Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
1 Problemstellung, Zielsetzung und Gang der Untersuchung 1
2 Reverse Pricing. 5
2.1 Definition, Abgrenzung, Begrifflichkeiten. 5
2.2 Anwendungsbereiche 8
3 Ziele und Handlungsalternativen des Verkäufers. 11
3.1 Ziele des Verkäufers. 11
3.2 Handlungsalternativen des Verkäufers. 12
4 Modellierung des Konsumentenverhaltens in Reaktion auf die
Handlungsalternativen. 17
4.1 Preisauswahlverfahren. 17
4.1.1 Darstellung des Modells von Chernev 17
4.1.2 Kritische Würdigung und Ergebnis des Modells 19
4.2 Einmalige oder mehrfache Gebotsabgabe 19
4.2.1 Das Modell von Ding et al. 20
4.2.2 Das Modell von Fay ohne Suchkosten 20
4.2.2.1 Darstellung des Modells 20
4.2.2.2 Kritische Würdigung des Modells. 23
4.2.2.3 Eigene Erweiterung des Modells. 25
4.2.3 Empirische Untersuchungen zu Suchkosten 26
4.2.4 Das Modell von Fay mit Suchkosten 28
4.2.4.1 Darstellung des Modells 28
4.2.4.2 Kritische Würdigung des Modells 30
Inhaltsverzeichnis II
4.2.5 Das Modell von Spann/Skiera/Schäfers 31
4.2.5.1 Darstellung des Modells 31
4.2.5.2 Kritische Würdigung des Modells. 36
4.2.6 Gemeinsame kritische Würdigung und Ergebnis der Modelle 37
4.3 Unterbindung von Missbrauch 39
4.3.1 Darstellung des Modells von Fay. 39
4.3.2 Kritische Würdigung des Modells von Fay. 40
4.3.3 Eigene Überlegungen 40
4.3.4 Ergebnis der Überlegungen 43
4.4 Restriktionen für eine weitere Gebotsabgabe. 45
4.4.1 Eigene Überlegungen zur Vorteilhaftigkeit von Restriktionen. 45
4.4.2 Eigene Überlegungen zur Optimierung der Suchkosten 47
4.4.3 Ergebnis der Überlegungen 49
5 Empfehlungen für eine optimale Gestaltung aus Verkäufersicht. 51
6 Zusammenfassung und Ausblick. 54
7 Anhang 56
7.1 Übersicht verwendeter Variablen 56
7.2 Herleitung der Optimalitätsbedingung für die Suchkosten c 57
Literaturverzeichnis 62
Erkl ärung gemäß § 19 Abs. 8 und 9 der Prüfungsordnung. 65
Lebenslauf gemäß § 19 Abs 9 der Prüfungsordnung 66
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Ziele aus Verkäufersicht
Abbildung 2: Designvariablen und ihre möglichen Ausprägungen
Abbildung 3: Deckungsbeitrag von mehrfachem Bieten (MB) und einmaligem Bieten
(EB) in Abhängigkeit von den Suchkosten c
Abbildung 4: Vergleich der optimalen Gebote für verschiedene Parameter im Ein- und
Mehrfach -Gebotsfall
Abbildung 5: Vergleich der Gebotshöhen von Gruppe H und Gruppe N
Abbildung 6: Biethöhen in Abhängigkeit von Suchkosten c
Abbildung 7: Optimale Ausprägung der Designvariablen in Bezug auf die
Verkäuferziele
Kapitel 1 Seite 1
1 Problemstellung, Zielsetzung und Gang der Untersuchung
Die Theorie der Preisdifferenzierung ersten Grades nach Pigou beschreibt das Ziel, durch individuelle Preise die bei Konsumenten vorhandenen heterogenen Zahlungs-
bereitschaften vollständig abzuschöpfen 1 und so eine Gewinnsteigerung für den Verkäufer zu erzielen. 2 Die mit der Etablierung des Internets verbundene Senkung von Transaktionskosten 3 für die Preisbestimmung 4 und Preisauszeichnung 5 ermöglicht seit einiger Zeit den Einsatz von neuen Preissetzungsmechanismen, die diesem Ziel nahe
kommen. 6 Einer dieser Preissetzungsmechanismen hat in den letzten Jahren besondere Bedeutung erlangt: das sogenannte Reverse Pricing. Mit einem Umsatz von 1,17 Mrd.
