Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 04
2. Maria in der Heilsgeschichte 05
2.1 Heilsgeschichte 05
2.2 Die Bedeutung Marias in der Heilsgeschichte 06
3. Marienfrömmigkeit und Mariendichtung im dt. Mittelalter 08
3.1 Volkssprachliche Zeugnisse der Marienverehrung 09
3.1.1 Marienpredigten 09
3.1.2 Marienepik 10
3.1.3 Marienmirakel 11
3.1.4 Marienlyrik 11
3.1.5 Marienklagen 12
3.2 Zwischenresümee 13
4. Bruder Philipps Marienleben 13
4.1 Bruder Philipp von Seitz 13
4.2 Entstehung und Überlieferung von Bruder Philipps
Marienleben ’ 16
4.3 Aufbau und Inhalt des Marienlebens 18
5. Merkmale der Marienverehrung in Bruder Philipps Marienleben’21
5.1 Abstammung/Erziehung Marias 22
5.2 Beschreibung von Marias Aussehen 25
5.3 Empfängnis und Geburt 26
5.4 Erneute Wahrung der Jungfräulichkeit 28
5.5 Gespräch zwischen Jesus und Maria 29
5.6 Der Tod Jesus 31
5.7 Leben nach Jesus Tod 32
5.8 Marias Tod und ihr ewiges Leben im Himmelreich 33
6. Das Marienleben’ in der mittelalterlichen Historiographie 36
6.1 Weltchroniken 37
6.1.1 Rudolf von Ems Weltchronik’ 38
6.1.2 Heinrich von Münchens Weltchronik’ 40
6.2 Historienbibeln 41
7. Vergleich mit weiteren ma. Zeugnissen der Marienverehrung 43
7.1 Wernher der Schweizer und sein Marienleben’ 44
7.2 Walther von Rheinau und sein Marienleben’ 46
7.3 Vergleich der Marienleben 47
2
8. Schlussresümee 49
9. Literatur- und Abbildungsverzeichnis 51
9.1 Abbildungen 51
9.2 Primärliteratur 51
9.3 Sekundärliteratur 51
10. Anhang 55
I. Darstellung der Überlieferung 55
II. Erläuterung der Darstellung 56
3
1. Einleitung
Die Marienfrömmigkeit bildet einen der Eckpfeiler des Katholizismus. Als Ikone der Weiblichkeit dient die Jungfrau aller Jungfrauen als Werkzeug zur Vollendung des Neuen Bundes, der mit der Geburt Jesus Christus zu Beginn des neuen Testaments besiegelt wird. Als irdische Mutter des Gottessohnes ist Marias bedeutsame Rolle auf dem Gebiet der Theologie unumstritten. So gilt das katholische Gebet Ave Maria bereits seit dem 11. Jahrhundert als dem Vater Unser ebenbürtig 1 .
Wie jedoch lässt sich die reine Jungfrau Maria in das mittelalterliche Geschichts- und Weltverständnis einordnen und wie integrierte sich die stark ausgeprägte Marienverehrung in der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters?
Im deutschen Mittelalter wurde Maria eine besondere Verehrung zuteil. Als mater misericordiae 2 war sie die Patronin der gläubigen Bevölkerung und wurde als die dem Volk zugewandte Hauptheilige verehrt. Die M arienfrömmigkeit ergibt sich insbesondere aus dem Geschichtsverständnis der mittelalterlichen Bevölkerung, welches auf der Heilsgeschichte beruht.
Ziel dieser Hausarbeit wird es demzufolge sein, die Bedeutung Marias in der Heilsgeschichte und die sich daraus ergebende Marienfrömmigkeit anhand eines sowohl historisch als auch literarisch bedeutenden mittelalterlichen Werks, dem Marienleben des Bruder Philipp, näher zu untersuchen. Dieses Werk zeichnet sich nicht nur durch seine zahlreichen Überlieferungen aus, sondern bietet vor allem durch seine Aufnahme in zahlreiche Historienbibeln (als Prosaauflösung ab dem 14. Jahrhundert) und Weltchroniken einen interessanten Einblick in die Marienverehrung. Zudem wurde der in Prosa aufgelöste Text „von den Laien bis zur Reformation als neues Testament gelesen“ 3 .
