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Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung
2. Herausmegafonieren des Ich
2.1 Individualisierung und Ich-AG
2.2 Entgrenzte Öffentlichkeit im Internet
2.2.1 Die medialen Vorläufer: Daily Talks und Big Brother
2.2.2 Online-Diaries und WebCam-Angebote
2.2.3 Weblogs
2.2.4 Am Rande der Legalität: SpyCams
2.3 Neue Formen des medialen Exhibitionismus?
3. Empirischer Teil: Eine Umfrage unter Bloggern und Diaristen
3.1 Weshalb schreibt man Online-Diaries und Weblogs?
3.2 Zwischen Schönfärberei und Realitätsanspruch - zur Glaubwürdigkeit von
Selbstdarstellungen im Netz
3.3 Grenzen der Selbstveröffentlichung
3.4 Kooperation oder Konkurrenz? Traditionelle Medien und Web-Angebote
4. Gefahren und Chancen für den traditionellen Journalismus im Internet
4.1 Weblogs - eine neue Form des Journalismus?
4.2 Gerüchteschleuder Internet - zum möglichen Qualitäts- und
Glaubw ürdigkeitsverlustes des Journalismus im Internet
5. Ausblick und Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis
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Der Teleschirm war Sende- und Empfangsgerät zugleich. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das
über ein gedämpftes Flüstern hinausging, würde registriert werden; außerdem konnte er, solange er in
dem von Metallplatten kontrollierten Sichtfeld blieb, ebenso gut gesehen wie gehört werden. Man
konnte natürlich nie wissen, ob man im Augenblick gerade beobachtet wurde oder nicht. Wie oft oder
nach welchem System sich die Gedankenpolizei in jede Privatleitung einschaltete, darüber ließ sich
bloß spekulieren.
(Orwell 2000, S. 9)
1. Einleitung
Wenn es um den Schutz der menschlichen Privatsphäre geht, kochen die Emotionen sehr häufig, sehr schnell hoch. Haben dann noch die „Medien“ nur ansatzweise etwas mit solch einer möglichen Bedrohung der Privatheit zu tun, werden gerne Orwellsche Horrorszenarien zitiert, die nur selten, die kritisierte Realität treffend beschreiben. Dass genau solche Diskussionen, im Bezug auf das Internet geführt werden, kann man nicht verstehen, wenn man Einträge, wie den folgenden allenthalben im Netz finden kann.
15:30 Uhr: Bei uns passieren Sachen, das gibts nicht *gg*. Mein Männe war gestern im Einkaufen für
das Sonntags-Essen. Es sollten Rinds-Rouladen sein. In der Metzgerei lagen schon gerollte Rouladen
auf einem großen Tablett, und mein Männe nahm 5 Stück davon. Hatten wir schon mal, sie waren nach
zwar nicht so gut wie die Eigenen, aber es ging. 1
Angesichts solcher Wortbeiträge, ist man geneigt zu fragen, wer da vor wem geschützt werden muss: Das private Individuum vor der bösen Öffentlichkeit oder, ob nicht viel eher die Öffentlichkeit vor den marktschreienden Vertretern der Ich-AG behütet werden sollte. Edward Rothstein, ein Kolumnist der New York Times bemüht sogar Sartre, in diesem Zusammenhang: „Hell is not just other people, it´s other people´s home pages.“ 2 . Aber das ist nur die eine Seite: Die Erkenntnis, dass es einen Haufen Müll im weltweiten Datennetz gibt, ist erstens nicht neu und zweitens nicht nur auf private Homepages zurück zu führen. Fakt allerdings bleibt, dass solche Stilblüten, wie eingangs erwähnt, besonders gehäuft auf nichtkommerziellen, privaten Websites zu finden sind. Die vorliegende Arbeit wird sich einigen Teilaspekten solcher Sites widmen. Wie der Titel schon sagt, wird es um Weblogs, Online-Diaries und Webcam-Angebote gehen. Diese speziellen Formen von privaten Homepages erfreuen sich immer größerer Beliebtheit unter den Netz-Usern. Gibt man in einer gewöhnlichen Suchmaschine, wie google.de die Begriffe Weblog bzw. Online-Diary ein, wird man von der Anzahl der gefundenen Seiten erschlagen: 303000 Links für „Weblog“ und 28200 Einträge, die zu Seiten mit Online-Tagebüchern führen. Handelt es sich bei diesen neuen Kommunikationsformen des Internet, um neue Arten des medialen Exhibitionismus?