Dollar 7 erreicht einer der größten Anbieter von Reverse Pricing, Priceline.com, bereits rund die Hälfte des jährlichen Umsatzes des Internet-Auktionshauses eBay. 8 Anders als bei herkömmlichen Preisfindungsmechanismen agiert bei Reverse Pricing der Käufer nicht als Preisnehmer, sondern als Preisgestalter. 9 Der Konsument nennt den Preis, den er für ein bestimmtes Produkt zu zahlen bereit ist und hinterlegt seine Kreditkartendaten zur Absicherung der Zahlung. 10 Der Verkäufer definiert zuvor einen geheimen Schwellenpreis, ab dem er das Produkt verkaufen möchte. 11 Liegt das Käufer-Gebot über oder auf dem Schwellenpreis, kommt die Transaktion ohne weiteres Zutun
1 Vgl. Pigou, Arthur Cecil: The Economics of Welfare, 3. Auflage, London 1929, S. 279.
2 Vgl. Fassnacht, Martin: Preisdifferenzierung, in: Diller, Hermann/Herrmann, Andreas (Hrsg.): Handbuch
Preispolitik, Wiesbaden 2003, S. 491.
3 Vgl. Bakos, Yannis: The Emerging Role of Electronic Marketplaces on the Internet, in: Communications of the
ACM, Jg. 41 (1998), H. 8, S. 35.
4 Vgl. Dolan, Robert J./Moon, Youngme: Pricing and market making on the internet, in: Journal of Interactive
Marketing, Jg. 14 (2000), H. 2, S. 62-63.
5 Vgl. Dolan, R. J./Moon, Y., 2000, S. 61.
6 Vgl. Skiera, Bernd/Spann, Martin: Flexible Preisgestaltung im Electronic Business, in: Weiber, Rolf (Hrsg.):
Handbuch Electronic Business, Wiesbaden 2000, S. 539.
7 Der genannte Wert bezieht sich auf das Fiskaljahr 2001. Vgl. Datamonitor: Priceline.com Company Profile,
London 2003, S. 4.
8 In 2002 wurden über eBay Produkte im Wert von 2,8 Mrd. US-Dollar umgesetzt. Vgl. o.V.: Ebay steigert
Investitionen in Deutschland, unter: http://www.ftd.de/tm/tk/1067066347401.html, Zugriff am 1.1.2004.
9 Vgl. Chernev, Alexander: Reverse Pricing and Online Price Elicitation Strategies in Consumer Choice, in: Journal
of Consumer Psychology, Jg. 13 (2003), H. 1/2, S. 51.
10 Vgl. Kannan, P. K./Kopalle, Praveen: Dynamic Pricing on the Internet: Importance and Implications for Consumer
Behavior, in: International Journal of Electronic Commerce, Jg. 5 (2001), H. 3, S. 67.
