Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 2
2. Schuld und Strafe in der Erzählung Seite 4
2.1 Willkommen in der Kolonie Seite 4
2.2 Das Vergehen des Verurteilten und des Reisenden Seite 5
2.3 Der Apparat Seite 6
2.3.1 Der Apparat als Zeitzeuge der Veränderung Seite 8
2.4 Nun geschieht Gerechtigkeit Seite 9
3. Die Erzählung als Spiegelbild des eigenen Lebens Seite 12
3.1 Die Gebote der Strafkolonie Seite 12
3.2 Die Schreib -Maschine Seite 13
4. Kollision mit dem Gesetz Seite 14
5. Schlussbemerkung Seite 17
6. Bibliographie Seite 19
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1. Einleitung
Die Erzählung In der Strafkolonie von Franz Kafka konfrontiert den Leser mit einem Text, der nur schwer zugänglich ist. Die detailliert geschilderte Brutalität des Strafverfahrens schreckt ab und verhindert eine kurzweilige und angenehme Lektüre zum Zeitvertreib. Die schockierende Wirkung auf sein Publikum bewies der Text während Kafkas einziger öffentlicher Lesung am 10. November 1916 im Rahmen der Vortragsreihe „Abende für neue Literatur“ in der Galerie Goltz in München. Rezensionen der „Münche ner Neuesten Nachrichten“ vom 11. November sowie der „München-Augsburger Abendzeitung“ vom 13. November verurteilten ihn als „stofflich abstoßend“. 1 Die ursprünglich geplante Publikation innerhalb des Novellenbandes „Strafen“ im Kurt Wolff Verlag wurde verworfen. Kafka selbst war mit der Erzählung „nicht ganz unzufrieden“ 2 , obwohl er zugestand: „Zwei oder drei Seiten kurz vor ihrem Ende sind Machwerk, ihr Vorhandensein deutet auf einen tieferen Mangel, es ist da irgendwo ein Wurm, der selbst das Volle der Geschichte hohl macht.“ 3 Kurz vor der Veröffentlichung überarbeitete er den Text, kürzte einige Stellen heraus und bestand auf einen deutlich sichtbaren Absatz nach dem Tod des Offiziers. 4 Eventuell trennte er somit das „Volle“ der Geschichte vom ungeliebten Schluss 5 . Daher wird in der vorliegenden Arbeit auf das Ende der Erzählung nicht näher eingegangen. Der Fokus richtet sich hauptsächlich auf das Geschehen bis einschließlich zum Tod des Offiziers. Der Text wurde im Mai 1919 in einer Auflage von 1000 Exemplaren im Kurt Wolff Verlag publiziert. Das eher verhaltene Interesse an der Erzählung machte eine Neuauflage erst ein Jahrzehnt später notwendig. Doch wird man dem Text wohl kaum gerecht, wenn man ihn, wie der Verleger Kurt Wolff, abweisend als peinliche Geschichte tituliert. Kafka selbst antwortete in einem Brief vom 11. Oktober 1916: „Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, daß nicht nur sie peinlich ist, daß vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist und meine besondere sogar noch länger peinlich als die allgemeine.“ 6 Was macht diesen verstörenden Text zu einer reizvollen Lektüre?
In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Thematik, welche bereits im Titel vorgegeben ist, näher zu betrachten. Worin besteht die Schuld? Wer ist schuldig? Wozu diente Kafka der Text und was wollte er damit ausdrücken? Von besonderem Interesse in
1 Hartmut Binder. Kafka-Kommentar. S. 175. Vgl. auch Brief an Felice Bauer vom 7.12.1916.
2 Franz Kafka. Tagebücher 1910-1923. S. 277.
3 Kafka. Briefe 1902-1924. S. 159.
4 ebd. S. 246.
5 Fragmente und alternative Varianten des Schlusses sind in Kafka. Tagebücher1910-1923 im August 1917,
S. 327 ff. zu finden [Anm. d. Verf.].
6 Kafka. Briefe 1902-1924. S. 150.
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diesem Zusammenhang ist die Funktion der Schrift, welche zunächst einmal entziffert, also gelesen werden muss, um verstanden zu werden. Dabei bewegt man sich von der Ebene des bloßen Textverständnisses hin zur Bedeutung der Schrift innerhalb des Textes, die sich reflexiv, so soll gezeigt werden, auf Kafkas Leben bezieht. Damit stößt man unweigerlich auf die Kernproblematik der Erzählung.
