Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Frau DR. BRIGITTE LUEGER-SCHUSTER für die ausdauernde und in sehr konstruktiver Form kritische Betreuung, sowie Begutachtung meiner Diplomarbeit.
Die Entscheidung für einen qualitativen Forschungsansatz und Kenntnisse über die Methoden der Grounded Theory verdanke ich Frau DOZ. DR. CHRISTINA SCHACHTNER, methodische Ergänzungen und klare Begriffsdefinitionen DR. ALFRED UHL [Ludwig - Boltzmann - Institut für Suchtforschung], inhaltliche Anregungen DR. HEINZ WILFING.
Für Korrekturlesen und Formatieren der Arbeit gebührt mein Dank MAG. RICKI OELMACK, für fruchtbare Diskussionen, Beiträge und freundschaftliche Aufmunterungen MAG. NINA ACKER.
Ein herzliches Dankeschön meinen Eltern für die finanzielle Unterstützung während des Studiums, und HILDE und GÜNTHER BERNINGER, sowie meiner Schwester IDA mit Familie dafür, dass sie mir immer wieder Raum und Atmosphäre zur Verfügung gestellt haben, wo es ein Vergnügen war, an der Diplomarbeit zu arbeiten.
Am allermeisten jedoch danke ich den zwölf Frauen, die sich mir für die Interviews zur Verfügung gestellt haben, für ihr Vertrauen - ohne sie wäre die Arbeit nicht zustande gekommen und PRIM. DR. GÜNTER PERNHAUPT, der - als mein Arbeitgeber - eine ständige Herausforderung war und damit wesentlich dazu beigetragen hat, mich mit, vor allem frauenspezifischen Ansätzen im Bereich der Therapie von suchtkranken Menschen intensiv auseinander zu setzen. Meinen Freundinnen und Freunden sei gedankt dafür, dass sie mir über Krisen hinweggeholfen haben und mich ermunterten weiterzumachen, wenn ich aufgeben wollte.
Und last but not least danke ich WOLFGANG, dass er mit mir den Weg von der Unabhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit gegangen ist.
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
Widmung
Die Frauen
In ihren Schritten
liegt der Wille aufzuholen
worum man sie lange bestohlen
ihren Weg selbst zu wählen
In ihren Augen
leuchten neugewonnene Freuden
die sie wie Kinder vergeuden
ohne sie sparsam zu zählen
In ihren Händen
wohnt die Kraft, fest zuzupacken
und die harte Nuss zu knacken
ohne Waffe, ohne Wut
In ihren Sinnen
ist die Sehnsucht eingestanden
der Plunder kam abhanden
nach dem sie sich früher gesehnt
In ihren Köpfen
dürfen sie zu Ende denken
ohne sich sehr zu verrenken,
da Klugheit die Frau nicht verschont’
Auf ihren Lippen liegt ein freigewordenes Lachen
wie ein halbes Erwachen
das die Drachen verscheucht
so sind die Frauen
die sich nicht zerstören ließen
und die Kraft, die sie bewiesen
bildet jetzt das Weltbild neu.
(Milena Jirsenska)
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
Inhaltsverzeichnis
1 Zur Entstehung dieser Arbeit 16
2 Zugang und Forschungsinteresse. 20
3 Biographische Forschung 23
4 Methodischer Ansatz 25
4.1 Datenerhebung. 25
4.1.1 Episodische Tiefeninterviews 25
4.1.2 Leitfaden 26
4.2 Biographische Erzählungen. 28
4.3 Durchführung der Interviews. 29
4.3.1 Vorerhebung 29
4.3.2 Zugang zum Feld 30
4.3.3 Bearbeitung der Interviews als Vorbereitung für die
Auswertung 31
4.4 Dokumentenanalyse 32
5 Auswertungsmethoden 33
5.1 Qualitativer Forschungsansatz nach den Methoden der
Grounded Theory 33
5.2 Prozessverständnis der gegenstandsbegründeten
Theoriebildung. 34
5.2.1 Linearität und Zirkularität des Prozesses 34
5.2.2 Rollendefinitionen beim Einstieg in ein offenes Feld 36
5.3 Auswahlentscheidungen im Forschungsprozess. 38
5.3.1 Fragestellung 38
5.4 Theoretische Sensibilität. 39
5.5 Einsatz von Literatur 41
5.6 Kodierverfahren 41
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
5.6.1 Begriffsdefinitionen. 41
5.6.2 Konzeptualisieren der Daten 43
5.6.3 Entwickeln von Kategorien in bezug auf ihre
Eigenschaften und Dimensionen. 44
5.6.4 Offenes Kodieren 44
5.6.5 Verfahren beim offenen Kodieren 44
5.6.6 Zusammenfassung: Offenes Kodieren 45
5.6.7 Axiales Kodieren 45
5.6.8 Offenes versus axiales Kodieren. 46
5.6.9 Verfahren beim axialen Kodieren 46
5.6.10 Das paradigmatische Modell 46
5.6.11 Verknüpfen und Entwickeln von Kategorien mit Hilfe
des Paradigmas 48
5.6.12 Aufspüren von Beziehungen 49
5.6.13 Zusammenfassung: axiales Kodieren 50
5.6.14 Selektives Kodieren 51
5.6.15 Zusammenfassung: selektives Kodieren. 54
5.7 Prozessverständnis in der Grounded Theory 55
5.7.1 Wo und wie findet man Veränderung, die auf
Prozessaspekte verweist? 57
5.7.2 Beschreiben des Prozesses. 57
5.7.3 Zusammenfassung: Prozessverständnis in der
Grounded Theory 58
5.7.4 Grounded Theory als ein transaktionales System. 58
5.7.5 Bedingungsmatrix 60
5.7.6 Bedingungspfade verfolgen. 62
5.7.7 Zusammenfassung der Bedeutung der
Bedingungsmatrix in der Groundes Theory. 64
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
5.8 Theoretisches Sampling 64
5.8.1 Zusammenfassung: Sampling in der Grounded
Theory 66
5.8.2 Ergänzende Verfahren, die im Rahmen der
Untersuchung angewendet wurden. 67
5.8.3 Memos und Diagramme 68
5.8.4 Zusammenfassung: Memos und Diagramme. 68
6 Methodendiskussion. 69
7 Definitionen und Konzepte aus dem Bereich der
Suchtforschung. 71
7.1 Der Begriff Drogen. 71
7.1.1 Abhängigkeit und Widerspruch der Sucht 75
7.1.2 Begriffe: experimenteller Gebrauch-Gebrauch-
sch ädlicher Gebrauch-Sucht 80
7.2 Begriffe: substanzgebundene versus nicht-
substanzgebundene Süchte 82
7.3 Suchtpotential. 83
7.4 Suchtphasen. 84
7.5 Co-Abhängigkeit - Sucht aus systemischer Sicht 87
7.5.1 Begriffe: Abstinenzorientierung versus
Problemorientierung 92
8 Einzelfallanalysen (Thematisches Codieren) 93
8.1 Bezeichnungen für die Interviewpartnerinnen. 95
8.2 Gratwanderin 95
8.2.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 95
8.2.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 97
8.2.3 Stationärer Therapieaufenthalt. 100
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
8.2.4 Psychotherapeutischer Prozess. 103
8.2.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 104
8.2.6 Therapieende 105
8.2.7 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 107
8.2.8 Gemischtgeschlechtliche versus frauenspezifische
therapeutische Gemeinschaft. 109
8.3 Gegensätzliche. 110
8.3.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 110
8.3.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 110
8.3.3 Kontakte zu den Eltern während der Zeit des
Konsums psychoaktiver Substanzen 112
8.3.4 Konsum psychoaktiver Substanzen -
Gef ängnisaufenthalt - Therapie statt Strafe. 113
8.3.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung 114
8.3.6 Psychotherapeutischer Prozess. 114
8.3.7 Erleben der Therapeutischen Gemeinschaft 115
8.3.8 Was hilfreich/heilsam erlebt wurde. 116
8.3.9 Therapieende 117
8.3.10 Frauenspezifische versus gemischtgeschlechtliche
therapeutische Gemeinschaft. 119
8.3.11 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 120
8.4 Ausdrucksvolle 121
8.4.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 121
8.4.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 122
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
8.4.3 Stationärer Therapieaufenthalt. 125
8.4.4 Therapieende 127
8.4.5 Lebendige Beziehung ohne Konsum von
psychoaktiven Substanzen. 128
8.4.6 Wichtig Aspekte eines Therapiekonzepts. 129
8.5 Die Suchende 130
8.5.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 130
8.5.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 131
8.5.3 Konsum psychoaktiver Substanzen 132
8.5.4 Therapieprozess 135
8.5.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 135
8.5.6 Vorschläge zur Gestaltung einer Einrichtung, „wo
Heilsames /Hilfreiches passieren kann“ 137
8.6 Die Misshandelte 137
8.6.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 137
8.6.2 Machtkämpfe mit den Brüdern 139
8.6.3 Zeit des Konsums psychoaktiven Substanzen 139
8.6.4 Therapieeinstieg. 141
8.6.5 Therapeutischer Prozess 142
8.6.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 144
