Einleitung
„...Pflegegeschichte muss endlich bewusst machen, dass der Mensch ohne Pflege nicht existieren kann ( - dass der Mensch ohne Pflege erst gar n icht bis ins Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin vorgedrungen wäre, dass mithin auch Medizin ohne Pflege nicht existieren könnte.)...“ 1
Motivation zur näheren Beschäftigung mit dem Thema ist für uns der unfassbare Charakter der Alltäglichkeit pflegerischer Hilfe im Gegensatz zur medizinisch Besonderen. „...Alltägliches braucht in der Regel nicht aufgeschrieben zu werden, da es dem Träger ohnehin mehr als vertraut ist. Alltägliches stellt kein BESONDERES Thema dar...“ 2 . Wir sind gerade deshalb überzeugt, dass diese Alltäglichkeit zum Gegenstand der (Er)Forschung gemacht werden muss. Denn „Das Pflegen gehört wie z.B. das Sprechen zum menschlichen Leben“ 3 . Aus der Geschichte lernen, heißt es so schön. Warum? Um alte Fehler nicht zu wiederholen, Einsic ht in die Entwicklung, in unserem Fall, beruflicher Arbeit zu gewinnen und die eigene Situation besser einschätzen zu können. Es gilt notwendig befundene Veränderungen sich selbst und anderen in ihrer Bedeutung begreifbarer zu machen. Das alles sind für uns Gründe, sich mit Geschichte - mit Krankenpflegegeschichte zu beschäftigen. Wir werden im folgenden auf die allgemeinen ereignis- und personenbezogenen gesellschaftlichen und ideologischen Rahmenbedingungen der Zeit bis 1945 im pflegerisch sowie medizinischen Kontext eingehen und uns mit der Frage beschäftigen, wann Wandlung medizinisch und pflegerischer Organisation sowie Tätigkeit in Europa geschah.
Hauptteil
1 chronologischer Abriss der globalen Medizin- und Pflegegeschichte bis zum 19. Jahrhundert
1.1 primitive Kulturen
Die primitiven Kulturen betrieben eine Erfahrungsheilkunde, die in magisch-religiöser Hinsicht mit Amuletten und Talisman versuchte zu heilen. Besondere Bedeutung erlangten bestimmte Tiere und Pflanzen (Totemglaube). Empirische Heilmaßna hmen wurden von
1 Blumenröhr, M.: Eine emanzipierte Pflege braucht eine emanzipierte Pflegehistorie; www.home.tonline.de/home/Mblue/seidler.htm; letzte Änderung 11.7.2000
2 Schaper, H.-P.: Krankenwartung und Krankenpflege, Tendenzen der Verberuflichung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; Opladen 1987; S.8
3 Mischo-Kelling, M.: Theoretische Grundlagen der Pflege; München 1992; S. 29
3
Medizinmännern und Schamanen ausgeführt, die ihr Wissen an die nächste Generation weitergaben. Kranke und Hilfsbedürftige erfuhren eine Art „Urpflege“ von ihren Sippen. Nachweis von Krankheit ist heute an alten Knochenfunden sichtbar (Paläopathologie). Aus der Jungsteinzeit liegen erste Zeugnisse von Heilmaßnahmen vor wie z.B. die Schädelöffnung mit Hilfe selbst gefertigten Handwerkszeug (Trepanation) mit der Intention böse Geister aus dem Kopf entweichen zu lassen.
1.2 Archaische Hochkulturen
1.2.1 ägyptische Hochkultur (3000 v. Chr. - 300 v. Chr.)
Mit der Entwicklung der Schrift wurden auch medizinische Texte auf Papyrusrollen aufgezeichnet. Bemerkenswert für diese Zeit ist dabei die Systematik der Betrachtungsweise von Krankheit. Nach Seidler beginnt diese mit einer vorläufigen Krankheitsbewertung, als zweites folgen die Instruktionen für die Untersuchung des Patienten und die diagnostischen Zeichen, nach denen zu suchen ist und als drittes kommt die eigentliche Diagnose und Prognose des Falles, worauf viertens die Angaben zur Behandlung folgten.
