Gliederung:
Seite :
1. Tätervolk oder Einzeltäter 3
2. Merkmale des Völkermordes 5
2. 1 Sozialisation und „Weltanschauliche Erziehung“ 5
2. 2 Sündenbock und Sinnstiftung 9
2. 3 Gruppenprozesse 15
2. 4 Rechtfertigungsversuche 16
2. 5 Psychologische Motivationen 19
2. 6 Verschleierung 23
3. Zusammenfassung 25
4. Literaturverzeichnis 26
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Zu den Ursachen des Völkermordes
1. Tätervolk oder Einzeltäter? Einleitung
Am 20.1.04 wurde in Frankfurt am Main in einer Abstimmung das Unwort des Jahres 2003 ermittelt. Es handelt sich um den Begriff „Tätervolk“. Die Jury hatte sich für diesen Begriff entschieden, weil so ein ganzes Volk ohne Aus nahme für die Taten einer Gruppe verantwortlich gemacht wird.
Der Begriff war von dem damaligen CDU - Bundestagsabgeordneten Hohmann zwar mit einer anderen Intention gebraucht worden, aber die daraus resultierende Debatte macht die weiterhin bestehende Ak tualität und Brisanz des Themas deutlich. Und sie führt zu einem Buch, dass in der jüngsten Zeit ebenfalls zu heftigen Diskussionen geführt hat. Es handelt sich um Daniel Jonah Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ 1 . In diesem Buch, das im Prinzip einen „Frontalangriff auf die `etablierte´ Holocaust - Forschung“ 2 darstellt, bildet die Kollektivschuldthese den Kern, was schon vor dem Hintergrund der oben angeführten Wahl zum Unwort des Jahres befremdlich anmutet. Daneben stellt Goldhagen Thesen der Form auf: „Die Deutschen waren Antisemiten, und darum ermordeten sie die Juden.“ 3 Mit solchen, den Deutschen einen kollektiven, gleichsam nationalen Willen aufoktroyierenden Thesen „simplifizierende[r] Eindeutigkeit“ 4 versucht Goldhagen, den Holocaust zu erklären. Zur Sicherung ihrer Existenz schien den Deutschen „die Vernichtung der Juden eine notwendiges nationales Projekt zu sein.“ 5 Einseitige, monokausale Erklärungsansätze, wie Goldhagen sie proklamiert, sind zu vermeiden. Auf der Suche nach der „handlungsmotivierenden Antriebskraft“ 6 versuche ich daher unterschiedliche Faktoren zu ermitteln, die den Völkermord mitverursacht haben. Auf den „Nicht - Historiker“ Goldhagen und sein „manierliche[s] Pamphlet“ 7 werde ich als Quelle aufgrund seiner Schwächen - vor allem seiner einseitigen Ausrichtung - verzichten. Wer sich mit den Gründen für den Völkermord beschäftigt, kommt an der Analyse antisemitischer Indoktrination zwar nicht vorbei. Diese reicht allein jedoch nicht aus.
1 Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust.
2 Frei: Ein Volk von Endlösern? In: Schoeps: Ein Volk von Mördern?, S. 95.
3 Rudolf Augstein: Der Soziologe als Scharfrichter, In: Schoeps: Ein Volk von Mördern?, S. 108.
4 Volker Ullrich: Hitlers willige Mordgesellen. In: Schoeps: Ein Volk von Mördern?, S. 92.
5 Rudolf Augstein: Der Soziologe als Scharfrichter, In: Schoeps: Ein Volk von Mördern?, S. 107.
6 vgl. Ausbildungsziel Judenmord?, S. 12.
7 Rudolf Augstein: Der Soziologe als Scharfrichter, In: Schoeps: Ein Volk von Mördern?, S. 106f.
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Dies wird schon deutlich, wenn man sich eine der Haupttätergruppen des Völkermordes anschaut: die Mitglieder der Ordnungspolizei.
