Inhalt
Inhalt 1
Einleitung 2
1. Musiktherapie 5
1.1 Musiktherapie als Psychotherapie 5
1.2 Therapeutische Möglichkeiten von Musik 7
2. Musiktherapieforschung in der Psychiatrie 10
3. Die Psychiatrie im Kreiskrankenhaus Siegen 14
3.1 Musiktherapie im Kreiskrankenhaus Siegen 15
3.2 Beschreibung der Stichprobe 16
4. Methodologie 20
4.1 Qualitative Sozialforschung 20
4.2 Grounded Theory 20
4.3 Beschreibung der Dokumente 22
5. Untersuchungsverlauf 24
6. Ergebnisse 27
6.1 Die Hauptkategorie: Das Phänomen „Therapeutische Wirkungen“ 29
6.2 Ursächliche Bedingung 32
6.3 Kontextbedingungen 33
6.3.1 Therapieform 33
6.3.2 Intensität 36
6.3.3 Therapiephasen 38
6.3.4 Elemente der Musiktherapie 40
6.4 Intervenierende Bedingungen 45
6.5. Strategien der Patienten 47
6.5.1 Abwehr 47
6.5.2 Annahme 50
6.6. Konsequenzen / Resultate 51
6.6.1 Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung 51
6.6.2 Veränderung von körperlichen Symptomen 52
6.6.3 Veränderung der Themen 53
6.6.4 Veränderung der Wahrnehmung 54
6.6.5 Veränderung des musikalischen Verhaltens 54
6.6.6 Veränderte Gefühlszustände 55
6.6.7 Strukturen erkennen 56
7. Schlusswort 58
Literatur 60
Anhang 63
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Einleitung
Die Musiktherapie gehört zu den jüngeren Disziplinen in psychiatrischen Institutionen. Seit den 60er Jahren definiert und entwickelt sie sich als Psychotherapieverfahren mit eigenständigem Berufsbild und entsprechenden Ausbildungsstätten. Über ihren therapeutischen Stellenwert herrschen jedoch unterschiedliche Auffassungen. Grawe hat in seiner Metaanalyse die gegenwärtige Diskussion um den Stellenwert der verschiedenen Psychotherapieverfahren enorm forciert. Sein Urteil über die Musiktherapie lautet: „Die Musiktherapie kann gegenwärtig sicher nicht als eigenständiges Therapieverfahren angesehen werden, das als gleichrangige und selbständige Alternative neben die gut bewährten Psychotherapiemethoden gestellt werden könnte“ (Grawe et al. 1994, S. 161). Es scheint eine erhebliche Diskrepanz zwischen Forschung und Praxis zu bestehen, denn in vielen psychiatrischen, psychosomatischen, heilpädagogischen und ambulanten Einrichtungen wird zunehmend Musiktherapie mit anderen therapeutischen Verfahren kombiniert und in das Behandlungsangebot aufgenommen (Andritzky 1996). Auf die evidente klinische Wirksamkeit der Musiktherapie besonders in psychiatrischen Arbeitsfeldern weist Rüger (1991) hin. Er sieht aber auch das Problem der wissenschaftlichen Erfolgskontrolle zum einen im Hinblick auf die Methodenvielfalt und zum anderen darin, dass Musiktherapie meistens in Kombination mit anderen Behandlungsverfahren eingesetzt wird. Dennoch klassifiziert er Musiktherapie als „eigenständiges Behandlungsverfahren“. In dieser Arbeit werden Ansatzpunkte für die Relevanz von Musiktherapie in der Psychiatrie erarbeitet. Anhand einer qualitativen Analysemethode wird der therapeutische Stellenwert der Musiktherapie in der Psychiatrie veranschaulicht. Wie kann durch das Medium Musik ein psychotherapeutischer Prozess in Bewegung gebracht werden bzw. wie wirkt sich die Musiktherapie förderlich auf pathogene Verhaltensweisen und Erlebnisinhalte von psychiatrischen Patienten aus? Was kann die Musiktherapie leisten, was andere Therapieformen nicht können? Welche Methoden nutzt sie, um bei psychiatrischen Patienten therapeutische Prozesse in Gang zu setzen und zu fördern? Welche Themen sind im musiktherapeutischen Setting von Bedeutung?