11 Vgl. für den Rest des Absatzes Chernev, A., 2003, S. 51.
Kapitel 1 Seite 2
des Käufers zustande. Der Verkaufspreis entspricht dem vom Käufer genannten Gebot. Unterschreitet das Gebot die geheime Preisschwelle, kommt die Transaktion vorerst nicht zustande. Verkäufer in diesem Kontext ist entweder ein Intermediär oder direkt der Hersteller. 12
In der Grundform des Reverse Pricing bietet sich dem Konsumenten nur einmal die Möglichkeit zur Gebotsabgabe. 13 Daher steht er vor dem Kalkül, einen hohen Preis zu bieten, der ihm eine nur geringe Einsparung bringen kann, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem erfolgreichen Gebot führt, oder einen niedrigen Preis mit einer
niedrigen Erfolgswahrscheinlichkeit aber einer hohen Ersparnis zu wählen. 14 Aus Verkäufersicht gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Bietmechanismus zu gestalten
und somit Einfluss auf das Konsumentenverhalten zu nehmen. 15 So ist z.B. zu entscheiden, ob dem Konsumenten nach einem ersten erfolglosen Gebot die Möglichkeit für ein weiteres Gebot gegeben werden soll oder nicht. Eine mehrfache Gebotsmöglichkeit könnte einerseits dazu führen, dass sich die Konsumenten in kleinen Schritten an den Schwellenpreis herantasten und so die Marge für den Verkäufer reduzieren. Andererseits könnte das Verbot von mehrfachem Bieten die Konsumenten daran hindern, weitere Gebote nach einem erfolglosen Gebot abzugeben. Neben der Frage, ob das einfache oder mehrfache Bieten aus Verkäufersicht attraktiver ist, stellen sich für den Verkäufer weitere Fragen, wie der Bietmechanismus zu gestalten ist. Obwohl in den USA mit Priceline.com eine bedeutende Reverse Pricing Plattform existiert und in Deutschland zwischenzeitlich Tallyman und Ihrpreis.de am Markt waren, beschäftigt sich die wissenschaftliche Literatur erst seit 2001 eingehend mit der
Analyse von Reverse Pricing. 16 Dabei untersuchen die meist US-amerikanischen Veröffentlichungen hauptsächlich den Einfluss einzelner Ausgestaltungsformen des
12 Vgl. zu der Herleitung der Begrifflichkeit Kapitel 2.1.
13 Vgl. Spann, Martin/Skiera, Bernd/Schäfers, Björn: Reverse-Pricing-Verfahren und deren Möglichkeiten zur
Messung von individuellen Suchkosten und Zahlungsbereitschaften, Arbeitspapier des Lehrstuhls Electronic
Commerce der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Frankfurt 2003, S. 1.
14 Vgl. Ding, Min/Eliasberg, Jehoshua/Huber, Joel et al.: Emotional Bidders - An Analytical and Experimental
Examination of Consumers´ Behavior in Reverse Auctions, Arbeitspapier des Smeal College of Business
Administration der Pennsylvania State University, Philadelphia PA 2002, S. 7.
15 Vgl. Bernhardt, Martin/Skiera, Bernd: Reverse Pricing - Optimales Design eines "Name-Your-Own-Price"-
Mechanismus, Arbeitspapier des Lehrstuhls Electronic Commerce der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt, Frankfurt 2003, S. 9.
16 Vgl. Fay, Scott: Partial Repeat Bidding in the Name-Your-Own-Price-Channel, Arbeitspapier des Department of
Marketing der University of Florida, Gainesville FL 2003, S. 5.
Kapitel 1 Seite 3
Bietmechanismus auf das Konsumentenverhalten. 17 Eine lückenlose Analyse und Gegenüberstellung dieser Gestaltungsmöglichkeiten und des daraus resultierenden Konsumentenverhaltens fehlt bisher. Zum zweiten fehlt eine Untersuchung darüber, welche Gestaltungsformen aus Verkäufersicht optimal sind. 18 Erst ein Forschungsprojekt der Universität Frankfurt begann im Oktober 2003 mit einer Untersuchung der optimalen Gestaltung aus Verkäufersicht. 19
Das Ziel dieser Arbeit ist die Beantwortung der folgenden Forschungsfrage: Welches Käuferverhalten lässt sich als Reaktion auf die unterschiedlichen Ausgestaltungsformen des Bietmechanismus bei Reverse Pricing beobachten und welche Implikationen lassen sich daraus für die optimale Gestaltung des Bietmechanismus ableiten? Im Mittelpunkt der Analyse steht dabei die Zusammenfassung der bisher vorhandenen Modelle und Untersuchungen und die eigene Erweiterung zu einer geschlossenen Empfehlung. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden die verschiedenen Ausgestaltungsmöglichkeiten des Bietmechanismus analysiert. Da der Konsument als Preisgestalter durch sein Bietverhalten den Erfolg eines Bietprozesses für den Verkäufer bestimmt, muss die Analyse an dem zu erwartenden Konsumentenverhalten ansetzen. Wenn bekannt ist, wie die Konsumenten auf die verschiedenen Ausgestaltungen reagieren, können im Abgleich mit den Zielen des Verkäufers Implikationen abgeleitet werden, wie das Reverse Pricing optimal ausgestaltet sein sollte. Die Arbeit betrachtet dabei die originär das Reverse Pricing betreffenden Ausgestaltungsmöglichkeiten des Bietmechanismus - nicht spezifisch mit dem Reverse Pricing auftretende Gestaltungsmöglichkeiten sollen ausgeblendet werden. Insbesondere nicht betrachtet wird die Frage nach der Festlegung des optimalen Preises, da diese Thematik nicht in direktem Zusammenhang mit der Vorteilhaftigkeit der verschiedenen Ausgestaltungen des Bietmechanismus steht.
