1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werde ich die frühbürgerliche Öffentlichkeit in Frankreich anhand der Betrachtungsweise von Jürgen Habermas und Richard Sennett darstellen und der Frage nachgehen, ob und in wieweit sich beide Theorien voneinander unterscheiden. Im weitesten Sinne soll die gesellschaftliche Entwicklung Frankreichs im 18. Jahrhundert thematisiert werden. Grundlage sollen die Werke „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas und „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens, die Tyrannei der Intimität“ von Richard Sennett sein.
Beide haben mit ihren Ansätzen eine reichhaltige Basis soziologischer- und ökonomischer Betrachtungsweisen gelegt. Betrachtet man die modernen Gesellschaftsstrukturen, so lassen sich anhand dieser beiden Theorien Sichtweisen entwickeln, die das gemeinschaftliche Miteinander im Blickpunkt wirtschaftlicher- und sozialer Interessen aufdecken. Die Konflikte, die innerhalb dieses Kreislaufs entstehen und die Erkenntnis eines notwendigen Zusammenspiels unterschiedlicher Bedarfsdeckung innerhalb einer G esellschaft, werden deutlich, und schaffen Diskussionsgrundlagen bezüglich der Problematik menschlichen Zusammenlebens.
Im jeweiligen Anfangskapitel „Soziale Strukturen“ und „Öffe ntliche Sphäre und Privatheit“ werden die verschiedenen Begrifflichkeiten erläutert, mit deren Hilfe Habermas und Sennett die Entstehung einer bürgerlicher Öffentlichkeit beschreiben. Unterschiedliche Lebenschancen und Lebensweisen einzelner Individuen und ihrer Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft, erklären das komplexe System kommunikativer Interaktion. Die Schwerpunkte, bezüglich der Funktionsweise bürgerlicher Öffentlichkeit, beha ndeln dann die beiden Kapitel „Öffentliche Meinung (public opinion)“ und „Ausdruck der Öffentlichkeit“. Das abschließende Kapitel „Struktureller Wandel“ thematisiert die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich aufgrund der entwickelnden öffentlichen Strukturen herausgebildet haben. Die Schlussbemerkung soll beide Ansätze noch einmal kurz zusammenfassen und deren Unterschiede kennzeichnen.
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2. Frühbürgerliche Öffentlichkeit bei Jürgen Habermas
2.1. Soziale Strukturen
„Bürgerliche Öffentlichkeit lässt sich als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute begreifen.“ (vgl. Jürgen Habermas, 1990, S. 86) Mit Privatleuten meint Habermas in diesem Zusammenhang diejenigen Bürger, die sich im allgemeinen Interesse zu einem diskutierenden Publikum zusammenfinden und nicht dem Herrschaftsapparat angehören. Dieses Publikum fand seine kommunikativen Orte in den Klubs, Salons, Tischgesellschaften, Theatern, Büchern und Zeitungen. Hier wurde über die Belange der gemeinsamen Lebenswelt, politische Themen und alles was den Teilnehmenden redlich erschien diskutiert. Es war durchaus üblich dieses in einer Weise zu tun, die sich davon freisprach, auf gesellschaftliche Unterschiede und Stellungen, der an der Diskussion beteiligten, Rücksicht zu nehmen.
Das so räsonnierende (Auseinandersetzen mit der eigenen Identität) Publikum gewährleistete, dass im Rahmen individueller Einschätzungen (ein Künstler diskutierte mit dem Schuldirektor und einem Ladenbesitzer über eine aktuelle politische Entwicklung) sich ein breit gefächertes Meinungsspekrtrum artikulierte und den beteiligten einen reichha ltigen Fundus bescherte.
