Inhalt
1.0. Einleitung 3
2.0. Methoden 4
3.0. Beschreibung und Analyse der Sendung U3000 6
3.1.Beschreibung der Sendung 6
3.2. Analyse 8
5.0. Konversationsanalyse 11
6.0. Schluß 21
Literaturliste 23
Anhang: Transkriptionen 24
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1.0. Einleitung
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Sendung U3000 des Aktionskünstlers und
Polit- aktivisten Christoph Schlingensief, die im Frühjahr 2001 auf dem Musiksender MTV
gesendet wurde. Schlingensief, der auch Film- und Theaterregisseur ist, macht schon seit lä n-
gerem mit provokanten Aktionen von sich reden. So gründete er zur Bundestagswahl 1998
zusammen mit anderen die Partei „Chance 2000“, die sich mit absurden Aktionen darum be-
mühte, die Absurdität des gegenwärtigen politischen Systems zu offenbaren und sich schließ-
lich selbst zum Verkauf anbot. Im Jahre 2000, kurz nach der Machtübernahme der
schwarz/braunen Regierung in Österreich, wählte er Wien als Schauplatz seiner wohl bisher
bekanntesten Aktion: In Anlehnung an Big Brother stellte er vor dem Wiener Opernhaus ei-
nen Container auf, in dem Asylbewerber untergebracht waren, die über das Internet 24 Std.
am Tag beobachtet werden konnten. Die Zuschauer durften darüber abstimmen, wer als näch-stes abgeschoben werden sollte. Der Container wurde von einem großen Schild mit der Auf-schrift „Ausländer raus“ gekrönt.
In diesem Kontext läßt sich die aus nur 8 Folgen á 45 Min. bestehende Sendereihe am besten
als eine weitere politische Aktion Schlingensiefs beschreiben, und nicht als eine auf Profit
und Einschaltquoten ausgerichtete Talkshow im üblichen Sinne.
Wie schon an den oben erwähnten Aktionen zu erkennen ist, bedient sich Schlingensief un-gewöhnlicher Methoden, um die gewünschte Botschaft zu vermitteln. Dies trifft in hohem
Maße auch auf die hier analysierte Sendung zu.
Allgemein geht es Schlingensief um eine tiefgehende Kritik des politischen und auch kulturel-
len Systems, in dem wir leben. Vor allem die grenzenlose mediale Verdummung der zum
Konsumentenvieh reduzierten Menschen versucht er mit eiskalter Ironie und alles bisher da-
gewesene weit hinter sich lassenden Tabubrüchen schonungslos aufzudecken.
In der hier analysierten Sendung, die ich in Kapitel 3 noch eingehender beschreiben werde,
richtet sich Schlingensiefs Augenmerk zum Großteil auf die prominenten Gäste, die offen-sichtlich völlig unvorbereitet von Schlingensief in eine für sie nicht zu bewältigende Welt des
Wahnsinns entführt werden, in der sie seinen Angriffen mehr oder weniger chancenlos ausge-
liefert sind. Mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, verführt, brüskiert, schockiert
und „verarscht“ er sie auf eine Weise, die sie, teilweise ohne, daß sie es sich dessen selbst
bewußt sind, am Ende völlig entlarvt und entehrt zurückläßt.
3
Wie dieser Prozeß von Schlingensief konkret organisiert wird, also welche Techniken er ein-setzt, um sein Ziel zu erreichen, ist Gegenstand der vorliegenden Analyse.
2.0. Methoden
In der qualitativen Sozialforschung unterscheidet man üblicherweise zwischen drei unter-
schiedlichen theoretischen Positionen: Dem symbolische n Interaktionismus, der Ethnometho-
dologie und dem Strukturalismus.
Erstere setzt den Fokus vor allem auf die subjektiven Bedeutungen, die, die Akteure den sie
umgebenden Dingen beimessen und die sich daraus ergebende subjektive Weltsicht der/des
Einzelnen. Um in den Worten Blumers zu sprechen: „Man muß den Definitionsprozeß des
Handelnden erschließen, um sein Handeln zu verstehen“ (Blumer 1973, S.96).
