Dass dies zwar nicht im Sinne einer Kausalbeziehung geschah, wohl aber das Aufkeimen des Protestantismus als wichtigster Einflussfaktor dieser neuen Wirtschaftsordnung gesehen wurde, hat in den Jahrzehnten nach dem erstmaligen Erscheinen des Werkes im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (1905) für reichhaltige und kontroverse Diskussionen gesorgt1.
In dieser Arbeit soll zunächst das Objekt dieser Diskussionen, die Protestantismusstudie, zusammengefasst wiedergegeben werden um anschließend anhand zweier Repräsentanten einen Eindruck der unterschiedliche Facetten der Diskussion zu vermitteln.
2 Max Weber's Protestantismusstudie
2.1. Das Erkenntnisinteresse der Untersuchung
Den Anstoß zur Untersuchung boten einige empirische Beobachtungen: Zum einen ließ sich feststellen, dass der Anteil der Protestanten unter Unternehmern, Eigentümern und Bildungsbürgertum signifikant höher war als der von Mitgliedern anderer Konfessionen. Auch fiel ihm auf, dass in Bayern und Baden nicht nur der Anteil der Protestanten an Schülern höherer Bildungseinrichtungen signifikant höher war als der der Katholiken2. Die Mitglieder der beiden Konfessionen unterschieden sich auch in ihren Neigungen, was die Wahl des Bildungszweiges anging (Katholiken: humanistisch, Protestanten: technisch und kaufmännisch).
Zum anderen stellte Weber vor allem in den protestantisch geprägten USA und Großbritannien eine viel euphorischere und rasantere Industrialisierung fest als in anderen europäischen Ländern wie Italien oder dem Deutschen Reich, wo andere Glaubenslehren eine ebenso große oder größere Rolle spielen.
Einige Autoren hatten dem Protestantismus generell einen stärkeren weltlichen Bezug und eine bessere Ausstattung seiner Anhänger mit ökonomischem und materiellem Kapital als etwa dem eher „weltfremden“ Katholizismus bescheinigt und führten diese Feststellungen darauf zurück. Diesen Verweis auf einen generellen Weltbezug der Religion lehnte Weber
1auch wenn Weber selbst darauf hingewiesen hatte, dass er andere Einflüsse, wie soziale und politische nicht ausreichend beachtet hat
3
als nicht hinreichend ab, er war vielmehr der Meinung, die Ursache der Unterschiede müsse in der protestantischen Glaubenslehre selbst liegen und den darin enthaltenen Urteilen über Beruf und Wirtschaften. Besonders anhand der Unterschiede bei der Wahl des Bildungszweiges könne man dies sehen, so Weber.
In den Schriften von Benjamin Franklin fand Max Weber schon erwähnt, dass in den USA eine Ethik des Eigennutzes herrschend geworden war, die nicht nur Geschäftstüchtigkeit als Technik vermitteln sollte, sondern das Wirtschaften und Erwerben selbst zum eigenständigen moralischen Wert und Handlungszweck erhoben wurde. Mit anderen Worten, das Erwerben war zum Lebenszweck geworden und war nicht länger nur Mittel zum guten Leben. Aus Weber's Sicht lässt sich nun der heutige Berufsethos nur historisch verstehen, d.h. die Menschen werden heute in diese Wertordnung und ökonomische Struktur hineingeboren und entscheiden sich kaum frei zu diesen Werten, die herrschende Norm wird ihnen aufgezwungen. Zum Verständnis und zur ursächlichen Erklärung der Entwicklung des Kapitalismus in diesen Gebieten kann nur die Frage dienlich sein, wie einzelne Menschen, und dann soziale Gruppen, dazu gekommen sind, anfänglich dieses Ethos zu vertreten und zu normieren für die nachfolgenden Generationen, d.h. die Ursachen der Entstehung des „Geistes des Kapitalismus“ sind bei den ersten Vertretern des neuen Geistes zu suchen, deren rationale Handlungsform dann die kapitalistische Unternehmung ist. Weber will also die Entstehung materieller kapitalistischer Strukturen auf das wertorientierte Verhalten sozialer Akteure und Gruppen zurückführen, eine Symbiose von Norm und Struktur also, bei der die Norm der Ausgangpunkt sozialer und technischer Entwicklung ist.
2.2. Der „Geist“ des Kapitalismus
Um die weitere Betrachtung handhabbar zu machen, muss Weber nun zunächst definieren, was den Ethos, den „Geist“ des Kapitalismus idealtypisch ausmacht. Daher beschreibt er den Idealtypus des ethisch korrekten Kapitalisten3 als eine Person, die unnötigen Aufwand scheut, aber auch nur ungern bewusst den eigenen Reichtum und den eigenen Ruhm genießt und konsumiert. Leitmotiv ist die Bescheidenheit und der
2obwohl diese die Mehrheit in der Bevölkerung stellten
3„Kapitalist“ ist hier ausdrücklich nicht in der Trennung Arbeiter und Kapitalist, wie sie in den marxistischen Ansätzen oft vertreten wird, zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um das Idealbild eines ökonomisch funktionierenden Menschen im Kapitalismus, gleich welcher Seite von Kapital und Arbeit.