Lesen, also der visuelle Wahrnehmungsprozess grafischer Zeichen, bedarf einer bestimmten Sprache als Basis. Semiotisch betrachtet besitzen Zeichen keine eigene Bedeutung, vielmehr wird ihnen durch einen Benutzer eine bestimmte Bedeutung verliehen. Der Prozess des Lesens lässt sich als Dekodierung der vom Produzenten, i.e. dem Schreiber, kodierten Zeichen auf der notwendigen Grundlage eines gemeinsamen, jedoch nicht identischen, Kodes beschreiben. Ziel des Lesens ist es, den Sinn eines Textes, also dessen abstraktes gedankliches Konzept, zu erfassen. Schreibt man beispielsweise das Wort „Balkon“, so assoziiert jeder Leser dieses Wortes etwas ganz Individuelles damit, und es lässt sich mit einiger Sicherheit behaupten, dass sich meine Vorstellung eines Balkons kaum mit denen Kafkas decken werden 7 . Damit ist das Hauptproblem im Umgang mit den Texten Kafkas formuliert: man kann bestenfalls darüber spekulieren, was der Künstler im Sinn gehabt haben mag, als er schrieb; eine partielle oder gar totale Sinnerfassung seines Werkes scheint unmöglich.
Kafkas Texte entwerfen Phantasiebilder, die als Chiffren aufgefasst werden können. Stromsík betont, dass diese Chiffren jedoch nicht als Tarnung, um den eigentlichen Inhalt geheim zu halten, zu verstehen sind, vielmehr „[…] spielen [sie] bei der Darstellung des Themas eine aktive, sinngebende Rolle: Handlungen und Gedanken der Figuren ergeben sich zum Teil aus den Gegebenheiten und der Logik ihrer [eigenen Welt].“ 8 Sie gewähren als Mittel zur Verfremdung dem Erzähler die Freiheit, persönliche Lebensinhalte auf abstrakter Basis zu reflektieren und weiterzudenken.
Diese Arbeit will versuchen, einen möglichen Zugang zu dem Text zu offerieren. Zunächst wird im zweiten Kapitel die Rolle der Schuld und der Strafe innerhalb der Erzählung untersucht. Interpretationsansätze aus der Forschung sind von mir bewusst auf ein Minimum reduziert worden, um nicht Gefahr zu laufen, Meinungen anderer zu annektieren. Dem Gebot von Günter Heintz folgend setzt der Text allein die Maßstäbe, Interpretationen mit Hilfe von allgemeinem Weltwissen sind nicht legitim und defizitär, weil dadurch stets nur beispielsweise der theologische, der soziologische oder der biographische Ansatz entsteht. 9
7 vgl. dazu die berühmte „Pawlatschenszene“ in Kafkas Brief an den Vater. S. 149.
8 Jirí Stromsík. „Kafkas Forschungen“. S. 146.
9 Günter Heintz. Traktat über die Deutbarkeit von Kafkas Werken. S. 10 f.
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Im dritten Kapitel soll der Versuch unternommen werden, die Aussagen und Strukturen der Erzählung auf das Leben Kafkas zu beziehen. Ich hoffe, anhand von Briefen und seinem autobiographischen Brief an den Vater skizzieren zu können, welche Bedeutung der Strafkolonie innewohnt. Das vierte Kapitel soll unter autobiographischen Gesichtspunkten für die Problematik der Beziehung zum Vater sensibilisieren, ehe ein abschließendes fünftes Kapitel das Erarbeitete zusammenfassen soll.
2. Schuld und Strafe in der Erzählung
2.1 Willkommen in der Kolonie
Der von Kafka selbst gewählte Titel der Erzählung baut bereits im Vorfeld bestimmte Erwartungen beim Leser auf. Seine tropische Kolonie bleibt namenlos, orientiert sich aber an historischen Vorbildern europäischer Kolonialmächte wie Frankreich 10 , Großbritannien oder Russland. Berühmte Beispiele solcher Kolonien sind Neukaledonien, das Van Diemens Land (das heutige Tasmanien) oder das 1872 als letzte Strafkolonie aufgelöste Port Arthur. Straffällige wurden als Zwangsarbeiter zur Kolonisierung d es entsprechenden Landes deportiert, eine Verfahrensweise, die bereits im römischen Recht belegbar ist (deportatio in insulam). 11 Damals bekannte Reiseberichte wie Robert Heindls Meine Reise nach den Strafkolonien (1912) flossen womöglich in Kafkas Erzählung ein, doch geht es ihm eher um eine Position, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man sie nicht eindeutig festlegen kann. Strelka betont, dass Kafka keine realistische Darstellungsart (wie im Naturalismus) wählt, sondern die Beschreibung der Welt völlig aus sich selbst heraus aufbaut. 12 Die Entstehung der Erzählung wird bei Rohde auf den 14-tägigen Urlaub Kafkas vom 5.-18. Oktober 1914 datiert. 13 Zur selben Zeit schrieb er das finale Kapitel seines ersten Romans Der Verschollene, das ein Weltgericht zeigt, welches jeden aufnimmt („Jeder ist willkommen“ 14 ). Im Gegensatz dazu findet man hier ein Strafgericht, das alles verurteilt, denn „die Schuld ist immer zweifellos“ 15 .
