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I. Vorbemerkung
In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, den Kosovokonflikt so umfassend wie möglich darzustellen, sowie mögliche Ursachen und Hintergründe, die zum NATO- Bombardement geführt haben, zu analysieren.
II. Geschichte bis 1980
Um die Hintergründe des heutigen Kosovo- Konflikts verstehen zu können, ist ein Blick in die Vergangenheit unumgänglich. Insbesondere deshalb, da die Frage wem das Kosovo nun gehöre, Serben oder Albanern, bzw. der Streit, wer nun zuerst auf diesem Gebiet ansässig war, die Gemüter bis heute noch erhitzt.
Die Serben beanspruchen das Kosovo für sich mit der Begründung, daß dort die „Wiege das Serbentums“ (Kultur/ Kirche) liege und das es das politische Zentrum des Reiches im Mittelalter war. In der Tat erlebte das serbische Volk mit dem Kosovo als Zentrum des Königreiches der Nemanjiden- Dynastie von 12. –14. Jahrhundert eine wirtschaftliche und politische Hochblüte. Ebenso entstanden zu dieser Zeit, wie beispielsweise in Gracanica und in Pec, bedeutende Klöster der serbischen Orthodoxie, wodurch das Kosovo für die serbische Kirche von zentraler Bedeutung ist. 1 Die Albaner wiederum – auch das wird von den meisten Historikern bejaht- sehen sich als direkte Nachfahren der Illyrer an, die lange Zeit vor der slawischen Landnahmen, also vor den Serben, auf dem Balkan und damit auch dem Kosovo ansässig waren. 2 Kann aber das Wissen über die „Erstankunft“ eins Volkes vor tausenden von Jahren die Lösung für den heutigen Konflikt auf diesem Gebiet sein? Wohl kaum. Die Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo am Veitstag 1389 bedeutete das Ende des unabhängigen Serbischen Reiches. Diese entscheidene Schlacht zwischen Serben (an deren Seite u.a. auch Albaner kämpften) und Osmanen leutete eine 500jährige Herrschaft des Osmanischen Reiches ein. Obwohl diese Schlacht eine eindeutige Niederlage für das serbische Volk darstellte, wird sie dennoch bis heute als Sieg, sogar als Nationalfeiertag, betrachtet. Erklärung hierfür ist die starke Mythologisierung dieser Schlacht. Laut serbischer Legende stellte der Prophet Elias in Gestalt eines Falken aus Jerusalem den serbische Fürsten Lazar vor die Wahl zwischen einem irdischen und einem himmlischen Reich. Wähle er das
1 Vgl. Reuter, 1999 (S. 3f)
2 Vg.. Lange, 1999 ( S.8)
2 irdische Reich, so ist ihm ein Sieg über die Osmanen sicher. Wähle er jedoch für sich das himmlische Reich, so wird er eine Niederlage erleben. Der serbische Herr entschied sich für das letztere und seitdem spricht man auch von dem „himmlischen Volk der Serben“, welches sich freiwillig für Europa (Christentum gegen Islam) geopfert hat. 3 In diesem Zusammenha ng ist es interessant einen Blick auf die serbischen Quellen bezüglich dieser Schlacht zu werfen. Der osmanische Sieg wird nämlich angezweifelt. Gleichwohl spricht man einerseits von einem serbischen Sieg- wobei für diesen diverse historische Briefe, wie die des bosnischen Königs Tvrtko, der einen Sieg gegen die Türken schrieb, als verläßliche Quelle gelten. Anderseits schreibt man (in der selben Quelle!), dass weder von einer katastrophalen Niederlage für die Serben noch von einem wirklichen Sieg gesproche n werden kann. Auch betont man, daß der Ausgang dieser Schlacht – wer also gewonnen oder verloren hat, unbedeutend im Vergleich zu dem Schicksal, welches Serbien nach dieser Schlacht ereilt hat. Das serbische Volk kam nämlich unter türkischer Herrschaft. 