8.7 6.7. Die Checkerin 144
8.7.1 Erleben der Familiensituation während der Kindheit 144
8.7.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 145
8.7.3 Wechsel eine andere (Drogen)-Therapieeinrichtung. 149
8.7.4 Therapieende 150
8.7.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 151
- 8 -
Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
8.7.6 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 152
8.8 Die Amazone 153
8.8.1 Erleben der Eltern in der Kindheit 153
8.8.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 155
8.8.3 Konsum psychoaktiver Substanzen 155
8.8.4 Therapiemotivation. 159
8.8.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung 159
8.8.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 162
8.8.7 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 163
8.9 Die Angstleidende 165
8.9.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 165
8.9.2 Sexueller Missbrauch 165
8.9.3 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 167
8.9.4 Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen. 168
8.9.5 Partnerbeziehungen standen in Zusammenhang mit
dem Konsum psychoaktiver Substanzen 168
8.9.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 172
8.9.7 Kritik an der therapeutischen Einrichtung /
Gestaltungsvorschl äge. 173
8.10 Verantwortliche. 175
8.10.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 175
8.10.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 177
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
8.10.3 Zeit zunehmenden Konsums psychoaktiver
Substanzen 178
8.10.4 Stationärer Therapieaufenthalt. 182
8.10.5 Alternativen zum Konsum psychoaktiver
Substanzen 184
8.10.6 Therapieende 188
8.10.7 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 189
8.10.8 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Änderungsvorschläge. 189
8.11 Kasper Hauserin. 191
8.11.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 191
8.11.2 Jugend - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 191
8.11.3 Partnerbeziehungen im Zusammenhang mit dem
Konsum psychoaktiver Substanzen 192
8.11.4 Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen. 193
8.11.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung 194
8.11.6 Therapieende 194
8.11.7 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 197
8.11.8 Mangel an Vorbildern 198
8.11.9 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 198
8.12 Die Marionettenfrau 200
8.12.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 200
8.12.2 Jugendzeit - Pubertät - Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 201
8.12.3 Therapieeinstieg stationärer Aufenthalt in der
Therapeutischen Einrichtung. 202
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
8.12.4 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde 204
8.12.5 Therapieende 204
8.12.6 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Änderungsvorschläge. 205
8.12.7 Therapeutische Wohngemeinschaft für Frauen
versus gemischtgeschlechtlicheTherapeutische
Wohngemeinschaft 206
8.13 Die Lebenshungrige 207
8.13.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit 207
8.13.2 Jugend - Pubertät- Beginn des Konsums
psychoaktiver Substanzen 208
8.13.3 Stationärer Therapieaufenthalt. 211
8.13.4 Therapieende 213
8.13.5 Kritik an der therapeutischen
Einrichtung /Gestaltungsvorschläge. 214
9 Querschnittsauswertung mit Ergänzungen aus der
Fachliteratur. 216
9.1 Zur Methode 216
9.1.1 Geschichtliche Entwicklung dieser Form der
Datenanalyse 216
9.1.2 Warum Einzelfallanalyse und
Querschnittsuntersuchung ? 217
9.1.3 Ergänzungen aus der Fachliteratur 217
9.1.4 Mangelnde Allparteilichkeit. 218
9.2 Erleben der Kindheit - im Zusammenhang mit der späteren
Entwicklung einer Suchterkrankung 219
9.2.1 Darstellung der Mutter-Tocher-Beziehungen durch
die interviewten Frauen 219
9.2.2 Zusammenfassung: Mutter-Tochter-Beziehung 226
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
9.3 Die Zeit der Pubertät ...................................................................251 9.3.1 Entwicklungsanforderungen an den Jugendlichen .........252 9.4 Einstieg in den Drogenkonsum....................................................261
9.5 Wissen der Angehörigen um den Konsum psychoaktiver
Substanzen..................................................................................268 9.6 Schulbildung und Berufsausübung ..............................................270
9.7 Persönlichkeit und Arbeitsstil.......................................................276
Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
9.8 Konsum psychoaktiver Substanzen im Zusammenhang mit
Partnerbeziehungen 286
9.9 Drogenkonsummuster der interviewten Frauen. 297
9.10 Faktoren und Situationen die eine Rehabilitation
beg ünstigen 299
9.10.1 Theoretisches Erklärungsmodell 300
9.11 Beschreibungen über die Erfahrungen, die dazu beigetragen
haben , auf gesundheitsschädigenden Substanzkonsum zu
verzichten 302
9.11.1 Bereitschaft für den Verzicht des Konsums
psychoaktiver Substanzen 302
9.11.2 Steigerung des Selbstbewusstseins (Erhöhung der
sozialen Kompetenz) durch Bewältigen von Krisen 303
9.11.3 Vorbildwirkung, die Ermutigung für den eigenen
Weg bedeutet. 305
9.11.4 Bewusstseinserweiterung ohne Drogen 306
9.11.5 Unbeschadet Fehler machen dürfen 306
9.11.6 Aufgeben des Alles oder Nichts - Prinzips. 307
9.11.7 Aus Erfahrungen lernen durch die Möglichkeit sie zu
reflektieren 307
9.11.8 Beziehungsfähigkeit entwickeln 308
9.11.9 Krisenfeste Beziehungen aufbauen 308
9.12 Erleben des Aufenthaltes in der Therapeutischen
Gemeinschaft 311
9.12.1 Beziehungen zu den MitarbeiterInnen. 312
9.12.2 Wahlmöglichkeit in Bezug auf das Geschlecht der
TherapeutInnen und der Therapieformen. 316
9.12.3 Standort und Größe, Ausstattung der Einrichtung. 316
9.12.4 PatientInnenstatus der TherapieklientInnen 318
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
9.12.5 TherapeutIn-KlientIn-Beziehungen. 319
9.12.6 „Ex-PatientInnen“ als MitarbeiterInnen 319
9.12.7 Regeln versus Mitsprache- und
Gestaltungsm öglichkeit 320
9.12.8 Hierarchische Machtstruktur. 321
9.12.9 Langsamer Ablösungsprozess - Vorbereitung auf
die Zeit nach dem Therapieaufenthalt 323
9.12.10 Arbeitstherapie 325
9.12.11 Angebot an kreativen, kulturellen und sportlichen
Aktivit äten. 325
9.12.12 Geschlechtsspezifisch getrennte versus
gemischtgeschlechtliche Therapeutische
Gemeinschaften 326
10 DISKUSSION DER ERGEBNISSE 328
10.1 Zusammenhang zwischen Ziel und Methoden der
Untersuchung 328
10.2 Motive für den Konsum psychoaktiver Substanzen 329
10.3 Primäre Sozialisation im Zusammenhang mit
Suchtentwicklung. 329
10.4 Entwicklung von Selbstachtung 332
10.5 Entwicklung von Geschlechtsidentität 334
10.6 Entwicklung von Beziehungsbewusstsein und
Beziehungswirksamkeit 336
10.7 Auswirkungen des Mangels an Subjektivität bei den
interviewten Frauen auf Partnerbeziehungen 340
10.8 Spaltung zwischen Autonomie und Sexualität 342
10.9 Ausbildung - Berufstätigkeit - finanzielle Unabhängigkeit in
Partnerschaften 345
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
10.10 Herausforderungen, die sich einer Therapieeinrichtung
11 Literatur.................................................................................................350
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
1 Zur Entstehung dieser Arbeit
Hinter dem Titel Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit verbergen sich die Lebensgeschichten von zwölf Frauen, die in ausführlichen Interviews ihren Weg in die Suchterkrankung beschreiben, die Motive für den Konsum und die Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen, ihre Motive sich einer Therapie zu unterziehen, das Erleben des stationären Therapieaufenthaltes, die Zeit danach und was es ihnen möglich gemacht hat mit ihrem Leben zurecht zu kommen, ohne weiteren Suchtmittelkonsum.