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Diese Diplomarbeit erhebt hinsichtlich der gestellten Fragen keinen Anspruch auf letztgültige Antworten. Ihr Ziel ist es, eine Analyse und den Nachweis für die Berechtigung der Musiktherapie in der Psychiatrie vorzulegen, damit Musiktherapie im Rahmen eines Gesamtbehandlungskonzeptes effektiv genutzt werden kann. Mittels einer Stichprobe von 80 Patienten, die im Untersuchungszeitraum 1996 bis 2002 das musiktherapeutische Angebot der psychiatrischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Siegen wahrgenommen haben, werden Protokolle der Musiktherapeuten, die zur Dokumentation nach jeder Therapiesitzung für die Patientenakte angefertigt wurden (im folgenden Stundenprotokolle genannt), nach dem Verfahren der „Grounded Theory“ analysiert. Die Fragestellung an die Stundenprotokolle lautet: Welche Aussagen können über die Relevanz und Wirkung von Musiktherapie bei der Behandlung von Patienten in der Psychiatrie gemacht werden? Erkenntnisleitende Fragen sind: Sind im Therapieverlauf Veränderungen zu beobachten? Können Rückschlüsse auf bestimmte Elemente der Musiktherapie gemacht werden, die Veränderungen und Entwicklungen ausgelöst und in Bewegung gebracht haben?
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel:
Im ersten Kapitel wird Musiktherapie definiert und als Psychotherapie dargestellt. Danach werden die therapeutischen Möglichkeiten von Musik aus entwicklungspsychologischer, kommunikationstheoretischer und musikpsychologischer Sicht beschrieben.
Das zweite Kapitel liefert einen Überblick über Forschungsarbeiten, die zur Musiktherapie in der Psychiatrie vorliegen. Exemplarisch werden die Studien von
Stoffler und Weis, Pfeiffer et al., Thaut, Hintze und Engelmann erläutert. Die psychiatrische Abteilung des Kreiskrankenhauses Siegen, die dortigen Rahmenbedingungen der Musiktherapie und die Beschreibung der Stichprobe werden im dritten Kapitel dargestellt.
Den Kern des vierten Kapitels bildet die Beschreibung der angewendeten empirischen Untersuchungsmethode. Es werden die unterschiedlichen Bausteine der
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„Grounded Theory“ veranschaulicht und die als Datenbasis dienenden Dokumente beschrieben.
Die Dokumentation des Forschungsverlaufes und die daraus resultierenden Modifikationen sind Thema des fünften Kapitels.
Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der Dokumentenanalyse anhand des Kodierparadigmas von Strauss und Corbin erläutert.
Formale Aspekte:
Es wird weitestgehend die männliche Schreibform gewählt, da sie meines Erachtens den Lesefluss erleichtert. Zu beachten ist dabei, dass es sich bei den psychiatrischen Patienten, aber zu zwei Dritteln um Frauen handelt. Die Bezeichnung Klient und Patient wird synonym verwendet. Aus Gründen des Datenschutzes wurden im Ergebnisteil die Namen der Patienten, die in Zitaten aus den Protokollen eingefügt sind, anonymisiert.
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1. Musiktherapie
„Musiktherapie ist die gezielte Anwendung von Musik oder musikalischer Elemente, um therapeutische Ziele zu erreichen: Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer und körperlicher Gesundheit. Durch Musiktherapie soll dem Klienten Gelegenheit gegeben werden, sich selbst und seine Umwelt besser zu verstehen, sich in ihr freier und effektiver zu bewegen und eine bessere psychische und physische Stabilität und Flexibilität zu entwickeln“ (Eschen zit. in: Bruhn 2000, S.1). So lautet die Definition der National Association for Music Therapie (NAMT).