Die Ethnomethodologie interessiert sich primär für den formalen Vollzug von Alltagshand-
lungen. Methodisch realisiert sie sich überwiegend in der Konversationsanalyse. Heritage
faßt die Grundannahmen beider folgendermaßen zusammen:
„(1) Interaktion ist strukturell organisiert; (2) interaktive Beiträge sind sowohl vom Kontext
geformt, als sie auch diesen Kontext fortschreiben; (3) diese beiden Eigenschaften stecken in
den Details der Interaktion, so daß keine Anordnung von Details in konversationeller Interak-
tion a priori als ungeordnet, zufällig oder irrelevant abgetan werden kann.“ (Heritage 1985,
S.1)
Die Konversationsanalyse verwendet von daher extrem genaue Transkriptionen natürlicher
Konversationen, die nicht zusammengefaßt, sondern Zug um Zug im Sinne einer strengen
Sequenzanalyse bearbeitet werden. Dabei verzichtet man auf die Bezugnahme zu späteren
oder früheren Äußerungen oder Interaktionen, da davon ausgegangen wird, daß sich soziale
Ordnung im Interaktionsvollzug selbst reproduziert (Vgl. Flick 1999, S. 218ff.)
Der Strukturalismus schließlich, befaßt sich mit objektiven Bedeutungstrukturen z.B. im Sin-ne von kulturellen Mustern oder unbewußt bleibenden latenten Strukturen im Sinne der Psy-
choanalyse, die das Handeln der/des Einzelnen auf einer tieferen Ebene beeinflussen (vgl.
Flick 1999, S. 36).
Ich denke, es ist offensichtlich, daß es nicht darum gehen kann, eine dieser Positionen als „die
Richtige“ auszuwählen, sondern daß jede den selben Gegenstand auf unterschiedliche Art und
Weise beleuchtet. Je nach Forschungsschwerpunkt oder den Erfordernissen des Forschungs-
objektes gilt es dann zu entscheiden, für welchen Ansatz man sich entscheidet, bzw. in wel-cher Gewichtung man sie miteinander kombiniert.
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In meiner Analyse werde ich den Schwerpunkt auf die Konversationsanalyse legen, jedoch
auch Überlegungen anstellen, die eher der Vorgehensweise des symbolischen Interaktionis-
mus entsprechen.
Zunächst zur Konversationsanalyse:
Ich wähle diese Methode, weil zu erwarten ist, daß sich ein Großteil von Schlingensiefs oben
angesprochenen Manipulationstechniken gerade in der Art und Weise dingfest machen lassen,
wie er Interaktionen organisiert, und hier vor allem im Detail.
Ich muß aber auch gleich auf die Grenzen dieser Methode aufmerksam machen. Viele wicht i-ge Einflußfaktoren, wie z.B. Mimik, Gestik, Tonfall, Raumgestaltung und allgemeine Atmo-
sphäre, lassen sich in Form von Anmerkungen nur ungenügend in die Konversationsanalyse
einbeziehen. Die oft für ihre Übergenauigkeit gescholtene Konversationsanalyse ist also sozu-sagen für meine Zwecke noch zu ungenau. Abhilfe könnte nur eine extrem genaue Beschrei-bung aller oben genannten Faktoren, oder eine multimediale Gestaltung dieser Forschungsar-
beit leisten. Damit meine ich eine computergestützte Präsentationsform, die Videoaufnahmen
mit einbezieht, und an diesen direkt Erläuterungen vornimmt.
Im Rahmen der allgemeinen Darstellung der Sendung, und der Konversationsanalyse vorge-
schaltet, will ich, wie oben bereits schon erwähnt, auch andere Analysemethoden einsetzen.
Ganz im Sinne des symbolischen Interaktionismus möchte ich die subjektiven Wirklichkeiten
beschreiben, in denen sich Schlingensief und seine Gäste bewegen. Dies erscheint mir außer-
ordentlich wichtig, da diese Wirklichkeiten zumeist sehr unterschiedlich sind, und es eine
meiner Hypothesen ist, daß sich Schlingensief, im Gegensatz zu seinen Gästen, genau dieser
Unterschiede zumindest teilweise bewußt ist, und sie gezielt für seine Zwecke einsetzt. Wei-
terhin lassen sich viele Aktionen und Reaktionen nur erklären, indem man die jeweilige Wirk-
lichkeit, in der sich die Akteure befinden, miteinbezieht.
Um ein zufriedenstellendes Bild dieser Wirklichkeiten zu gewinnen, werde ich alle mir zur
Verfügung stehenden Daten verwenden: Meine gesammelten Eindrücke, die ich im wieder-holten Anschauen der 8 Sendungen gesammelt habe, mein politisches, kulturelles, soziologi-
sches und psychologisches Hintergrundwissen und mein Wissen über die einzelnen Akteure
und ihre Geschichte.
Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich im Zusammenspiel mit den Ergebnis-sen meiner Konversationsanalyse zu einer zufriedenstellenden Antwort auf die Frage führen,
wie und mit welchen Techniken Schlingensief seine Absichten in Bezug auf seine Gäste ve r-
wirklicht.
