5 Empirische Forschung
5.1 Quantitative Forschung verus qualitativer Forschung Die quantitative und qualitative Forschung unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten, die der Autor im Folgenden näher erläutern wird. Der entscheidende Unterschied liegt im jeweiligen Bezug der beiden Forschungsarten zur Theorie. „Quantitative Studien unterscheiden sich von qualitativen in erster Linie durch die wissenschaftstheoretische Grundposition, den Status von Hypothesen und Theorien sowie dem Methodenverständnis“ (Atteslander 2000, S.77). Das bedeutet, dass der Ausgangspunkt eines quantitativen Meßverfahrens immer eine Theorie ist und das Ziel des jeweiligen Erhebungsverfahrens ist es, die Ausgangstheorie beziehungsweise die bestehenden Hypothesen durch die Messung sozialer Tatbestände zu überprüfen, also entweder zu falsifizieren oder als nicht falsifizierbar anzunehmen. Von Beginn an hat man somit einen festen Bezugsrahmen, der die zu erfassenden Tatbestände genau eingrenzt. Dem liegt auch die Annahme zugrunde, dass Soziale Realität objektiv ist, also von allen Menschen gleich wahrgenommen wird, und dass sie deshalb mittels kontrollierter Methoden erfassbar ist. Die erfassten Daten müssen den Kriterien der Reliabilität, das heißt Zuverlässigkeit, Validität, das heißt Gültigkeit und Repräsentativität standhalten können und außerdem intersubjektiv überprüfbar sein. (vgl. Atteslander 2000, S.77) Aus diesen
Hintergründen und Ansprüchen hat sich die Notwendigkeit ergeben, fest strukturierte Beobachtungsschemata zu entwickeln: „Quantitativ orientierte Beobachtungsstudien sind durch eine hochstrukturierte, theoriegeleitete und kontrollierte Wahrnehmung, Aufzeichnung und Auswertung gekennzeichnet, wobei die Datensammlung und -Auswertung meist zeitlich und personell auseinander fallen“ (Atteslander 2000, S.77). Der Verfasser deutet darauf hin, dass der Unterschied zur qualitativen Forschung vor allem darin liegt, dass die quantitative Forschung von Beginn an von einem begrenzten Erfahrungsbereich und Tatbeständen ausgeht und die Gefahr besteht, „dass durch Standardisierung und Quantifizierung häufig nur noch Scheinobjektivitäten und Messartefakte generiert werden“ (Atteslander 2000, S.77).
Bei der qualitativen Forschung soll diese Gefahr möglichst vermieden werden. Das zentrale Thema hier ist die Subjektbezogenheit, wobei Meinungen und Situationen des einzelnen erhoben und interpretiert werden (vgl. Atteslander 2000, S.78). Es wird davon ausgegangen, dass die Menschen die Wirklichkeit für sich erst schaffen, „indem sie diese dauernd interpretieren und neu aushandeln. Ziel der qualitativen Sozialforschung ist die Erfassung dieser Prozesse, wobei der Akt des Forschens selbst als ein Prozess der Kommunikation zwischen Forschern und Beforschten verstanden wird“ (Atteslander 2000, S.78). Gegenstand der Forschung sind also Interpretationsprozesse, denen die Menschen ihre Umwelt unterziehen, da im Zentrum die Annahme steht, „dass soziale Akteure Objekten Bedeutung zuschreiben, sich nicht starr nach Normen und Regeln verhalten, sondern soziale Situationen interpretieren und so prozeßhaft soziale Wirklichkeit konstituieren“ (Atteslander 2000, S. 78). Um die Aussage von Atteslander zu verdeutlichen, weist der Autor darauf hin, dass z.B. bei der Durchführung von Interviews durch die
Offenheit der qualitativen Methode, die Möglichkeit der individuellen Ausdrucksmöglichkeit der Befragten zu einem enormen Datenmaterial führt, so dass sich eine gleiche Befragungssituation kaum wiederholen lässt. Diese Grundsätze machen es notwendig, die Erhebungsmethoden in ihrer Struktur daran anzupassen. Es wird also auf vorab strukturierte Beobachtungsschemata und standardisierte Verfahrensweisen verzichtet und außerdem soll möglichst vermieden werden, den Forscher in die natürliche Lebenswelt der Untersuchungsperson einzubinden, da dies einer Beeinflussung und Verzerrung gleichkommt (vgl. Atteslander 2000, S.79). Der Verfasser macht jedoch auf die Gefahr aufmerksam, dass die qualitativen Forschungsmethoden auf Grund ihres offenen Charakters als subjektiv gelten und das Gültigkeits-und Zuverlässigkeitsprüfungen nach dem üblichen Muster der empirischen Sozialforschung als eher schwierig oder gar unmöglich eingeschätzt werden könnten. Der Forschungsablauf, die Wahl der Methode, die Auswahl der Untersuchungspersonen und - situationen werden außerdem durch den Untersuchungsgegenstand bestimmt, während bei der quantitativen Forschung der Forschungsablauf durch vorher entwickelte Theorien und Hypothesen definiert wird (vgl. Atteslander 2000, S.77).