In Kapitel 2 soll Reverse Pricing eingeordnet und von verwandten Preisfindungsmechanismen abgegrenzt werden.
17 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 3.
18 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 3-4.
19 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 4-5.
Kapitel 1 Seite 4
Da mit der Forschungsfrage ein Entscheidungsproblem aus Sicht des Verkäufers gelöst werden muss, soll sich die weitere Gliederung der Arbeit an der Lösung eines
Entscheidungsproblems 20 orientieren.
Um später eine Entscheidung über eine optimale Ausgestaltung des Bietmechanismus treffen zu können, wird in Kapitel 3 definiert, was die Ziele aus Verkäufersicht sind, was also unter einer optimalen Gestaltung aus Verkäufersicht zu verstehen ist. Zum zweiten wird dargestellt, welchen Handlungsalternativen sich der Verkäufer gegenüber sieht.
In Kapitel 4 werden Modelle, die das Konsumentenverhalten bei Reverse Pricing in Reaktion auf die verschiedenen Ausgestaltungen hin erklären, untersucht und kritisch gewürdigt. Dort, wo keine Modelle zur Untersuchung der betrachteten Handlungsalternativen vorliegen, werden eigene Modelle aufgestellt. Den Schluss von Kapitel 4 bildet die Gegenüberstellung und Zusammenfassung der Erklärungsansätze, so dass anschließend einheitliche Aussagen zum Konsumentenverhalten abgeleitet werden können. Da die Bewertung anhand der Ziele direkt mit dem Konsumentenverhalten zusammenhängt, soll zur Vermeidung einer künstlichen Trennung auch bereits in diesem Kapitel auf die Einordnung des Konsumentenverhaltens in Bezug auf die Ziele des Verkäufers eingegangen werden. Nur so kann die Tauglichkeit der Modelle in Bezug auf die Ziele direkt überprüft werden.
In Kapitel 5 werden schließlich Empfehlungen abgeleitet, wie das optimale Bietverfahren des Reverse Pricing aus Verkäufersicht gestaltet sein muss. Im abschließenden Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und der weitere Forschungsbedarf skizziert.
20 Vgl. Müller-Hagedorn, Lothar: Der Handel, Stuttgart-Berlin-Köln 1998, S. 134-145.
Kapitel 2 Seite 5
2 Reverse Pricing
In diesem Kapitel wird dargestellt, was unter Reverse Pricing zu verstehen ist und wie es sich von anderen Preisfindungsmechanismen abgrenzt. Diese Informationen sollen helfen, die Spezifika von Reverse Pricing zu verstehen, und grundlegende Hinweise für die weitere Analyse geben.
