stehen die verschiedenen Formen von Stadtgenese und Stadttypen. Dort werden jeweils in Einzeldarstellungen die bedeutendsten Stadtentstehungsschichten in Mitteleuropa herausgestellt und deskriptiv erläutert. Es soll erarbeitet werden, welche Phänomene und Interessen die Bildung von Städten in Antike, Mittelalter, Neuzeit und Industrialisierungszeit bestimmten und auf welche Weise diese Entwicklung verlief. Abschließend folgt im fünften Kapitel ein Resümee, das die herausgearbeiteten Ergebnisse zusammenfasst und beurteilt.
2. Was ist eine Stadt?
Wann kann man eine Siedlung als Stadt bezeichnen? In der heutigen amtlichen Statistik wird die „Stadt“ über eine bestimmte Einwohnerzahl definiert. Diese (willkürliche) Art der Abgrenzung ist für die Stadtgeschichtsforschung jedoch weitgehend unbrauchbar. In der historischen Wissenschaft werden zahlreiche anderweitige „Stadt“-Kriterien genannt und diskutiert. So wird als ein Kennzeichen der antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Stadt häufig die Ummauerung, also ihr Festungscharakter, angesehen. Die Ansässigkeit von Handel und Gewerbe sowie das Vorhandensein eines Marktes gelten zudem als städtische Merkmale. Jedoch ist festzustellen, dass es in der Vergangenheit sowohl ummauerte Dörfer als auch ungesicherte Marktorte gab. 1 Die zentralörtliche Funktion, d. h. der Bedeutungsüberschuss der Stadt gegenüber den Orten der Umgebung, wird als ein weiteres Charakteristikum genannt. Doch auch isoliert liegende Herrensitze und Klöster verfügten über eine gewisse Zentralität. 2 Des weiteren wird die Stadt als besonderer Rechtsbezirk identifiziert, der gekennzeichnet war durch ein eigenes Recht und eine eigene Verfassung, durch den Stadtfrieden und die Stadtfreiheit. In diesem Sinne bildete sich die Stadt erst durch die Privilegierungen der Könige und Stadtherren ab dem beginnenden 12. Jahrhundert heraus. Bereits zu frühreren Zeiten existierten jedoch größere Siedlungen mit Stadtcharakter. 3 Die Einschränkungen und Widersprüche lassen erkennen, dass eine verbindliche und allgemein gültige Definition der „Stadt“ anhand eines feststehenden Rasters nicht möglich ist. Vielmehr kann man dieses Phänomen nur mit Hilfe eines Bündels von Merkmalen beschreiben, deren jeweils wechselnde Anzahl, Kombination und Gewichtung in Raum und
1 vgl.: Goetz 1991 4 , S. 203; Engel 1993, S. 17; Isenmann 1988, S. 20 ff.
2 vgl.: Goetz 1991 4 , S. 203; Engel 1993, S. 18; Isenmann 1988, S. 25.
3 vgl.: Goetz 1991 4 , S. 202; Isenmann 1988, S. 20 ff.
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Zeit die spezifische Entwicklung und individue lle Gestalt einer Stadt ausmachen. Hierzu zählen die bereits genannten Kriterien, zudem die dichte und geschlossene Bebauung, eine innerräumliche Differenzierung (also der unterschiedliche Bau- und Funktionscharakter einzelner Siedlungsteile), die hiermit in Zusammenhang stehende Sozialgliederung der Einwohnerschaft wie auch die Ausprägung von „städtischen“ Lebensformen und Einrichtungen. 4
3. Stadtgenese in Mitteleuropa
3.1 Die römisch-antike Stadt
Die Römerstädte bilden, im Gegensatz zu den keltischen Siedlungen und den germanischen Volksburgen, die kaum Stadtqualität besaßen und somit nur als Vorläufer des Städtewesens anzusehen sind, die früheste Stadtentstehungsschicht in Mitteleuropa. 5 Mit den Römern verbreitete sich in diesem Raum der Hausbau mit festen Materialien, ebenso die hiermit verbundenen termini technici wie Dach (von tectum) oder Mauer (von murus). 6 Auch einige der heutigen Städtenamen gehen auf die Bezeichnungen von römischen Siedlungen zurück: Köln von Colonia Claudia Ara Agrippinensium, Bonn von Bonna, Trier von Augusta Treverorum, Mainz von Mogontiacum. 7
Die römischen Städte in Mitteleuropa dienten als Truppenstützpunkte der Sicherung des eroberten Territoriums, fungierten darüber hinaus aber auch als Verwaltungsstandorte. Von hier aus wurde das Umland militärisch und administrativ kontrolliert. Schließlich war die Stadt auch Marktort. Hier fanden Handwerker, Händler und Bauern Abnehmer für ihre Waren. In jeder Römersiedlung fanden sich Gewerbeniederlassungen, im näheren Umland lagen zahlreiche Bauern- und größere Gutshöfe; sie trugen maßgeblich zur städtischen Versorgung bei. 8
Die römische Provinzialstadt zeichnete sich durch einen quadratischen bzw. rechteckigen Grundriss sowie durch ein orthogonales, schachbrettartiges Straßennetz aus. Zwei Hauptstraßen führten von den Stadttoren durch die Siedlung: in Nord-Süd-Richtung verlief
4 vgl.: Goetz 1991 4 , S. 202 f.; Engel 1993, S. 18; Ennen 1979³, S. 13 f.; Schöller 1967, S. 2 ff.
