1. Einleitung
1.1. Problemstellung
„Die beste Medienpolitik ist keine Medienpolitik.“ 1 Zu dieser Feststellung gelangte der erst kürzlich verstorbene Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein. Daß diese These nicht haltbar war und ist, zeigt bereits ein kurzer Blick auf die historische sowie die aktuelle Situation in der Medienlandschaft. Diese kann nicht sich selbst überlassen werden und benötigt deshalb Regelungen. Diese Regelungen werden von Parteien, Interessenverbände und weiteren gesellschaftlichen Gruppen maßgeblich mitgestaltet. Rundfunk und Presse ist es daher unmöglich sich dem Einfluß dieser Akteure zu entziehen, geschweige denn sich als unpolitisch darzustellen 2 . Wie solch ein Einfluß aussehen kann, möchte ich im Rahmen dieser Arbeit an einem konkreten Beispiel untersuchen. Hierzu soll die Medienpolitik der evangelischen Kirche als eine der größten gesellschaftlichen Institutionen Deutschlands (mit ca. 27 Millionen Mitgliedern 3 ) näher beleuchtet werden. Die evangelische Kirche setzt ebenfalls nicht auf ein freie[s] Spiel der Kräfte 4 , sondern hält medienpolitische Regelungen für unbedingt notwendig. Ich möchte klären, welche Ziele die evangelische Kirche verfolgt, wie diese umgesetzt werden und mit welchen Problemen sie sich konfrontiert sieht. Handelt es sich bei den medienpolitischen Aktivitäten der Kirche wirklich um ein Engagement ohne Eigennutz 5 ? Gibt es überhaupt Medienpolitik ohne Eigennutz? Oder muß sich letztendlich auch die Kirche dem ökonomischen Druck des Medienmarktes beugen?
1 Klatt, Hartmut: Medienpolitik in einer sich wandelnden Medienlandschaft. Strukturen,
Probleme, Positionen, In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Medienpolitik, Stuttgart 1987, S. 11
2 Vgl.: ebd., S. 11
3 Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2002. Zahlen und Fakten über die
Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2002, S. 172f
4 Kleinsteuber, Hans J.: Rundfunkpolitik. Medienpolitische Aspekte von Hörfunk und
Fernsehen, Hamburg 1980, S. 142
5 Schmidt, Joachim: Die evangelische Kirche und die neuen Medien, In: Rau, Johannes,
Peter von Rüden (Hrsg.): Die neuen Medien - Eine Gefahr für die Demokratie?, Frankfurt am Main 1984, S. 267
2
1.2. Aufbau
Zur Klärung dieser Fragen werde ich mich im zweiten Kapitel zunächst dem publizistischen Gesamtkonzept der evangelischen Kirche in Deutschland von 1979 widmen. Hierbei sollen insbesondere die verschiedenen Ziele der Kirche deutlich werden. Das Hauptaugenmerk liegt auf der sogenannten Stellvertreterfunktion (als eines der wichtigsten Merkmale kirchlicher Medienpolitik) sowie auf den Warnungen vor der Kommerzialisierung des Rundfunks. Um die Arbeit nicht zu umfangreich zu gestalten, werde ich auf medienpolitische Aktivitäten der Kirche vor den 1970er Jahren nicht eingehen.
Kapitel drei beschäftigt sich anschließend mit dem publi zistischen Gesamtkonzept von 1997. Die wichtigste Zäsur in der Medienlandschaft während diesen zwei Jahrzehnten war die Einführung des privaten Rundfunks in der Mitte der 1980er Jahre 6 . Hierbei möchte ich klären, in welcher Weise sich dies auf die Ziele sowie die Sichtweise evangelischer Medienpolitik ausgewirkt hat. Außerdem soll eine Bilanz über Erfolge und Probleme kirchlicher Medienpolitik gezogen werden. In der Schlußbetrachtung werde ich dann die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammenfassen. Darüber hinaus möchte ich weitere Perspektiven in Aussicht stellen, wie man die Fehler der Vergangenheit in Zukunft vermeiden könnte.