„...Fall 6 - [1.]Wenn Du untersuchst einen Mann mit einer Klaffwunde an seinem Kopf, die bis zum Knochen reicht, gebrochen ist sein Schädel, aufgebrochen ist das Gehirn seines Schädels; [2.] dann sollst Du seine Wunde abtasten; und findest Du jenen Bruch, der (...) wie diese Windungen, die entstehen am gegossenen Metall; etwas ist daran, das zittert und flattert unter Deinen Fingern wie die schwache Stelle des Scheitels eines Kindes, der noch nicht festgeworden ist (...) Er gibt Blut aus seinen beiden Nasenlöchern,[3.] er leidet an Versteifung an seinem Nacken. [4.] Eine Krankheit, die man nicht behandeln kann...“ 4
Weiterhin lassen Wandinschriften an Grab- und Tempelanlagen Rückschlüsse auf Technik, Wissensstand und Methodik der Medizintherapie zu. Heilgottheiten hatten derzeitig besonderen Einfluß wie der Sonnengott Ra oder der Mondgott Thoth. Die Ägypter verfügten bereits über ein hoch spezialisierten Ärztestand, der sich bereits mit Bereichen wie Chirurgie, Gynäkologie sowie Ophthalmologie beschäftigte. Eine Spaltung der Heilkundigen in Empiriker, Priesterärzte und Beschwörer ist weiterhin auffällig. Über Krankenpflege ist nichts überliefert. Man nimmt jedoch an, dass sie von der Familie nach Anleitung des Arztes durchgeführt wurde. Mit „Ordnung, Harmonie, Gerechtigkeit“ verbindet sich der
4 Zitat nach Grapow, H.: Grundriß der Medizin der alten Ägypter; Berlin 1954 - 64; Band IV; S. 176; Papyrus Smith
4
Zentralbegriff „Maat“. Grundbedürfnisse und -funktionen des Körpers sollten hierbei in Ordnung gehalten werden.
1.2.2 indische Medizin (um 2000 v. Chr.)
Die indische Medizin stützte sich nach buddhistischer Lehre auf vier wichtige Faktoren der Heilbehandlung ab dem 6. Jahrhundert. Der erste Faktor ist der Arzt. Er sollte geschickt sein, praktische Ausbildung besitzen und sein Wissen von einem würdigen Lehrer haben. Der zweite Faktor - das Heilmittel, das „verschiedenartige Anwendbarkeit besitzen, unzersetzbar sein, kräftige Wirkung haben und für die Krankheit geeignet sein“ 5 mußte. Der Dritte - der Pflegende, der als Voraussetzung seiner Tätigkeit folgender Erwartungshaltung zu
entsprechen hatte: Geschicklichkeit in seiner Arbeit sowie Klug- und Reinheit an Körper und Geist zu sein. Der letzte Faktor beinhaltet den Kranken in seiner Person. Er „sei mitteilsam, dem Arzte ergeben, von gutem Charakter und gut“ 6 . Augenscheinlich ist die hier erfolgte organisatorische Integration von Pflege in den Heilplan. Weiterhin kann man daraus schließen, das die Lebensweise des Gesunden und Kranken von der Idee her schon stark von pflegerischen Elementen getragen war.
1.2.3 mesopotamische Hochkultur (um 1600 v. Chr.)
In der mesopotamischen Kultur spielte die Hygiene eine wesentliche Rolle. So verfügten die Städte bereits über Wasserleitungen, Kanäle und Wassertoiletten. Krankheit galt als Strafe für Unreinheit, Verstimmung der Götter und Sünde.
„...Die Krankheitsursachen offenbarten sich dem Priesterarzt durch Zeichen im Verhalten von Tieren, von Feuer, Flüssen, Pflanzen und von Öl auf einer wäßrigen Oberfläche. Wichtig war die Leberschau, wo an Lebern von Opfertieren aus Unregelmäßigkeiten ihrer Gestaltung auf den Ablauf der Krankheit geschlossen wurde...“ 7
Die Heilkunde wurde staatlich überwacht. Eine Therapie erfolgte derzeit durch Versöhnung der Menschen mit den Göttern (Asiten) oder der körperlichen Behandlung der Krankheiten durch Beschwörung, Arzneien, magisch-religiöse Riten oder Traumdeutung (Assur). Der Herrscher Hammurapi entwickelte die Keilschrift und zeichnete die „Gesetze des Hammurapi“ auf, die auch den medizinischen Bereich betrafen.
5 Zitat nach Seidler, E.: Geschichte von Medizin und der Krankenpflege; Stuttgart 1966; S. 34
6 Ebendort
7 Seidler, E.; a.a.O.; S. 24
5
1.3 chinesische Medizin (um 3000 v. Chr.)
Die gegensätzlichen Polaritäten Ying & Yang sind in der chinesischen Kultur verantwortlich für Krankheit und Gesundheit. Krankheit entsteht demnach durch ein Ungleichgewicht der Kräfte - Gesundheit durch ein Gleichgewicht. Die chinesische Medizin wirkt dem Ungleichgewicht der Kräfte entgegen z.B. mit Akupunktur. Über eine chinesische Krankenpflege ist nichts überliefert.
1.4 griechische Medizin (1500 - 300 v. Chr.)
Das alte Griechenland verfügte bereits über Ärzteschulen, sowie Heilpersonal für die seelische und körperliche Krankenbetreuung. Allerdings koppelte sich die griechische Heilkunde noch an die Religion.