2.1 Definition, Abgrenzung, Begrifflichkeiten
Im folgenden wird Reverse Pricing definiert und von anderen Preisfindungsmechanismen abgegrenzt. Abschließend werden zentrale Begriffe definiert. Definition von Reverse Pricing
Reverse Pricing bezeichnet ein Preisfindungsverfahren, bei dem ein Kaufinteressent ein Gebot für ein Produkt abgibt, zu dem der Verkäufer zuvor eine geheime Preisschwelle definiert hat. Trifft oder überschreitet der Bietpreis die geheime Preisschwelle, erhält der Konsument das Produkt zum Bietpreis; im anderen Fall kommt keine Transaktion zustande. 21 Im Unterschied zu gewöhnlichen Preissetzungsverfahren, tritt also nicht der Verkäufer als Preisgestalter auf, sondern der Konsument. 22 Der Verkäufer kann lediglich über die Annahme oder Zurückweisung des Gebots entscheiden. 23 Reverse Pricing gehört zu den Verfahren der Preisdifferenzierung, da es den Strategien zuzurechnen ist, die ein Produkt, welches in Bezug auf seine räumlichen, zeitlichen, leistungs- und mengenbezogenen Dimensionen identisch ist, an verschiedene Nachfrager zu unterschiedlichen Preisen verkaufen. 24 Außerdem zählt es zu den Verfahren der dynamischen Preisdifferenzierung, da der Verkaufspreis über die Zeit variieren kann. 25 Wie bei anderen Formen der Preisdifferenzierung auch, ist das Ziel die möglichst hohe Abschöpfung der Zahlungsbereitschaft. 26 Reverse Pricing orientiert sich hierbei an dem sogenannten Personalized Pricing: In der von Pigou als Preisdifferenzierung ersten Grades benannten Art der Preisdifferenzierung erhält jeder
21 Vgl. Chernev, A., 2003, S. 51.
22 Vgl. Skiera, B./Spann, M., 2000, S. 545.
23 Vgl. Chernev, A., 2003, S. 51.
24 Vgl. Fassnacht, M., 2003, S. 486.
25 Vgl. Kannan, P. K./Kopalle, P., 2001, S. 67.
26 Vgl. Fassnacht, M., 2003, S. 488.
Kapitel 2 Seite 6
Konsument einen individuellen Preis, der seine Zahlungsbereitschaft vollständig abschöpft und ihm somit keine Konsumentenrente überlässt. 27 Obwohl die Preisdifferenzierung ein Idealkonzept ist und somit das Ziel der vollständigen Abschöpfung der individuellen Zahlungsbereitschaft nicht endgültig erreicht werden kann, 28 liegt die Preisdifferenzierung ersten Grades meiner Einschätzung nach bei Reverse Pricing vor, da es das genannte Ziel in gewissen Maßen erreicht. 29 Abgrenzung
Wichtig ist, Reverse Pricing gegenüber dem Begriff „Reverse Auction“ einzuordnen, der in der Literatur nicht einheitlich verwendet wird. Häufig werden hierunter Verfahren zusammengefasst, bei denen ein Käufer eine Auktion initiiert um von mehreren
Verkäufern im Rahmen einer sog. Einkaufsauktion Gebote zu erhalten. 30 Teilweise wird der Begriff „Reverse Auction“ in der Literatur jedoch auch verwendet, um den hier
behandelten Fall des Reverse Pricing zu bezeichnen. 31 Um Missverständnisse zu vermeiden, wird in dieser Arbeit für den letztgenannten Sachverhalt einheitlich der Begriff Reverse Pricing verwendet.
Reverse Pricing ist von den klassischen Auktionen abzugrenzen, da es zwar einerseits Gemeinsamkeiten, andererseits aber auch signifikante Unterschiede zwischen beiden Mechanismen gibt. Beide Verfahren sind dynamische Preisfindungsverfahren, da der
Preis sich über die Zeit ändert. 32 Außerdem ist bei beiden Verfahren der Endverkaufspreis aus Sicht des Verkäufers zu Beginn unbekannt, da er vom Käufer aktiv gestaltet
wird. 33 Im Unterschied zu Auktionsmechanismen ist die Anzahl der Produkte beim Reverse Pricing nicht sichtlich beschränkt, so dass der Konsument nicht mit anderen Mitbietern um das selbe Produkt konkurriert, sondern lediglich gegen die Preisschwelle
27 Vgl. Pigou, A. C., 1929, S. 279.
28 Vgl. Fassnacht, M., 2003, S. 491.
29 Eine ähnliche Argumentation zur Einordnung von Auktionen unter den Begriff der Preisdifferenzierung ersten
Grades findet sich bei Fassnacht. Vgl. Fassnacht, M., 2003, S. 492.