Die hier vorliegende Diplomarbeit ist in enger Verknüpfung mit meiner Berufspraxis entstanden:
Ich absolvierte das sechswöchige Pflichtpraktikum im Rahmen des Psychologiestudiums im Verein ‚Grüner Kreis’ [Verein zur Rehabilitation ehemals suchtkranker Menschen], arbeitete anschließend im Bereich der Freizeitgestaltung mit, begann eine klientenzentrierte Gesprächspsychotherapieausbildung zu machen und wurde schließlich als therapeutische Mitarbeiterin angestellt. In dieser Funktion erlebte ich den Aufbau einer Therapeutischen Wohngemeinschaft für Frauen, deren therapeutische Leitung mir ein Jahr später übertragen wurde. Nach Mitarbeit an der Konzepterstellung und am Aufbau einer Therapeutischen Wohngemeinschaft für weibliche Jugendliche wechselte ich in den ambulanten Bereich, war beteiligt am Aufbau einer Jugend(sucht)beratungsstelle und an der Umsetzung suchtpräventiver Projekte mit Schulen beim Verein ‚Jugend & Kultur Wiener Neustadt’.
Der Abschluss der Diplomarbeit erfolgt derzeit neben meiner beruflichen Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut’ für Suchtforschung, was mir sehr hilfreich in dem Versuch ist, differenziertere Verbindungen zwischen Praxis und Theorie herzustellen.
Sehr bald hatte ich durch die intensive Beschäftigung mit suchtkranken Frauen einen Eindruck von der Vielfältigkeit dessen, was die Frauen selbst als verursachend für ihre Suchterkrankung sahen. Die Fragen nach der ‚Suchtpersönlichkeit’ bzw. nach Indikatoren, die als (mit)verantwortlich für eine Suchtentwicklung
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
gesehen werden, begann mich zu beschäftigen im Hinblick darauf, wie im therapeutischen Kontext adäquat darauf reagiert werden kann. Ziel dieser Arbeit ist es, aus den lebensgeschichtlichen Erzählungen ehemals suchtkranker Frauen auf grundlegende Persönlichkeitsstrukturen zu schließen, auf ihre in der primären Sozialisation entstandene Tiefenstrukturen, auf ihre grundlegenden Orientierungsmuster in der Lebenswelt, auf Deutungssysteme ihres sozialen Lebens und ihres Ichs darin, die im Hinblick auf die Entwicklung einer Suchterkrankung bedeutsam sind.
Dies passierte über die Herausarbeitung der Spezifika des Einzelfalls, der besonderen Fallstruktur, im Vergleich zu den anderen Fallstrukturen. Die besondere Eignung biographischen Materials für solche Ziele wird darin gesehen, dass aus Fragebogen- oder Beobachtungsdaten keine zureichende In-formation über die das Handeln in der Situation bestimmenden Faktoren, die aus biographisch früheren Konstellationen bestimmt sind und dennoch alle späteren Handlungen mitbeeinflussen, gewonnen werden kann. Manche Einstellungen sind allein aus einem Gesamtkontext verstehbar, den die lebensgeschichtliche Erzählung am besten abbilden kann.
Die Beobachtung, wie sehr sich die in Therapie befindlichen Frauen ihre persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben einschränken, ihre in Bezug auf Ausbildung oder berufliche Existenz geplanten Aktivitäten zurückstellen oder sogar aufgeben, wenn sie eine Partnerbeziehung eingehen, und dass es dadurch auch vermehrt zu Therapieabbrüchen kommt, hat bewirkt, dass ich besonderes Augenmerk auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu legen begann. Bereichernd aus der Fachliteratur bei der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Rollenverhalten in Beziehungen war vor allen Dingen BENJAMIN 1 . Ihre aus der tiefenpsychologisch/therapeutischen Erfahrung resultierenden Konzepte stehen in keinem Widerspruch zu den Aussagen der interviewten Frauen und werden auch als theoretische Ergänzung an den passenden Stellen in die Untersu-
1 BENJAMINJ. 1978
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
chung eingebracht. Wichtige Anregungen stammen auch von WEGSCHEIDER 2 , 3 & RENNERT 4 , die über die Prägung des Begriffs Co-Abhängigkeit (Co-
SCHAEF
dependency) mit ihrer Literatur über co-abhängiges Verhalten einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, die Rollen der Bezugspersonen / des Bezugssystems von [suchtmittel] abhängigen Personen zu berücksichtigen. Im engerem Sinne sind damit Bezugspersonen eines suchtkranken Menschen gemeint, die über ihr Agieren das Suchtverhalten der betreffenden Personen aus unterschiedlichen Motiven heraus unterstützen. In einer erweiterten Definition beschreibt WEGSCHEIDER Co-Abhängigkeit als eine Sucht nach einer anderen Person/Personen und deren Problemen oder nach einer Beziehung und ihren Problemen.
Die unterschiedlichen Definitionen des Begriffes und der Umstand, dass die Anwendung des Begriffes eine unüberschaubare Ausdehnung erfahren hat, und damit meiner Meinung nach Gefahr läuft - wenn Beziehungsfähigkeit nicht klar von Co-Abhängigkeit unterschieden wird - auch diese zu pathologisieren, bin ich sehr vorsichtig mit der Verwendung dieses Begriffes umgegangen. Für eine(n) außenstehend Beobachtende(n) ist der Unterschied zwischen coabhängigem und beziehungsfähigem Verhalten oft nicht erkennbar, weil er in der Intention liegt, mit der ein Verhalten gesetzt wird. Die Auswertung der Tiefeninterviews und Literaturstudien erfolgte in Anlehnung an die von GLASER & STRAUSS entwickelte Methodologie der Grounded Theory , im Sinne einer Praxisforschung, die den Daten und dem untersuchten Feld Pri-orität gegenüber theoretischen Vorannahmen verleihen. Die Methoden gewähren auch die Flexibilität und Freiheit, das Phänomen der Suchterkrankung in seiner Tiefe zu erforschen, bedingt durch die Handlungs- und Prozessorientierung während des gesamten Untersuchungsverlaufes. Diese Form der Auswertung entspricht meinen Anliegen, die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht für die praktisch therapeutische Arbeit nutzbar zu machen.