1 Gefunden in: http://www.silvi.de/tagebuch. <19.11.01>
2 Gefunden in: http://www.asc.upenn.edu/USR/sbuten/phpi.htm <05.11.01>.
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Was ist ein Weblog überhaupt und was macht einen guten Weblog aus? Wieso verkehren Menschen die jahrhundertealte Tradition des geheimen, privaten, individuellen Tagebuchschreibens, in ein öffentliches Forum für alle kleinen und großen Probleme dieser Welt? Diesen und vielen weiteren Fragen versucht die vorliegende Abhandlung auf den Grund zu gehen. Dabei werden neben den Problemen der Glaubwürdigkeit und der Identitätskonstruktion in der Online-Welt, auch eine pervertierte Variante dieser neuen Kommunikationskanäle thematisiert: die sogenannten Spycams und die Frage nach deren Legalität. Im Zentrum der Arbeit steht eine Umfrage unter Bloggern (= Internet-User, die einen Weblog führen) und Diaristen, die ich per E-Mail und per Fragebogen durchgeführt habe. Mein Hauptaugenmerk lag bei dieser Befragung v.a. auf dem Selbstbild der User und auf ihrer Einschätzung bezüglich der Glaubwürdigkeit des Netzes. Zum Abschluß der Arbeit werden die Chancen und Gefahren die sich aus den neuen Online-Plattformen des digitalen Ich ergeben, auf den traditionellen Journalismus bezogen und anhand einiger Beispiele veranschaulicht.
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2. Herausmegafonieren des Ich
Tagebuchschreiben ist gewöhnlicherweise eine sehr intime Sache: Dort formuliert man seine privatesten und persönlichsten Auffassungen, Einstellungen und Gedanken. Was in diesem Buch geschrieben steht, ist im Grunde nur für den Verfasser gedacht; damit dies auch so bleibt, sucht man sich jede Woche ein neues Versteck dafür und sichert seine gesammelten Werke mit einem Schloss, vor neugierigen Augen. Solche Vorstellungen sind seit der Existenz von O nline-Tagebüchern obsolet geworden. Seither gilt das Motto: Jeder soll sehen, wie gut, respektive wie schlecht, es mir gerade geht. „An meinem Wesen soll die Welt genesen“, scheint die Faustregel der Online-Diaristen und Weblogger zu sein. Aber inwieweit greifen Exhibitionismus-Vorwürfe dieser Art? Unter Umständen wird man dem hier diskutierten Phänomen gar nicht gerecht, mit solchen unbewiesenen Unterstellungen. Die „wahren“ Gründe (jedenfalls nach Auffassung der Netz-Aktiven) für den Seelenstrip im Netz, werden wir im dritten Kapitel noch ausführlich behandeln.
Zu bedenken gilt natürlich, dass diese Beweihräucherung des Ich, keine Erfindung des Internet-Zeitalters ist. Das Fernsehen hat dem Ich schon lange vorher auf den Thron geholfen: Die täglichen Talkshows und „Real-People-Formate“ á la Big Brother haben die Fahnen der Individualisierung hochgehalten. Sind die neuen Online-Kommunikationsformen also letztlich nichts weiter als eine Fortführung des Fernsehtrends mit anderen Mitteln? Dies wird sich im weiteren noch zu erweisen haben. Der Begriff der Individualisierung ist für all diese Phänomene von zentraler Bedeutung. Deshalb soll zunächst dieser Terminus erläutert und in seinen zentralen Elementen erfasst werden.
2.1 Individualisierung und Ich-AG
Der Begriff bzw. das Problem der Individualisierung geht bis in die soziologische Klassik zurück. Individualisierung wird dort als gesellschaftlicher Tatbestand bezeichnet, der „seit der Heraufkunft der modernen Gesellschaft zentrale Merkmale der Sozialstruktur und der normativen Anforderungen an die Individuen erfaßt“ (Arbeitsgruppe Bielefelder Jugendforschung [ABJ] 1990, S.11). In diesem Sinne wurde Individualität auch, als ein durch die Gesellschaft erzwungener Anspruch an die einzelnen Gesellschaftsmitglieder gesehen, der
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sich mit dem Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft entwickelt hat (vgl. ABJ 1990, S.12). Das Phänomen „Individualisierung“ führt die soziologische Klassik besonders auf zwei Faktoren zurück: Zum einen wird die Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung immer komplexer und dies führt zum zweiten zu einer zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft (vgl. ABJ 1990, S.13). Am Ende dieser Entwicklung steht die Individualisierung. Der Zwang zu Spezialisierung und Differenzierung (in modernen Gesellschaften) fördert somit den Individualisierungsprozess.
