Inhalt
Einleitung 1
1. Systemtheorie 2
2. Sozialisation als Handeln in Rollen 3
3. Sozialisation und Internalisierung 5
3.1 Parsons Adaption der psychosexuellen Entwicklungsstufen nach
Freud 5
3.2 Die Bedeutung und Verinnerlichung von Kultur nach Parsons 11
4. Außerfamiliäre Sozialisationsinstanzen 14
4.1 Pattern variables 14
4.2 Die Schulklasse als Sozialisationsinstanz 17
4.3 Die sozialisatorische Funktion der peer-groups 20
5. Kritik 22
Literaturverzeichnis 24
II
Einleitung
Talcott Parsons hatte den Weg zur Soziologie über die ökonomische Theorie gefunden. Vor dem Hintergrund des Börsencrashs von 1929 schien das liberalistische Modell des entstaatlichten, nur durch Angebot und Nachfrage regulierten Marktes nicht mehr zu funktionieren, sondern vielmehr Not und Armut zu steigern. Erst als es der amerikanischen Regierung Mitte der 30er Jahre gelang, mit Hilfe einer neuen Kreditpolitik die Konjunktur anzukurbeln und ihre wirtschaftliche Ste uerungskompetenz unter Beweis zu stellen, schienen die Folgen der Welwirtschaftskrise aufgefangen werden zu können. Anders als in den USA waren die europäischen Staaten nach dem ersten Weltkrieg nicht nur wirtschaftlich unter Druck geraten, sondern auch durch die politische Frontstellung zur sozialistischen Sowjetunion bedroht. Während in den USA die Präsidialdemokratie, der Parsons uneingeschränkt positiv ge-genüberstand, gestärkt aus der Krise hervorging, versuchte man in einigen europäischen Staaten, den inneren und äußeren Bedrohungen mit faschistischen Herrschaftskonzepten zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wurde für Parsons das Ordnungsproblem zur zentralen Frage der Soziologie. Parsons war überzeugt, dass die uneingeschränkte Durchsetzung privater Interessen auf Dauer destabilisierend wirken muss, genauso wie diktatorische Gewalt zur Durchsetzung von Ideologien, die nur mit Hilfe äußerer Zwangsmittel soziale Ordnung gewährleisten, keine Lösung darstellen kann. Er steht für ein voluntaristisches Modell, verbunden mit der Auffassung, dass im besten Fall die Akteure von der Durchsetzung individueller Machtinteressen Abstand nehmen und stattdessen ihr Handeln freiwillig an kollektiv ve rbindlichen, in der Gemeinschaft verankerten Werten orientieren. Vor diesem Hintergrund muss eine Theorie der Sozialisation darüber Auskunft geben können, wie und in welchen gesellschaftlichen Kontexten sich autonome und zugleich verantwortungsvolle Persönlichkeiten entwickeln können. Talcott Parsons war der erste, der eine Sozi-alisationstheorie in einer systematischen Form als Bestandteil einer Gesellschaftstheorie ausarbeitete; mit Hilfe der Begriffe ‚Sozialisation‘
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und ‚Internalisierung‘ verknüpfte er die Frage nach der Stabilität sozialer Ordnungen mit der nach dem Ursprung von subjektiven Handlungsorientierungen. Dabei versuchte er unterschiedliche kulturanthropologische, interaktionistische und vor allem psychoanalytische Theorien zu integrieren (vgl. Veith 1996: 403 f.).