In Deutschland haben die Vertreter der bedeutendsten musiktherapeutischen Vereinigungen 1 1998 in den „Kasseler Thesen“ Musiktherapie als „summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen“ definiert, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutische zu charakterisieren sind“ (Bruhn 2000, S.1).
1.1 Musiktherapie als Psychotherapie
Grundsätzlich wird zwischen aktiver und der rezeptiver Musiktherapie unter-
schieden. Im Kreiskrankenhaus wie in der überwiegenden Praxis der Musiktherapie findet die aktive Musiktherapie Anwendung, deren Kernstück die musiktherapeutische Improvisation ist. Sie basiert auf unterschiedlichen Psychotherapieschulen, die in der Regel konfliktzentriert sind, oft kombiniert mit erlebniszentrierten und übungszentrierten Elementen (Burkhardt 1991).
Musiktherapie wird besonders dann angewandt, wenn die verbale Kommunikation im therapeutischen Setting keine Veränderungen und Entwicklungen im Erleben des Patienten hervorruft, sei es weil der Patient z.B. noch nicht bereit ist, sich verbal mit seinen pathogenen Konflikten auseinander zu setzen, sei es weil er sich verbal nicht artikulieren kann. Anwendungsbereiche für Musiktherapie sind alle Störungen, die auch mit der konventionellen Psychotherapie behandelt werden,
1 Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie (DGMT), Deutscher Berufsverband der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten (DBVMT), Berufsverband klinischer Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten (BKM), Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung Ost (DMVO), Sektion des Berufverbandes für Anthroposophische Kunsttherapie (BVAT), Verein zur Förderung der Nordoff/Robbins Musiktherapie, Bundesarbeitsgemeinschaft der staatlich anerkannten Musiktherapieausbildungen, Ständige Ausbildungsleiterkonferenz privatrechtlicher musiktherapeutischer Ausbildungen (SAMT). zit. nach Bruhn 2000, S.1
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insbesondere aber solche, die im emotionalen Erleben oder in Traumatisierungen ihre Ursachen haben, die vor der Entwicklung des Spracherwerbs liegen (Bolay 1991, 106f.).
Neben den musiktherapeutischen Verfahren, die sich auf schon bestehende psychotherapeutische Schulen beziehen, gibt es noch die Auffassung, dass Musiktherapie eine eigenständige Therapieform ist (z.B. Therapie nach Nordoff und Robbins oder die Tomatis Methode). Vertreter dieser Methoden beschreiben therapeutisches Handeln ausschließlich mit musikalischen Termini. Die Praxis an der psychiatrischen Abteilung des Kreiskrankenhauses ist am ehesten als am psychoanalytischen, der gestalttherapeutischen und klientenzentrierten
Ansatz orientiert bezeichnen.
Die psychoanalytisch orientierte Musiktherapie bezieht unterschiedliche Elemente aus der Psychoanalyse in das musikalische Geschehen mit ein. Die Musik stellt ein Übermittlungsobjekt zwischen Klient und Therapeut dar. Die gemeinsame Improvisation wird dazu genutzt, die Psychodynamik der Patienten zu erkunden, unbewusste Gefühle zu entdecken, zum Ausdruck zu bringen und durchzuarbeiten. Mary Priestley definiert dies folgendermaßen: „Analytische Musiktherapie besteht darin, dass Therapeut und Klient mit Hilfe improvisatorischer Musik das Innenleben des Klienten zu erforschen und dessen Wachstumsbereitschaft zu fördern versuchen“ (1983, S. 18). An die Stelle der freien Assoziation in der Psychoanalyse tritt in der Musiktherapie die musikalische Improvisation und deren verbale Interpretation. Ein wesentlicher Unterschied zur Psychoanalyse besteht darin, dass psychoanalytische Musiktherapie dialogisch ist. Therapeut und Klient musizieren gemeinsam. Bei der freien Improvisation sind Regression, Abwehr, Übertragung und Gegenübertragung möglich. Sie beziehen sich auf das musikalische Geschehen und die ihm immanenten Bedeutungsinhalte. An den musikalischen Teil wird in der Regel ein verbaler angeschlossen. In der Improvisation können präverbale und pränatale Erfahrungen nochmals erlebt werden. Bei der Regression während des musikalischen Geschehens werden defizitäre Bedürfnisse befriedigt. Die Klangproduktion hat symbolische Bedeutung. Unbewusstes kann in der Musik zum Ausdruck kommen (vgl. Priestley 1983).