5 vgl.: Hofmeister 1999 7 , S. 30 f. Siehe auch: Ennen 1979³, S. 14 ff.
6 vgl.: Hofmeister 1999 7 , S. 31.
7 vgl.: ebd., S. 31.
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die cardo, von West nach Ost reichte die decumanus. Im Stadtkern, wo sich die beiden Hauptstraßen kreuzten, befand sich der Marktplatz, das forum. Der Markt war der Mittelpunkt des städtischen Lebens, hier wurden die wichtigsten Versorgungsfunktionen ausgeübt, hier lagen die offiziellen Verwaltungsgebäude. An das forum schlossen sich die Wohnquartiere der Stadtbevölkerung an. Zumeist außerhalb des engeren, befestigten Stadtbereiches waren öffentliche Bauten wie Tempel, Thermen und Amphitheater angelegt. 9 Mit dem Untergang des Römischen Reiches in der Spätantike verloren die Kolonialstädte an Bedeutung. Angesichts der Bedrohung durch germanische Stämme setzte eine Stadtflucht ein, ein Großteil der Bewohner verließ die römischen Siedlungen entlang von Rhein und Donau. Nicht jede dieser Städte überdauerte die Völkerwanderungszeit. 10
Die Frage nach der Kontinuität der römisch-antiken Städte in Mitteleuropa stellt ein intensiv diskutiertes Forschungsthema dar. Hierbei eröffnet sich ein breit gefächertes Spektrum an Antwortmöglichkeiten: während für Mainz eine kontinuierliche Besiedlung als sicher gilt, ist die römische Siedlung beim heutigen Xanten völlig untergegangen. Das mittelalterliche Köln besetzte nur einen Teil der römischen Stadt, in Bonn bildete sich ein zweiter, bestimmender Siedlungskern südlich des antiken Römerlagers um die heutige Münsterkirche heraus. 11 In den meisten Fällen kann nur von einer topographischen Kontinuität und weniger von einer funktionellen Fortdauer im Mittelalter die Rede sein. Vielmehr diente das Vorhandensein von Infrastruktur, Bauresten und Ruinen als Anknüpfungs- oder Lokalisierungspunkt der frühmittelalterlichen Besiedlung. Zumeist bildete sich der neue Siedlungskern abseits der antiken Stadt heraus bzw. bezog nur einen Teil der früheren Niederlassung mit ein. Die mittelalterliche Stadt stellte (in der überwiegenden Zahl der Fälle) nicht die unmittelbare Fortführung einer römischen Siedlung dar. 12
3.2 Stadtentwicklung im Mittelalter
Diejenigen römischen Städte, die im Mittelalter als Siedlungsorte (partiell) weiter existierten, verdankten die Fortdauer oftmals ihrer Funktion als Bischofssitz. Die geistlichen Würdenträger waren in der Zeit der ausgehenden Antike zu Schutzherren der Städte
8 vgl.: Martin 2002, S. 12 ff.; Pekáry 1979, S. 83 ff.
9 vgl.: Heineberg 2001², S. 194 f.; Martin 2002, S. 12 ff.; Pekáry 1979, S. 83 ff.
10 vgl.: Heineberg 2001², S. 195; Goetz 1991 4 , S. 205.
11 vgl.: Goetz 1991 4 , S. 205; Engel 1993, S. 22 ff.; Ennen 1979 7 , S. 41 ff.
12 vgl.: Engel 1993, S. 22 ff.; Goetz 1991 4 , S. 205; Verhulst 1996, S. 365 ff.; Ennen 1979 7 , S. 41 ff.
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Karsten Kramer, 2004, Die antike, mittelalterliche und neuzeitliche Stadt - Stadtentstehungsschichten in Mitteleuropa, München, GRIN Verlag GmbH
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