2 WEGSCHEIDER S. 1988
3 SCHAEF A. W. 1989
4 RENNERT M. 1989
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
Pointiert könnte man sagen, dass die Grounded Theory eine Methodologie darstellt um analytisch über soziale Phänomene nachzudenken.
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
2 Zugang und Forschungsinteresse
Qualitative Arbeit kann von oberflächlichen Beschreibungen im journalistischen Stil bis zu präzise definierten und in den Schlussfolgerungen für Dritte nachvollziehbaren Analysen bestehen. Der tendenziell schlechte Ruf qualitativer Forschung resultiert aus oft oberflächlich bleibenden, auch ideologisch gefärbten Beschreibungen. Im Gegensatz dazu sind in der vorliegenden Arbeit die Schritte, wie man von den Daten zu den Interpretationen kommt, gut nachvollziehbar, aber trotzdem nicht eingeengt durch ein aus der Literatur kommendes Vorgabenraster.
Über episodische Tiefeninterviews wurde die Suchtentwicklung, der Therapieprozess und die, als individuelle Erfolgsdeterminanten erlebten Aspekte, bei ehemals von psychoaktiven Substanzen abhängigen Frauen erfragt und systematisch aufgezeichnet, um plausible und detaillierte Aussagen über den Zusammenhang zwischen Ausgangsbedingungen (Weg in die Sucht), therapeutischen Kontext und der Fähigkeit wieder ohne gesundheitsschädigenden Substanzkonsum zu leben (Weg aus der Sucht) aufzuzeigen. Diese Komplexität und Wechselwirkung zu betrachten und ein lebendiges Bild darüber zu zeichnen, was wirklich zum Verzicht auf gesundheitsschädigenden Substanzkonsum geführt hat, war nur mittels eines qualitativen Zugangs möglich, weil es eines divergenten und offenen Blickes bedarf, sich diesem mehrdimensionalen, komplexen Untersuchungsgegenstands anzunähern.
Die ausführliche Darstellung und Reflexion des methodischen Vorgehens entspricht einem qualitativen Zugang, bei dem systematisch erhoben und interpretiert wurde, um den Weg von den Daten zur Theorie transparent zu machen. Weil im untersuchten Feld häufig mit Begriffen umgegangen wird, deren Interpretationsraum groß ist, wurde in der Arbeit sehr sorgfältig mit Begriffen umgegangen, d.h. dass unterschiedliche Bedeutungen erfasst worden sind und explizite Entscheidungen für bestimmte Begrifflichkeiten getroffen wurden.
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
Bestätigt wurde die Wahl dieses Zugangs in vielfacher Hinsicht. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass Therapieabbrüche, im Gegensatz zu üblichen Erwartungen, sich nicht unbedingt negativ auswirken müssen, sondern auch Her-ausforderung sein können, auf weiteren psychoaktiven Substanzkonsum zu verzichten. Die Bedeutsamkeit der Frage nach der Motivation für den Therapieabbruch lässt sich beispielsweise aus der starreren Perspektive des quantitativen Zuganges nicht erfassen. Wenn man weiß, was man beobachten will, ist ein quantitativer Zugang zielführend, wenn es aber wie in dieser Arbeit darum geht, dass sehr komplexe Prozesse betrachtet werden, ist ein qualitativer Zugang angebracht.
Eine derartige qualitative Analyse kann auch einer quantitativen Untersuchung vorangestellt und eingesetzt werden, um die, für Praxis bedeutsame Nuancen zu finden. Es zeigte sich zum Beispiel, dass in Bezug auf den Einfluss von Berufstätigkeit auf den Verzicht gesundheitsschädigenden Substanzkonsums, eine Weiterqualifizierungsmöglichkeit, trotz Gewährleistung einer finanziellen Unabhängigkeit besonders hilfreich ist bzw. eine im franklschen Sinne, sinnstiftende Tätigkeit darstellt. Fragen in diese Richtung lassen sich in einem Fragebogen kaum formalisieren.
Dort, wo man keine präzisen Hypothesen formulieren kann, ist es wesentlich günstiger, primär eine qualitative Vorgehensweise zu wählen. Über einen dialogischen Zugang zum Untersuchungsfeld lassen sich mitunter präzisere, realitätsgerechtere Kategorien finden. Das dialogische Vorgehen impliziert, dass die vorläufigen Konzepte , in dem man offene Fragen stellt, immer wieder einer unmittelbaren Überprüfung zugeführt werden. Beim quantitativen Zugang ist eine laufende Anpassung an die Erfahrung nicht mehr gegeben.
Da die Arbeit die Komplexität des Suchtgeschehens detailliert und präzise beschreibt, ist sie hilfreich für Personen, die beginnen sich in diesem Bereich professionell zu engagieren. Die Ergebnisse sind aber auch interessant für Perso-
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
nen, die sich im Verlauf längerer Praxistätigkeiten gewisse Sichtweisen erworben haben und durch unorthodoxe Konzepte und Interpretationen einen Zugang zu einer Ergänzung bzw. Reevaluierung ihres Therapiegebäudes finden können.
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Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit Christine Gruber
3 Biographische Forschung
FREUDS Verfahren und Entdeckungen hatten geschichtlich bedeutsamen Einfluss auf die biographische Forschung. Ausführliche Erzählungen der Lebensgeschichte sind Grundlagen der Theorie der Psychoanalyse und auch des daraus entwickelten Heilverfahrens. Psychoanalytische Erkenntnis kann als biographisches Verfahren 5 bezeichnet werden. In diesem Sinne hat FREUD ... in der großen psychoanalytischen Krankengeschichte eine Kate-gorie wissenschaftlicher Literatur geschaffen, die ohne Vorbild war. 6 Wichtig war zugleich die methodische Skepsis des Psychoanalytikers gegenüber Erinnerungen: Sie können ein Geheimnis verdecken, etwas ganz anderes meinen, als sie vorgeben. Seit FREUD heißen solche Erinnerungen an scheinbar belanglose Ereignisse und Situationen in der (frühen) Lebensgeschichte, die eine geheime Beziehung zu einem zentralen Thema, einem bedeutenden Ereignis haben, Deckerinnerungen. 7
In der Literatur zur biographischen Forschung finden sich zwei Abgrenzungen zur Psychoanalyse. Zum einen jene, die durch die in der Kindheit durchlebten Triebkonstellationen festgeschrieben sind. Hier wehrt man sich gegen eine Überschätzung der Bedeutung der Kindheit für die weiteren Lebensmöglichkeiten 8 , die Annahme von der lebensgeschichtlich frühen Festlegung würde im übrigen das Interesse für die ganze Lebensgeschichte obsolet werden lassen. Zweitens wird angemerkt, dass die Menschen keineswegs allein oder dominant durch unbewusste Konstellationen getrieben werden, sondern zu weiten Teilen durchaus über ihr Leben berichten können, dass ihnen ihre Lebensführung be- 5 SCHRAML1965, S 258
6 BITTNER 1978, S 337
7 WERNER FUCHS-HEINRITZ 1984, S 84
8 ALLPORT 1947, S 79
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wusst sei. Andernfalls müsste eine andere Erhebungsmethode als die der Befragung im Interview gesucht werden. 9 Für den Soziologen und Sozialpsychologen sind m. E. zurzeit Bekenntnisse über bewusste, unverdrängte Erlebnisse wichtiger. Denn es fehlt uns noch an methodisch gesammelten und bearbeitetem Material über die gewöhnlichsten sozialen Vorgänge; wir wissen nicht einmal ob und in welchem Maße wir zwecks ihrer Erklärung zu den durch die Psychoanalyse entdeckten Faktoren unsere Zuflucht werden nehmen müssen, weil wir diese Vorgänge überhaupt erst systematisch zu erforschen beginnen. 10 Schon andere fanden es nicht einfach
... zu entscheiden, wo sie anfangen, wo sie aufhören und auf welche Bereiche sie sich konzentrieren sollten. 11
Biographische Forschung kann die Prozesshaftigkeit des sozialen Lebens zugänglich machen.
