Christian de Simoni 2 Welt als Wille und Wort
I Vorwort
Ausgehend von Ansätzen aus verschiedenen Disziplinen und Paradigmen soll diese Arbeit einen Überblick geben über Versprecher, deren Wesen, Erklärung und Bedeutung. Der erste Teil sammelt Definitionen und Beschreibungen des Begriffs. Im zweiten Teil werden mögliche Erklärungen aufgelistet, die dann im dritten Teil angewendet werden auf Sprachproduktionsmodelle.
Das Schlusskapitel versucht dann, dieses Phänomen in einen grösseren Kontext zu stellen, so dass Welt, Wort und Wille in Zusammenhang gesehen werden können.
Die Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das Gewicht wurde darauf gelegt, möglichst viele verschiedene Ansätze zu beschreiben, um zu sehen, ob eine konstante Richtung auszumachen ist. So wird die eigentliche Frage, was genau denn Versprecher sind und wie sie in einen grösseren Kontext einzuordnen sind, vermittels der Technik des Einkreisens zu beantworten versucht.
März, 2001 Christian de Simoni
Christian de Simoni 3 Welt als Wille und Wort
1 Beschreibung: Von Menschen und Worten. 4
1.1 Aristoteles. 4
1.2 Grimm. 4
1.3 Meringer 5
1.4 Wiedenmann 7
1.5 Jakobson 7
1.6 Bierwisch. 8
1.7 Berg. 9
1.8 Dilger. 10
1.9 Fazit. 10
2 Erklärung: Von Worten und Wille 11
2.1 Grimm /Bierwisch. 11
2.2 Wundt. 11
2.3 Freud 12
2.4 Baars, Buttersworth: the compending plans 13
2.5 Fazit. 15
3 Anwendung: Von Wille und Welt. 16
3.1 Modell nach Leuniger 16
3.2 Modell nach Levelt 16
4 Die Welt als Wille und Wort 18
II Literaturverzeichnis 20
III Anhang. 21
Facharbeit Germanistik, März 2001
Christian de Simoni 4 Welt als Wille und Wort
1 Beschreibung: Von Menschen und Worten
1.1 Aristoteles
Bereits Aristoteles bemerkte, dass es „oft [vorkommt, dass] wenn man sich an ein Wort erinnern soll, dass man auf ein ähnlich klingendes abirrt und einen Sprachfehler macht“. [De memoria et reminiscentia, 452a-452b]
Obwohl hier von einem „Sprachfehler“ gesprochen wird, liegt der beschriebene Fehler genaugenommen nicht in der Sprache, bzw. im Sprechen, sondern im Erinnern. „Versprechen“ wird hier also mit Vergessen gleichgesetzt, weil das richtige Wort nicht gefunden werden kann. Anders jedoch als beim vollkommenen Vergessen, erscheint hier ein Ersatzwort, das sich dadurch auszeichnet, dass es „ähnlich kling[t]...“. Somit handelt es sich nicht um ein vollkommenes Versagen, sondern bloss um ein Nicht-ganz-Genügen, ohne dass jedoch das angestrebte Ziel, die Verständigung, notgedrungen in Gefahr gelangen muss. Elemente:
1.2 Grimm
GRIMM (1956, p. 1475): Bedeutung 4. des Wortes „Versprechen: „beim sprechen einen fehler begehen entweder in der wahl und stellung der worte oder in einer unfreiwilligen lautverwechslung oder -versetzung...., in der sprache einzelne worte oder den gedankengang verfehlen ....“.
Grimms Definition ist bereits deutlicher, was die genaue Beschreibung des Fehlers betrifft. Während Aristoteles noch bloss den Klang betrachtete, wird hier bereits zwischen Lauten, Worten und Gedankengang unterschieden, sowie zwischen Wahl und Stellung. Elemente:
Christian de Simoni 5 Welt als Wille und Wort
1.3 Meringer
Meringer/Mayer (1895), die eigentlichen Pioniere auf diesem Gebiet, erstellen erstmals eine genaue Unterteilung, indem sie ihre Beispiele einer grossen Sammlung entnehmen und kategorisieren. Im wesentlichen unterscheiden sie: • V • Vo r r k k l lä n nge ( ( A Ant i izip a a t t i io n ne n n)
Sprachliche Einheiten werden in einer Äusserung vorweggenommen. (a) Wörter:
„ich gebe mir keinen Witz mehr, über die Witze nachzudenken“ (keine Mühe) [alle Beispiele nach Leuniger, 1993, Hervorhebungen CdS.]. (b) Wortbestandteile:
„die Sympather... die Japaner sind mir viel sympathischer“. (c) Silben:
„ich werde nun zur Abschreitung der Anträge schreiten“. (Abstimmung) (d) Laute:
„ich wollte sie stockbrieflich verfolgen lassen“ (steckbrieflich). Hier fällt insbesondere auf, dass die Regeln der Grammatik dennoch korrekt angewendet werden. Daraus schliesst Leuniger (1993, p. 84), dass „Versprecher eben nicht Symptom eines kompletten Zusammenbruchs unseres Sprachverhaltens sind, sondern dass im Gegenteil die grammatischen Regeln, ... sogar bei sprachlichen Fehlleistungen wirksam sind“. • N • N a a c c h hk l lä n nge ( ( P P o o s s t t p p o o s s i it i io n ne n n)
Bereits geäusserte sprachliche Einheiten sind noch präsent und werden fälschlicherweise ein zweites mal verwendet. (a) Wörter:
„Er wünscht, zu wünschen ...“ (wissen). (b) Silben/Wortbestandteile:
„ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs aufzustossen.“ (anzustossen). (c) Laute: „sozialistische Zekten“ (Sekten).
