Abstract
Das Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob der Gebrauch des Computers/Internets dem Fremdsprachenunterricht neue Dimensionen verleihen kann.
Im 1. Teil stelle ich die konstruktivistische Lerntheorie, ihren geschichtlichen Hintergrund und Werdegang vor. Im 2. Teil untersuche ich, wie Computer und Internet im konstruktivistischen Klassenzimmer genutzt werden können. Hierzu werden on-line und off-line Ressourcen vorgestellt und Nutzungsbeispiele erläutert. Es folgt die Beschreibung einer Unterrichtseinheit, die während meines Praktikums an einer italienischen Oberschule im DAF-Unterricht zur Anwendung kam.
Die Schlussfolgerung dieser Arbeit ist, dass der Einsatz des Computers die Qualität des Fremdsprachenunterrichts hebt und ihm neue Werte hinzufügt.
3
INHALTSVERZEICHNIS
Abstract 3
Vorwort 6
TEIL I
1. KONSTRUKTIVISMUS - ein Definitionsversuch 9
1.1 Zur Entstehung des Konstruktivismus 14
1.1.1 Jean Piaget (1896-1980) 16
1.1.2 John Dewey (1859-1952) 19
1.1.3 Lev Vygotsky (1896-1934) 22
1.1.4 Piaget und Vygotsky - eine Gegenüberstellung 23
1.1.5 Bruner (1915- 25
1.1.6 David Ausubel (1918 - 26
1.1.7 Seymour Papert (1928 - 28
1.1.8 Konstruktivismus vs. Konstruktionismus: Die konstruktionistische 29
Lerntheorie Paperts
1.2 DER RADIKALE KONSTRUKTIVISMUS 32
1.2.1 Ernst von Glasersfeld (1917- 32
1.2.2 Heinz von Förster (1911-2002) 33
2. DER PRAGMATISCHE KONSTRUKTIVISMUS 34
2.1 Was ist pragmatischer Konstruktivismus? 34
2.2 Auswirkung auf den Lernprozess 35
2.3 Wie unterscheidet sich diese Theorie von der herkömmlichen 37
Auffassung von Lehren und Lernen?
2.4 Was hat Konstruktivismus mit meinem Unterricht zu tun? 39
4
3. Konstruktivismus im Unterricht: LERNEN MIT DEM
41
COMPUTER
3.1 Die Idee im Allgemeinen 44
TEIL II
4. VON DER THEORIE ZUR PRAXIS 46
Einleitung 47
4.1 Informationsquelle World Wide Web 49
4.2 Hypertext 53
4.2.1 Die Rezeption von Hypertext. 55
4.2.2 Didaktische Überlegungen 59
4.2.3 Hypertext als Hilfe für das Lernen von Vokabeln 61
4.3 Blogs 63
4.4 Abschließende Bemerkungen 66
5. UNTERRICHTSEINHEIT 68
Schlusswort 96
Literaturverzeichnis 100
Internetadressen 106
Anhang: Texte. 107
Anhang: Bilder 112
Anhang: Arbeitsblätter 115
N.B.
Die Übersetzungen der in der vorliegenden Arbeit angeführten Zitate
erscheinen als Fußnote und wurden von mir erstellt. Ich habe es vorgezogen
die Zitate in der Originalsprache in den Text einzufügen, da dieser nach
meiner Ansicht der Vorrang einzuräumen ist.
5
Was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Johann Wolfgang von Goethe
(1749 - 1832), deutscher Dichter der Klassik, Naturwissenschaftler und Staatsmann
Vorwort
Die vorliegende Arbeit „KONSTRUKTIVISMUS IM DAF-UNTERRICHT“ ist meine Abschlussarbeit zur Erlangung der Lehramtsbefähigung für das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ an der italienischen Oberschule.
Als ich damit begann mir den Kopf über dieses Thema zu zerbrechen und auch im Laufe der eigentlichen Textarbeit, geschah etwas Seltsames. Aus der Pflicht wurde allmählich ein Vergnügen und je mehr die Arbeit fortschritt, desto tiefer verstrickte ich mich in die faszinierenden Theorien des Konstruktivismus, sodass ich gezwungen war, mich auf eine Richtung zu konzentrieren, um zu vermeiden, dass aus der Abschlussarbeit „Gesammelte Werke“ würden. Ich habe also eine Wahl getroffen und mich für den pragmatischen Konstruktivismus entschieden, der letztendlich meiner Lehr- und Lebenseinstellung am nächsten liegt.
