Die Erkenntnis, dass es einen Haufen Müll im weltweiten Datennetz gibt, ist erstens nicht neu und zweitens nicht nur auf private Homepages zurück zu führen. Fakt allerdings bleibt, dass solche Stilblüten, wie eingangs erwähnt, besonders gehäuft auf nicht-kommerziellen, privaten Websites zu finden sind. Die vorliegende Arbeit wird sich einigen Teilaspekten solcher Sites widmen. Wie der Titel schon sagt, wird es um Weblogs, Online-Diaries und Webcam-Angebote gehen. Diese speziellen Formen von privaten Homepages erfreuen sich immer größerer Beliebtheit unter den Netz-Usern. Gibt man in einer gewöhnlichen Suchmaschine, wie google.de die Begriffe Weblog bzw. Online-Diary ein, wird man von der Anzahl der gefundenen Seiten erschlagen: 303000 Links für ,,Weblog" und 28200 Einträge, die zu Seiten mit Online-Tagebüchern führen. Handelt es sich bei diesen neuen Kommunikationsformen des Internet, um neue Arten des medialen Exhibitionismus? Was ist ein Weblog überhaupt und was macht einen guten Weblog aus? Wieso verkehren Menschen die jahrhundertealte Tradition des geheimen, privaten, individuellen Tagebuchschreibens, in ein öffentliches Forum für alle kleinen und großen Probleme dieser Welt? Diesen und vielen weiteren Fragen versucht die vorliegende Abhandlung auf den Grund zu gehen. Dabei werden neben den Problemen der Glaubwürdigkeit und der Identitätskonstruktion in der Online-Welt, auch eine pervertierte Variante dieser neuen Kommunikationskanäle thematisiert: die sogenannten Spycams und die Frage nach deren Legalität. Im Zentrum der Arbeit steht eine Umfrage unter Bloggern (= Internet-User, die einen Weblog führen) und Diaristen, die ich per E-Mail und per Fragebogen durchgeführt habe. Mein Hauptaugenmerk lag bei dieser Befragung v.a. auf dem Selbstbild der User und auf ihrer Einschätzung bezüglich der Glaubwürdigkeit des Netzes. Zum Abschluß der Arbeit werden die Chancen und Gefahren die sich aus den neuen Online-Plattformen des digitalen Ich ergeben, auf den traditionellen Journalismus bezogen und anhand einiger Beispiele veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Herausmegafonieren des Ich
2.1 Individualisierung und Ich-AG
2.2 Entgrenzte Öffentlichkeit im Internet
2.2.1 Die medialen Vorläufer: Daily Talks und Big Brother
2.2.2 Online-Diaries und WebCam-Angebote
2.2.3 Weblogs
2.2.4 Am Rande der Legalität: SpyCams
2.3 Neue Formen des medialen Exhibitionismus?
3. Empirischer Teil: Eine Umfrage unter Bloggern und Diaristen
3.1 Weshalb schreibt man Online-Diaries und Weblogs?
3.2 Zwischen Schönfärberei und Realitätsanspruch – zur Glaubwürdigkeit von Selbstdarstellungen im Netz
3.3 Grenzen der Selbstveröffentlichung
3.4 Kooperation oder Konkurrenz? Traditionelle Medien und Web-Angebote
4. Gefahren und Chancen für den traditionellen Journalismus im Internet
4.1 Weblogs - eine neue Form des Journalismus?
4.2 Gerüchteschleuder Internet – zum möglichen Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsverlustes des Journalismus im Internet
5. Ausblick und Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen neuer privater Kommunikationsformen im Internet, insbesondere Weblogs, Online-Tagebücher und Webcam-Angebote, und deren Auswirkungen auf die Privatsphäre sowie den Journalismus. Es wird der Frage nachgegangen, ob diese Formate als Ausdruck eines gesteigerten Exhibitionismus zu werten sind und welche Rolle sie im Verhältnis zu traditionellen Medien spielen.
- Analyse von Individualisierungsprozessen und Entgrenzung von Öffentlichkeit im Netz.
- Empirische Untersuchung der Motive und des Selbstbildes von Bloggern und Diaristen.
- Diskussion der Glaubwürdigkeit und Authentizität von Online-Selbstdarstellungen.
- Bewertung der Chancen und Gefahren für den traditionellen Journalismus durch das Internet.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die medialen Vorläufer: Daily Talks und Big Brother
Die Mediatisierung des Privaten (vgl. Thimm 2000, S.13) ist in erster Linie von privaten Fernsehstationen gefördert worden. Als der ehemalige RTL (damals noch RTL-Plus)-Nachrichtensprecher Hans Meiser 1992 das erste tägliche Talkshow-Format auf die deutschen Bildschirme brachte, war der darauf folgende Boom noch gar nicht abzusehen. Erstmals wurden nahezu ausschließlich ganz normale Menschen eingeladen, um über verschiedenste, vor allem private, Probleme zu diskutieren. Der Erfolg gab den Machern dieser Daily Talks recht: Regelmäßig hohe Einschaltquoten zeugten von dem immensen Interesse des Publikums an Alltagsgeschichten aus dem Leben. Für die Sendeanstalten waren Talk-Formate, zunächst einmal billig produzierte Sendezeit und für die Zuschauer waren es leicht verdauliche TV-Konsumhäppchen mit gewissem Ratgebercharakter. Dabei wird und wurde konsequent auf Emotionen gesetzt. Dem Zuschauer wird der Blick durch das Schlüsselloch ermöglicht. Der hohe Personalisierungsgrad und die privat-intimen Gespräche, haben den Talkshows auch das Etikett „Gefühlsfernsehen“ aufgeklebt (vgl. Scheidt 2000, S.35).