9 WERNER FUCHS-HEINRITZ 1984, S 85
10 ZNANIECKI 1927, S 289
11 MADGE 1968, S 55
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4 Methodischer Ansatz
Erhebungsmethoden:
• Episodische Tiefeninterviews (biographische Erzählungen)
• Dokumentenanalyse
• (Fach) - Literaturstudien Auswertungsmethode:
• Nach dem qualitativen Forschungsansatz der Grounded Theory nach GLASER & STRAUSS, ergänzt durch eine
• vertiefende Analyse des einzelnen Falls
4.1 Datenerhebung
Eine Attraktivität der biographischen Forschung besteht in der Tatsache, dass ihr Gegenstand die unterschiedlichen Erfahrungen, Handlungsbereiche und Entwicklungen in unterschiedlichen Lebensfeldern und Sozialmilieus als Gestalt, als integrierten Zusammenhang enthält. Während Einstellungsfragen, Tests, Meinungsbefragungen und andere Forschungsmethoden der Sozialwissenschaft einen Gegenstand erreichen, der aus dieser gestalteten Struktur der Biographie herausgeschnitten wird, interessiert sich biographische Forschung gerade für das, was wir im Alltag unseres Lebens dauernd tun: Sicherung und Abrundung der Identität über viele unterschiedliche soziale Handlungsbereiche und Lebenskreise hinweg.
4.1.1 Episodische Tiefeninterviews
Unter episodischen Tiefeninterviews versteht man eine situationsbezogene Teilerhebung, in der strukturierende Vorgaben mit inhaltlicher Offenheit verknüpft werden.
Die Aufmerksamkeit im Interview richtet sich auf Situationen bzw. Episoden, in denen die Interviewpartnerinnen Erfahrungen gemacht haben, die für die Fragestellung der Untersuchung relevant erscheinen.
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Nach FLICK 12 steht hinter dieser Befragungsform die Annahme, dass Erfahrungen der Befragten hinsichtlich eines bestimmten Gegenstandsbereiches (Thema Abhängigkeit im konkreten Fall) in Form narrativ - episodischen Wissens und in Form semantischen Wissens abgespeichert sind. Während die erste Form erfahrungsnah, sowie bezogen auf konkrete Situationen und Umstände organisiert ist, enthält die zweite Form des Wissens davon abstrahierte, verallgemeinerte Annahmen und Zusammenhänge.
Zur Orientierung über thematische Bereiche, zu denen solche Erzählungen erbeten werden, wird ein Leitfaden erstellt.
Die Fragen sind so gestellt, dass in den Antworten auch Definitionen, Fantasien und abstrakte Zusammenhänge, die auf die semantischen Anteile des Wissens abzielen, hergestellt werden können.
Diese Form des Interviews unterscheidet sich von der rein narrativen Vorgehensweise durch vermehrten Dialog.
BRUNER 13 weist darauf hin, dass durch die Rekonstruktion des Lebens unter einer spezifischen Fragestellung eine Version der jeweiligen Erfahrung konstruiert und interpretiert wird. Inwieweit das Leben und die Erfahrungen in der berichteten Form tatsächlich stattgefunden haben, kann hierbei nicht nachgeprüft werden.
4.1.2 Leitfaden
Das Thema wird in der Eingangsfrage formuliert, als zunächst unstrukturierte Frage. Einstiegsfrage:
„Ich würde gerne etwas erfahren über Ihre/Deine Lebensgeschichte im Zusammenhang damit, was in die Abhängigkeit geführt hat, in die Drogensucht - die Zeit des Drogenkonsums und dann der Weg aus der Abhängigkeit - was war
12 FLICK U. 1995
13 BRUNER 1987
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hilfreich/heilsam und was nicht? Sie/Du können/kannst mit welchem Teil immer du willst anfangen und erzählen, was immer Ihnen/Dir dazu einfällt.“ (1) Wo sehen Sie/siehst Du Zusammenhänge zwischen Ihrer/Deiner Lebensgeschichte und der Suchtentwicklung? (2) Veränderungen im Leben durch die Drogensucht? (3) Wie sah/sieht Ihr/Dein Weg aus der Abhängigkeit aus? (4) Was war am stationären Therapieaufenthalt heilsam, was nicht? (5) Was haben Sie/hast Du abgesehen vom Therapieaufenthalt heilsam erlebt?
(6) Wie war das Erleben der Beziehungen zum Umfeld vor, während und nach der Therapie? (Familie, Partner, therap. Personal, andere wichtige Bezugspersonen)
(7) Inwieweit gab es Veränderungen im Beziehungsverhalten diesen Personen gegenüber?
(8) Ideen, Visionen, Vorstellungen, wie eine ‚hilfreiche’ therapeutische Einrichtung aussehen könnte?
(9) Was ist es - aus ganz persönlicher Sicht - was es ermöglicht, jetzt ohne Drogen zu leben?
Die zunehmende Strukturierung wird erst im Verlauf des Interviews eingeführt, um zu verhindern, dass der Bezugsrahmen der InterviewerIn gegenüber der Sichtweise der Befragten durchgesetzt wird. Die InterviewerIn hält sich mit Bewertungen weitgehend zurück, eine an ROGERS 14 angelehnte non-direktive Gesprächsführung praktizierend. Probleme ergeben sich, wenn Fragen im falschen Moment gestellt werden, wenn die InterviewpartnerIn dadurch in der Darstellung ihrer Sichtweise eher behindert als unterstützt wird oder wenn falsche Fragen zur falschen Zeit gestellt werden. Frageformen, die der InterviewpartnerIn möglichst wenig Vorgaben machen, sind deshalb am besten geeignet.
14 ROGERS 1944
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Arbeitstitel
Die ursprüngliche Fragestellung dieser Arbeit lautete: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Weg in die Abhängigkeit und dem Weg aus der Abhängigkeit bei suchtkranken (ehemals von psychoaktiven Substanzen abhängigen) Frauen?
Diese Fragestellung entwickelte sich auf der Grundlage von beruflicher Erfahrung als therapeutische Mitarbeiterin in einer Rehabilitationseinrichtung für suchtkranke Personen. Das Forschungsinteresse entspringt dem prüfenden Blick auf die eigene Erfahrung und dem Bedürfnis nach Weiterqualifizierung mit den Schwerpunkten Geschlechtssensibilität, Ursachenorientierung und Pro-zessorientierung in der Rehabilitation von suchtkranken Menschen.