Bei ihnen handelte es sich um Familienväter mittleren Alters meist aus proletarischen oder kleinbürgerlichen Verhältnissen, die aus ihrem Leben herausgerissen wurden, und, da sie zu alt für die deutsche Wehrmacht waren, in die Ordnungspolizei eingegliedert wurden. 8 Überraschend ist, dass die Mehrheit der Männer aus einer sozialen Schicht entstammt, der keine nationalsozialistische Einstellung zu eigen gewesen war. Insofern scheint es sich bei dieser Tätergruppe kaum um eine vielversprechende Gruppe zu handeln, aus der sich Massenmörder rekrutieren lassen müssten. Denn sie weisen Charaktereigenschaften auf, die sie für die radikale Verhaltensänderung nicht grade prädestinierte. 9 Auch diejenigen Täter, die vordergründig nur als Bürokraten in Erscheinung traten, waren keineswegs nur Sadisten oder pathologische Persönlichkeiten. Aber sie hatten alle am Völkermord teil, sei es durch Routinearbeit, etwa die Abfassung einer Verordnung oder die Abfertigung eines Zuges, sei es geradewegs am Eingang einer Gaskammer. Und sie unterscheiden sich in ihrer moralischen Gesinnung nicht vom Rest der Bevölkerung. Der deutsche Täter war kein besonderer Deutscher. Bei den Tätern h andelte es sich gewissermaßen um einen Querschnitt der Bevölkerung. Jeder Beruf, jeder Bildungsgrad und jeder soziale Status war vertreten. 10
Durch diese Bandbreite in der Tätergruppe hinsichtlich Herkunft, Bildung, militärischem Können und politischer Zuverlässigkeit stellt sich die Frage, was hat diese und andere am Völkermord beteiligten Männer also zu Mördern hat werden lassen. Was hat den Wegfall grundlegender zivilisatorischer Hemmungen verursacht?
Um diese Frage zu beantworten, untersuche ich nun unter anderem persönliche Wesenszüge von Tätern, Gruppenprozesse, Situationsbedingungen, rechtfertigende Aussagen und psychologische Prozesse, um Faktoren, die zum Völkermord geführt oder ihn begünstigt haben könnten, zu ermitteln.
8 Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve - Polizeibatallion 101 und die Endlösung in Polen, S. 21, 69.
Als falsch bezeichnen muß man allerdings die Darstellung bei Rudolf Hirsch, Um d ie Endlösung.
Prozessberichte, Greifenverlag 1982 (DDR), S. 6: „In der Arbeiterklasse [...] war der Antisemitismus
unbekannt, wurde abgelehnt und wurde leidenschaftlich bekämpft. So auch bei vielen gläubigen Menschen.“
Es handelt sich um ein polemisches, politische Wertungen beinhaltendes Buch, dass stellenweise sogar die
gewünschte richterliche Neutralität und Objektivität belächelt.
9 mwN Dierker, Himmlers Glaubenskrieger, S. 61.
10 Hilberg, S. 673, 685; vgl. mwN Vom Gedanken zur Tat, S. 104.
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2. Merkmale des Völkermordes
Nun geht es darum, unterschiedliche Merkmale die zum Völkermord führten oder ihn begünstigten, zu benennen. Ich versuche, diese zu gruppieren, was aufgrund zahlreicher Überschneidungen nicht immer eindeutig möglich ist.
2. 1 Sozialisation und Weltanschauliche Erziehung
Um aus einer Gruppe von Männern fähige Massenmörder rekrutieren zu können, erschien eine frühzeitige ideologische Aufrüstung stellenweise sinnvoll und notwendig. 11 Eine entsprechend frühzeitige Sozialisation in den Institutionen des Nationalsozialismus kann als Erfolg versprechend angesehen werden.
