Inhalt
1. Einführung: Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. 02
2. Das Rolandslied im Detail. 02
2.1 CPG 112 : Die Geschichte der Heidelberger Handschrift. 02
2.2 Text- u. Bildvarianten: Weitere Überlieferungen des Rolandslieds. 03
3 Scriptura: Der Text der Heidelberger Handschrift. 04
4 Pictura: Die Zeichnungen der Heidelberger Handschrift. 05
4.1 Allgemeine Feststellungen. 05
4.2 Original / Kopie: der Bilderzyklus der Heidelberger Handschrift. 06
4.3 Superbia librorum: Über die Schlichtheit der Bilder. 08
4.4 Schrift und Bild: Differenzen und Korrespondenzen. 09
5. Funktionsweisen und Gebrauch der Zeichnungen. 11
5.1 Das Triptychon: Ein theologisches Bild- und Literaturprogramm. 11
5.2 Kunst und Krieg: Auf der Suche nach göttlicher Legitimierung. 13
5.3 Bellum iustum: Der gerechte Krieg in Bildern. 14
5.4 Memoris: Bilder und ihre Rolle im Erinnerungsdiskurs. 17
5.5 Incarnazione: die Fleischwerdung im Bild. 19
6. Ein Ausblick. 20
Literaturverzeichnis 21
1
1. Einführung: Das Rolandslied des Pfaffen Konrad.
Deutsches Chanson de geste, Kreuzzugsepos und historiographische Biographie eines der berühmtesten Helden des literarischen Mittelalters: das Rolandslied (um 1172) des Pfaffen Konrad lässt viele Deutungen und Schlüsse in Bezug auf Nutzen und Funktion zu. 9.094 Verse und 39 Federzeichnungen sind von der Heidelberger Handschrift (CPG 112) bis heute erhalten geblieben: der erste bebilderte Codex der Sage um den folgenschweren Spanienfeldzug Karls des Großen im Jahr 778.
In das Zentrum paläographischen Interesses sind in neuer Zeit zunehmend die Miniaturen der Bilderhandschrift gerückt: unscheinbar schmucklos, scheinbar dekontextualisiert und arbiträr in der M otivwahl geben sie Anlass zur näheren Untersuchung ihrer Funktion im Text-Bild-Verhältnis und ihrer Rolle als affirmative Begleiter der strengen Handschrift. Diese Arbeit will sich mit Ursprüngen und Hintergründen auseinandersetzen, ihre medialen Möglichkeiten in einer neuen Schriftkultur aufzeigen und schließlich konkrete Interpretationen ihres Einsatzes bieten. Zunächst aber soll ein kleiner Überblick über die Handschrift selbst und ihre Nebenüberlieferungen erfolgen.
2. Das Rolandslied im Detail.
2.1 CPG 112: Die Geschichte der Heidelberger Handschrift.
Die Handschrift des Rolandsliedes befindet sich seit spätestens 1558 in Heidelberg, zunächst in der Schlossbibliothek von Kurfürst Ottheinrich (reg. 1556 -1559), der später die dortigen Buchbestände mit denen der Bibliothek des Heilig-Geist-Stifts vereinigte und so zur Entstehung der bedeutendsten Bibliothek des 16. und 17. Jahrhunderts beitrug: der Bibliotheca Palatina. Vor allem wegen der großen Masse theologischer, und hier überwiegend evangelischer Literatur, war die Bibliothek für Papst Gregor XV. (1554 -1623) von größtem Interesse, der sämtliche Codices nach der Eroberung der protestantischen Pfalz 1622 als Kriegsbeute nach Rom bringen ließ. Erst zwei Jahrhunderte später, 1816, nach den Napoleonischen Kriegen wurde ein Großteil der deutschen Handschriften (etwa 850) zurück nach
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Heidelberg gebracht, darunter auch die Bilderhandschrift des Rolandsliedes des Pfaffen Konrad. 1
Heute befindet sich die Heidelberger Handschrift in einem eher mittelmäßigen Zustand, was zum einen an dem ursprünglich benutzten Pergament minderer Qualität liegt, zum anderen an der inadäquaten Zubereitung des Codex selber, dessen Schriftbild durch Löcher und Risse gestört wird. Letztlich ist die ungeschickte Zuschneidung durch den Buchbinder für den Verlust von oberen und unteren Bereichen einiger Zeichnungen verantwortlich (vgl. fol. 5 v , 32 v , 47 r ).