30 Vgl. Smeltzer, Larry R./Carr, Amelia S.: Electronic reverse auctions - Promises, risks and conditions for success,
in: Industrial Marketing Management, Jg. 32 (2003), H. n.n., S. 481. und Jap, Sandy D.: An Exploratory Study of the
Introduction of Online Reverse Auctions, in: Journal of Marketing, Jg. 67 (2003), H. 3, S. 506.
31 Vgl. Kannan, P. K./Kopalle, P., 2001, S. 74.
32 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 5.
33 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 5-6.
Kapitel 2 Seite 7
des Verkäufers bietet: 34 Die Anzahl der Konkurrenten beim Reverse Pricing ist somit reduziert auf eins. 35 Da der Konsument innerhalb von kurzer Zeit eine Information über die Überschreitung oder Unterschreitung der Preisschwelle erhält, 36 ist es dem Anbieter auch gar nicht möglich, verschiedene Gebote von Konsumenten abzuwarten und aus
diesen auszuwählen. 37 Für den Verkäufer unterscheidet sich Reverse Pricing von klassischen Auktionen, da Reverse Pricing die Unsicherheit des Verkäufers in Bezug
auf den zu erzielenden Verkaufspreis durch das Setzen der Preisschwelle reduziert. 38 Deutlich wird der Unterschied auch anhand der Zeitdauer bis zur Beendigung der
Auktion. Bei klassischen Auktionen im Internet ist ein Endzeitpunkt exogen definiert, 39 beim Reverse Pricing wird die Auktion sofort beendet, wenn das Gebot des Bieters die
Preisschwelle erreicht oder übertroffen hat. 40
Reverse Pricing ähnelt sehr dem Lotterie-Verfahren von Becker/DeGroot/Marschak 41 , bei dem der Konsument ein Gebot abgibt und nur dann das Produkt erwerben kann, wenn er die Preisschwelle mindestens erreicht. Im Unterschied zum Reverse Pricing wird hier jedoch als Kaufpreis der Schwellenpreis gesetzt, d.h. der Bieter beeinflusst durch sein Gebot den Kaufpreis nicht. 42 Da der Konsument also keinen Anreiz hat, niedriger als seine Zahlungsbereitschaft zu bieten, wird das Verfahren von
34 Vgl. Chernev, A., 2003, S. 51.
35 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 6.
36 Bei Priceline.com ist das laut Spann, M./Skiera, B./Schäfers, B., 2003, S. 1. innerhalb von durchschnittlich 15
Minuten der Fall.
37 Vgl. Fay, S., 2003, S. 5.
38 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 7.
39 Vgl. Skiera, Bernd/Spann, Martin: Auktionen, in: Diller, Hermann/Herrmann, Andreas (Hrsg.): Handbuch
Preispolitik, Wiesbaden 2003, S. 635. Eine Ausnahme bildet hier die ‚Sofort-Kaufen-Option’ bei Internetauktionen,
mit der die Auktion sofort beendet werden kann. Außerdem besteht eine Abwandlung darin, dass Auktionen bei
Geboten kurz vor dem geplanten Ende der Auktion künstlich um bestimmtes Inkrement verlängert werden. Vgl.
Ariely, Dan/Ockenfels, Axel/Roth, Alvin E.: An Experimental Analysis of Ending Rules in Internet Auctions,
Arbeitspapier der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge MA
2003, S. 1. Der Regelfall ist jedoch, dass Auktionen einen definierten Endzeitpunkt haben.
40 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 7.
41 Vgl. Becker, Gordon M./De Groot, Morris H./Marschak, Jacob: Measuring Utility by a Single-Response Sequential
Method, in: Behavioral Science, Jg. 9 (1964), H. July, S. 228.
42 Vgl. Wertenbroch, Klaus/Skiera, Bernd: Measuring Consumers' Willingness to Pay at the Point of Purchase, in:
Journal of Marketing Research, Jg. XXXIX (2002), H. May, S. 230.