4 Die folgenden Jahrhunderte waren geprägt durch zahlreiche Aufstände und Kriege gegen das Osmanische Reich, wie beispielsweise der Große Türkenkrieg 1683 bis 1699. Während diesem Krieg, im Jahre 1960, kam es zu einer serbischen Massenauswanderung aus dem Kosovo, was zu einer ethnodemographischen Veränderung in diesem Gebiet führte, da die Türken anstelle der geflüchteten Serben zum Islam bekehrte Albaner ansiedelten. 5 1876 erklärten Serbien und Montenegro mit russischer und rumänischer Unterstützung, den Osmanen den Krieg. Es gelang ihnen die osmanischen Truppen zurückzudrängen und so kam es 1877 zum Friedensvertrag von San Stefano, wodurch u.a. Serbien wieder ein unabhängiger Staat wurde. Aufgrund von Unstimmigkeiten bezüglich der territorialen Verteilung wurde 1878 der Berliner Kongreß von den damaligen Großmächten einberufen. Dabei profitierte Serbien durch eine Gebietszuwachs. Währenddessen formierte sich jedoch ein albanischer Widerstand („Liga von Prizren“), um gegen die Abtretung albanischer Siedlungsgebiete an Serbien, Montenegro und Griechenland zu kämpfen. In einem Memorandum, welches Juni 1878 nach Berlin geschickt wurde, bekundeten sie ihren Widerwillen. Allerdings nahmen die Großmächte davon keine Notiz. 6 Auch nach den Balkankriegen von 1912 (Ende des Osmanischen Reiches) und 1913 traf die Albaner ein schweres Los. Auf der Botschafterkonferenz der Europäischen Großmächte am
29. Juni 1913 wurden die Grenzen Albaniens so gezogen, daß ca. die Hälfte der albanische
Bevölkerung außerhalb ihres Mutterlandes verblieb. Relevant für die Grenzziehung waren
3 Vgl. Schmid, 1999 ( S. 30)
4 Vgl. Mala Encikolpedia Prosveta, 1986 (S. 373)
5 Vgl. Mala Encikolpedia Prosveta, 1986 (S. 373)
6 Vgl. Schmidt, 1999 ( S.86f)
3 also die Interessen der Großmächte und nicht ethnische Gesichtspunkte. 7 Eine Entscheidung, die bis in unseren heutigen Zeit ein hohes Konfliktpotential birgt.
Im Zuge des 1. Weltkrieges befand sich das Kosovo im habsburgerischen und bulgarischen Händen. Die Eroberer setzten Kosovo eine Lokalregierung ein und eröffneten albanischsprachige Schulen. Doch 1918 mit der Gründung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, das 1929 in Jugoslawien umbenannt wurde, fällt das Kosovo an die Serben zurück. Aufgrund von Konflikten in den darauffolgenden Jahren wird der Gebrauch der albanischen Sprache im Schulunterricht verboten. Folge waren unzählige Kämpfe zwischen Cetniks (serbische Nationalisten) und Kacaks (albanische Nationalisten), die tausende Menschenopfer forderten. Während albanische Guerillatruppen für eine Autonomie kämpften, trieb die Regierung ein Programm voran die albanische Mehrheit im Kosovo zu einer Minderheit zu machen, indem sie vermehrt Serben im Kosovo ansiedelten und Albaner enteigneten. 8 Die Zerschlagung Jugoslawiens im 2 Weltkrieg führte durch die Vereinigung Kosovos und Westmakedonien mit Albanien zu einem „Großalbanien“. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, daß starke Repressione n von den Kosovo- Albanern auf die Kosovo- Serben ausgeführt wurden. 9 Nach dem Ende des „Weltkrieges wurde ein neues, föderatives Jugoslawien unter kommunistischer Führung gegründet. Unter seiner Parole „Brüderlichkeit und Einigkeit“ versuchte der Partisane Tito die verschiedenen Nationen in einem Staat zu vereinigen. 10 Das Problem der großalbanischen Nostalgie, die sich durch erheblicher Guerillatätigkeit gegen das neue Regime äußerte, gedachte die jugoslawische Führung durch einen Anschluß Albaniens an den jugoslawischen Vielvölkerstaat zu lösen. 