2.2 Text- u. Bildvarianten: Weitere Überlieferungen des Rolandslieds.
Die deutsche Bearbeitung der Chanson de Roland ist mit 9.094 Versen vollständig nur in Konrads Heidelberger Handschrift P überliefert. Lediglich 150 Verse ( fol. 41 v , ab Vers 3.083), welche Karls ersten allegorischen Traum beschreiben, gingen durch den Verlust eines Doppelblatts der sechsten Lage verloren.
Darüber hinaus liegen Bruchstücke sechs weiterer Handschriften vor, darunter jene der Regierungsbibliothek zu Schwerin ( Handschrift S), der Landesbibliothek Sondershausen (T), der Amplonischen Bibliothek Erfurt (E) und auch das Fragment der Straßburger Handschrift A, dessen Versbestand im Jahr 1870 beim Brand der Bibliothek auf die Hälfte dezimiert wurde. Der Straßburger Codex ist insofern erwähnenswert, da er ebenfalls über zwei Miniaturen verfügte, die, wenn sie auch vergleichsweise rudimentärer und skizzenhafter gezeichnet sind, Ähnlichkeiten in Thematik und Komposition mit der Ikonographie der Heidelberger Handschrift aufweisen. 2 Ob diese gemeinsamen Stileigentümlichkeiten als hinreichenden Beweis für die Existenz einer gemeinsamen Vorlage dienen, soll später erklärt werden. Zunächst jedoch ein genauer Blick auf die beiden Bestandteile des Bildercodex: auf den Text und die Zeichnungen.
1 Weitere Hintergründe zur Buch- und Bibliotheksgeschichte der "Bibliotheca Palatina" bietet Karin Zimmermann auf den WWW-Seiten der Universitätsbibliothek Heidelberg.
2 Für einen genauen Vergleich der Miniaturen der Handschriften P und A siehe Lejeune: Rolandssage, Abb. 92ff.
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3. Scriptura: Der Text der Heidelberger Handschrift. Der Codex (21,2 x 15,1 cm groß) ist aus 123 Folios aufgebaut, wobei die Seitenpunktur jedes Folio in 23 Zeilen unterteilt. Der Text selbst ist einspaltig gehalten, die Verse wurden vom Schreiber lediglich durch das Setzen von Reimpunkten visuell markiert. Zusätzliche Gliederung des Textflusses geschieht durch ein- bis zweizeilige, einfach gehaltene rote Initialen; dabei fällt auf, dass die so entstandenen 331 Abschnitte in ihrem Umfang den Laissen der literarischen Vorlage, der französischen Chanson de Roland (Handschrift O) nachgebildet wurden. 3
Die Typographie 4 stellt e ine klar g otisierte karolingische Minuskel von pedantischer Strenge, die Kleinbuchstaben mit begrenzter Ober- und Unterlänge zeigen bereits den Einsatz von Winkeln anstelle Rundungen. Eine paläographische Untersuchung der vorliegenden Handschrift wirft jedoch die Frage auf, ob das Rolandslied tatsächlich das Werk eines oder mehrerer Schreiber darstellt. Grund zur Annahme liefert ein Bruch in der Regelmäßigkeit der Schrift, die ab Folio 85 r an Größe gewinnt und in Sprache und Orthographie variiert. Wilhelm Grimm sieht hier ein deutliches Signal für einen Wechsel des Schriftführers 5 , Rita Lejeune und Jacques Stiennon halten sogar das Mitwirken von drei Schreibern für möglich. 6 Erst bei einem Vergleich des Heidelberger Codex mit den Handschriften A und S wird deutlich, dass die sprachlichen Gegensätze auch hier verankert sind und die stilistischen Entsprechungen der drei Handschriften wohl auf einen gemeinsamen Archetypen zurückgehen: eine konservative Arbeitsweise, die für die These spräche, dass der Codex doch weitgehend von einer Hand geschrieben wurde. 7 Als aufschlussreicher in Hinblick auf die Relation von Text und Bild sollte sich das Ergebnis einer vergleichenden Qualitätsanalyse der benutzten Tinte von Schreiber und Zeichner erweisen. Es fiel auf, dass beide bei der Produktion auf denselben Werkstoff zurückgriffen. Es bestand also eine enge Bindung zwischen Künstler und Kopisten, denn die Abschnitte der Illustrierung scheinen mit denen des Abschreibens zusammenzufallen. 8