4.2 Biographische Erzählungen
Die Interviewinhalte sind biographische Erzählungen von Menschen, die in einem intensiven Veränderungsprozess standen und stehen, unter der gemeinsamen Bedingung gezwungen zu sein, aus verschiedenen (juristischen und/oder gesundheitlichen und/oder sozialen...) Gründen auf den Konsum psychoaktiver Substanzen zu verzichten, der über einen längeren Zeitraum zu Suchtverhalten geführt hatte.
Es bedeutete einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand um eine angemessene Analyse der Vielzahl von persönlichen Materialien durchzuführen, um das Leben dieser sozialen Gruppe zu charakterisieren. Die Erhebung und Analyse von biographischem Material ist zeitaufwendiger und mühsamer als Arbeiten, die dem dominanten Forschungsstil des statistischen Kalküls folgen. 15
Ziel der Arbeit war die Analyse repräsentative Fälle, mit der Frage, ob deren gründliche Untersuchung Verallgemeinerungen für alle Fälle erlaubt, um die es bei der Untersuchung geht.
15 SHAW 1966, S 102
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Die Berichte über bestimmte Abschnitte des Lebens enthalten eher unangenehme als angenehme Einzelheiten. Im Text findet sich eine geringe Konsistenz der Standpunkte. Während der Beschreibungen wechseln die Standpunkte in der gleicher Weise, wie sie im Erleben gewechselt hatten. z.B. die Einstellung zu einzelnen Familienangehörigen ist abhängig davon, welche Phase der Beziehung sich die Erzählenden gerade in Erinnerung rufen. Der Eigenbericht stellt ein Mittel von hoher Bedeutung dar, um die persönlichen Einstellungen, Gefühle und Interessen der Betroffenen festzuhalten. Er zeigt, wie sie ihre Rollen in den Beziehungen zu anderen Personen auffassen und wie sie selbst die Situationen interpretieren, in denen sie leben. Darin sind Gefühle, Ideale und Lebensphilosophien enthalten, genau wie Widersprüche und psychische Konflikte, Vorurteile und Rationalisierungen. Es kann kaum Zweifel geben, dass Verhaltenszüge und vielleicht die gesamte Persönlichkeit stark beeinflusst sind von den Bedingungen und Erfahrungen in Situationen, die dem einzelnen Menschen im Leben entgegentreten. Deshalb wird irgendeine Handlung eines Einzelnen nur verstehbar im Licht ihrer Beziehung zur Folge von vergangenen Erfahrungen im Leben des Individuums. 16
4.3 Durchführung der Interviews
4.3.1 Vorerhebung
Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchung wurden zwölf ExpertInnenbefragungen (mit in der stationären und ambulanten Suchttherapie tätigen Personen) und zweiunddreißig KlientInneninterviews (mit Personen während oder nach einem stationären Therapieaufenthalt in einer Drogentherapieeinrichtung) in Form von teilstrukturierten Interviews durchgeführt. Diese Vorerhebungen dientenneben den Inhalten von Interviews aus einer Angehörigenbefragung, die von einer Kollegin im Rahmen ihrer Diplomarbeit durchgeführt wurden - einer groben Orientierung, einer Erfassung der wichtigsten Aspekte in der Entstehung
16 SHAW 1966, S 13 f
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und im Verlauf sowie in der Therapie von Suchterkrankungen aus der Sichtweise von in unterschiedlichem Kontext beteiligten Personen. Ein Aspekt, der aufgrund der Vorinterviews Berücksichtigung fand, war, dass die für die Auswertung herangezogenen Interviews nicht im Kontext des stationären Therapieaufenthaltes gemacht wurden. Die während des stationären Aufenthaltes durchgeführten Interviews enthielten nur sehr zurückhaltende Äußerungen in Bezug auf das Therapiekonzept und die hierarchische Struktur der Einrichtung, ganz im Gegensatz zu den Interviews nach Abschluss der Therapie. Die Aussagen über die Entwicklung von Abhängigkeit bis hin zur Suchterkrankung waren, wenn sie in einem größeren zeitlichen Abstand zur psychotherapeutischen Behandlung durchgeführt wurden, differenzierter. Bei den noch in psychotherapeutischer Behandlung stehenden Personen war oft deutlich ein Schwerpunkt auf das Thema gelegt, das gerade in der Therapie bearbeitet wurde.
Die Formulierung der Einstiegsfrage und die Erstellung des Interviewleitfadens passierte mit Hilfe der Erfahrungen aus den Vorinterviews und wurde im Verlauf der Untersuchung nur mehr geringfügig verändert.
4.3.2 Zugang zum Feld
Interviewpartnerinnen sind zwölf ehemals polytoxikoman 17 abhängige Frauen, die sich einer stationären Therapie in der Dauer von mindestens eineinhalb Jahren unterzogen haben und danach (zum Zeitpunkt des Interviews für min-
17 Zitiertaus: HAAS S. 2001, S 59
Polytoxikomaner Gebrauch
Unter dem Begriff „Mehrfachkonsum“ versteht man den Gebrauch mehrerer Sub-stanzen, die entweder abwechselnd oder gleichzeitig konsumiert werden. Der
(mehr oder weniger) zeitgleiche Gebrauch unterschiedlicher Substanzen wird auch
als „Mischkonsum“ bezeichnet. Der polytoxikomane Gebrauch stellt in der österrei-chischen Drogenszene das vorrangige Konsummuster dar und findet sich bei Dro-
genabhängigen häufiger als der Konsum nur einer Substanz, was auch zu Mehr-fachabhängigkeiten führt.
Auch in dieser vorliegenden Arbeit wird unter polytoxikomanem Gebrauch der Mehrfach- oder
Mischkonsum mehrerer (illegaler) Substanzen verstanden.
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destens drei Jahre) durchwegs ohne problematischen Konsum von psychoaktiven Substanzen lebten.
Der Zugang zu den interviewten Frauen war teilweise über noch aufrechte Kontakte aus der Zeit meiner Mitarbeit in einer stationären Drogentherapieeinrichtung, teilweise über Kontaktvermittlung durch schon interviewte Frauen, gegeben.
Beginn der Erhebungen war etwa ein Jahr nach Beendigung meiner Mitarbeit in der therapeutischen Einrichtung.
Die Wahl des Ortes, an dem das Interview durchgeführt werden sollte, oblag den zu interviewenden Personen. Ein Interview fand in der Wohnung der Interviewpartnerin statt, zwei im Nebenzimmer eines Kaffeehauses und die restlichen in einem ungestörten Raum in meiner Wohnung.
Die Interviews dauerten, mit zumeist einer circa viertelstündigen Pause, drei bis vier Stunden und wurden mit Einverständnis der Interviewpartnerinnen auf Ton-band aufgezeichnet.
4.3.3 Bearbeitung der Interviews als Vorbereitung für die Auswertung
Die Tonbandprotokolle wurden in geschriebene Protokolle übersetzt und bei leichter Bearbeitung auf Lesbarkeit und korrekte Syntax chronologisch geordnet, um die Einzelfallanalysen und anschließend durchgeführten thematischen Quervergleiche zu ermöglichen. In einem weiteren Schritt wurden durch Weglassen von ‚Fülltexten’ ausführlich erzählte Geschichten etwas gekürzt. Den Interviewpartnerinnen wurden die Entwürfe der Einzelfallanalysen wieder vorgelegt mit der Möglichkeit, Ergänzungen und Änderungen, auch in bezug auf die Wahrung der Anonymität, vorzunehmen. Die so aufbereiteten Einzelfallanalysen finden sich, mit der Einverständniserklärung der interviewten Frauen zur Veröffentlichung, im Kapitel Einzelfallanalysen wieder.
