Inhalt
1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert 1
2. „Die kleine Fliege“ S. 1 2
2.1 Das Vergnügen S. 2 3
3. Vorgehensweise der Interpretation 3
3.1 Lehrgedicht oder deskriptives Gedicht? 3
4. Konstituierung des Subjektes zum Objekt S. 3 5
4.1 Das hässliche Insekt? 5
4.2 Die Verfahrensweise S. 5 6
5. Form und Farbe des Objektes 6
5.1 Farbe versus Glanz S. 6 7
6. Beschreibung des Objektes 7
6.1 Edelsteinmetaphorik S. 7 9
6.2 Schöpfung als Spiegel Gottes S. 9 10
7. Gotteslob 10
8. Reflexion S. 10 11
9. Rationaler Diskurs S. 11 12
9.1 Die Sonne und ihr Licht 12
9.2 Das Wunder 13
10. Konklusion S. 13 14
11. Aufbau des Gedichtes 14
11.1 Die Komplexität des Gedichtes 14
11.2 Reimschema S. 14 15
12. „Die kleine Fliege“ 15
II
1. Naturlyrik im 18. Jahrhundert
„Nahm in der Literatur des 17. Jahrhunderts die Natur schon eine wichtige Stelle als
Inhaltselement ein, so wächst ihr Anteil im 18. Jahrhundert ganz beträchtlich. Alles für das
Gefühlsleben Bedeutsame wird nun in landschaftliche Umgebung eingebettet “ 1
Barthold Heinrich Brockes (1680 1747 ) läutete das 18. Jahrhundert ein mit seiner
neunbändigen Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721 1748 ) Das neue an
der Dichtung Brockes war, dass er, im Gegensatz zur älteren Gartendichtung, die sich kaum
ohne christliche und antike Topoi mitteilen konnte, Naturdinge und Naturphänomene mit
ihren genauen Namen benannte und diese sinnlich wahrnahm. 2
Der Wandel der Naturlyrik vom 17 . zum 18. Jahrhundert soll neben der Erarbeitung des
Gedichtes „Die kleine Fliege“ Gegenstand der Betrachtung dieser Arbeit sein. Hierbei soll das
Gedicht „Abend“ von Andreas Gryphius als Exemplum für die Barocklyrik dienen
Der Umbruch der Naturlyrik vollzog sich nicht einfach durch einen neuen Glauben, „sondern
der alte sah sich vom Gang der Zeit genötigt, die Natur als immer gewaltiger sich
aufdrängende Wirklichkeit weit genauer wahrzunehmen und in seine Weltdeutung
einzubeziehen, als das bisher geschehen war “ 3 Die Dichtung der früheren Aufklärung, die
hier durch das zu erarbeitende Gedicht „Die kleine Fliege“ 4 exemplarisch dargestellt wird,
repräsentiert „eine sinnlich erfahrbare Naturentdeckung und -beschreibung, die als Ausdruck
des Selbstgefühls dem aufklärerischen Prinzip der Selbstbestimmung und des
Vernunftgebrauches entspricht “ 5 Welche Naturentdeckung in dem Gedicht „Die kleine
Fliege“ gemacht wird und ob diese sinnlich erfahren wird, soll nun erarbeitet werden
2. „Die kleine Fliege“
Das zu behandelnde Gedicht „Die kleine Fliege“ von Barthold Heinrich Brockes entstammt
dem fünften Band (1736 erschienen) seiner voluminösen Gedichtsammlung „Irdisches
Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten “
1 Willi Fleming: Der Wandel des Deutschen Naturgefühls vom 15 . zum 18. Jahrhundert. In: Paul Klickhohn,
Erich Rothacker (Hrsg ): Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte
Halle/Saale 1931. 81
2 Vgl. Eberhard Haufe: Brockes oder der Anfang der Naturherrlichkeit im deutschen Gedicht. In: Bernd Jentzsch
(Hrsg ): Barthold Hinrich Brockes: Im grünen Feuer glüht das Laub. Weimar 1975. 137
3 Ebd. 134
4 „Die kleine Fliege“ in: Barthold Heinrich Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch
und Moralischen Gedichten, Fünfter Theil. Bern 1970
5 Günter Stephan: Lektürehilfen Naturlyrik. Gattungs- und epochenspezifische Aspekte. Stuttgart 1989. 32
1
In diesen neun Bänden kreisen „die Stücke [in weltfrommem Optimismus] um Gegenstände der Natur und des eigenen Körpers, beschreiben auf minutiöse Weise die Lichtreflexe auf dem Blatt einer Kirschblüte, die optischen und akustischen Sensationen eines Gewitters oder das Herausbrechen eines kranken Zahns.“ 6 Bei dem zu untersuchenden Geicht handelt es sich um Erlebnislyrik.
2.1 Das Vergnügen
Schon der Titel der Gedichtsammlung lässt nicht zweifeln an eine Neuartigkeit der Naturlyrik im 18. Jahrhundert. War das Thema der Barocklyrik noch die Vergänglichkeit des Menschen, die sich programmatisch auch in dem Abendgedicht von Gryphius geradezu aufdrängt („Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt ihre Fahn“), so ist bei Brockes von „Irdisch“, „Vergnügen“ und „Gott“ die Rede.