Kapitel 2 Seite 8
Becker/DeGroot/Marschak als anreizkompatibel 43 bezeichnet, das Reverse Pricing nicht. 44 Begrifflichkeiten
Im folgenden sollen die Begriffe Kunde, Konsument und Käufer synonym verwendet werden. Sie bezeichnen jeweils den Akteur beim Reverse Pricing, der das Produkt erwerben möchte. Als Verkäufer wird derjenige bezeichnet, der das Produkt gegenüber dem Kunden anbietet. Dies kann direkt der Hersteller sein, der Reverse Pricing im Direktvertrieb einsetzt. Alternativ kann ein eingeschalteter Intermediär, der als zwischengeschaltete Handelsstufe eine Reverse Pricing Plattform betreibt, als Verkäufer auftreten.
In der Literatur und dieser Arbeit wird neben dem Begriff Preisschwelle auch der Begriff Reservationspreis für den vom Verkäufer gesetzten Preis verwendet, der mindestens geboten werden muss, damit das Gebot des Käufers erfolgreich ist. Außerdem werden die Begriffe Zahlungsbereitschaft und Preisbewilligungsbereitschaft als Ausdruck dessen, was ein Käufer maximal bereit ist für ein Produkt zu zahlen, gleichzeitig verwendet. 45
Unter dem Begriff Konsumentenrente wird die Differenz zwischen der Zahlungsbereitschaft des Konsumenten und dem tatsächlich gezahlten Preis verstanden. 46
2.2 Anwendungsbereiche
In diesem Kapitel werden die Anwendungsbereiche für Reverse Pricing dargestellt. Hierzu werden geeignete Produkte definiert und beispielhafte Anbieter und Märkte vorgestellt. Produkte für Reverse Pricing
Die Produkte, die mittels Reverse Pricing verkauft werden, weisen ähnliche Eigenschaften wie solche Produkte auf, die sich auch für andere Formen der Preisdifferen-
43 Vgl.Sattler, Henrik und Nitschke, Thomas: Ein empirischer Vergleich von Instrumenten zur Erhebung von
Zahlungsbereitschaften, Hamburg 2001, S. 3-4.
44 Vgl. Wertenbroch, K./Skiera, B., 2002, S. 239.
45 Vgl. zur Definition des Reservationspreises bspw. Varian, Hal R.: A Model of Sales, in: The American Economic
Review, Jg. 70 (1980), H. 4, S. 652.
46 Vgl. Fay, S., 2003, S. 10.
Kapitel 2 Seite 9
zierung eignen. Dies sind Produkte mit sehr geringen Grenzkosten, hohen Fixkosten und hoher Verderblichkeit. 47 Diese Produkte weisen einen großen Spielraum zur Preisdifferenzierung auf. 48 Weiterhin ist es notwendig, dass die Konsumenten eine geringe Transparenz über die Marktpreise haben, 49 da dies ebenfalls die Preisdifferenzierung erleichtert. 50 Die genannten Bedingungen treffen hauptsächlich auf Dienstleistungen zu. 51 So werden bei Priceline.com zum Großteil Dienstleistungen wie Flüge, Hotelübernachtungen und Mietwagentage verkauft. 52 Anbieter von Reverse Pricing
In den USA gibt es neben Priceline.com noch weitere Anbieter von Reverse Pricing wie Expedia und eBay Travel. 53 In Deutschland existierten die Intermediäre Tallyman und Ihrpreis, die aber mittlerweile nicht mehr auf dem deutschen Markt agieren. 54 LTU betreibt mit Biet & Flieg als einer der wenigen deutschen Hersteller ein Reverse Pricing
Angebot. 55
Nach Einschätzung von Simon&Kucher 56 hat sich Reverse Pricing in Deutschland deshalb u.a. nicht so gut wie in den USA entwickelt, weil sich die Mentalität der Deutschen von der der Amerikaner unterscheidet. Für einen deutschen Käufer ist eine Preisdifferenzierung dann nachvollziehbar, wenn der Grund unterschiedliche Produkteigenschaften, Kaufbedingungen oder Käufersegmentierung ist. Beispielsweise akzeptiert ein deutscher Käufer die Preisdifferenzierung in Form von Frühbucherrabatten. Jedoch sind die Deutschen im Unterschied zu den Amerikanern dann
47 Vgl. Simon, Hermann: Preismanagement, Wiesbaden 1992, S. 568.
48 Vgl. Simon, H., 1992, S. 571.
49 Vgl. Day, George S./Hubbard, Katrina J.: Customer Relations go Digital, Arbeitspapier der Wharton School der
University of Pennsylvania, Philadelphia PA 2002, S. 15.