1. Systemtheorie
Anders als Dürkheim, Marx und Weber, die die Veränderungen von Gesellschaften in den Mittelpunkt ihrer Forschungen gestellt haben, geht es Parsons in erster Linie um die Frage nach den Voraussetzungen für die Stabilität von Gesellschaften. Seine komplexe Theorie ist der Versuch, ein abstraktes Modell zu entwickeln, mit dessen Hilfe über alle historischen Besonderheiten hinweg die Bedingungen deutlich werden, die für den Bestand von sozialen Systemen bzw. für deren Ordnung verantwortlich sind (vgl. Baumgart 2000: 81 f.). Die soziologische Schule, die Parsons maßgeblich geprägt hat, wird als Strukturfunktionalismus bzw. Systemtheorie bezeichnet. Parsons versteht Gesellschaften als komplexe Systeme, die sich von ihrer Umwelt abgrenzen und zu ihrem Überleben Strukturen e ntwickeln, die bestimmte Funktionen für die Erhaltung des Gesamtsystems erfüllen. Nach Parsons muss man sich das gesellschaftliche System als geordneten Zusammenhang von einzelnen, meist institutionalisierten Subsystemen vorstellen, die durch Interaktion zwischen Menschen entstehen. Diese Teilbereiche erbri ngen jeweils unterschiedliche Beiträge. So muss z.B. das ökonomische System die materiellen Ressourcen, Waren und Dienstleistungen, für das Überleben der Gesellschaft produzieren, während das politische System Zielvorgaben entwickelt und Gesetze erläßt. Damit die Teilsysteme ihren Beitrag zur Bestandserhaltung angemessen erfüllen können, entwickeln sie spezifische Institutionen mit jeweils unterschiedlichen Regeln für das Handeln in diesen Institutionen. Schulen unterscheiden sich so von Krankenhäusern oder Fabriken. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Funktionen und Strukturen müssen nach Parsons die Teilsysteme jedoch zugleich aufeinander bezogen sein, da für die Stabilität
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von Gesellschaften eine relativ störungs- und konfliktfreie Zusammenarbeit der verschiedenen Teilbereiche der Gesellschaft erforderlich ist (vgl. Tillmann 1989: 89 f.).
Die beiden zentralen Aspekte eines jeden Systems sind für Parsons Struktur und Funktion. Ähnlich wie beim biologischen System des menschlichen Körpers besteht für ihn auch die Struktur des Gesellschaftssystem aus einer sinnvollen Anordnung verschiedener Körperteile bzw. Subsysteme. Zwischen diesen Subsystemen/Köperteilen fi nden regelmäßig Austauschbeziehungen statt, zu denen die einzelnen Teile funktionale Beiträge leisten. Struktur beschreibt dabei den statischen, Funktion den prozesshaften Charakter eines Systems; die funktionalen Beiträge der Subsysteme sind auf die Stabilität des Gesamtsystems ausgerichtet. Es ist wichtig zu betonen, dass Parsons mit der Vorste llung einer statischen Struktur nicht die empirische Realität beschreiben will. Ihm ist bewusst, dass sich Gesellschaften kontinuierlich wandeln und insofern die statische Struktur Fiktion ist. Doch nur i ndem bestimmte Strukturelemente (wie z.B. das Subsystem Schule) in einer funktionalen Analyse als konstant angesetzt werden, ist es möglich, sich in einer funktionalen Analyse Austauschprozessen zwischen Subsystemen zuzuwenden (vgl. Tillmann 1989: 90).
2. Sozialisation als Handeln in Rollen
Parsons beschäftigte sich mit der Frage, wie bei der Vielzahl einzelner Handelnder eine gesellschaftliche Ordnung möglich ist, die Beziehungen zwischen den Individuen so regelt, dass Konflikt vermieden und Zusammenarbeit gefördert wird. Er erklärt diesen Umstand mit der A nnahme, dass eine Gesellschaft zwar aus einzelnen handelnden Individuen besteht, diese jedoch in Rollenmuster und institutionelle Strukturen eingebunden sind und so die Bestandserhaltung des gesellschaftlichen Gesamtsystems und seiner Teilsysteme gewährleistet bleibt. Gleichzeitig wird für ihn durch die Verinnerlichung von Mustern der Rollen-Interaktion die Grundlage dafür gelegt, sowohl die eigenen Rollen als auch die der anderen übernehmen zu können. Nach Parsons lernt
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ein Kind bereits in den ersten Wochen in der Interaktion mit der Mutter, eine soziale Rolle zu spielen; beide bilden für ihn ein Kollektiv in soziologischem Sinne. Ihre Rollen sind wie die Normen, die die jeweiligen Erwartungen definieren, für Parsons bereits deutlich differenziert (vgl. Parsons 1958: 132).