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Der gestalttherapeutische Ansatz ist gekennzeichnet durch den Dialog zwischen Therapeut und Klient im „Hier und Jetzt“. Verschiedene Elemente der Gestalttherapie helfen dem Patienten, gemeinsam mit dem Therapeuten auf die Suche nach dem „Hintergrund“ der Persönlichkeit zu gehen. Unerledigte Geschehnisse können durch die freie Improvisation am Musikinstrument und im Dialog mit dem Therapeuten oder in der Gruppe bearbeitet werden. Durch verschiedene Spielanleitungen wird der Klient angehalten, sich mit Teilen seines Selbst auseinanderzusetzen. Der Musiktherapeut kann durch die Übernahme von Persönlichkeitsanteilen in der Improvisation dem Patienten die Möglichkeit geben, mit seinem Selbst musikalisch in Kontakt zu treten (vgl. Hegi 1990, 2001 und Frohne-Hagemann 1990).
Grundelemente der klientenzentrierten Psychotherapie sind die unbedingte Annahme, die Empathie und die Echtheit. Beim gemeinsamen Musizieren werden dem Klienten diese Grundhaltungen des Therapeuten durch entsprechende Methoden vermittelt. Der Therapeut unterstützt den Klienten z.B. dadurch, dass er sich dem Tempo des Klienten anpasst oder Elemente aus dessen Spiel in sein Spiel aufnimmt. Der Therapeut versucht dadurch den Klienten zu verstehen und ihm dies zu vermitteln. Klientenzentriert arbeitende Musiktherapeuten gehen davon aus, dass jeder psychisch Kranke die Ressourcen besitzt, zu erkennen, welche pathogenen Erlebnisinhalte oder Verhaltensweisen er hat und wie er sie verändern kann. In der gemeinsamen Improvisation gibt der Therapeut dem Klienten das Gefühl: „Ich weiß, dass du da bist, ich fühle, was du fühlst und finde wichtig, was du fühlst“ (Smeijsters zit. in: Decker-Voigt 1996, S. 201). In der musiktherapeutischen Praxis werden häufig Elemente der verschiedenen Schulen miteinander verknüpft.
1.2 Therapeutische Möglichkeiten von Musik
Der wesentliche Unterschied gegenüber anderen Psychotherapieverfahren besteht darin, dass die Musiktherapie auf Wirkfaktoren basiert, welche der Musik zu Grunde liegen. In diesem Kapitel soll das therapeutisch Wirksame in der Musik aus entwicklungspsychologischer, musikpsychologischer und kommunikations-theoretischer Sicht erläutert werden.
