreiter des spanischen Schelmenromans erkennt. 10
2.2 ETYMOLOGISCHE BEGRIFFSBESTIMMUNG 2.2.1 DAS WORT „PÍCARO“
Wie der Name Schelmenroman ‛novela picaresca’ schon sagt, stellt der Schelm ‛pícaro’ den Protagonisten dieser Romandichtung dar. Aus diesem Grund ist es für das weitere Vorgehen von Bedeutung sich mit den etymologischen Ursprüngen dieses Wortes zu beschäftigen.
8 König, B, „Margutte-Cingar-Lázaro, Guzmán. Zur Genealogie des pícaro und der novela picaresca“, S.
289.
9 Ebda., S. 292.
10 Ebda., S. 289 und S. 292.
5
Versuche, das Rätsel der Herkunft dieses Wortes zu lösen, sind nicht gerade wenige unternommen worden. Aus diesem Grund beschränkt sich dieses Kapitel auf die drei wesentlichsten und anerkanntesten Hypothesen der Autoren, die sich mit diesem Thema befasst haben.
Eine der ältesten Interpretationen über den Ursprung des Wortes ‛pícaro’ stammt von COVARRUBIAS 11 . Er sucht die Wurzeln des pícaro in dem lateinischen Ausdruck pica ‛Lanze’. In der Antike trugen Sklaven die Lanze ihrer Herren und wurden so laut COVARRUBIAS nach dem benannt, was sie taten. Aus dem Wort pica entwickelte sich der Ausdruck pícaro ‛Lanzenträger’. Ein pícaro sei dem nach ein „bemitleidenswerter, der Verachtung preisgegebener Gefangener“ 12 .
Eine andere Theorie stammt von COROMINAS 13 . Er stellt fest, dass die Wurzel dieses Wortes noch im Unklaren liege, eine Abstammung vom Verb picar ‛stechen’, ‛beißen’, ‛anfassen’, ‛spornen’, ‛die Sporen geben’, ‛in kleine Stücke schneiden’, ‛verfolgen’, etc., mit der Beeinflussung durch das französische picard ‛Picardie’ 14 jedoch wahrscheinlich sei. Somit verstehe man einen pícaro als eine Person, die die verschiedenen im Verb picar enthaltenen Aktivitäten auszuführen pflege. Als Beispiele nennt COROMINAS den pinche de cocina ‛Küchenjunge’ und den picador de toros ‛Pikador’. Ein etwas neuerer Ansatz stammt von BEST 15 . In seiner Theorie einer etymologischen Begriffsbestimmung von pícaro geht er davon aus, dass sich das Wort aus einer Synergie von Begriffspaaren entwickelt hat: Ausgangspunkt bildet das hebräische Wortpaar peger ‛niederträchtig’, ‛spitzbübisch’ und pag’ra ‛Leichnam’, ‛Aas’, ‛Müßiggang’; von hier aus erfolgt die Weiterentwicklung über das Jiddische und Jüdisch-Italienische, das heute ausgestorben ist, bis ins Italienische zum bikaro, später beccáro ‛Schlächter’ und von dort ins Spanische zum becaro, danach zum bicaro und zum pícaro ‛Schelm’. 16
Der tatsächliche Ursprung dieses Wortes ist also immer noch nicht eindeutig belegt. Bekannt ist nur seine Bedeutung: Ein pícaro bezeichnet einen Taugenichts, Tagedieb oder Vagabunden, der sich durch seine persönliche Gewitztheit und Geschicklichkeit ohne Anbindung an ein familiäres Umfeld durch sein Leben mogelt. 17 Außerdem wird
11 Sebastián de Covarrubias Horozco, Tesoro de la Lengua Castellana o Española, 1611.
12 Best, O., „Zur Etymologie von ‛pícaro’“, in: Die Neueren Sprachen, 1966, S. 197.
13 Corominas, J., Diccionario Crítico Etimológico de la Lengua Castellana, Bern, 1954.
14 Hinter dem Ausdruck „Picardie“ verbirgt sich ein Dialekt und/ oder eine Region in Frankreich.
15 Best, O., „Zur Etymologie von ‛pícaro’“.
16 Ebda., S. 200-203.
17 Ebda., S. 197.
Arbeit zitieren:
Melanie Blümel, 2003, Don Quijote und Sancho Panza vor dem Hintergrund des Schelmenromans, München, GRIN Verlag GmbH
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