5
3.0. Beschreibung und Analyse der Sendung U3000
3.1. Beschreibung der Sendung
Die Sendung U3000 war von Anfang an auf 8 Folgen konzipiert, die auch alle an einem Stück
abgedreht wurden. Schauplatz ist eine U-Bahn, die sich in ständiger Fahrt durch das Berliner
U-Bahnnetz befindet und nur hin und wieder einmal in einem Bahnhof hält. Der Zug ist spe-
ziell für die Sendung in Betrieb, und befördert nur Gäste der Sendung, keine Fahrgäste. Die
Handlung spielt sich im wesentlichen in 2 Wagen ab, dem Talkwagen mit „Showbühne“ und
dem „Konzertwagen“. Die in dieser Arbeit verwendeten Konversationen ereigneten sich aus-schließlich im Talkwagen.
Im Konze rtwagen hält sich üblicherweise eine bekanntere Musikband, oder ein(e) Mus i-
ker(in) auf, die dort über die ganze Sendung ein Konzert geben.
Der Talkwagen ist das Herz der Sendung. Hier gibt es eine Showbühne, auf der die meisten
Gespräche stattfinden.
In beiden Wagen verteilt sich ein zahlreiches Publikum, das, einer U-Bahn entsprechend, sitzt
oder steht.
Die Struktur der Sendung sieht in etwas so aus:
1) Es gibt außer in der letzten Folge immer eine „Familie“, die sich, mit Ausnahme der ers-
ten Sendung, in der vorhergehenden Sendung für ihre Teilnahme qualifizieren muß. Die
Familie ist entweder ausländisch oder eindeutig aus der Unterschicht und besteht aus ei-
nem Ehepaar mit mehreren Kindern und verschiedentlich auch anderen Familienangehöri-
gen. Die Familienmitglieder sollen in der Sendung ihr Schicksal darstellen und eventuell
um Hilfe bitten. Im Lauf der Sendung wird sie mehrmals interviewt und in verschiedene
Gespräche involviert.
2) Die Gäste sind Prominente verschiedenen Bekanntheitsgrades, wobei immer ein Gast,
der/die in der Regel am bekanntesten ist, im Mittelpunkt steht, während die anderen eher
am Rande auftauchen, und keine eindeutig festgelegten Aufgaben haben. Der „Mittel-
punktgast“ begleitet Schlingensief über den größten Teil der Sendung und durchläuft fo l-
gende Phasen.:
Zunächst wird er/sie mit großen Applaus willkommengeheißen. Anschließend wird sie/er
mit dem Live-Tod und der Live-Geburt (dazu später mehr) konfrontiert. Dann wird er/sie
von Schlingensief mit der Familie bekannt gemacht, und muß sich deren „Geschichte“
anhören, und sein/ihr Urteil abgeben, ob sie wahr oder falsch ist. Dies ist absurd, da die
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Geschichten offensichtlich immer wahr sind. Im weiteren Verlauf wird der Gast oftmals
von Schlingensief in ein längeres Gespräch verschiedenen, oft politischen Inhalts verwi-ckelt. Darüber hinaus muß sich der Gast verschiedentlich an bestimmten Spielen oder Ge-
sprächen beteiligen.
3) Spiele spielen eine große Rolle. In der Sendung kommen verschiedene vor, die alle mehr
oder weniger offensichtlich unsinnig sind:
Neben dem „wahr/falsch-Spiel“, das ich oben bereits erwähnt habe, gibt es noch eines un-ter dem Titel „Rettet die Markwirtschaft, schmeißt das Geld weg!“, eines, bei dem es dar-um geht, bestimmte Gegenstände, die in einem U-Bahnhof aufgestellt sind, aus dem fah-renden Zug zu erkennen und als Hauptspiel den Wettbewerb zwischen Familie und Eis-
schwimmer. Ersteres Spiel besteht darin, daß Schlingensief 1000DM in fünf Mark Sche i-
nen im Zug verstreut, und es so ist, daß die Familie für sich selbst sammelt, und andere
ebenfalls für die Familie oder für die Aidshilfe.
Letzteres Spiel besteht darin, daß der Vater der Familie, die in der nächsten Sendung zu
Gast sein wird, länger mit einem Hammer auf ein Schrottauto, in dem seine Familie sitzt,
einschlagen muß, als der Kultursenator von Berlin in der eiskalten Spree schwimmen
kann. Die aktuelle Familie und der Mittelpunktsgast müssen vor Beginn einen Tip abge-
ben, welche Partei den Wettbewerb gewinnen wird. Alle sind immer auf Seiten der Fami-lie, und mit Ausnahme der vorletzten Folge ist es auch immer die Familie, die gewinnt.