Abgeschnitten von der Außenwelt existiert diese Kolonie in Isolation, eine Verbindung mit der Welt ist nur durch Schiffsverkehr möglich. Die Bevölkerung einer Strafkolonie besteht
10 Vermutlich gehört sie zu Frankreich. Hinweise hierfür sind die frz. Sprache des Offiziers und des Reisenden
sowie die europäischen Moralvorstellungen [Anm. d. Verf.].
11 Martin Müller-Seidel. Die Deportation des Menschen. S. 107 ff.
12 Joseph Strelka. Der Paraboliker Franz Kafka. S. 5.
13 Bertram Rohde. …und blätterte ein wenig in der Bibel. S. 71, 76. Vgl. auch Kafka. Tagebücher 1910-1923.
S. 282.
14 Kafka. Der Verschollene. S. 295.
15 Kafka. In der Strafkolonie. S. 171.
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hauptsächlich aus Gefangenen und deren Bewachern, dem Militär. Die Gefangenschaft in einer abgegrenzten und isolierten Umwelt lässt wenig Hoffnung zu, und tatsächlich handelt die Erzählung vom Tod eines Menschen. Sämtliche Personen bleiben namenlos und unterscheiden sich allein in ihrer Funktion; solch eine antipersonale Erzählweise verhindert die Identifikation des Lesers mit einem der Protagonisten. Die Erzählung beraubt einen auch der Möglichkeit, auf vorherige literarische Kenntnisse, Vergleiche oder sinnstiftende Elemente zurückzugreifen. So betritt man verwirrt den Schauplatz der Handlung, ein abgeschlossenes kleines Tal abseits der Siedlungen der Kolonie 16 . Fehl am Platz steht man plötzlich vor Kafkas monströsem Apparat und hört den enthusiastischen Erläuterungen des Offiziers zu. Dieser gehört, neben dem Reisenden und dem Verurteilten, zu der Gruppe von Personen, die sich schuldig gemacht haben, bzw. schuldig machen.
2.2 Das Vergehen des Verurteilten und des Reisenden
Die Schuld des Verurteilten ist zweifellos. Als Soldat untersteht er der Militärgerichtsbarkeit und hat sich den beiden schwerwiegendsten Vergehen dieses Rechtssystems schuldig gemacht: Verstoß gegen die Gehorsamspflicht sowie Verfehlung des Wachauftrags. Relativiert wird seine Schuld durch den absurden Befehl seines Vorgesetzten, des Hauptmanns, zu jeder vollen Stunde vor dessen Tür zu salutieren. Jedoch zeichnet Kafka ihn mit Attrib uten wie „stumpfsinnig […] breitmäulig […] verwahrlost […] hündisch ergeben“ 17 aus und verhindert dadurch eine mögliche Sympathie von Seiten des Lesers mit der Figur. Im weiteren Verlauf evoziert der Verurteilte eher Mitleid, da er nicht versteht, worüber der Offizier und der Reisende reden, er wie ein Kind den Apparat betrachtet und zuletzt mit dem Soldaten, der ihn zu bewachen hat, Freundschaft schließt. Das Versprechen des Offiziers, Verstand gehe dem Blödesten auf 18 , kann auf diese Figur bezogen werden. Infantil und hauptsächlich von elementaren Trieben wie Hunger, Freude und Wut gesteuert, wird ihm jedwede Erkenntnis vorenthalten, Kafka untersagt ihm sogar das Mitleid des Lesers 19 . Der Hauptmann berichtet dem Offizier am Morgen von dem Vergehen des Verurteilten 20 , der sogleich das Urteil verhängt. Eine Anhörung oder Verteidigung ist überflüssig, da sich an der
16 Bingjun Wang sieht in Machtstruk tur in Kafkas Strafkolonie im Tal des Strafgerichts die endzeitliche
Prophezeiung aus Joel 4, 12 verkörpert.
17 Kafka. In der Strafkolonie. S. 164.
18 ebd. S. 176.
19 ebd. S. 178.
20 ebd. S. 171. Hier findet sich ein Fehler Kafkas, da der Verurteilte nicht am Tag vor seiner Hinrichtung mit
Zuckersachen gefüttert werden konnte (S. 179), wenn er erst am Morgen des Vergehens für schuldig befunden
und sogleich verurteilt wird [Anm. d. Verf.].
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Arbeit zitieren:
Christopher Golz, 2004, Schuld und Strafe in Franz Kafkas "In der Strafkolonie", München, GRIN Verlag GmbH
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