In der jüngeren Soziologie h at besonders Ulrich Beck den Terminus „Individualisierung“ geprägt: Er hebt den ambivalenten Charakter dieses gesellschaftlichen Prozesses hervor, wenn er neben die positiven Aspekten der Individualisierung (Freisetzung aus alten Bindungen, neue Handlungsfreiheit, etc.), die gleichzeitige Standardisierung von Lebenslagen stellt (vgl. Beck 1986, S.119). Zwar können sich die Individuen aus traditionellen Bindungen herauslösen, gleichzeitig wächst daraus aber auch die Abhängigkeit von externen Entscheidungsvorgängen (Arbeitsmarkt, Bildung, Konsum, sozialrechtliche Regelungen, etc.) Die Entscheidungsmöglichkeiten liegen nicht auf einer immensen Bandbreite, sondern teilen sich in
Haben oder Nicht-Haben, in Befehlen oder Gehorchen, Teilnehmen oder Nicht-Teilnehmen etc. Schon
an die erste Entscheidung schließt sich ein Netz weiterer Abhängigkeiten an. Um an dem gewählten
gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, verlangen ökonomische und administrative Vorgaben
von den Individuen eine genauso intensive Beachtung wie ihre biographische Planung und führen
dadurch wieder zu einer Angleichung von Lebenswegen. (Schwalm 1998, S.116) Die Medien haben ihren Teil zu diesen Prozessen beigetragen, da zum einen über bestimmte Medien-Stars wie James Dean, Jim Morrison oder h eute Robbie Williams (die alle anders waren als es die Gesellschaft vorgegeben hatte) die Vorzüge des Individuell- bzw. Anders-Seins transportiert wurden. An dieser Stelle sei auch noch die Position der Werbewirtschaft erwähnt, die mit Slogans wie „be different“ (Mode- und Parfümkonzern Calvin Klein) oder „think different“ (Computerhersteller Apple), die Ideale der Individualisierung hochleben lässt. Zum anderen, hat sich durch die Medienentwicklung auch der M edienkonsum verändert. Während die Familie früher gemeinsam vor dem Radio bzw. Fernseher saß und sich der Unterhaltung hingab, so wird die TV- und vor allem die Internet-Rezeption immer individualistischer. Wenngleich im World Wide Web auch Möglichkeiten liegen, der Vereinsamung zu entkommen: Hier ist e s möglich Kommunikationsnetzwerke aufzubauen, in denen man nach Lust und Laune mit anderen in Kontakt treten kann (vgl. Schwalm 1998, S.117). Dass solche virtuellen Bindungen, reale Bindungen auf Dauer ersetzen können, scheint heute noch schwer vorstellbar. Deshalb kommen Joachim Höflich und Julian
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Gebhardt in ihrer Studie auch zu dem Schluss, dass sich selbst persönliche Beziehungen im Netz schnell wieder verlieren, wenn nicht der letzte Schritt, der Wechsel von der Online- in die Offline-Welt vollzogen wird und eine Face-to-Face-Begegnung stattfindet (vgl. Höflich/Gebhardt 2001, S.41).
2.2 Entgrenzte Öffentlichkeit im Internet
Gibt es im Internet noch Grenzen, zwischen Veröffentlichbarem und Nicht-Veröffentlichbarem? Der Tagebucheintrag vom Anfang lässt keinen Zweifel daran, dass solche Schranken dort nicht mehr existieren. Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, kann sich im Netz ausbreiten und dort alles veröffentlichen, was er will (abgesehen von rechtsradikalen und pornografischen Inhalten, und selbst da ist die rechtliche Situation im Internet sehr diffus). Tagebücher werden öffentlich geführt, es finden sich Reise- und Erlebnisberichte, U ltraschallbilder des Nachwuchses, neben den Fotos der eigenen Hochzeit (vgl.: http://www.familiemueller.de) und manche Menschen, wie Natacha Merritt (vgl.: http://www.digitaldiaries.com) lassen sich per Webcam beim Sex beobachten. Bei so viel entgrenzter Öffentlichkeit, machen schnell Schlagworte, von der „freundliche[n] Übernahme der Privatheit durch die Massenmedien“ ( Neumann-Braun 2000, S. 200) oder der „Individualisierung der Öffentlichkeit“ ( Thimm 2000, S. 8) auf sich aufmerksam. Was sind die Vorläufer dieser m ediatisierten Privatheit und wie sehen die einzelnen Angebote im Internet überhaupt aus? Diesen Fragen werden sich die folgenden vier Kapitel stellen.