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Die Entwicklung des Innenohrs ist bereits mit viereinhalb Monaten beim Fötus abgeschlossen. Er nimmt ab diesem Zeitpunkt Geräusche der Mutter und deren Umgebung wahr (den Herzschlag der Mutter, deren Darmgeräusche, ihre Stimme, Atmung, andere Personen, etc.). Dadurch haben akustische Reize schon in der pränatalen Entwicklungsphase eine wesentliche Bedeutung. Forschungsergebnisse belegen, dass auch Musik in dieser Zeit vom ungeborenen Kind wahrgenommen wird (Tomatis 1991 und Timmermann 1994). Nach der Geburt ist der Säugling vielen fremden akustischen Reizen ausgesetzt. Er muss lernen zu unterscheiden zwischen solchen, die Bedrohungen darstellen und solchen, die Geborgenheit geben. Mit dem Klang der Stimme der Mutter und deren Herzschlag werden in dieser Phase Gefühle wie Wärme und Geborgenheit assoziiert (Kohut in Schroeder 1995). Die Bedeutung von pränatalen und postnatalen Klangerfahrungen beeinflusst die weitere Entwicklung eines Kindes. Die therapeutischen Möglichkeiten sieht Beimert (1985) darin, dass durch das Nacherleben in der Musiktherapie die Geborgenheit und Wärme im Mutterleib erlebt werden kann und die emotionale Wirkung der Musik Rückschlüsse über pränatale Konditionierungen ermöglicht. Mit der Musik werden individuelle Erlebnisse und Erinnerungen aus sehr frühen Entwicklungsphasen verbunden (Schumann 1982). Diese regressive Wirkung von Musik kann unbewusste und verdrängte Erlebnisinhalte freisetzen. Die emotionale Wirkung von Musik ist musikpsychologisch nachgewiesen und als Alltagserfahrung jedem zugänglich. Klänge, Rhythmen und Melodien werden individuell erlebt und mit individuellen Gefühlen besetzt. Hegi fasst dies kurz mit der Formel „Klang ist Gefühl“ (1986, S. 75) zusammen. Die Komponente Klang gibt einen direkten Zugang zu der Gefühlswelt, Emotionen und Affekte finden durch Klänge Ausdruck. Der Rhythmus ist unmittelbar mit körperlichen Gefühlen zusammengehörig, denn auch unser Körper ist rhythmisch organisiert (u.a. Herzschlag, Atemrhythmus), ebenso unser gesamter Lebensablauf (u.a. Schlaf- Wach-Rhythmus, Tagesablauf, Jahresrhythmus, Lebens- bzw. Entwicklungsphasen). Klang und Rhythmus bilden zusammen die Melodie. Eine Melodie kann zu einer Geschichte werden, in der Emotionen, Bilder und Phantasien erzählt werden. Diese Geschichten sind individuelle innere Erlebnisinhalte. Durch sie werden Gefühle, Assoziationen, Tagträume und Phantasien geweckt, die von großer psychothe-
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rapeutischer Relevanz sind. In der Musik werden Emotionen, die im Unterbewusstsein liegen, erlebt, ausgedrückt und mitgeteilt (Hegi 1997 und 1998). Musik ist ein nonverbales und präverbales Kommunikationsmittel. Therapeutisch ist sie deshalb besonders für Menschen geeignet, die sich verbal nicht oder nur begrenzt ausdrücken können. Smeijsters formuliert dies folgendermaßen: „... Musiktherapie ermöglicht es, dass zwischen zwei Personen ein Dialog mit musikalischen Mitteln entsteht. Vor allem in Fällen in denen die verbale Kommunikation als bedrohlich empfunden wird, Misstrauen auslöst oder unzureichend ist, bietet die Musik eine Möglichkeit auf indirekte Weise Kontakt zu schließen. Dabei fungiert das Musikinstrument und die Musik als intermediäres Objekt“ (1999, S.42). In der Musik können Nähe und Distanz angstfrei erlebt und erfahren werden.
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2. Musiktherapieforschung in der Psychiatrie
Empirische Fundierung von Wirksamkeitsnachweisen der Musiktherapie wird
ebenso wie in der in der Psychiatrie immer wieder gefordert (Engelmann 1995 und Kächele 1992). Trotzdem sind empirische Untersuchungen zur Musiktherapie immer noch selten (Stoffler und Weis 1996). Auffallend ist, dass die durchgeführten Untersuchungen größtenteils immer wieder auf die Mängel und Schwierigkeiten der wissenschaftlich fundierten Evaluation der Musiktherapie in der Psychiatrie hinweisen.