50 Als Priceline.com eine Zeit lang auch Lebensmittel anbot, zeigte sich schnell, dass die Konsumenten über diese
Produkte aufgrund des häufigen Einkaufs dieser Produkte ein zu hohes Wissen hatten und daher zu niedrig boten.
Dies führte dazu, dass der Lebensmittel-Bereich nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurde. Vgl. Kannan, P.
K./Kopalle, P., 2001, S. 75-76.
51 Vgl. Simon, H., 1992, S. 571.
52 Vgl. Datamonitor, 2003, S. 5.
53 Vgl. Fay, S., 2003, S. 3.
54 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 2.
55 Vgl. o.V.: Biet & Flieg, unter: https://www.ltu.de/buf/searchInfo.jsp?langDir=ger&agbSiteID=90000003, Zugriff
am 5.12.2003.
56 Die Aussagen dieses Absatzes stammen aus einem Telefonat vom 18.11.03 mit Frau Claudia Fichtner, Direktorin
bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners in Bonn.
Kapitel 2 Seite 10
gegenüber einem Preissetzungsverfahren skeptisch, wenn ein anderer Käufer das Produkt durch seine Geschicklichkeit (etwa beim Bietprozess des Reverse Pricing) günstiger erwerben konnte. So ist ein Deutscher eher als der Amerikaner verärgert, wenn er z.B. gemeinsam mit einem anderen Reisenden auf einer Schiffsreise ist und sich herausstellt, dass der andere Gast die gleiche Reise zum gleichen Zeitpunkt günstiger erworben hat. Die Aussagen über die Mentalität und den Zusammenhang zum Erfolg von Reverse Pricing sind Hypothesen, die bisher noch nicht anhand einer empirischen Untersuchung überprüft wurden. Ausklammerung des Industriegüterbereichs
Da im Bereich der Industriegüter Kaufentscheidungen nach intensiver Informations-
suche gefällt werden 57 und somit eher Referenzpreise vorliegen, die die nötige Intransparenz in Bezug auf Marktpreise aufheben, fällt dieser Bereich nicht in die Anwendungsmöglichkeiten von Reverse Pricing. Hier sind die oben erwähnten Verfahren von Reverse Auctions in Form von Ausschreibungen vorherrschend. 58 Daher wird der Industriegüterbereich mit seinen Spezifika im folgenden nicht untersucht. Ausklammerung des Offline-Handels
Im Vergleich zur Offline-Welt sind die Transaktionskosten im Internet geringer. 59 Erst dies ermöglicht die effiziente Gestaltung 60 der mit Reverse Pricing verbundenen Prozesse der Preisauszeichnung 61 und Preisaushandlung 62 . Daher ist Reverse Pricing primär im E-Commerce und nicht im Offline-Handel anzutreffen. 63
57 Vgl. Simon, H., 1992, S. 541.
58 Vgl. Klein, Stefan und Loebbecke, Claudia: The Transformation of Pricing Models on the Web: Examples from the
Airline Industry, Münster 2000, S. 6.
59 Vgl. Bakos, Y., 1998, S. 35.
60 Vgl. Dolan, R. J./Moon, Y., 2000, S. 69.
61 Vgl. Dolan, R. J./Moon, Y., 2000, S. 61.
62 Vgl. Dolan, R. J./Moon, Y., 2000, S. 62-63.
63 Vgl. Bernhardt, M./Skiera, B., 2003, S. 1.
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Hanno Fichtner, 2004, Käuferverhalten bei Reverse Pricing: Implikationen für eine optimale Gestaltung aus Verkäufersicht, München, GRIN Verlag GmbH
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