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Inhaltsverzeichnis: Seite:
1. Einleitung 3
2. Was kennzeichnet ein Fest? 3
2.1. Versuch einer Systematisierung 4
2.2. Übergangsfeste, Naturfeste und heilsgeschichtliche Feste 5
3. Über den Unterschied zwischen Alltagszeit und Festzeit 6
3.1. Drei Merkmale des Alltags 6
3.2. Drei Merkmale des Fests 7
4. Von der Fähigkeit des Menschen in zwei Zeiten zu leben 8
4.1. Die Fähigkeit zur Integration von „kommunikativem“ und
„kulturellem Gedächtnis“ als Voraussetzung für ein Leben in zwei
Zeiten. 8
4.2. Das kulturelle Gedächtnis als Funktion der Gruppenbildung 9
4.3. Von der Notwendigkeit der Interaktion zur Herstellung einer kulturellen
Gruppenidentit ät 10
5. Von der ursprünglichen Idee des Festes zum Fest heute 11
5.1. Vom Fest zur Freizeit 11
5.2. Selbstentfremdung und Festkultur 12
6. Fazit 14
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1. Einleitung
Mit der unglaublichen Vielfalt von Festen, der wir heute begegnen, stellt sich die Frage nach übergeordneten Kategorien, die unabhängig v on kulturellen und religiösen Entwicklungen durch die Geschichte der Menschheit hindurch bis in unsere Tage Gültigkeit behalten haben. Mein Interesse richtet sich in diesem Kontext vor allem auf den ursprünglichen Sinn von Festen und darauf, was sich von diesem bis in die sogenannte Fun- und Spaßgesellschaft der Gegenwart erhalten konnte.
Ausgehend von der Festtheorie Assmanns will ich zeigen, dass das Ineinandergreifen von gesellschaftlichem Wandel einerseits und psychologischen Entwicklungsprozessen der Individuen andererseits, den funktionalen Charakter von Festen heute grundlegend verändert hat. Für das Feiern von Festen setze ich die Fähigkeit voraus, wirkliche Gemeinschaft empfinden und erleben zu können. Diese Fähigkeit hat der Mensch der modernen, individualisierten Gesellschaft mit seiner nach außen verlagerten Sinnsuche 1 und dem damit einhergehenden Verlust seines Selbst jedoch weitgehend eingebüßt.
2. Was kennzeichnet ein Fest?
Die Skala der Merkmale eines Festes reicht von Verschwendung bzw. unproduktiver Verausgabung (Bataille, Mauss) bis hin zum „gebotenen Exzess“ (Freud) oder zum Medium der Erneuerung von Natur und Gesellschaft (Callois). Darüber hinaus sind Feste tiefster Ausdruck einer Zustimmung zur Welt und damit lebensbejahend (Pieper) (vgl. Martin, S.133).
Diese Aussagen lassen sich leicht mit spontanen Assoziationen zum Thema Fest vereinbaren. Um jedoch Missverständnissen bezüglich der Spannbreite dieses Themas vorzubeugen, ist eine nähere Definition des Phänomens Fest unumgänglich. 2
1 Anhäufung von Besitztümern, Mediatisierung des Lebens, Sucht nach immer neuen externen Stimuli usw.
2 Umgangsprachlich wird beispielsweise zwischen Fest und ‚Fete’ nicht exakt unterschieden. Diese
Undifferenziertheit könnte dazu verführen, das rituelle Stammesfest mit einer spontanen, modernen ‚Fete’
gleichzusetzen, obwohl sich das eine vom anderen inhaltlich soweit unterscheiden kann, dass diese beiden
Erscheinungsformen ein paradoxes Gegensatzpaar bilden. Ich verstehe den Begriff des Festes in Anlehnung an
Martin umfassender und als anderen spezifischen Begriffen wie dem der ‚Fete’ oder auch des Feiertags
übergeordnet. Zum Unterschied von Fest und Feiertag s. Martin, S.132.)
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2.1. Versuch einer Systematisierung
Bischofberger unterscheidet in der Religionsgeschichte fünf mögliche Merkmale eines Festes. Das erste betrifft die äußere Erscheinungsform und umfasst beispielsweise die musikalische Darbietung, kulinarische Genüsse und besondere Kleidung, aber auch Opfer und dramatische Aufführungen. Das zweite Merkmal beschreibt das Fest als ein komplexes Gesamtgeschehen. In Anlehnung an E. Durkheim ist jede soziale Gruppe zur Erhaltung ihrer Identität durch Bestätigung, Bestärkung und Erneuerung ihrer Gemeinschaft auf Feste angewiesen. 3 Eine dritte Besonderheit der Feste liegt in ihrer Möglichkeit zur Rückbesinnung auf den Ursprung. Diese Rückbesinnung wird dabei als notwendig zur Sicherung der Zukunft einer Gemeinschaft angesehen. Mit einem Fest sollen Ängste und Hoffnungen nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern überwunden werden. Auf diese Weise wird ihm ein lebensbejahender Charakter zugeschrieben. Viertens erfährt das Fest, wenn es in mehrere Feiertage eingebettet ist, auf formeller Ebene die Sinnerweiterung einer heiligen Zeit, in welcher die Arbeit sogar tabuisiert sein kann. Von besonderer Relevanz ist das fünfte Merkmal. Sein Wesen besteht in der Aufhebung bestimmter Institutionen, Gesetze und Konventionen. 4 Diese Umkehrung der Werte wird einerseits als notwendige Rückkehr ins Chaos verstanden, durch die Neuschöpfung und Erhaltung einer bestehenden gesellschaftlichen Ordnung erst möglich wird (Eliade). Andererseits werden die exzessiven Ausschweifungen eines Festes als potent ielle Gefährdung und Möglichkeit für den Umsturz herrschender Systeme interpretiert. In diesem Sinne würde der Protest das eigentliche Wesen eines Festes ausmachen (vgl. Bischofberger, S. 93-94).