1.3. Forschungsstand
Die Anzahl der Publikationen zu dem Thema „Medien- und Kommunikationspolitik“ stieg gleichzeitig mit der immer größer werdenden Bedeutung von Presse und Rundfunk, so daß heute die Auswahl aus zahlreichen Veröffentlichungen besteht.
6 Vgl.: Meyn, Hermann: Die Medienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland. Eine
Bestandsaufnahme, In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Medienpolitik, Stuttgart 1987, S. 63f
3
Besonders hervorzuheben ist der von Walter J. Schütz herausgegebene Band Medienpolitik 7 , in dem sämtliche medienpolitischen Aktivitäten in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1990 chronologisch aufgeführt sind. Aufgrund des übersichtlichen Registers eignet sich diese Publikation insbesondere zum Themeneinstieg und -überblick. In Bezug auf die spezifische Themenwahl waren die Aufsätze von Joachim Schmidt 8 und Karl Friedrich Reimers 9 sowie der Band Kirche, Kabel, Kapital 10 von Ottmar Fuchs sehr hilfreich. Fuchs sieht durch die immer weiter fortschreitende Kommerzialisierung der Medien die Gefahr eines Identitätsverlustes der Kirche.
Als wichtigste Quelle diente mir das Publizistische Gesamtkonzept 11 der evangelischen Kirche von 1997. Dieses Konzept wurde im Auftrag des Rates der evangelischen Kirche unter dem Kommissionsvorsitz von Prof. Dr. Will Teichert erste llt. Die Kommission zeigt neben zukunftsweisenden Perspektiven und Empfehlungen auch eine (selbstkritische) Bilanz der vergangenen Jahre auf.
2. Das publizistische Gesamtkonzept von 1979
2.1. Die Stellvertreterfunktion
Im Oktober 1979 veröffentlichte die evangelische Kirche in Deutschland ihren ersten publizistischen Gesamtplan 12 . Laut dem Selbstverständnis der Kirche sollte sie mit Hilfe der Medienpolitik eine Stellvertreterfunktion
7 Vgl.: Schütz, Walter J. (Hrsg.): Medienpolitik. Dokumentation der Kommunikationspolitik in
der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1990, Konstanz 1999
8 Vgl.: Schmidt, Joachim: Die evangelische Kirche und die neuen Medien, In: Rau,
Johannes, Peter von Rüden (Hrsg.): Die neuen Medien - Eine Gefahr für die Demokratie?, Frankfurt am Main 1984, S. 265 - 279
9 Vgl.: Reimers, Karl, Friedrich: Kommunikation in der säkularisierten Welt. Zum
Öffentlichkeitsverständnis im Publizistischen Gesamtplan der EKD, In: Schreiber, Erhard (Hrsg.), u.a.: Kommunikation im Wandel der Gesellschaft, Düsseldorf 1980, S. 211 - 222
10 Vgl.: Fuchs, Ottmar: Kirche, Kabel, Kapital. Standpunkte einer christlichen Medienpolitik,
Münster 1989
11 Vgl.: Teichert, Will, u.a.: Mandat und Markt. Perspektiven evangelischer Publizistik.
Publizistisches Gesamtkonzept 1997, http://www.ekd.de/EKD-Texte/2082_publizistik_1997_mandatmarkt.html (08.11.2002)
4
einnehmen. Dieses Prinzip stammt von Robert Geisendörfer (1910 - 1976) 13 , der 1960 das Amt als Fernsehbeauftragter der evangelischen Kirche in Deutschland übernommen hatte.