2.2.1 Die medialen Vorläufer: Daily Talks und Big Brother
Die Mediatisierung des Privaten (vgl. Thimm 2000, S.13) ist in erster Linie von privaten Fernsehstationen gefördert worden. Als der ehemalige RTL (damals noch RTL-Plus)-Nachrichtensprecher Hans Meiser 1992 das erste tägliche Talkshow-Format auf die deutschen Bildschirme brachte, war der darauf folgende Boom noch gar nicht abzusehen. Erstmals wurden nahezu ausschließlich ganz normale Menschen eingeladen, um über verschiedenste, vor allem private, Probleme zu diskutieren. Der Erfolg gab den Machern dieser Daily Talks recht: Regelmäßig hohe Einschaltquoten zeugten von dem immensen Interesse des Publikums an Alltagsgeschichten aus dem Leben. Für die Sendeanstalten w aren Talk-Formate, zunächst einmal billig produzierte Sendezeit und für die Zuschauer waren es leicht verdauliche TV- Konsumhäppchen mit gewissem Ratgebercharakter. Dabei wird und wurde konsequent auf
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Emotionen gesetzt. Dem Zuschauer wird der Blick durch das Schlüsselloch ermöglicht. Der hohe Personalisierungsgrad und die privat-intimen Gespräche, haben den Talkshows auch das Etikett „Gefühlsfernsehen“ aufgeklebt (vgl. Scheidt 2000, S.35). M otive für ein Mitwirken in einer Talkshow, waren und sind hauptsächlich in e iner Problembewältigung, Selbstwerterhöhung, dem Wunsch nach Interaktion mit TV-Personen und einer Teilhabe an Öffentlichkeit zu sehen (vgl. Hoffmann 1998, S.91ff.). Wie später noch zu sehen sein wird, sind einige dieser Beweggründe, den Motiven der Internet-Usern, bezüglich dem Verfassen von Online-Tagebüchern und Weblogs, durchaus ähnlich. Einen Schritt weiter als die täglichen Talkshows, ging das Format Big Brother, das ab März 2000 auf RTL2 gesendet wurde. Zehn Menschen wurden zusammen in einen Wohncontainer gepfercht und dort beinahe rund um die Uhr bei ihrem „alltäglichen“ Leben von Kameras und Mikrofonen bespitzelt. Die Faszination des Alltags schien auf ihrem Höhepunkt, denn RTL2 feierte mit dieser Sendung einen Quotenerfolg nach dem anderen. Anders als in den Talk-Formaten, in denen man immer nur einen bestimmten Ausschnitt einer Person kennenlernt, wurden hier zehn Charaktere in ihrer Gänze präsentiert. Die freundliche Übernahme der Privatheit ( vgl. Neumann-Braun 2000, S.200) durch ein Medium war damit abgeschlossen. So schnell wie der Erfolg kam, ging er aber auch wieder: Ebenso wie andere Sender, die mit Real-People-Formaten versuchten im Fahrwasser von Big Brother 1 erfolgreich zu sein (Sat.1: Girlscamp, Inselduell; RTL2: 2club; RTL: Der Frisör, u.v.m.) verloren auch RTL und RTL2 mit den nachfolgenden Big Brother-Staffeln an Zuschauern und Werbeeinnahmen. Die Quote sank von 2,4 Millionen werberelevanten Zuschauern auf 900000 und die Werbespotpreise fielen fast um ein Drittel (vgl. Scheidt 2001, S.57f.). Die Faszination am Alltag stellt sich letztlich auch nur als Faszination am inszenierten Alltag dar, wie Mikos u.a. feststellen: Trotz all dieser Wirklichkeitselemente handelt es sich bei Big Brother nicht um ein Abfilmen von
Alltag, so die Arbeitshypothese, sondern um eine verdichtete, dramatisierte Form der Alltagserzählung,
die sowohl Erzählkonventionen dokumentarischer Texte als auch Elemente aus der Seriendramaturgie
aufnimmt. (Mikos u.a. 2000, S. 61f.)