Grundsätzlich ging es in dieser Sozialisation nicht um „die Vermittlung reinen Wissens über weltanschauliche und rassische Dinge“ wie das Rasse- und Siedlungsamt im Jahre 1943 formulierte, sondern darum, „die Erziehung [...] zu einer gefestigten weltanschaulichen Haltung auf nordisch - rassischer Grundlage“ zu befördern. 12 Dadurch sollte letztlich der Idealtyp eines „selbstlosen, fanatischen, bis zum äußersten einsatzbereiten und auch in Krisen unerschütterlichen politischen Soldaten entstehen. 13
Aber nicht erst im jungen Erwachsenenalter, in dem die Männer bei der Ausbildung zu einem politischen Soldaten zweifelsohne waren, sondern bereits in frühester Jugend bestand die nationalsozialistische Führung auf ihren Einfluss. Der „Führer“ und Reichskanzler versammelte daher 1934 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg die Jugend, um sie bedingungslos auf sich einzuschwören. In seiner Rede sagte er:
„Es ist unser Wunsch und Wille, dass dieser Staat und dieses Reich fortbestehen soll in den kommenden Jahrtausenden. Wir können glücklich sein zu wissen, dass diese Zukunft restlos uns gehört. - Wenn die älteren Jahrgänge noch wanken [...] könnten, die Jugend ist uns verschrieben und verfallen mit Leib und mit Seele.“ 14
Um hier den der nationalsozialistischen Ideologie entsprechenden Einfluss, vor allem hinsichtlich der „Judenfrage“, zu nehmen, heißt es in der Einleitung zu Adolf Hitlers „Mein Kampf“:
„Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muß ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das Rasse - Gefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz
11 Browning, S. 33.
12 vgl. Ausbildungsziel Judenmord?, S. 35.
13 mwN Ausbildungsziel Judenmord?, S. 97, vgl. ebd., S. 107; vgl. ebd., S. 111.
14 Hitler auf dem Reichsparteitag der NSDAP im September 1934 in Nürnberg (Tonbandaufnahme).
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und Hirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt. [...] Die Judenfrage muss schon in der Volksschule behandelt werden, je früher, desto besser.“ 15
Alle Formen nationalsozialistischer Indoktrination im Rahmen der Sozialisation in den unterschiedlichen Institutionen des Dritten Reiches führten dazu, dass bestimmte Grundanschauungen und Denkmuster zumindest begünstigt wurden. Diese
Grundanscha uungen und Denkmuster werden schon durch die bloße Nennung der sogenannten weltanschaulichen Kampfbegriffe offenbar. Dazu gehören im wesentlichen die Begriffe Rasse, Volk, Treue zum Führer, (Volks-) Gemeinschaft, Unterordnung, Disziplin, Kampfgeist, und Opferbereitschaft. 16
Wie wichtig Sozialisation und Erziehung für die Verinnerlichung von Grundanschauungen und Denkmustern sind, wird deutlich, wenn man sich eine Aussage aus der Vernehmung Gunter d´Alquens anschaut. Gunter d´Alquen, der als Zeuge im Wilhelmstraße - Prozess gehört wurde, war Hauptschriftleiter des „Schwarzen Korps“, des Hauptorgans der SS. 17 Er antwortete auf die Frage des Vernehmenden, warum er in seiner Funktion als Hauptschriftleiter immer wieder im „Schwarzen Korps“ kolportiert habe, „dass die Juden Verbrecher sind und vernichtet wurden“:
D´Alquen: „Was hat man sich dabei gedacht? Das ist von, ich möchte sagen, von jung auf, eine Auffassung gewesen, die viele Jahre zurückgeht, eine antisemitische Auffassung, die wir schon von Kindesbeinen mitgebracht haben. [...] Ich bin sehr jung, mit 15 Jahren in die Partei gekommen.“ 18
In diesen letzten Äußerungen wird deutlich, wie sehr die Mordmaschinerie auf Gehorsam, Pflichterfüllung und auf Antisemitismus aufgebaut war, und wie viel Wert auf die Indoktrination durch Erziehung und Sozialisation gelegt wurde. 19 Dabei wurde allerdings nicht etwa mit dem Holzhammer indoktriniert, sondern subtil durch vordergründig ideologieneutrale Methoden. Die Weltanschauliche Erziehung war betont unemotionalsachlich 20 , wodurch die Judenvernichtung einer gewollt rationalen, begründbaren Hintergrund behielt. Von einer mit brachialen Methoden betriebenen Gehirnwäsche also konnte keine Rede sein. 21
15 vgl. Breitenfeller, Wie ein Monster entsteht, S. 68; mwN Ausbildungsziel Judenmord?, S. 7.