Es fällt auch hier auf, dass die Regeln der Grammatik beibehalten werden, so wird etwa in Beispiel (a) das Verbum „wünschen“ korrekt flektiert. • V • Ve r r t t a a u us c c h hunge n n o o d d e e r r U Ums t t e e l llunge n n
Zwei sprachliche Einheiten wechseln in einer Äusserung ihren Platz. (a) Wörter:
„ein Haar mit fliegenden Weibern“ (Ein Weib mit fliegenden Haaren). (b) Bestandteile von zusammengesetzter Wörtern: „Zwecktischer Prak“ (Praktischer Zweck).
Christian de Simoni 6 Welt als Wille und Wort
(c) Silben:
„Gebrecherverhirne“ (Verbrechergehirne) (d) Laute: „à prapa Popo“ (à propos Papa).
Auch hier: Die Grammatik ist intakt. Selbst entstehende „Nonsenswörter“ wie „zwecktisch“ werden nach den strukturellen Regeln gebildet. • K • K o o n nt a a m mina t t i io n ne n n ( ( V Ve r r s s c c h hme l lzunge n n)
Zwei verschieden Aeusserungen werden zu einer sprachlichen Einheit „fusioniert“, wobei dies „Aehnlichkeit der Bedeutung oder Form der verschmelzenden Sätze, Redensarten oder Wörter voraus [-setzt].“ (Meringer, 1895, p. 53/63). (a) Satzteil:
„Der Mann hat schon viel hinter sich gemacht“ (für: Der Mann hat schon viel gemacht und Der Mann hat schon viel hinter sich gebracht). (b) Wort:
„Hin- und hergeschwogen“ (für: hin- und hergeschwebt, resp. -gewogen) • S • S u ub s s t t i it u ut i io n ne n n ( ( a a s s s s o o z zia t t i iv b b e e d d i ingt e e S S p p r r e e c c h hfe h hle r r ) ) . .
Innerhalb einer sprachlichen Aeusserung werden Worte durch ähnliche, genau entgegengesetzte (Antonyme) oder „aus irgendeinem Grunde dem Bewusstsein mindestens augenblicklich näher liegende ...“ (Meringer/Mayer, 1895, p. 71). ersetzt. (a) Antonym:
„die Abende sind dann schon kurz“ (lang).
Bei dieser (und auch schon bei vorhergegangener Kategorie spielen laut Meringer (1895 und 1907 passim) „vagierende Wortbilder“ eine grosse Rolle. (s. dazu unten, punkt 2..). Meringer bemerkt (1906, p. 3), dass „Der Zufall ... beim Versprechen vollkommen ausgeschlossen [ist], das Versprechen ist geregelt“. Wie er mit seinen oben dargestellten Kategorien bewiesen hat. Als Erklärung für die Versprecher fügt er an: 1. Ungleichwertigkeit der Laute
Meringer und Mayer unterscheiden die Laute betreffend ihrer Wertigkeit. „Diese [hochwertigen
Laute] haften am längsten im Bewusstsein und treten zuerst wieder in dasselbe ein. Eben weil sie diese Bedeutung haben, drängen sie sich leicht zu früh vor oder klingen noch nach. Was Laute gleichwertig macht, ist nicht leicht zu sagen. Ich vermute, dass „gleichwertige“ Laute solche von ungefähr gleicher psychischer Bedeutung sind“ (Meringer/Mayer, 1895, p. 162.). Auch bei schwierig zu artikulierenden Lauten, (wie etwa eine Folge von abwechselnden Zischlauten (she sells sea shells), Kombinationen von r und l, sowie fremdsprachigen, ungewohnten Lauten, ist ein Versprechen wahrscheinlicher. (z.B. Zungenbrecher).
„Was von den hochwertigen Lauten gilt, scheint von besonders schwierigen Lauten zu gelten, auch wenn sie nicht durch ihre Stellung hochwertig sind“(ebd.).
Arbeit zitieren:
Christian de Simoni, 2001, Die Welt als Wolle und Wirt...äh...Wille und Wort - Versprecher und der Versuch ihrer Erklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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