Der Boom des Reality-Fernsehens ist abgeebbt, da ebenso wie Big Brother und Co., auch die Talkshows an Boden verloren haben: Von 1998 bis 1999 haben sie 2,3 Millionen Zuschauer eingebüßt (vgl. Scheidt 2000, S.34). Dennoch werden solche Formate nie ganz auslaufen, da die Probleme anderer immer interessant bleiben und sei es nur, um sich darüber lustig zu machen.
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2.2.2 Online-Diaries und Webcam-Angebote
Online-Tagebücher sind im Grunde nichts anderes als gewöhnliche Tagebücher, mit dem Unterschied, dass sie von allen Usern des Internets eingesehen werden können. In der Regel findet man solche Diarien auf persönlichen Homepages als ein Angebot unter vielen (neben Gästebüchern, Linksammlungen, Fotos, etc.). Dort veröffentlicht der Autor dann alles, was er veröffentlichen möchte. Das geht von dem am Anfang erwähnten Rindsrouladen-Problem über Selbstzweifel bis hin zu Bemerkungen zu den Terroranschlägen in den USA vom 11.September 2001.
Als erstes muss ich mein Beileid an alle Familien angehörigen und alle Bekannten der vielen Tausend
opfer bei diesem tragischen Ereignes ums Leben kamen aussprechen! Ich finde echt das ist wieder mal
ein Enttäuschung für die Menschen dieser Erder! Am meisten bin ich aber geschockt darüber, das es
Menschen auf diesem Planeten die so kaltblütig, so durchgedreht, so eiskalt und so herzlos sind. Wie
kann ein Mensch so einen Hass fühlen um so etwas tun zu können? Mich quält einfach der Gedanke
daran, das ich auf einer solch grausam dunklen Welt voller Hass und Gewalt leben muss. Manchmal
glaub ich das der Tod eine gute Lösung wäre.
(Eintrag vom 12.09.2001, 18:41:40 Uhr, *Angelwings*) 3
Wie viele deutschsprachige Diaries es gibt, ist schwierig zu beantworten: Geht man von aktuellen Schätzungen aus (vgl. Döring 2001a, S .335) haben maximal zehn Prozent der Internet-User eine eigene Homepage. Legt man die Zahlen der neuesten ARD-/ZDF-Online-Studie zugrunde, die von einer Netznutzerzahl von knapp 25 Millionen deutschen Bundesbürgern ausgeht (vgl. Eimeren/Gerhard/Frees 2001, S.381), ergeben sich maximal ca. 2,5 Millionen private Homepages. Allerdings ist damit aber auch noch nichts darüber ausgesagt, ob wirklich alle diese Web-Sites ein Tagebuch beinhalten. Weltweit geht man derzeit von einer Tagebuchrate von ca. 100000 aus (vgl. Döring 2001b, S.89). Dazu kommen noch die verschiedenen Tagebuch-Portale, die es auch Leuten, ohne Internet-Publishing-Kenntnissen ermöglichen, ihr Leben ins Netz zu spiegeln. Alleine der Server opendiary.com beherbergt über 170000 Tagebuchschreiber. Ähnliche Plattformen gibt es auch in deutscher Sprache, z.B. mytagebuch.de oder tagebuecher.net. Bei mytagebuch.de sind zur Zeit (Stand: 16.11.01) 3091 Tagebücher gelistet. Die Zahl der Veröffentlicher nimmt stetig zu: Innerhalb von ca. zwei Wochen kamen über 100 neue Tagebücher hinzu.
Die Titel der Tagebücher gehen von nichtssagenden Buchstabenkombinationen wie „knUbU“, über einfache Namen wie „Mädchen“ oder „snow“, bis hin zu zweifelhaften Titeln á la
3 http://www.mytagebuch.de/tb/profil.php?id=4762&jahr=2001&monat=11&eng=43474 <19.11.01>.
Arbeit zitieren:
Michael Lünstroth, 2001, www.entgrenzte-oeffentlichkeit.de - Weblogs, Online-Diaries und Webcam-Angebote als neue Kommunikationsformen im Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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