16 vgl. Ausbildungsziel Judenmord?, S. 89.
17 Kempner, S. 348.
18 Kempner, S. 350f.
19 Vom Gedanken zur Tat, S. 94.
20 Ausbildungsziel Judenmord?, S. 84.
21 Ausbildungsziel Judenmord?, S. 14.
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Durch die Sozialisation und die Weltanschauliche Erziehung in den Institutionen der Nationalsozialisten sollte den Tätern des Völkermordes ein weltanschaulicher Anker gegeben werden, der sie auch in widrigen Situationen von der Notwendigkeit der Aufgabe überzeugte, und sie belastbar machte. 22
Wie wichtig ein solcher Anker, gegeben durch eine besondere erzieherische Ausbildung, im Kampf gegen ideologische und rassische Feinde sein würde, war auch Heinrich Himmler klar. Er „setzte seine Untergebenen einer radikalen antisemitischen, in pseudo - wissenschaftlicher Sprache verpackten Propaganda aus, und es deutet einiges darauf hin, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlte.“ 23
Die „Weltanschauliche Erziehung“ zielte inhaltlich auf Denken und Handeln ab und beinhaltete die Vermittlung scheinwissenschaftlicher Argumente zur Begründung der Überlegenheit der nordischen Rasse und die Verschlagenheit und Falschheit des Untermenschen. Hierauf wird im Verlauf der Arbeit, vor allem im Abschnitt „Sündenbock und Sinnstiftung“ noch eingegangen werden.
Im Kontext des Vernichtungskrieges erleichterten nicht nur die von der „Weltanschaulichen Erziehung“ vermittelten Ideen und Zielsetzungen den Männern die Teilnahme am Massenmord; auch die Sprache, die Komplizenschaft und weitere Elemente der Schulung spielten eine Rolle, die ebenfalls noch thematisiert wird.
Alle genannten Aspekte trugen dazu bei, die Männer „für die Durchführung ihres schweren Dienstes zu härten“. 24
Zur Schaffung des Idealtyps eines „selbstlosen, fanatischen, bis zum äußersten einsatzbereiten und auch in Krisen unerschütterlichen politischen Soldaten dienten zur subtilen Indoktrination Schulungen, hauptsächlich mit den Themen „Blut und Boden“, „Judentum“, „Freimaurerei“, „Bolschewismus“, „Geschichte des deutschen Volkes“, „Jahreslauf“, „Brauchtum“ und „Totenehrung“. 25
Letztlich komme es jedoch nicht auf sture Schulung, sondern, wie ein Offizier auf einer Gruppenführertagung 1943 in Posen sagte, auf den Geist an: „Und diesen Geist bekomme ich durch Erziehung und vor allen Dingen durch Vorleben und draußen, wenn es sein muß, durch Vorsterben.“ 26
Was das Ergebnis der Schulungen anbetrifft, so scheint es, dass hinsichtlich der Brutalität des Vorgehens die Mitglieder der Ordnungspolizei den Einsatzgruppen, deren Mannschaften,
22 Ausbildungsziel Judenmord?, S. 27.
23 vgl. Ausbildungsziel Judenmord?, S. 22.
24 mwN Ausbildungsziel Judenmord?, S. 79.
25 mwN Ausbildungsziel Judenmord?, S. 93.
26 Ausbildungsziel Judenmord?, S. 109.
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Arbeit zitieren:
Eike Weimann, 2004, Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Zur Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München, GRIN Verlag GmbH
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