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4.4 Dokumentenanalyse
Schriftliche Ergänzungen von Seiten der interviewten Frauen, Aufzeichnungen aus dem Forschungstagebuch, Konzepte therapeutischer Einrichtungen, aber vor allen Dingen Definitionen und Theoriekonzepte aus der Fachliteratur wurden während des gesamten Untersuchungsverlaufes immer wieder erhoben und flossen in die Auswertung ein.
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5 Auswertungsmethoden
5.1 Qualitativer Forschungsansatz nach den Methoden der Grounded Theory
Eine charakteristische Besonderheit des Grounded Theory - Ansatzes ist seine Betonung der Verwebung von Datensammlung und Datenanalyse innerhalb des gesamten Forschungsprozesses. Anders als in einem klassisch experimentellen Untersuchungsdesign, in dem Hypothesen zu Beginn der Forschung formuliert und dann mit Hilfe einer experimentellen Versuchsanordnung an einer zu-vor definierten Stichprobe überprüft werden, plädiert die Grounded Theory dafür, während des gesamten Forschungsprozesses Hypothesen zu generieren und die Stichprobe diesen neuen Hypothesen und Fragen entsprechend jeweils so zu erweitern, dass diese Hypothesen in Zweifel gezogen, bekräftigt oder modifiziert werden können. Zu diesem Zweck schlagen die Begründer der Grounded Theory konstante Vergleiche zwischen verschiedenen Daten, Inter-pretationsvorschlägen und neu zu sammelnden Daten vor. Die Grounded Theory ist ein qualitativer Forschungsansatz, der gemeinsam von GLASER & STRAUSS entwickelt wurde. Seine systematischen Techniken und Analyseverfahren sollen dazu befähigen, eine bereichsbezogene Theorie zu entwickeln, welche die (folgenden) Kriterien für gute Forschung erfüllt: Signifikanz, Vereinbarkeit von Theorie und Beobachtung, Verallgemeinerbarkeit, Reproduzierbarkeit, Präzision, Regelgeleitetheit und Verifizierbarkeit. Während die Verfahren entworfen wurden um dem analytischen Prozess Präzision und Regelgeleitetheit zu verleihen, ist Kreativität ein ebenso wichtiges Element. Sie ist es, die die ForscherInnen angemessene Fragen an die Daten stellen lässt und die Vergleiche anstellen lässt, die den Daten neue Einblicke in das untersuchte Phänomen und neue theoretische Formulierungen entlockt. 18
18 STRAUSS 1996
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Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Grounded Theory eine Methodologie darstellt um analytisch über soziale Phänomene nachzudenken.
5.2 Prozessverständnis der gegenstandsbegründeten Theoriebildung
Im Ansatz der gegenstandsbegründeten Theoriebildung nach CORBIN & STRAUSS wird den Daten und dem untersuchten Feld Priorität gegenüber theoretischen Vorannahmen gegeben. Theoretische Annahmen sollen nicht an den untersuchten Gegenstand herangetragen werden, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsfeld und der darin vorfindbaren Empirie ‚entdeckt’ und als Ergebnis formuliert werden. Bei der Auswahl der untersuchten Objekte ist deren Relevanz für das Thema statt Repräsentativität leitend. Es geht dabei nicht um die Reduktion von Komplexität durch Zerlegung von Variablen, sondern um die Verdichtung von Komplexität durch Einbeziehung von Kontext.
Das Prinzip der Offenheit besagt, dass die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat. 19
5.2.1 Linearität und Zirkularität des Prozesses
Die skizzierte Zirkularität der Teilprozesse im Modell der gegenstandsbegründeten Theoriebildung nach STRAUSS ist ein wesentliches Kennzeichen dieses Ansatzes.
Diese Zirkularität bringt Probleme mit sich, wo das allgemeine lineare Modell der Forschung (Theorie - Hypothesen - Operationalisierung - Stichprobenziehung - Datenerhebung - Datenanalyse - Überprüfung) zur Beurteilung von
19 HOFFMANN-RIEM 1980, S 343
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Forschung zugrundegelegt wird. Allgemeiner betrachtet ist dies vor allem in zwei Zusammenhängen der Fall:
• bei der Beantragung von Forschungsprojekten
• und bei der Bewertung der Forschung mit ihren Ergebnissen anhand klassischer Gütekriterien.
Jedoch liegt gerade in dieser Zirkularität eine Stärke des Ansatzes, da siezumindest, wenn sie konsequent angewendet wird - zu einer permanenten Reflexion des gesamten Forschungsvorgehens und seiner Teilschritte im Licht der anderen Schritte zwingt. Durch die enge (auch zeitliche) Verzahnung von Datenerhebung und - Auswertung mit der Auswahl von empirischem Material lässt sich die folgende Frage nicht nur immer wieder stellen, sondern auch eher be-antworten als bei einem klassisch linearem Vorgehen. Inwieweit werden die verwendeten Methoden, Kategorien und Theorien auch tatsächlich dem Ge-genstand und den Daten gerecht? 20
Im Verständnis von GOODMAN 21 stellen Theorien im Forschungsprozess Versionen der Welt dar. Diese Versionen unterliegen einer kontinuierlichen Revision, Überprüfung, Konstruktion und Rekonstruktion. Theorien sind demnach nicht (richtige oder falsche) Abbildungen gegebener Fakten, sondern Versionen oder Perspektiven, in denen die Welt gesehen wird. KLEINIG formulierte für qualitative Forschung: Das Vorverständnis über die zu untersuchende Gegebenheit soll als vorläufig angesehen und mit neuen, nicht kongruenten Informationen überwunden werden. 22
Die zirkuläre Verknüpfung empirischer Schritte, wie sie im Modell von GLASER & STRAUSS vorgesehen ist (vergleiche Abbildung), kann dem entdeckenden Charakter qualitativer Forschung eher gerecht werden. Über dieses Prozessver-
20 STRAUSS1994
21 GODMAN 1984
22 KLEINIG 1982, S 231
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ständnis lässt sich das Erkenntnisprinzip Verstehen mit größerer Sensibilität für das zu verstehende Subjekt oder Feld umsetzen.