„Als Lebenswelt bezeichnet Habermas ein zu stabilen Überzeugungen geronnenes Resultat des kommunikativen Handelns, nämlich das historische Produkt der Interpretationsanstrengungen vorangegangener Generationen. Die Lebenswelt bildet die Basis von intuitiv vertrautem Orientierungswissen, in dem sich die sozialen Kommunikationsprozesse ohne Gefahr fortbewegen können.“ (vgl. Dirk Kaesler, 2003, S. 243) Das öffentliche Räsonnement und die vernünftig im allgemeinen Interesse geführte Diskussion des Publikums, beanspruchte ihr Recht sich gegen die absolute Herrschaft der Monarchen eine freie Meinung zu bilden. Aus diesem Kontext heraus leitet Habermas sein Organisationsprinzip ab, welches die Kommunikationsweisen der bürgerlichen Öffentlichkeit analysiert. „Die Bürgerlichen sind Privatleute; als solche herrschen sie nicht. Ihre Machtansprüche gegen die öffentliche Gewalt richten sich nicht gegen die
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Zusammenballung von Herrschaft, die geteilt werden müßte; sie unterlaufen vielmehr das Prinzip der bestehenden Herrschaft.“ (Jürgen Habermas, 1990, S. 87) Die Privatleute, die so den Herrschenden entgegentraten um sich intellektuell zu emanzipieren, bedurften einer starken Basis im privaten Bereich. „Das Selbstverständnis des öffentliche Räsonnements ist spezifisch von privaten Erfahrungen geleitet, die aus der publikumsbezogenen Subjektivität der kleinfamilialen Intimsphäre stammen.“ (ff. Jürgen Habermas, 1990, S. 87)
Das entstandene Aufbegehren der bürgerlichen Öffentlichkeit erklärt sich Habermas aufgrund einer Veränderung der Privatsphäre. Er bezeichnet die Urform der Privatheit als Antike Privatheit, die sich durch die Lebensumstände einer verhängten Zwangsläufigkeit ausgesetzt sah. Diese entstand aus dem existentiellen Bedürfnis das eigene Überleben zu sichern. Eine freie Entfaltung des Individuums war hier so gut wie unmöglich und mußte auf kosten der Lebenserhaltung geopfert werden. Mit dem erweiterten Waren-, und Handelsverkehr kam es jedoch zu einer Veränderung, die immer mehr Menschen eine solide Lebensgrundlage bot und eine weiterführende Entfaltung des Individuums ermöglichte. Die Verschränkung von privater und öffentlicher Sphäre, Familienintimität (Wohnzimmer) und Räsonnement (Salon), wirkten zusammen. Der Schutz der Intimsphäre unterstützt die Entfaltung des öffentlichen Austausches. „Der Status eines Privatmannes kombiniert die Rolle des Warenbesitzers mit der des Familienvaters, die des Eigentümers mit der des Menschen schlechthin.“ (Jürgen Habermas, 1990, S. 88) Die räsonierenden Privatleute sind also gleichermaßen Wir tschaftsbürger (Bourgeois) und politische Bürger (Citoyen). Aus dieser Entwicklung heraus analysiert Habermas das politische Selbstverständnis der bürgerlichen Öffentlichkeit, sich von den herrschenden Institutionen zu emanzipieren. Jedoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass sich zuerst eine nicht politische Öffentlichkeit herausbildete, die das öffentliche Räsonnement als Übungsfeld benutzte und weitestgehend um sich selber kreiste. Lo gischer Weise befanden sich die Privatleute am Anfang in einem Selbstfindungsprozess, aus dem heraus sie die ersten Erfahrungen mit ihrer neuen Freiheit machten.
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Habermas sieht neben der sich politisch entwickelnden Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert auch ein wachsendes psychologisches Interesse entstehen. Dieses begründet sich auf die öffentlich zugängig werdenden kulturellen Errungenschaften wie etwa durch Konzerte, Theater, Museen und dem Lesesaal. Habermas nennt dies die literarische Öffentlichkeit. „ Indem Kultur Warenform annimmt und sich zu Kultur im eigentlichen Sinne erst entfaltet, wird sie als der diskussionsreife Gegenstand beansprucht, über den sich die publikumsbezogene Subjektivität mit sich selbst verständigt.“ (vgl. Jürgen Habermas, 1990, S. 88) Diese literarische Öffentlichkeit ist seiner Meinung nach eng mit der Politischen verknüpft. „Die politische Öffentlichkeit geht aus der literarischen her-vor; sie vermittelt durch öffentliche Meinung den Staat mit Bedürfnissen der Gesellschaft.“ (Jür gen Habermas, 1990, S. 90)
2.2. Öffentliche Meinung (opinion publique)
Den Begriff der öffentlichen Meinung setzt Habermas aus der Bedeutung des lateinischen opinio, der Meinung, des ungewissen, nicht voll ausgewiesenen Urteils also des französischen opinion und publique im Sinne von öffentlich artikulierter Gesinnung zusammen. „In der Prägung des späten 18. Jahrhunderts entwickelt sich opinion publique durch das Räsonieren eines urteilsfähigen Publikums.“ (vgl. Jürgen Habermas, 1990, S. 162) Diese revolutionäre, sich aus der politischen Öffentlichkeit entwickelnde öffentliche Meinung, prägt die bürgerliche Öffentlichkeit bereits vor der französischen Revolution.
Um die Bedeutung der Meinung vollständig zu entwickeln, bedient sich Habermas noch eines weiteren Bausteines. Opinion im Sinne von Reputation, das Ansehen, welches einem Individuum in der Gesellschaft zukommt. Öffentliche Meinung entsteht also aus der Kombination der ungesicherten Erkenntnis, die ihren Wahrheitsgehalt erst noch beweisen muss und des jeweiligen Rufes eines am öffentlichen Räsonnement teilnehmenden. So sichert Habermas die öffentliche Meinung gegen den Eindruck ab, es könnte sich bei dieser Form bürgerlicher Öffentlichkeit um eine klassenlose Gesellschaft ha ndeln. Status- und Klassenunterschiede existierten selbstverständlich und dürfen bei aller sich neu bildenden Freiheit nicht vernachlässigt werden.
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Arbeit zitieren:
Diplom Soziologe Michael Baumann, 2004, Frühbürgerliche Öffentlichkeit in Frankreich - Ein Vergleich der Ansätze von Jürgen Habermas und Richard Sennett, München, GRIN Verlag GmbH
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