1 vgl.: Brockhaus PC-Bibliothek, Ave Maria, Bayern 2002.
2 lat.: Mutter der Barmherzigkeit.
3 K. Gärtner, Philipp von Seitz, 1994.
4
Zunächst wird ein Überblick über die mittelalterliche Weltsicht, die Heilsgeschichte, und die gesamte Bandbreite der Mariendichtung gegeben werden und anschließend das Werk Philipps genauer untersucht.
2. Maria in der Heilsgeschichte
Die Verehrung der heiligen Jungfrau Maria findet ihren Ursprung im mittelalterlichen Weltbild, das wesentlich von der Heilsgeschichte und dem Heilsplan Gottes bestimmt war. Aus diesem Grund wird zunächst ein kurzer Einblick in die mittelalterliche Weltsicht gegeben und anschließend die Rolle Marias innerhalb dieses Weltbildes dargestellt.
2.1 Heilsgeschichte
Das mittelalterliche Geschichtsverständnis beruhte im Wesentlichen darauf, dass Geschichte als Heilsgeschichte verstanden wurde, also eine Weltlenkung durch Gott vorausgesetzt wurde. Die Heilsgeschichte umfasst hier die Geschichte Gottes von der Weltschöpfung, über den Sündenfall, bis hin zur Wiederkunft 4 Christi und der Vollendung des Heilsplans im ewigen Gottesreich. Dass dies Teil des mittelalterlichen Weltbildes war, wird besonders in der augustinischen 5 Einteilung der Weltgeschichte in sechs, beziehungsweise sieben (inkl. Jenseits) Weltalter deutlich. Die einzelnen Weltalter wurden nach markanten Einschnitten in der biblischen Geschichte vorgenommen, wie man anhand der unten aufgeführten Abbildung deutlich erkennen kann.
Abb. 1
Die sich hieraus ergebende Verschmelzung von Religion und Geschichte führte dazu, dass negative Ereignisse dem Zorn Gottes
4 vgl.: M. Gerwing: Heilsplan, München 1989, Sp. 2031.
5 vgl.: Augustinus Aurelius: Vom Gottesstaat II, Zürich 1955, S. 839 .
5
zugeschrieben und als Strafe für die Bevölkerung angesehen wurden 6 . Aus mittelalterlicher Sicht befand man sich im letzten irdischen Zeitalter und das Jüngste Gericht stand unmittelbar bevor. Demzufolge war die Heilstatsache , also die Vollendung des Menschen im ewigen Gottesreich, ein wichtiger Bestandteil des m ittelalterlichen Weltbildes. D ie mittelalterliche Bevölkerung , die sich ihrer eigenen Sündhaftigkeit und des Zorns Gottes bewusst war, wurde von übertriebener Höllenangst geplagt und sah in Jesus Christus ihre Hoffnung auf eine Erlösung nach ihrem Tod. Das ewige Heil des Menschen wird durch die Lebensgeschichte Jesu vermittelt und scheint durch dessen Sieg über Sünde und T eufel bereits entschieden. Jesus verkörperte die Einwirkung Gottes auf die Rettung und Vollendung des Menschen und erweckte in der Bevölkerung die Hoffnung auf ewiges Heil, gab ihnen jedoch nicht die Heilsgewissheit. Um sich des persönlichen Heils zu versichern, wurden neben Gott auch die biblischen Heiligen verehrt. Im späten Mittelalter entwickelte sich daraus ein regelrechter Reliquienkult 7 . Die Reliquien von heiligen Menschen, die durch ihre Nähe zu Gott und das ihnen durch Gott widerfahrene Heil eine besondere Stellung in der Kirche inne hatten, wie zum Beispiel die heilige Sünderin Maria Magdalena, wurden verehrt. Man pilgerte zu Stätten, an denen angeblich Reliquien von bestimmten Heiligen aufbewahrt wurden, um deren Hilfe zu erbitten. Zu dieser Zeit entwickelten sich die noch heute bekannten Wallfahrtsorte. Die Heilsgewissheit galt als erstrebenswertes Ziel.