Stellvertretung bedeutet hier jedoch nicht nur, daß man schlichtweg die einzelnen Interessen von Minderheiten unterstützt, sondern jenen Gruppen aktiv den Rücken stärken möchte und für sie wie ein Anwalt eintritt. So sollen z.B. absichtlich unterdrückte Meinungen zur Sprache gebracht werden. Dadurch wird Unruhe gestiftet, was schließlich zur gesellschaftlichen Kommunikation führt 14 . Diese Art der Medienpolitik wirkt auf den ersten Blick etwas aggressiv, da man sich des Tabubruches bedient, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auf den zweiten Blick ist das Ansprechen von Themen, die sonst in der Gesellschaft gemieden werden, jedoch eine moderne medienpolitische Methode. Denn schließlich provozierten in den vergangenen Jahren zahlreiche (kommerzielle) Fernsehformate einen Tabubruch, um so eine möglichst große Publikumswirkung zu erzielen. Außerdem möchte die Kirche Tabubrüche ohne Eigennutz begehen, ganz im Gegensatz zu TV-Sendern. Das Konzept der Stellvertretung blieb innerhalb der Kirche nicht unumstritten. Es bestand die Gefahr, daß man vom reinen Äußerungsforum für unterdrückte soziale Gruppen schnell in die Befangenheit geraten könnte. Dies würde schließlich zu einer Politisierung der Kirche führen, was nicht deren Sinn entspräche. Folglich wird die Stellvertreterfunktion im Publizistischen Gesamtplan von 1979 abgemildert: Sollte die Kirche in einer bestimmten Situation für eine Gruppe Partei ergreifen und Urteile über die Gegenseite treffen, so liegt die Beweiskraft auf der Seite der Kirche. Sie muß vorbringen, weshalb sie jene Position vertritt 15 .
12 Schütz, Walter J. (Hrsg.): Medienpolitik. Dokumentation der Kommunikationspolitik in der
Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1990, Konstanz 1999, S. 257
13 Vgl.: Geisendörfer, Robert: Für die Freiheit der Publizistik, Stuttgart 1978, S. 107f
14 Vgl.: Reimers, Karl, Friedrich: Kommunikation in der säkularisierten Welt. Zum
Öffentlichkeitsverständnis im Publizistischen Gesamtplan der EKD, In: Schreiber, Erhard (Hrsg.), u.a.: Kommunikation im Wandel der Gesellschaft, Düsseldorf 1980, S. 220
15 Vgl.: ebd., S. 221
5
Arbeit zitieren:
Michael Münch, 2003, Die Medienpolitik der evangelischen Kirche, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Road Pricing - Die deutsche Autobahnmaut kommt
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Seminararbeit, 36 Seiten
Die Rolle der Geschäftsbanken im Geldangebotsprozess
VWL - Geldtheorie, Geldpolitik
Seminararbeit, 22 Seiten
Internationale Rechnungslegung in Versicherungsunternehmen unter beson...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Diplomarbeit, 112 Seiten
Bewertung von Versicherungsunternehmen im Rahmen der wertorientierten ...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Seminararbeit, 20 Seiten
Wertorientierte Steuerungskennzahlen - Eine kritische Analyse
Seminararbeit, 31 Seiten
Aktives Schadenmanagement in der Kfz-Versicherung
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Diplomarbeit, 83 Seiten
Michael Münch hat den Text Die Medienpolitik der evangelischen Kirche veröffentlicht
Michael Münch hat einen neuen Text hochgeladen
Feministische Befunde zur poli...
Johanna Dorer, Brigitte Geiger, Regina Köpl
Deutsche und französische Medien im Wandel
Cornelia Frenkel, Heinz H. Lüger, Stefan Woltersdorf
Handbuch der deutschen evangelischen Kirchen 1918 bis 1949
Organe - Ämter - Verbände - Pe...
Siegfried Hermle
Positionen zum Mindestlohn in der evangelischen Kirche
Eine Dokumentation
Jürgen Klute, Herbert Schlender, Sabine Sinagowitz
Politik und Religion in der Europäischen Union
Zwischen nationalen Traditione...
Hartmut Behr, Mathias Hildebrandt
0 Kommentare