Einer der wichtigsten Vertreter war Hippokrates dessen Eid bis heute von allen Ärzten geschworen wird. Aus ihm wird die Relevanz ethischen Handelns deutlich: „...Meine Verordnungen will ich treffen nach meinem Können und Urteil zum Wohl und Nutzen der Kranken und sie vor Schaden und Unrecht bewahren...“ 8 .
Die Grundlage der griechischen Medizin war die Säftelehre. Sie baut sich auf der Lehre von den vier Elementen (Feuer, Wasser, Luft, Erde) nach Empedokles von Agrigent auf. Revolutionär aus medizinischer Sicht ist hier die Loslösung vom magisch-religiösen Denken hin zur naturphilosophischen Ursachenforschung von Krankheit und Gesund heit. Dies wird gefestigt durch die neu auftretende Mikro- (Mensch-Körper) und Makrokosmos (Umwelt-Natur) Idee. Diese anthropologische Grundfigur, die den Kosmos als den Menschen im Großen und den Menschen als eine Welt im Kleinen zu begreifen versucht, hat bis ins Mittelalter seine Bedeutung. 9 Die Diätetik ist von nun an wesentliche Grundlage für Krankenbehandlung sowie selbstverständlicher Bestandteil des Heilwissens und der -praxis.
1.5 römische Medizin (900 v.Chr. - 300)
Im frühen Rom wurden Gesetzestafeln verfaßt (12 Tafelgesetz), die sich auch mit medizinischen Dingen und hygienischen Fragen befaßten. Zunächst wurde die Heilkunde innerhalb der Familie vom römischen Patrizier, als Familienoberhaupt, ausgeführt. Erst ab dem 3. Jahrhundert v.Chr. wurde es üblich „...Sklaven griechischer Herkunft im Hause zu
8 Zitat nach Diller, H. (Hg.): Die Anfänge der abendländischen Medizin; Hamburg 1962; S. 66; Hippokrates (Schriften)
9 vgl. Schipperges, H.: Die Kranken im Mittelalter; München 1993; S. 212; im Konsens Mikro-/Makrokosmos - „Ars vivendi“
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halten, die dort als Vertreter des niederen Heilgewerbes einige medizinische Kenntnisse erworben hatten...“ 10 .
Später ließ man diese Arztsklaven frei und gewährte ihnen als freie griechische Ärzte in Rom zu arbeiten, was der griechischen Heilkunde zum Durchbruch verhalf. Die daraufhin gegründeten medizinischen Schulen in Rom müssen also als eine späte Epoche der griechischen Medizin auf römischen Boden betrachtet werden. Aus dieser Zeit sind Bücher des Arztes Soranus erhalten, die Heilmaßnahmen und diätetische Pflege im Zusammenhang mit hierfür benötigten gut unterwiesenem Pflegepersonal näher beschreibt. Er nennt dieses Pflegepersonal „ministri“ (vgl. Seidler; S.64), was soviel bedeutet wie Freund, Unterstützer, Beförderer meiner Absichten.
Die Arztpraxen wurden als Valetudinarium bezeichnet (vgl. Seidler; S. 64). Das römische Feldlazarett lehnte sich in Ausstattung und Raumaufteilung an die Praxis an. Die Feldlazarette wurden an allen römischen Grenzen u nd Legionsstandorten aufgebaut und konnten seit Augustus an die 200 Patienten aufnehmen. Jedem römischen Soldaten wurde eine Minimalkenntnis von erster Hilfe vermittelt und zu ihrer Ausrüstung gehörten standardmäßig Bandagen und Verbandsmaterial (vgl. Seid ler; S.69). Dem Militärarzt standen besonders ausgebildete Helfer und Pfleger zur Seite. Allerdings diente sowohl das militärische als auch das private Valetudinarium fast ausschließlich der Wiederherstellung von Arbeitskraft. Es wurden also nur Soldaten und Sklaven behandelt.
1.6 Medizin im aufkommenden Christentum
In den frühchristlichen Gemeinden wurde die Aufgabe der Krankenpflege sowie die Linderung von Armut und Not von allen Gemeindemitgliedern übernommen. Große Bedeutung erlangte der Mönch Benedikt von Nursia, der durch seine Ordensregel (Regula Benedicti) Vorbildfunktion für Pflege und Medizin derzeit ausübte.
„Die Regel, Kap. 36 Die kranken Brüder: Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten. Man soll ihnen wirklich wie Christus dienen. Er hat ja gesagt: `Ich war krank, und ihr habt mich besucht` und: `Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan.` “ 11
10 Seidler, E.; a.a.O.; S. 62
11 Zitat nach P. Basilius Steidle (Hg.): Die Benediktusregel; OSB Beuron 1975; S. 127; Bennedikt von Nursia (Die Regel, Kap.36)
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Arbeit zitieren:
Diplom Pflegewirt (FH) Sebastian Herholz, Pia K., 2002, Zur Geschichte der Krankenpflege, München, GRIN Verlag GmbH
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