2.2 Die Bedeutung Marias in der Heilsgeschichte
Auch Maria, die Mutter Gottes, war in diesen Reliquienk ult integriert. So galten beispielsweise Tropfen ihrer Milc h oder Locken ihres goldenen Haares als überaus begehrte Reliquien. Die Marienverehrung entwickelte sich jedoch nicht erst im Mittelalter, sie entstand bereits bei den germanischen Völkern, die in Maria einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens sahen. Die ehrfürchtige Liebe, die ihr die mittelalterliche Kirche zuteil werden l ieß, ist in der Heilsgeschichte begründet. Maria
6 vgl.: Heilsgeschichte, in: DTV Lexikon, München 1990, Band 8, S. 41.
7 vgl.: W. Brückner: Heiltumsweisung, München 1989, Sp. 2033.
6
gehört „in die objektive Heilsgeschichte, denn ihr Ja zur Mutterschaft war die Voraussetzung für die Menschwerdung und Erlösung“ 8 ; sie ist eingebettet in den Heilsplan Gottes, da er sie auserwählt hat. Sie bekennt sich jedoch nicht nur zur Mutterschaft, sondern auch zur Gehilfin und Braut Jesus 9 , wodurch sie sich über die Mutterrolle hinaus erhebt. Maria markiert den Neuanfang in der Geschichte, indem sie den neuen Bund mit Gott beschließt; sie schenkt der Menschheit ein neues Leben 10 .
Auch aufgrund ihres persönlichen Heils erscheint Maria in der Heilsgeschichte bedeutsam. Sie gilt als Prototyp der erlösten Menschheit 11 , da an ihr als Vollerlöste die Befreiung und die Gnade Gottes für jedermann sichtbar sind. Maria verkörpert Hoffnung für die sündenvolle Bevölkerung, was zu einer gläubigen Gelassenheit führt und den Menschen, zu einem gewissen Grad, die Angst vor der eigenen Sündhaftigkeit und der Hölle nimmt. Sie wird dadurch zu einer dem Volk zugewandten Heiligen, einer Fürsprecherin der Bevölkerung. Maria erscheint als Gegenbild Evas. Eva hat durch ihren Un-gehorsam die Verbannung aus dem Paradies verschuldet, was unter anderem die Sterblichkeit der Menschheit zur Folge hat. Maria jedoch wird durch ihren Gehorsam von Gott belohnt. Aus ihr entspringt ein neues Leben, welches den Menschen das ewige Heil im Jenseits zusichert. Eva und Maria könne n demnach als Beginn und Vollendung des göttlichen Heilsplans angesehen werden. Die heilige Jungfrau ist somit tief in der Heilsgeschichte verankert und erweist sich einer gesonderten Verehrung als würdig.
Im Frühmittelalter galt die Verehrung hauptsächlich der Jungfräulichkeit Marias, die durch die jungfräuliche Geburt die innigste Einheit von Gott und der Menschheit darstellt. Im Hochmittelalter war die Mutterschaft der zentrale Aspekt der Marienverehrung, da sie mit der Bekenntnis zur Mutterschaft sich gleichzeitig dazu bekannte, aktiv am Heilsplan Gottes mitzuwirken.
8 A. Ziegenaus, Maria in der Heilsgeschichte - Mariologie, Aachen 1998, S. 9.
9 vgl.: Ebd. S. 35.