Als Faustregel zur Unterscheidung der beiden Methoden, kann man also sagen, dass die quantitative Forschung ein Hypothesenprüfendes Verfahren ist, während die qualitative Forschung eher ein Qualitativbildendes Verfahren darstellt. Die Hypothesen entstehen hier während des Forschungsprojekts. Dies verdeutlicht, dass bei der qualitativen Sozialforschung Alltagstheorien gleichwertig zu
wissenschaftlichen Theorien anerkannt werden, was bei der quantitativen Sozialforschung nicht so ist. Dort beharrt man eher auf die strikte Trennung von Alltagstheorie und wissenschaftlicher Aussage (vgl. Atteslander 2000, S.79). Abschließend bemerkt der Autor, dass durch die fehlende, beziehungsweise eingeschränkte Reproduzier-
barkeit der qualitativen Forschung, die Zuverlässigkeit des Datenmaterials daran gemessen wird, dass der Forschungsablauf aufgezeichnet und seine Entstehungsbedingungen festgehalten werden, so dass die Transparenz der Erhebung die Zuverlässigkeit im Sinne einer Reproduzierbarkeit des Datenmaterials ersetzt. 5.2 Die empirische Sozialforschung
Unter dem Begriff der empirischen Sozialforschung versteht man die Erfassung und Deutung sozialer Tatbestände, wobei der gesamte Ablauf der Erfassung und Deutung nach bestimmten Voraussetzungen und Regeln geplant und in seinen einzelnen Phasen nachvollziehbar sein muss (vgl. Atteslander 2000, S.5). Das ist deshalb so wichtig, weil die Erhebung der Daten auch für andere verständlich und durchschaubar sein muss, wenn das Forschungsergebnis einen Nutzen haben soll. Außerdem ist es unmöglich, die soziale Wirklichkeit insgesamt wahrzunehmen. „Fassbar sind immer nur Ausschnitte, und die Ausschnitte werden erst sinnvoll, wenn sie systematisch und theorieorientiert erhoben werden“ (Atteslander 2000, S.4 f.). Als soziale Tatbestände bezeichnet man „beobachtbares menschliches Verhalten, von Menschen geschaffene Gegenstände sowie durch Sprache vermittelte Meinungen, Informationen über Erfahrungen, Einstellungen, Werturteile, Absichten“ (Atteslander 2000, S.4). Durch diese Darstellung der empirischen Sozialforschung wird ersichtlich, wie komplex die zu erfassenden Felder sind, so dass ein präzises Erfassungssystem und entsprechende Methoden notwendig sind. Friedrichs bezeichnet die empirische Sozialforschung als ein Problemlösendes Handeln. Es wird einerseits vorausgesetzt, dass ein Problem konkret benannt wird, andererseits, dass eine geeignete Methode bekannt ist, die zu einer Lösung führt. Friedrichs spricht hierbei von einer box of tools, einer Vielzahl von Methoden der empirischen Sozialforschung, die eine Problemlösung unterstützt (vgl. Friedrichs 1990, S.13).
5.3 Methoden der empirischen Sozialforschung Die Methoden, die zur systematischen Erfassung und Analyse der sozialen Wirklichkeit dienen, sind die Beobachtung, die Befragung, das Experiment und die Inhaltsanalyse (vgl. Atteslander 2000, S.59). Jede dieser Methoden kann sowohl als Instrument für quantitative Forschung, also im weitesten Sinne für Messvorgänge, als auch für qualitative Forschung dienen. Das bedeutet aber nicht, dass sich diese beiden Bereiche ausschließen, sondern „sie bedingen sich oft gegenseitig. Ihr Einsatz hängt neben theoretischen Annahmen vor allem vom Forschungsziel, der Beschaffenheit des Forschungsgegenstandes und von den jeweils aktuellen
Gegebenheiten ab“ (Atteslander 2000, S.6). Nachfolgend wird der Autor die wichtigsten Methoden der Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung benennen: Die Beobachtung, die Befragung, das Experiment und die Inhaltsanalyse. 5.3.1 Zum Methodenüberblick
D i e B e o b a c h t u n g : „Unter Beobachtung verstehen wir das systematische Erfassen, Festhalten und Deuten sinnlich
wahrnehmbaren Verhaltens zum Zeitpunkt seines Geschehens“ (Atteslander 2000, S.73). Das Prinzip der Beobachtung besteht darin, sinnlich wahrnehmbare Sachverhalte in der Umwelt zu erfassen. Die Beobachtung unterscheidet sich grundlegend von anderen Methoden der Datenerhebung dadurch, dass der Beobachter eine rezeptive, aufnehmende Haltung einnimmt und möglichst versucht, darauf zu verzichten, Verhalten der Beobachteten auszulösen. Der Vorteil der Beobachtung liegt darin, dass der Beobachter im Gegensatz zu den anderen Methoden nicht auf das Mitmachen der Beobachteten angewiesen ist. Die Beobachtung stellt somit den Versuch dar, ein
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Daniel Seibel, 2004, Sport im Alter - eine empirische Studie - Teilbereich Empirische Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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