Bei den Nachforschungen in der musiktherapeutischen Literatur bin ich auf folgende bereits durchgeführte Untersuchungen aufmerksam geworden: Analyse über die Forschungsliteratur (Stoffler und Weis)
-
QualitativeStudie über Musiktherapie in der Psychiatrie (Hintze)
-
KontrollierteProzess- und Effektstudie (Pfeiffer et al.)
-
Parameterstudie(Thaut)
-
QualitativeEinzelfallstudie (Wosch)
-
Untersuchungzur Versorgungslage (Engelmann)
-
- DieErgebnisse und Erkenntnisse dieser Untersuchungen werden in diesem Kapitel zusammenfassend dargestellt.
Stoffler und Weis haben eine Analyse über die Forschungsliteratur zur Musiktherapie in der Psychiatrie vorgelegt. Es wurden in dieser Untersuchung die deutschsprachigen und englischsprachigen Kasuistiken und Effektstudien mit erwachsenen psychiatrischen Patienten in den Jahren von 1980 bis 1992 auf allgemeine Kriterien empirischer Forschung untersucht. Die untersuchten 18 Kasuistiken und 7 Effektstudien erfüllten die methodischen Mindeststandards. Bemängelt wurden neben unzureichenden Informationen zu den Patienten die Angaben zu Behandlungsdauer und Behandlungssetting, ebenso die Dokumentation der Therapie und die Validierung der Effekte (Stoffler und Weis 1996). Die Studie macht deutlich, wie schwierig es anscheinend ist, inhaltliche und formale Aspekte kombiniert darzustellen, um zufrieden stellende Wirksamkeitsamkeitsnachweise für die Musiktherapie in der Psychiatrie zu erhalten.
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Eine qualitative Studie über Musiktherapie in der Psychiatrie aus Sicht der Therapeuten präsentierte Hintze 1991. Ein Ergebnis dieser Untersuchung, bezogen auf die Effektivitätsforschung von Musiktherapie, war, „dass auch die Musiktherapeuten einen Nachweis des Erfolges einer Therapie für schwierig oder gar unmöglich halten, zum einen wegen der besonderen Bedingungen in der Psychiatrie (der Gleichzeitigkeit der Musiktherapie mit anderen Behandlungen, des Mangels an Rückmeldung durch den Patienten, den Umstand, dass Musiktherapie oft indiziert wird, wenn andere Verfahren nicht anschlagen) und der Möglichkeit spontaner Remission“ (Hintze 1991, S.175f. zit. in: Risch 1996, S.91). In der Untersuchung von Hintze wird außerdem gezeigt, wie problematisch es ist, eine einzelne Thera-pieform im stationären Rahmen isoliert zu betrachten, weil Musiktherapie gleichzeitig mit anderen Therapien angewandt wird.
Eine kontrollierte Untersuchung zur therapeutischen Wirkung der freien Musikimprovisation mit schizophrenen Patienten veröffentlichten Pfeiffer et al. 1987. Eine solche kontrollierte Prozess- und Effektstudie findet sich im Bereich der Musiktherapie selten. In einem Untersuchungszeitraum von 6 Monaten wurde in 27 musiktherapeutischen Sitzungen die Wirkung von Musiktherapie mit freier Improvisation auf verschiedenen Ebenen dokumentiert. Neben Fremd- und Selbstbeobachtungsdaten wurden verschiedene standardisierte klinische Instrumente zur Messung und Objektivierung genutzt. Das Ergebnis spricht leider aus musiktherapeutischer Sicht nicht für sich, denn es wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen Behandlungs- und Wartegruppe festgestellt. „Die stark divergierenden Verläufe der Gruppenmitglieder heben sich im Gruppenmittelwert auf und lassen eine Einzelverlaufsbeurteilung sinnvoller erscheinen“ (Pfeiffer et al. 1987, S.191). In dieser Untersuchung wird erkennbar, dass vergleichende Forschung anscheinend kein geeignetes Instrument ist, um die Wirksamkeit von Psychotherapien zu messen. Individuelle Prozessverläufe können in vergleichenden Untersuchungen nicht ausreichend erfasst werden.