Andere Autoren sehen insbesondere im Fest der Moderne eine tendenzielle Pervertierung, da die kapitalistischen Produktionsverhältnisse das Fest zu einem Herrschaftsinstrument derjenigen gemacht haben, die über politische und ökonomische Macht verfügen. Vertreter dieser Auffassung sind u.a. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (vgl. Gebhardt in: Schulz, S. 2).
Gebhardt verweist in Anlehnung an Josef Pieper und Karl Kerényi zusätzlich auf das Phänomen der Ruhe und Kontemplation als Prinzip des Festes. Durch den rhythmischen
3 Zurückgehend auf Sigmund Freud und Emil Durkheim unterstützt das Fest den Zusammenhalt und das
Fortbestehen einer Gesellschaft. Als Alternative zum Alltäglichen dient es der individuellen und kollektiven
Regeneration. Es wird u.a. auch als Flucht aus der Wirklichkeit und als Möglichkeit zum Exzess und des
Rückbezugs auf das Göttliche interpretiert (vgl. W. Gebhardt in: Schulz, S.2).
4 Im Fest bietet sich die Gelegenheit zur Umkehrung sozialer Ordnungen und zur Aufhebung der Alltagswelt.
Vertreter dieser Auffassung (wie z.B. Gerhard Martin und Harvey Cox) sehen im Fest eine Möglichke it zur
Steigerung des Lebensgefühls. Die Welt wird durch das Feiern von Festen als gerechter, glücklicher empfunden
(vgl. Gebhardt in: Schulz, S.2)
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Zyklus von Festen und ihrer Gestaltung besinnt sich der Mensch auf sich selbst. Feste haben als Ausgleich zur Arbeit entlastende Funktionen (Gebhardt in: Schulz, S. 2). Unabhängig davon, welche Einteilung zur Beschreibung und Klassifizierung von Festen vorgenommen wird, sind die oben beschriebenen Kategorien nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen.
2.2. Übergangsfeste, Naturfeste und heilsgeschichtliche Feste
Bischofberger unterscheidet drei Hauptgruppen von Festen: Übergangsfeste, Naturfeste und heilsgeschichtliche Feste.
Übergangsfeste markieren wichtige Übergänge in der Biographie eines Menschen, mit denen bedeutsame Veränderungen sowohl für das Individuum selbst als auch für die Gemeinschaft verbunden sind. Zu solchen Stationen zählen Geburt, Initiation, Hochzeit und Tod/Bestattung. Diese Übergänge werden durch sog. Übergangsriten (rites de passage) begleitet, deren besonderes Merkmal ihr dreistufiger Aufbau ist (A. van Gennep in: Bischofberger, S.94). In der ersten Phase, der Ablösung (séparation), verabschiedet sich das Individuum von seinem bisherigen Leben. Hieran schließt eine Art Übergangszeit (marge), gefolgt von der dritten Stufe, dem neuen Lebensabschnitt (agrégation). Besonders diese letzte Phase wird rituell begleitet und bietet daher Anlass für die Feste der Gemeinschaft. Während die Geburt vor allem die Aufnahme in eine neue Gemeinschaft thematisiert und die Hochzeit mit einem neuen Status für das Paar verbunden ist, liegt die Bedeutung der Initiation in der Erweckung zu neuem Sein und wird von der Gemeinschaft entsprechend als Fest des erneuerten Lebens gefeiert. Selbst die Bestattung wird als ein Fest der Lebenserneuerung begangen. Dies erscheint zunächst paradox, doch soll es den Toten in eine neue jenseitige Existenz überführen und ihn so aus der alten Gemeinschaft lösen (vgl. Bischofberger, S.94). Anlässe für das Feiern von Naturfesten sind besondere, immer wiederkehrende Rhythmen im Jahreslauf. So werden beispielsweise die Sommer- und Wintersonnenwende als kritische Angelpunkte des Jahres bezeichnet. Die Wiedergeburt der Sonne dient dabei als Symbol für die Erneuerung des Lebens in der Gemeinschaft. In bäuerlichen Kulturen dagegen gelten Aussaat und Ernte als die kritischen Schnittpunkte, so dass deren Feste eng an wirtschaftliche Tätigkeiten gebunden sind (vgl. Bischofberger, S.94-95).
Für die Erlösungsreligionen sind die heilsgeschichtlichen Feste von besonderer Bedeutung. Auch sie werden jährlich wiederholt und erinnern an das Eingreifen Gottes oder an bestimmte Ereignisse aus dem Leben von Heiligen. Heilsgeschichtliche Feste wollen aber nicht einfach
Arbeit zitieren:
Gerlinde Braun, 2004, Das Fest - Ein Seiltanz zwischen Identität und Selbstentfremdung, München, GRIN Verlag GmbH
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