3 Missfeldt: Vergleich der Laisseneinheiten, S. 321ff.
4 Eine ausführliche Beschreibung zur Schrift der Hs. P findet sich bei Werner: Einführung, S. 14-20.
5 Gutfleisch-Ziche: Überlieferung d. deutschen Rolandsliedes, S.151.
6 Lejeune: Rolandssage, S. 130.
7 Gutfleisch-Ziche: Überlieferung d. deutschen Rolandsliedes, S.155.
8 Lejeune: Rolandssage, S. 131.
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4. Pictura: Die Zeichnungen der Heidelberger Handschrift. 4.1 Allgemeine Feststellungen.
Die Heidelberger Handschrift verfügt über 39, in brauner Tinte angefertigte monochrome Federzeichnungen, die rahmenlos in unregelmäßiger Anordnung im Text eingefügt wurden. Über sämtliche Miniaturen hinweg lassen sich bildunabhängige, allgemeine Feststellung machen: So lässt sich sagen, dass Leerstellen im Text freigehalten wurden, welche Raum für die später entstandenen Zeichnungen lassen. Dabei fällt auf, dass der Zeichner sich bei der Gestaltung der Bilder nach dem Höchstmaß des verfügbaren Platzes orientiert. Dies wird besonders bei Detaildarstellungen deutlich, die der Zeichner in manchen Fällen in den Text hineinragen lässt. 9 Zudem scheint es kein regelmäßiges Schema der Bilderposition im Textfluss zu geben, die Verteilung der Illustrationen wirkt zunächst willkürlich und ohne Rücksicht auf inhaltlich-textliche Strukturen. So befinden sich Zeichnungen in sieben Fällen am unteren, in zehn Fällen am oberen Rand des Folios; 22 Bilder befinden sich mittig und werden vertikal vom Text eingerahmt. Die am äußeren Rand des Folios verlaufende Punktur, welche maßgebend für die Linierung der Seite und den Verlauf der Textzeile ist, nimmt dabei keine Rücksicht auf die eventuelle Einfügung von Bildern. Auch dies spricht für die Annahme, dass die Zeichnungen erst nach der Fertigstellung des Textes in die reservierten Leerräume eingesetzt wurden (vgl. fol. 63 r ). Letztlich hielt sich der Zeichner beim Anfertigen der Miniaturen streng an die vertikale Begrenzung des Seitenblocks, wobei er gelegentlich bei divergierend auslaufenden Textzeilen einen abschließenden Rand selbst nachzog (vgl. fol. 1 v , 114 v ). Sämtliche der dargestellten Illustrationen nehmen einen Raum von 8-9 x 13 cm ein. Auffällig dabei ist, dass viele der gezeigten Szenen in ihrer Bildlichkeit beschnitten sind: Darstellungen von Personen (vgl. fol. 41 v ), Waffen (vgl. fol. 114 v ), sowie Architekturmerkmale (vgl. Bild 19) sind an den Bildrändern zumeist unvollständig und verkürzt. So lassen sich im Rolandslied nur neun Personenszenen ausmachen, auf denen die Knie und Füße der Handelnden zu sehen sind. Fest steht, dass sich der Zeichner beim Anfertigen der Bilder an dem ihn vorgegebenen verfügbaren Raum gehalten hat. Dabei stellt sich aber die Frage, warum er sich mit der Gestaltung von Bildausschnitten begnügte, anstatt die Größe der Szenen einfach zu reduzieren.
Eine Antwort könnte die These liefern, dass der Illustrator nicht mit freier Hand gezeichnet hat, sondern sich beim Anfertigen des Bilderzyklus an einer
9 Vgl. Bild 13, fol. 41 v : Die Tatze des Bären zwischen „tiure“ und „ane“.
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Andre Vatter, 2004, Bellum Iustum: Der gerechte Krieg in Bildern der Heidelberger Handschrift des Rolandsliedes des Pfaffen Konrad, Munich, GRIN Publishing GmbH
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