Thaut legte 1989 eine Art Parameterstudie vor. In einer Explorationsphase wurden die Patienten gebeten, nach der Musiktherapie kurz ihre wichtigsten persönlichen Erfahrungen, die sie während der Sitzungen machten, aufzuschreiben. Daraus ergaben sich drei einfache zehnstufige Skalen. Diese wurden in einer nächsten
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Untersuchungsphase 50 weiteren Patienten (über 3 Monate) vor und nach den Musiktherapiesitzungen vorgelegt. Die Patienten sollten sich auf dann auf den Skalen einschätzen. Ergebnisse dieser Studie besagen, dass ein signifikanter Anstieg in der Selbsteinschätzung in Richtung guter Stimmung, mehr Entspannung und positiver Gedankeninhalte erlebt wurden. „Mit dieser Studie ist es Thaut gelungen, wenngleich auf schmaler Datenbasis einen positiven Einfluß von Musiktherapie auf subjektiv wahrgenommene Entspannungszustände, Gefühle und Kognitionen von Psychiatriepatienten nachzuweisen“ (Risch 1996, S.90). In dieser Studie von Thaut wird beispielhaft demonstriert, dass die Wirksamkeit von Musiktherapie durchaus ermittelt und dargestellt werden kann. Das Forschungsdesign muss allerdings, wie in dieser Studie, durch eine Art Pilotstudie dem For-schungsgegenstand genau angepasst werden.
phrenen Patienten in der Akutpsychiatrie auf Grundlage von „verstehender Psychiatrie“. Dieser Ansatz geht auf antipsychiatrische Reformbewegungen der sechziger Jahre zurück und basiert auf der Erkenntnis, dass „die schizophrene Störung nicht primär als Denkstörung“ zu verstehen ist, „wie sie als Phänomen im ICD 10 und DSM IV als ein notwendiger Faktor beschrieben wird, sondern vor allem als affektive Störung.“ Die beschriebene Auflösung des Denkens und der Sprache sei eine Folge der Affektstörung und nicht umgekehrt, wie allgemein beschrieben, dass die Affektlabilität Folge einer Grundstörung im Bereich der Kognition sei. Mit Hilfe von EEG-Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass bei „Menschen mit akuten schizophrenen Störungen eine intensive Überlagerung der Gefühlslandschaft mit dem Affekt Angst“ gegeben ist (S. 195). Als weiteres Argument gegen die Auffassung des Primats einer Denkstörung bei Schizophrenen führt Wosch Ergebnisse von Untersuchungen mit dem Integrierten Psychologischen Therapieprogramm (ITP) an, bei dem der angenommene kognitive Symptomkomplex (Denkstörungen) mit kognitiver Therapie durch Training von semantischen Bezügen und Reaktionsfähigkeit beeinflusst werden sollte. Dabei zeigte sich, dass die Patienten zwar neue Denkmuster lernen konnten, sich aber im Bereich der sozialen Wahrnehmung und Problemlösung keinerlei Veränderungen zeigten. Die beiden Autoren (Roder und Brenner, a.a.O.) kamen auf diesem Wege „zu der Annahme, dass zu Beginn der Therapie ‚an eine stärkere Beachtung psy-
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Arbeit zitieren:
Carola Paas, 2003, Untersuchung zur Relevanz der Musiktherapie in der Psychiatrie am Beispiel des Kreiskrankenhauses Siegen, München, GRIN Verlag GmbH
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