Zirkuläres Modell des Forschungsprozesses: 23
Lineares Modell des Forschungsprozesses: 24
5.2.2 Rollendefinitionen beim Einstieg in ein offenes Feld
Bedeutung der Person der ForscherIn im Kontext qualitativer Sozialforschung: STRAUSS beschreibt die Bedeutung der Person, des Forschers, der Forscherin, wie folgt:
„Er (der Forscher) wird mit seinen kommunikativen Fähigkeiten zum zentralen Instrument der Erhebung und Erkenntnis. Aus diesem Grund kann er auch nicht als ‚Neutrum’ im Feld und im Kontakt mit den (zu befragenden oder zu beobachtenden) Subjekten agieren. Vielmehr nimmt er darin bestimmte Rollen und Positionen ein oder
23 STRAUSS 1994, S 61
24 STRAUSS 1994, S 61
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bekommt diese (teils ersatzweise und/oder unfreiwillig) zugewiesen. Von der Art dieser Rolle oder Position hängt wesentlich ab, zu welchen Informationen der Forscher Zugang findet und zu welchen er ihm verwehrt wird.“
Es bestehe das Dilemma, dass die Güte einer Interpretation und ihre Verallgemeinerbarkeit davon abhängen, welche Theorie und welches begriffliche Vorverständnis angewandt wird. Angesichts dieses Dilemmas hält BLUMER dafür, dass die Angemessenheit und Richtigkeit einer Interpretation von Erfahrung, Einsicht und sozialer Kenntnis des Interpreten abhängt. Ein Interpret, der mit den Problemen der Menschen im sozialen Leben vertraut ist und der sich speziell in dem Lebensbereich, der untersucht wird, auskennt, wird eine bessere Interpretation von ‚human documents’ erarbeiten können als einer, der diese Qualifikationen nicht hat. 25
Da das persönliche Element ein konstitutiver Faktor von allem sozialen Geschehen ist, sollte die Sozialwissenschaft nicht an der Oberfläche des sozialen Prozesses bleiben, sondern muss die wirklichen menschlichen Erfahrungen und Einstellungen erreichen, welche die volle lebendige und aktive soziale Wirklichkeit unterhalb der formalen Organisation der sozialen Institutionen oder hinter den statistisch tabellierten Massenphänomenen erreichen. 26 Übrigens sei der Psychologe auch aus Gründen seiner eigenen Offenheit für sein Gegenstandsfeld darauf angewiesen, sich von Zeit zu Zeit mit konkreten Einzelfällen zu befassen, um sich nicht in lebensfremden Abstraktionen zu verlieren. 27
25 BLUMER 1939, S 47 ff
26 BLUMER 1939, S 89
27 ALLPORT 1947, S56
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5.3 Auswahlentscheidungen im Forschungsprozess
Erhebung von Daten: - Fallauswahl
- Fallgruppenauswahl Interpretation von Daten: - Auswahl des Materials
- Auswahl im Material Darstellung der Ergebnisse: - Präsentationsauswahl
5.3.1 Fragestellung
Die anfängliche Fragestellung ist ein Wegweiser, der die ForscherIn unmittelbar dazu anhält, einen ganz bestimmten Gegenstandsbereich, den Ort an dem Ereignisse stattfinden, Dokumente und das Handeln der Menschen zu untersuchen oder Informanten zu interviewen. Gerade weil das Datenmaterial bei qualitativer Forschung vielfältig und umfangreich ist, ist es hilfreich, immer wieder im Verlauf der Untersuchung die ursprüngliche Fragestellung zur Klärung heranzuziehen, um während des gesamten Untersuchungsverlaufes den Themenschwerpunkt nicht aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig beginnt aber mit dem ersten Interview oder der ersten Beobachtung, Dokumentenanalyse usw. der Prozess des Verfeinerns und Spezifizierens der Fragestellung. Wie dies vor sich geht wird im Kapitel über das Kodieren erklärt. Die Methodologie der Grounded Theory habe ich nach unergiebig erlebten Versuchen, mittels quantitativen Methoden mich dem Thema zu nähern, deshalb gewählt, weil sie dem Gegenstandsbereich und der sich daraus entwickelten Fragestellung, die notwendige Flexibilität und Freiheit gibt, das Phänomen in seiner Tiefe zu erforschen, bedingt durch die Handlungs- und Prozessorientierung während des gesamten Untersuchungsverlaufes.
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5.4 Theoretische Sensibilität
Das Wesen spezifischer Entdeckungen besteht nicht darin, etwas als erster zu sehen, sondern tragfähige Verbindungen zwischen zuvor Bekanntem und dem bisher unbekannten zu knüpfen. 28
Unter theoretischer Sensibilität wird die Fähigkeit verstanden, zu erkennen, was in den Daten wichtig ist und dem einen Sinn zu geben, als Voraussetzung dafür, eine Theorie zu formulieren, die der Wirklichkeit des untersuchten Phänomens gerecht wird. Theoretische Sensibilität erwirbt man sich als ForscherIn dadurch, dass man sich in der Fachliteratur gut auskennt und ebenfalls aus professioneller und persönlicher Erfahrung.
Neben diesem Wissen, der Vorerfahrung, das durch die ForscherIn in die Forschungssituation eingebracht wird, wird ‚theoretische Sensibilität’ auch während des Forschungsprozesses durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Daten erworben. Es ist dabei wichtig, ein Gleichgewicht zu halten zwischen dem, was von der ForscherIn stammt und dem, was man wirklich in den Daten vorfindet. Dies passiert dadurch, dass man eine skeptische Haltung gegenüber allen Kategorien und Hypothesen beibehält, die in die Forschung eingebracht bzw. frühzeitig entwickelt werden und sie immer wieder anhand der Daten überprüft.
Ebenfalls sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass die Verzerrungen, Vorannahmen, Denkmuster und das Wissen aufgrund von Erfahrungen und Literaturstudium - das jede ForscherIn in die Datenanalyse einbringt - die Sicht dessen, was in den Daten bedeutsam ist, blockieren kann, bzw. daran hindern, von deskriptiven zu theoretischen Ebenen der Analyse fortzuschreiten. Die im Folgenden kurz beschriebenen Techniken helfen, diese Probleme zu beseitigen bzw. zu berichtigen.
Grundlegende Fragen stellen: wer? wann? wo? was? wie? wie viel? und warum? Das Stellen von Fragen hilft herauszufinden, welche Bedeutungen die verschiedenen analytisch bedeutsamen Begriffe für die interviewten Personen
28 SEYLE 1956, S 27
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haben. Damit werden die möglichen Bedeutungen in der Interaktion mit dem Befragten valididiert.
Die Analyse eines Wortes, einer Phrase, eines Satzes kann die Bandbreite von Bedeutungen eröffnen und dient ebenso der Valididierung der möglichen Bedeutungen in der Interaktion mit dem/der Interviewten. Flip-Flop-Technik: Darunter verstehen CORBIN & STRAUSS ein Vergleichen zwischen Extrempolen einer Dimension. Diese Übung dient dazu, eher analytisch als deskriptiv vorzugehen. Stellt man sich z.B. etwas Gegenteiliges zu dem zu analysierenden Begriff vor, können Ideen entstehen, wonach man fragen könnte.
Ein systematischer Vergleich in der Analyse kann eine Hilfe darin bedeuten, aus Denkmustern auszubrechen. z.B. Therapiemotivation: Sich die Antworten/Situation von zwei Personen in einer abstinenzorientierten Therapieeinrichtung vorstellen, wo eine Person aus persönlichen Gründen, die zweite auf Weisung der Justiz in die Einrichtung kam, auf die Frage nach deren jeweiligen Therapiezielen.
Weithergeholte Vergleiche können hilfreich darin sein, sich von Blockierungen zu befreien.
Unter ‚Schwenken der roten Fahne’ verstehen CORBIN & STRAUSS die analytische Konsequenz, niemals etwas für selbstverständlich zu halten. Wenn z.B. Wörter oder Phrasen auftauchen wie: ‚nie’, ‚nimmer’, ‚jeder weiß, dass es so gemacht wird’, ‚es besteht kein Grund zur Diskussion’ ... können diese als Signale angesehen werden, genauer hinzuschauen: Was passiert hier? Was ist gemeint mit nie oder nimmer? Warum ist das so? Nie, unter welchen Bedingungen? Wie wird dieser Zustand von ‚nie’ aufrechterhalten? Handeln die Menschen danach, ohne daran zu glauben? Glauben sie daran, ohne danach zu handeln?
Die kreative Vorstellungskraft wird wahrscheinlich durch das Anwenden dieser Techniken verbessert. Übung darin zu gewinnen ist ein wesentlicher Faktor für die Qualität der Analyse.
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Mag. Christine Gruber, 2002, Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit - Therapieverlauf ehemals polytoxikoman abhängiger Frauen, München, GRIN Verlag GmbH
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