10 vgl.: Ebd. S. 13.
11 vgl.: Ebd. S. 36.
7
Maria wurde durch ihre göttliche Vollkommenheit und ihre Gläubigkeit auch Vorbild für die mittelalterliche Frau.
3. Marienfrömmigkeit und Mariendichtung im deutschen Mittelalter
Die mittelalterliche Mariendichtung war Ausdruck der Marienfrömmigkeit, die sich auf die ganze Bevölkerung ausbreitete. Sie setzte ein gewisses Maß an Wissen um Maria voraus, erweiterte dieses Wissen jedoch nicht. Als Hauptaspekte der Marienverehrung im lateinischen Mittelalter galten die vier Merkmale 12 :
-Gottesmutterschaft
-Immerwährende Jungfräulichkeit
-Sündenfreiheit
-Himmelsaufnahme
Die durch den Bettlerorden angetriebene Verbreitung des Marienkults außerhalb der Klöster ermöglichte eine volkssprachliche Mariendichtung. Die Marienfeste 13 , die vom 8. bis zum 13. Jahrhundert gefeiert wurden, sind Ausdruck des gesellschaftlichen Marienkults. Es gab insgesamt vier dieser Marienfeste: Maria Reinigung (02.02.), Maria Verkündigung (25.03.), Maria Himmelfahrt (15.08.) und Maria Geburt (08.09.). Durch den Einfluss der Franziskaner wurde noch ein fünftes Fest, Maria Heimsuchung (02.07.), hinzugefügt. Diese Feste spiegeln ebenfalls die Aspekte der mittelalterlichen Marienverehrung wider. Auch in den Gottesdiensten fand Maria zunehmend mehr Beachtung, sie wird zum Beispiel vermehrt in Predigten erwähnt. Später wird ihre Figur als Symbol der Gottesnähe (deificatio), durch die Mutter-Sohn Beziehung zu Jesus, in eigenständigen Marienpredigten verehrt. In der lateinischen Tradition der Marienpredigten 14 lässt sich aus der reichlichen Fülle dieser Werke unter anderem die Marienpredigt des Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jahrhundert nennen.
12 vgl.: L. Scheffczyk, Mariologie im lateinischen Mittelalter, München und Zürich, 1993, S. 245f.
13 vgl.: H. Fromm, Mariendichtung, Berlin 1965, S. 272.
14 vgl.: Ebd., S. 272.
8
3.1 Volkssprachliche Zeugnisse der Marienverehrung
Vor der eigentlichen Blütezeit der Mariendichtung wurde die Mariengestalt nicht aus ihrem biblischen Rahmen gelöst, wie man anhand des altsächsischen ‚Heliands’ sehen kann. Erst in der ‚compassio’ „einer neuen, subjektiveren Frömmigkeit der Frau Ava“ 15 von 1120, konnte die Gestalt der Mutter Gottes entfaltet werden. In den ersten ausgedehnten Mariengebeten wird die mediatrix 16 angerufen. Da die ältesten erhaltenen Stücke, die eine gezielte Verehr ung der heiligen Jungfrau Maria verinnerlichten, Nonnengebete waren, kann man als Träger der frühen Marienverehrung die Nonnen heranziehen. In adligen Nonnenzirkeln kam es später zu einer mystischen Auslegung der Mariengestalt, wie z.B. im ‚ St. Trudperter Hohelied’ , das um 1150 entstanden ist oder in der Allegorie ‚Die Hochzeit’ 17 . Im Mittelalter gab es zahlreiche literarische Gattungen, in denen sich die Marienverehrung entfaltete.