Einen Schritt weiter als die täglichen Talkshows, ging das Format Big Brother, das ab März 2000 auf RTL2 gesendet wurde. Zehn Menschen wurden zusammen in einen Wohncontainer gepfercht und dort beinahe rund um die Uhr bei ihrem „alltäglichen“ Leben von Kameras und Mikrofonen bespitzelt. Die Faszination des Alltags schien auf ihrem Höhepunkt, denn RTL2 feierte mit dieser Sendung einen Quotenerfolg nach dem anderen. Anders als in den Talk-Formaten, in denen man immer nur einen bestimmten Ausschnitt einer Person kennenlernt, wurden hier zehn Charaktere in ihrer Gänze präsentiert. Die freundliche Übernahme der Privatheit (vgl. Neumann-Braun 2000, S.200) durch ein Medium war damit abgeschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der privaten Online-Kommunikation ein und hinterfragt kritisch die mediale Wahrnehmung als reinen Exhibitionismus.
2. Herausmegafonieren des Ich: Dieses Kapitel beleuchtet den soziologischen Kontext der Individualisierung und untersucht mediale Vorläufer wie Daily Talks sowie spezifische Internetangebote wie Weblogs und SpyCams.
3. Empirischer Teil: Eine Umfrage unter Bloggern und Diaristen: Hier werden die Ergebnisse einer Befragung von Nutzern hinsichtlich ihrer Motive, ihres Umgangs mit Glaubwürdigkeit und ihren Grenzen der Selbstveröffentlichung dargelegt.
4. Gefahren und Chancen für den traditionellen Journalismus im Internet: Das Kapitel analysiert, inwieweit Weblogs journalistische Qualitäten aufweisen, und diskutiert die Risiken von Falschmeldungen sowie den Wandel der Gatekeeper-Funktion.
5. Ausblick und Zusammenfassung: Der abschließende Teil fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Online-Kommunikation.
6. Literaturverzeichnis: Hier sind sämtliche im Text zitierten Quellen und Literaturangaben aufgeführt.
Schlüsselwörter
Internet, Weblogs, Online-Tagebücher, Individualisierung, Privatsphäre, Exhibitionismus, Journalismus, Glaubwürdigkeit, Selbstdarstellung, Medienwandel, Gatekeeper, Echtzeitkommunikation, Digitale Identität, Empirische Untersuchung, Authentizität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht neue, privat geprägte Kommunikationsformen im Internet, wie Weblogs und Online-Tagebücher, und deren soziologische und mediale Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Mediatisierung des Privaten, die Auswirkungen der Individualisierung, die Glaubwürdigkeit von Online-Inhalten sowie die Veränderungen im Journalismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Vorwurf des Exhibitionismus bei privaten Internetangeboten zu hinterfragen und zu prüfen, ob es sich dabei tatsächlich um ein rein narzisstisches Phänomen handelt oder ob andere, psychologische Funktionen im Vordergrund stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein empirischer Ansatz gewählt, bestehend aus einer Befragung von 20 Bloggern und Diaristen, ergänzt durch eine theoretische Analyse soziologischer und medienwissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Individualisierungsprozesses und der Vorläufer im Fernsehen sowie einen empirischen Teil, der die Motive und die Einschätzungen der Nutzer zu Themen wie Glaubwürdigkeit und Grenzeziehung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Weblogs, Online-Tagebücher, Individualisierung, Privatsphäre, Exhibitionismus, Journalismus und Glaubwürdigkeit charakterisiert.
Warum ist laut der Umfrage die "Archiv- und Reflexionsfunktion" so wichtig?
Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Nutzer für sich selbst schreibt, um Erlebnisse zu verarbeiten und festzuhalten, was dem Vorwurf der reinen Selbstdarstellung gegenüber einem imaginären Publikum entgegenwirkt.
Wie wird das Verhältnis zwischen Weblogs und Journalismus bewertet?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Weblogs derzeit eher als Ergänzungsmedium wahrgenommen werden, das durch Subjektivität besticht, jedoch keinen adäquaten Ersatz für die professionelle Nachrichtenvermittlung der traditionellen Medien darstellt.
- Quote paper
- Michael Lünstroth (Author), 2001, www.entgrenzte-oeffentlichkeit.de - Weblogs, Online-Diaries und Webcam-Angebote als neue Kommunikationsformen im Internet, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2496