4
entscheidende Orientierungspunkt ist die gute Berufs- und Pflichterfüllung. Insgesamt trägt diese Ethik starke (weltlich-)asketische Züge in sich.
Weber wendet sich entschieden gegen eine rein materialistische Analyse dieses Ethos im Sinne einer Basis-Überbau-Theorie, die diese Werte auf den Entwicklungsstand der Produktivkräfte zurückführt und an die technisch-materielle ökonomische Struktur koppelt. So ist das Leitbild des asketischen Kapitalisten in einer hochindustrialisierten Stadt wie Florenz eher verpönt, kann sich aber im rückständigen, vom Naturaltausch geprägten Pennsylvania in den USA voll entfalten. Eine Bindung dieser Ethik an den materiellen Fortschritt einer Region ist daher empirisch kaum haltbar. Der Rationalismus dieser kapitalistischen Gesinnung ist eher in einer rein normativen, ethischen Entwicklung zu begründen, in einer Verbreitung des Berufs als höchste sittliche Selbstbetätigung, die durch bestimmte protestantische Ideale den Rationalismus der Kulturepoche des Kapitalismus vorbereitet und dabei selbst zur Durchsetzung beiträgt. Diese normative Entwicklung muss aufgrund der ethisch prägenden Rolle der Religion in vorkapitalistischer Zeit in einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen weltlichem Verhalten und jenseitiger Belohnung in der christlichen Dogmatik liegen.
2.3. Die protestantische Ethik und der Calvinismus
Für Weber markiert die Reformation eine wichtige normative Veränderung, da die religiöse Prämie für innerweltliches, berufliches Verhalten vergrößert wurde. Die vor-reformatorische Berufsethik war eher eine traditionalistische - der Beruf war hin zu nehmendes Schicksal, das jenseitige Seelenheil war eher an gute Taten und gläubigfrommes Verhalten in der Ausübung der Religion gebunden und weniger an die Berufserfüllung. Auch bei Luther selbst sieht Weber eher noch ein traditionalistisches Berufsethos vertreten. Den entscheidenden normativen Paradigmenwechsel, der zwar nicht ökonomische Beweggründe, aber sehr starke nicht-intendierte ökonomische Folgen hatte, findet Weber in der Entwicklung der calvinistischen Prädestinationslehre. Nach dieser Lehre ist der Daseinszweck des Menschen die Verherrlichung Gottes und seiner göttlichen Ordnung. Ob ein Mensch selig ist oder der Verdammung preisgegeben wird ist unabänderlich vorbestimmt. Ethische Implikation dieser für Weber vollendeten Entzauberung der Welt, also die Absage an jeden Einfluss des Menschen auf sein jenseitiges Seelenheil, ist eine Bejahung der göttlichen Ordnung der Welt durch den
5
Arbeit zitieren:
Michael Grindmayer, 2003, Die Rolle der Religion bei der Entwicklung des Kapitalismus - Max Webers Protestantismus-Kapitalismus-These in der Diskussion, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Max Weber - Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 19 Seiten
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Referat (Ausarbeitung), 11 Seiten
Die Beitragsfähigkeit der evolutionären Psychologie zur Erklärung von ...
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Hausarbeit, 12 Seiten
Gottfried Wilhelm Leibniz und die Theodizee
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Max Weber: Protestantismus und Kapitalismus
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Essay, 6 Seiten
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - Eine kritis...
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus - ...
Hausarbeit, 18 Seiten
Klassische Vertragstheorien (Hobbes, Rousseau, Kant)
Seminararbeit, 22 Seiten
Das Chamäleon 'Krieg' - Privatisierung und Kommerzialisierung ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Funktionen von Familie in einer sich wandelnden Gesellschaft
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Massenmedien, Manipulation und Demokratie in den Vereinigten Staaten: ...
Amerikanistik - Kultur und Landeskunde
Magisterarbeit, 85 Seiten
Das Planspiel - Eine wirtschaftsdidaktische Unterrichtsmethode
BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik
Ausarbeitung, 8 Seiten
Was für ein Leben?! Die Situation von Frauen mit Behinderung in der de...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 92 Seiten
Michael Grindmayer hat den Text Die Rolle der Religion bei der Entwicklung des Kapitalismus - Max Webers Protestantismus-Kapitalismus-These in der Diskussion veröffentlicht
Michael Grindmayer hat einen neuen Text hochgeladen
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Vollständige Ausgabe
Max Weber, Dirk Kaesler
Reign of God Is Such as These: A Socio-Literary Analysis of Daughters ...
Sharon Betsworth, Sharon Bestworth
0 Kommentare