3.1.1 Marienpredigten
Die Marienpredigten lieferten das Bild- und Symbolgut, welches in der späteren Mariendichtung aufgegriffen wurde. Wo es im frühen Mittelalter nur vereinzelt Marienpredigten gab, lassen sich im 12. Jahrhundert schon reichliche Marienpredigten bezeugen. Im Laufe des 12. Jahr-hunderts setzte auch die Tradition der volkssprachigen Marienpredigten ein. Zu den wohl bedeutendsten Marienpredigten zählten die Predigten Bonaventuras und die Bettlerordenpredigt, welche zumeist auf Deutsch gehalten, aber auf Latein niedergeschrieben wurde. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Bettlerordenpredigt bildete aufgrund ihrer Exempelhaftigkeit bereits den Übergang hin zu den Marienlegenden, welche sich in der Epik weiterentwickelten 18 .
15 vgl.: H. Fromm, Mariendichtung, Berlin 1965, S. 273.
16 vgl.: Ebd. S. 274.
17 vgl.: Ebd. S. 274.
18 vgl.: Ebd. S. 272.
9
3.1.2 Marienepik
Die früheste Marienvita stammt von einer Nonne namens Hrotsvit und wurde um 935 19 in lateinischen Hexameterversen verfasst. Es handelt sich hierbei um eine eher dichterische Marienvita. Die bewahrte Jungfräulichkeit Marias bildet den Kern dieser Vita, welche ein typisches Legendenmotiv darstellt.
Das ‚Marienleben’ des Pfaffen Wernher von ca. 1172 weist zwar schon starke novellistische Züge auf, jedoch verweist die verwendete Rhetorik auf einen mehr predigthaften Charakter. Trotz der späteren höfischen Einflüsse wird die Mariendichtung auch nachher nicht zu den Epen gezählt werden, wie es z.B. beim Artusroman der Fall war. Als Vorlage für die volkssprachlichen Marienleben wurde zumeist die ‚Vita beatae virginis Mariae et salvatoris rhythmica‘ 20 (Vita) herangezogen, auf die im weiteren Verlauf der Hausarbeit noch einmal näher eingegangen wird.
Das ‚Grazer Marienleben’ gilt als das frühste Werk, welches in Abhängigkeit der ‚Vita‘ um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Insgesamt werden vier Marienleben genannt, die eindeutig auf die ‚Vita‘ zurückgreifen
- Das ‚Grazer Marienleben‘ (Mitte 13. Jhd.)
- Das ‚Marienleben‘ Walthers von Rheinau (1278)
- Das ‚Marienleben‘ des Schweizers Wernher (vor 1382)
- Das ‚Marienleben‘ des Bruders Philipp von Seitz (um 1300) 21 Des Weiteren existieren zwei Bruchstücke, die auf die ‚Vita‘ zurückgreifen
- Das mittelrheinische ‚Marienleben’
- Das ‚Königsberger Marienleben’, in dem aber nur die Himmelfahrt enthalten ist
Ein interessanter Aspekt ist, dass sich die ‚Vita‘ literarisch verselbstständigt hat und den Bereich der Legenden (Mirakel) und des lyrischen Lobpreises 22 geprägt hat.
19 vgl.: Ebd. S. 274.
20 vgl.: Ebd. S. 274.
21 vgl.: Ebd. S. 274 f.
22 vgl.: Ebd. S. 274-276.
10
3.1.3 Marienmirakel
In der deutschsprachigen Tradition kommen Marienmirakel erst im 13. Jahrhundert auf. Laienfrömmigkeit und die Tätigkeit des Bettlerordens bildeten die Voraussetzung für die Entstehung der Mirakel, welche meist Nachahmungen der literarischen Vorlagen waren. Sie sind weder form- noch gattungsgebunden. Die Mirakel von
- Bischof Bonus
- Thomas von Kandelberg
- Jüddel
- Heinrich von Klausners
- Siegfried dem Dörfer (Ende 13. Jhd. ) 23 zählen zu den fünf nennenswertesten Marienmirakeln in der deutschsprachigen Tradition.