Das Vergnügen, das in dieser Trias an zentraler Stelle steht und der (syntaktischen) Verbindung des „Irdischen“ zum „Göttlichen“ dient, bildet als „Freude, Spaß, angenehmer Zeitvertreib, [...] zunächst vor allem [als] ‚innere Befriedigung, zufriedene Heiterkeit’“ 7 eben diesen Gegensatz zur Barockthematik. Hier zeigt sich, dass „der düstere Pessimismus des siebzehnten Jahrhunderts [...] sich in den wachsenden Optimismus der Aufklärung [verwandelte].“ 8
Dieser Wandel manifestiert sich um die Jahrhundertwende auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft. Die physikotheologischen Arbeiten von Thomas Burnet, Richard Bentley und sogar Newton mit seiner Arbeit „Philosophia naturalis princip ia mathematica“ am Ende des 17. Jahrhunderts stellten die Naturwissenschaft in den Dienst der Theologie, in dem sich der Optimismus der bürgerlichen Revolution selbst niederschlug. So ist auch das „Irdische Vergnügen in Gott“ zuallererst singende Physikotheologie 9 , mit der die Käfer- und Sternenwelt so gleichermaßen „mit betrachtendem Gemüte“ angeschaut und als Offenbarung göttlicher Weisheit und Allmacht begriffen werden kann. 10
Der zweite Teil des Titels, „bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten“, reicht über das Vergnügen hinaus. „Er besagt in dem doppelten Attribut, dass das Physikalische, d.
6 Rolf Grimminger (Hrsg.): Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution. S. 507.
7 Wolfgang Pfeifer, Wilhelm Braun u.a. (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin 1993. S.
1503.
8 Eberhard Haufe: Brockes. S. 138/139.
9 Unter >Physikotheologie< versteht man „die teleologische Betrachtung der Körperwelt und den Beweis, der von der so konstatierten zweckmäßigen Einrichtung, Vollkommenheit und Schönheit dieser Welt auf die Existenz Gottes und seine Eigenschaften schließt. Dieser Gottesbeweis [...] erfolgt explizit unter Berücksichtigung der Ergebnisse der aufkommenden Naturwissenschaften.“ Art. „Physikotheologie“ in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie (Bd. 7). Darmstadt 1989. Sp. 948f.
10 Vgl. Eberhard Haufe: Brockes. S. 139.
2
h. das von der Natur Handelnde, den Sinn hat, mit dem moralischen Bewusstsein des Menschen in Beziehung zu treten.“ 11 Vorwegzunehmen sei an dieser Stelle, dass sich das moralische Bewusstsein in den Lehrsätzen des zu behandelnden Gedicht findet. Dazu aber mehr an späterer Stelle.
„Wie den Physikotheologen ging es auch Brockes bei aller Naturbetrachtung zuerst und zuletzt um den Menschen, um seine sinnvolle Stellung zwischen Gott, Erdennatur und Universum.“ 12 Das „Vergnügen“ wird dem Menschen zugesprochen, das er, während der Prüfung seiner Stellung zwischen „Irdischen“, das ist die „Erdennatur“, und dem „Göttlichen“, erfährt.
3. Vorgehensweise der Interpretation
Das Gedicht „Die kleine Fliege“ besteht aus einem Textkorpus, der sich über 41 Verse erstreckt. Er enthält keine Strophen und ist in seinem Satzbau dem Prosastil sehr angenähert. Dieser lockere Stil steht, eben wie die neue Naturthematik, in einem krassen Gegensatz zur barocken Lyrik, in der die scharfe Zäsur innerhalb eines Verses die Trennung des Diesseits und des Jenseits andeutet. Die Funktion dieser Gedichtform wird gegen Ende dieser Arbeit erörtert.
Über den Versuch einer Typologisierung des Gedichtes „Die kleine Fliege“ soll nun der Gedichtstext bearbeitet werden. Hierbei erfolgt, nicht nur aus Gründen der Übersichtlichkeit, eine Unterteilung in Sinnabschnitte.
3.1 Lehrgedicht oder Deskriptives Gedicht?
Es ist nicht einfach, Brockes’ Gedichte eindeutig als deskriptive Gedichte oder als lehrende Gedichte zu klassifizieren. So ist für Breitinger eine gute Dichtung immer auch eine malende und lehrende. 13 Einmal vorausgesetzt, es handele sich bei dem vorliegenden Gedicht um ein beschreibendes, dann muss im Folgenden noch untersucht werden, ob auch in dem Gedicht „Die kleine Fliege“ die für beschreibende Gedichte typischen allgemeinen Wahrheiten, Sentenzen oder physikalischen und moralischen Lehrsätze 14 enthalten sind, die sich ja in einer Form im zweiten Teil des Bandtitels schon ankündigen („bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten“).
11 Günter Stephan: Lektürehilfen. S. 36.
12 Eberhard Haufe: Brockes. S. 139.
13 Vgl. Rolf Grimminger (Hrsg.): Deutsche Aufklärung. S. 506.
14 Vgl. Christop Siegrist: Das Lehrgedicht der Aufklärung. Stuttgart 1974. S. 38.
3
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Nadine Bavink, 2002, Barthold Heinrich Brockes: "Die kleine Fliege" Das hässliche Insekt als Verweis auf den Schöpfer?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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