Inwieweit, es sich bei diesem Spiel um einen wirklichen Wettbewerb handelt, der auch
tatsächlich zeitgleich stattfindet, bleibt unklar. Ebenso unklar bleibt für mich, ob es sich
bei der Person in der Spree wirklich um den Berliner Kultursenator handelt. Alle diese
Spiele bringen der Familie Punkte oder Geld, und an allen Spielen muß sich der Mittel-
punktsgast auf die eine oder andere Weise beteiligen.
Nicht direkt als Spiele zu bezeichnen, sind Live-Geburt und Live-Tod. Sie stellen aber
dennoch eine Regelmäßigkeit in der Sendung dar, weshalb ich sie hier erwähne. Beide
werden als Liveschaltungen präsentiert, wobei es sich bei der Geburt um die eines Kalbes,
und beim Tod um den eines alten Mannes handelt. Beide Ereignisse werden erst in der
letzten Sendung abgeschlossen. Ob es sich beim Live-Tod um einen echten Tod handelt
bleibt unklar.
4) Darüber hinaus besteht die Sendung aus einer Vielzahl spontaner Aktionen Schlingen-
siefs, wie Ortswechsel von einem Wagen in den anderen, symbolische Kreuzigungen,
Herumspritzen mit Farbe und Kunstblut, Schlägereien, Schreien und Singen. In die Aktio-
nen werden der Mittelpunktsgast und die Familie üblicherweise kaum einbezogen. Dafür
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spielen aber die verschiedenen GehilfInnen Schlingensiefs eine wesentliche Rolle als Mit-täter oder auch Opfer. Hier möchte ich, ohne weitere Erläuterungen, nur folgende erwäh-
nen: „Mario Gazani“, ein Kleinwüchsiger, Bernhard Schütz, und die beiden entweder
geistig behinderten oder stark alkoho lgeschädigten „Else“ und „Achim von Patschinsky“.
Diese Aufstellung gibt nur grob den Ablauf der Sendung wieder, da einzelne Elemente z.T.
auch nicht in jeder Sendung auftauchen. So wird Roberto Blanco beispielsweise nicht mit
Live-Tod und Live-Geburt konfrontiert, während dies bei Maria und Marianne Hellwig breit
ausgewalzt wird. Ob diese Ordnung der Dinge bis ins letzte geplant ist, oder sich spontan in
Schlingensiefs Moderation ergibt, vermag ich nicht zusagen.
Schließlich ist noch zu erwähnen, daß jede Sendung ein spezielles Oberthema wie z.B. Krieg,
Afrika oder Selbsthaß hat, das auch mit einem speziellen Kostüm Schlingensiefs und seiner
Mitarbeiter einhergeht.
3.2. Analyse
Die oben vorgenommene Beschreibung der Sendung vermittelt meines Erachtens noch immer
keinen wirklichen Eindruck von dem, was in der Sendung tatsächlich geschieht. Ich werde
daher in diesem Abschnitt versuchen, Absichten, Gefühle und Konstellationen so zu be-
schreiben, wie sie sich mir darstellen. Dies läßt sich natürlich nur subjektiv verfärbt bewerk-stelligen, weshalb es sich hierbei eher um Analyse, als um Beschreibung handelt.
In der Einleitung habe ich bereits darauf hingewiesen, daß Schlingensief seine Gäste bloßstel-len und entlarven will. Dies ist nur halb richtig, da es auch Gäste gibt, die in Schlingensiefs
Gunst stehen, weil sie zumindest teilweise die politische Botschaft vertreten, die Schlingen-sief selbst transportieren möchte. Diese Gäste, wie z.B. der Ex Bundeswehradmiral und jetzi-
gen Kriegsgegner Elmar Schmähling, werden von Schlingensief eher hofiert und geehrt, und
bekommen von ihm die Plattform, um ihre Positionen zu vertreten.
Schlingensief möchte eine bestimmte gesellschafts- und kulturkritische Botschaft vermitteln.
Dazu bedient er sich verschiedener Mittel, wie dem Einladen „korrekter“ Gäste (s.o.) als auch
dem Demontieren besonders verachtenswerter Symbole einer kranken und dummen Kultur,
wie z.B. Maria und Marianne Hellwig und Robert Blanco.
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Arbeit zitieren:
Mark Thumann, 2001, Der Moderator als Manipulator - Schlingensiefs U3000, eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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