Das Rollenhandeln verknüpft nach Parsons die einzelnen Ha ndelnden mit der sozialen Struktur. Struktur entsteht für Parsons dadurch, dass es eine Reihe von stabilen Beziehungsmustern zwischen den Individuen gibt. In modernen, arbeitsteiligen Gesellschaften werden solche stabilen Beziehungsmuster vor allem durch Institutionen hergestellt und gestützt. Ihre Mitglieder haben sich als Handelnde in den einzelnen Subsystemen, die ihm nur bestimmte Ausschnitte seines Ha ndelns abverlangen, an vorgegebenen Erwartungen zu orientieren, so dass ihr Verhalten einen kalkulierbaren Charakter erhält. Rollenerwartungen von Positionsinhabern (wie von Lehrer und Schüler) sind nicht individuell und beliebig, sondern in die Funktionalität des jeweiligen Subsystems (wie etwa der Schule) eingebunden; denn wenn im gesellschaftlichen System Gleichgewicht und Stabilität herrschen soll, muß nach Parsons auch in den Subsystemen das Rollenhandeln weitgehend störungsfrei ablaufen. Die Befolgung der Erwartungen führt zu Anerkennung und Belohnung, die Mißachtung zu Ablehnung und Bestrafung durch die Interaktionspartner, in schwerwiegenden Fällen auch zu institutionalisierten Sanktionen durch Polizei und Justiz (vgl. Tillmann 1989: 91 f.).
Optimal verläuft das Rollenhandeln für Parsons dann, wenn der einzelne in Übereinstimmung mit seinen Bedürfnissen agiert und zugleich die Erwartungen des Gegenübers erfüllt. Nach Parsons besteht demzufolge Sozialisation - indem der Handelnde in immer komplexere Rollenstrukturen eingeführt wird und sich dort bewährt - im Erwerb derjenigen Orientierungen, die für ein freiwilliges und zugleich befriedigendes Rollenhandeln verantwortlich sind. Nach Parsons ist prinzipiell möglich, dass die Bedürfnisse des einzelnen durch konformes Agieren in Rollen befriedigt werden, wenn eine erfolgreiche Sozialisation der Bedürfnisse stattgefunden hat. Dazu ist für ihn erforderlich, dass
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die unbewussten Triebe vom ersten Tag an - zunächst von familiären Bezugspersonen - kulturell überformt werden und ihre Energie auf die Erfüllung sozialer Erwartungen ausgerichtet wird. Dann bleibt für Parsons auch die Funktionalität einer Gesellschaft und ihrer Teilsysteme gewährleistet, denn eine Voraussetzung dafür ist für ihn, „dass die für den Bestand der Gesellschaft wichtigen Wertorientierungen von den handelnden Individuen erlernt, motivational verankert und so zum A ntrieb ihres Handelns werden“ (Baumgart 2000: 82). Was als Bedürfnis erlernt wurde, lässt sich dann durch konformes Rollenhandeln befriedigen, das wiederum zur Stabilität der Gesellschaft beiträgt. Wenn jedoch die Persönlichkeit im wesentlichen aus erlernten Bedürfnisdispositionen besteht und diese Bedürfnisse mit den jeweiligen Rollen verknüpft sind, ist die Grenze zwischen Persönlichkeit und Rolle nicht mehr klar zu ziehen. Für Parsons ist dementsprechend ein Mensch vollständig sozialisiert, wenn man nicht mehr angemessen sagen kann, dass eine Rolle etwas ist, das der Handelnde einnimmt oder spielt, sondern etwas, das er ist (vgl. Tilmann 1989: 93).
3. Sozialisation und Internalisierung
3.1 Parsons‘ Adaption der psychosexuellen Entwicklungsstufen nach Freud
Um die Frage zu beantworten, auf welche Weise die Heranwachsen Rollen bzw. Orientierungsmuster für ihr Handeln verinnerlichen, bezieht sich Parsons im Rahmen seiner Sozialisationstheorie auf unterschiedliche Erklärungsmodelle. Er verwendet zum einen die Forschungsergebnisse Meads, zum anderen stützt er sich auf die behavioristische Lern-theorie Skinners. Lernen wird unter dieser Perspektive als Verhaltensänderung definiert, die durch die positiven oder negativen Reaktionen der Umwelt auf ein zuvor gezeigtes Verhalten eines Individuums bewirkt wird. Selbst komplexe Verhaltensmuster und Einstellungen sind nach Skinner als Resultat solcher Konditionierungsprozesse zu verstehen. Die Übernahme und Erfüllung von Rollenerwartungen wäre demnach auf soziale Kontrolle bzw. positive oder negative Sanktionen der
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Arbeit zitieren:
Martin Abrahams, 2003, Sozialisation bei Talcott Parsons, München, GRIN Verlag GmbH
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