3.1.4 Marienlyrik
Die Marienlyrik, welche Lobpreis mit dem Gebet verbindet, konzentriert sich vor allem auf die jungfräuliche Empfängnis Marias und das daraus resultierende Hervorbringen des Schöpfers 24 . Das deutschsprachige Marienlied ist jedoch meist nur eine Übertragung bzw. Nachahmung des lateinischen Kirchenliedes. Das erste selbstständige Marienlob des lateinischen Mittelalters, das ‚Ut virginem fetam loquar’, verfasst von Ennodius (gest. 521 n. Chr.), und das ‚Venantius Fortunatus’ (600 n. Chr.) galten als Ausgangspunkt des frühen Marienkults 25 . Zu karolingischer Zeit entwickelte sich die Grußhymne zur bekanntesten Form der Marienlyrik, welche durch die Sequenzen Notkers von St. Gallen (gest. 912 n. Chr.), wie beispielsweise die ‚congaudent angelon chori’ 26 , einem Lobpreis der heiligen Jungfrau Maria, erst richtig aufblühte. Besonders wichtig für die Entstehung des deutschsprachigen Marienlobs waren die drei Gesänge
- ave praeclara maris stella
- alma redemptoris
23 vgl.: Ebd. S. 276-279.
24 vgl.: Ebd. S. 281.
25 vgl.: Ebd. S. 280.
26 vgl.: Ebd. S. 280.
11
- salve regina 27 ,
die als Vorlage vieler liturgischer Gesänge dienten. Die Übertragung der Gesänge ins Deutsche vollzog sich etwa seit dem 14. Jahrhundert und diente der privaten Andacht.
Die Marienlyrik verbreitete sich nicht im Minnesang, da die Hauptträger der Marienlyrik zu den neuen Orden und den Laienbewegungen gezählt wurden 28 , welche der Kunst eher abgetan waren. Einzige Ausnahme bildet hier Walther von der Vogelweide, welcher den Lobpreis Marias in einem ‚Leich’ verarbeitete. Im 14. Jahrhundert löste die Marienlyrik eine regelrechte religiöse Massenbewegung aus, die formal übersteigert bis ins 16. Jahrhundert weitergeführt wurde 29 .
3.1.5 Marienklagen
Die Marienklagen, die zumeist gesungen wurden, zählen eigentlich zu den lyrischen Mariendichtungen, doch weisen sie bezüglich ihrer inhaltlichen Ausarbeitung dramatische Elemente auf. Die Marienklagen sind vom 13. bis 16. Jahrhundert bezeugt und wurden üblicherweise am Karfreitag szenisch dargestellt. Der Schmerz Marias bei der Kreuzigung Jesus bildete den Kernpunkt 30 . Dieser Schmerz wird entweder in Monologen oder in Gesprächen mit ihrem Sohn, Johannes, Petrus oder den drei anderen Marien dargestellt. Diese Szenen sind den lateinischen Karfreitagssequenzen entnommen und verweisen auf die „Notwendigkeit des Leides zur Erlösung“ 31 durch Gott. Zu den ersten bekannten Marienklagen zählt die ‚Lichtenthaler Marienklage’, welche im 13. Jahrhundert in Bayern verfasst wurde. Diese Klage strebte bereits auf eine geschlossene dramatische Handlung hin. Den dichterischen Höhepunkt der Marienklagen bildet die ‚Bordesholmer Marienklage’ 32 , die um 1475 entstanden ist. Sie weist bereits die geschlossene dramatische Handlung auf; zudem ist sie die
27 vgl.: Ebd. S. 280.
28 vgl.: Ebd. S. 281.
29 vgl.: I. Schweikle, Mariendichtung, Stuttgart 1990, S. 295.
30 vgl.: V. Meid, Mariendichtung, Stuttgart 1999, S. 331.
31 H. Fromm, Mariendichtung, Berlin 1965, S. 286.
32 vgl.: V. Meid, Mariendichtung, Stuttgart 1999, S. 331.
12
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