11 Doch es kam nie zu einer Realisierung dieses Vorhabens, da Jugoslawien nach dem Bruch mit der Sowjetunion im Jahre 1948 aus der Kominform, der Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Internationale, ausgeschlossen wurde, während Albanien den Sowjets noch treu blieb. 12 Da für Jugoslawien ab diesem Zeitpunkt eine reale Gefahr sowjetischer Intervention und Subversion bestand, war man umso mehr bemüht den inneren Zusammenhalt der Nationalitäten zu stabilisieren. Laut Lange ist dies mitunter ein Grund, weshalb Tito die stärkste Nation im Vielvölkerstaat, den Serben, freie Hand im Umgang mit den albanischen Autonomiebestrebungen ließ. So mußten die Albaner schwerste Repressionen unter dem
7 Vgl. Lange, 1999 (S.10)
8 Vgl. Schmidt, 1999 (S. 92) 9 Vgl. Lange, 1999 (S. 11) 10 Vgl. Geiss, 1993 ( S.48f) 11 Vgl. Lange, 1999 (S. 13) 12 Vgl. Schmidt, 1999 ( S.97)
4 Sicherheitsminister Alexander Rankovic über sich ergehen lassen. Erst nachdem sich das russische- jugoslawische Verhältnis entspannte, und 1966 Rankovic gestürzt wurde, machte Tito den Kosovo- Albanern zahlreiche Zugeständnisse. So wurde dem Kosovo, wie zuvor der Vojvodina, durch die neue Verfassung von 1974 der Status einer autonomen Provinz innerhalb Serbiens eingeräumt. Damit war das Kosovo den einzelnen Republiken der Föderation weitgehend gleichgestellt und bekam das Recht auf eine eigene Verfassung, ausgenommen dem Recht auf Abtrennung. Zusätzlich flossen enorme Entwicklungsleistungen aus den Bundeskassen ins Kosovo. Trotzdem kam es Anfang der 80er Jahre zu albanischen Protesten, in denen zunächst Stimmen nach besseren Lebensbedingungen und dann nach einer Unabhängigkeit Kosovos laut wurden. 13 Mit dem Tode des kommunistischen Präsidenten Tito (1980) zeichnete sich bereits der Zerfall Jugoslawiens ab. Die jugoslawische Symbol- und Integrationsfigur, unter deren fester Hand der Vielvölkerstaat vierzig Jahre lang vereint zusammengelebt hatte, hinterließ dem Land keinen ebenbürtigen Nachfolger. 14 Die Zeit der Post- Tito Ära war geprägt durch soziale, wirtschaftliche und politische Spannungen. Die zunehmende Inflations- und Arbeitslosenrate sowie die hohe Auslandsverschuldung und der Rückgang des Lebensstandards führten zu einer Reihe von Streik- und Protestbewegungen. Unter diesen sozioökonomischen Mißständen flammte der Nationalitätenkonflikt in allen Republiken auf und verhalf nationalistisch gesinnten Politikern an die Macht. 15
III: Wichtige Ereignisse im Vorfeld des NATO- Angriffes
Das 1986 verfaßte „Memorandum der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste“ wurde zu einem Meilenstein im anwachsenden serbischen Nationalismus. Die Denkschrift wollte aufzeigen, daß das serbische Volk trotz seiner jahrhundertlangen Opferbereitschaft für die Befreiung der jugoslawischen Nation bzw. aller jugoslawischen Nationalitäten, stets von diesen ausgebeutet und zurückgesetzt worden war. Die Tatsache, daß nur innerhalb Serbiens von den Kommunisten Provinzen (Vojvodina, Kosovo) geschaffen, ansonsten aber Republiken ernannt wurden, sowie deren Gleichberechtigung in den Bundesorganen mit einem Vetorecht, soll der Beweis für die Unterdrückung des serbischen Volkes sein. 16 Insbesondere die Kosovo- Albaner wurden beschuldigt einen Genozid am serbischen Volk
13 Vgl. Schmidt, 1999 (S. 98)
14 Vgl. Volle/ Wagner, 1994 (S. 11)
15 Vgl. Samery, 1995 (S. 151)
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Tatjana Butorac, 2000, Der Kosovokrieg - Ursachen und Hintergründe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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