Konstruktivisten sind der Ansicht, dass die Menschen ihr Wissen selbst „konstruieren“, indem sie aus ihren Erfahrungen lernen und auf diese aufbauen. Man wird hier einwenden wollen, was hieran so neu sein soll. Eigentlich gar nichts. Aber wenn dies nicht neu ist und dieser Lernvorgang der menschlichen Natur entspricht, warum kommen im herkömmlichen Schulunterricht so viele, von dieser Theorie gänzlich abweichende Theorien zum Zuge? Ist es nicht so, dass ein Lernen stattfindet, wenn man Lernmechanismen und seine eigene einzigartige
6
Version des Wissens selbst „baut“? Wenn mir dies nicht erlaubt ist, verliere ich das Interesse an der Sache und education becomes reduced to a pressure from without 1 (John Dewey: My Pedagogical Creed).
Lehrer sollten sich mehr auf die Verstehensprozesse konzentrieren und weniger darauf, dass Daten und Fakten im Gedächtnis gespeichert werden. Sie sollten den Schülern helfen über ihren eigenen Lern- und Verstehensprozess nachzudenken. Die Denkvorgänge der Schüler sollten „sichtbar“ gemacht werden, damit Ideen und Meinungen diskutiert und verwertet werden können. Lernen ohne Verstehen ist sinnlos und nur wenn Schüler in die Lage versetzt werden selbst zu erforschen, was sie nicht verstehen, kann wirklich Lernen stattfinden. Ich bin der Meinung, dass sich die Lehrer des 21. Jahrhunderts ändern und angesichts des Wandels der gesellschaftlichen Wirklichkeit (Globalisation, neue Technologien) anpassen müssen. Diese Anpassung kann einerseits nur durch zeitgemäße und zeitangepasste Ausbildung erreicht werden. Andererseits ist es jedoch auch so, dass Ausbildung allein nicht ausreicht, wenn die Überzeugung fehlt, oder man nicht oder nicht mehr bereit ist, diesen neuen Weg einzuschlagen.
Die Existenz der neuen Technologien lässt sich nicht wegzaubern, genau wie dies seiner Zeit mit Papier und Bleistift nicht möglich war. Hier kommt mir Paperts Parabel in den Sinn, in der er über ein hypothetisches Land Foobar spricht, in dem “within four years a pencil and a pad of paper will be placed in every single classroom of the country so that every child, rich or poor, will have access to the new
1 .....Erziehung wird zu einem Druck von außen
7
knowledge technology. Meantime the educational psychologists stand
by to measure the impact of pencils on learning 2 .” Papert verwendete diese Parabel “in the early days of computers to warn against basing negative conclusions about computers on observations about what happens when computers are used in a manner analogous to that pencil experiment.“ 3 Nur ein Papert konnte einen solch treffenden Vergleich ziehen oder, um es mit Einsteins Worten auszudrücken “so simple only a genius could have thought of it”.
2 „innerhalb von vier Jahren werden Bleistift und Notizblock in jedem Klassenzimmer des Landes vorhanden sein, so dass jedes Kind, reich oder arm, Zugang zu dieser neuen Wissenstechnologie haben wird. In der Zwischenzeit werden die Erziehungspsychologen sich damit beschäftigen, die Auswirkung der Bleistifte auf den Lernprozess zu untersuchen“.
3 „in der Anfangszeit des Computers, um vor negativen Schlüssen zu warnen, die sich auf Bemerkungen stützen über das, was geschieht, wenn Computer, ähnlich wie in jenem Bleistiftexperiment, zur Anwendung gelangten.“
8
TEIL I
1. KONSTRUKTIVISMUS - ein Definitionsversuch
Grundsätzlich ist Konstruktivismus eine auf wissenschaftlichen Studien beruhende Theorie über den Lernvorgang des Menschen. Konstruktivismus ist eine Philosophie des Lernens, die auf der Voraussetzung beruht, dass wir unser eigenes Verständnis der Welt, in der wir leben, „konstruieren“, indem wir über unsere Erfahrungen nachdenken. Immer dann wenn wir auf etwas Neues treffen, müssen wir es mit unseren bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen in Einklang bringen, wobei wir vielleicht unsere Ansichten ändern oder die neue Information als unnütz erklären müssen. Um dies tun zu können, müssen wir Fragen stellen, nachforschen und das überprüfen, was wir schon wissen. Wir alle generieren unsere eigenen „Regeln“ und „mentalen Modelle“, die wir verwenden, um unsere Erlebnisse zu verstehen. Lernen ist also einfach der Prozess, unsere mentalen Modelle so anzupassen, dass die neuen Erfahrungen darin einen Platz finden oder mit den Worten Müllers 4 : „ (...) dass Lernen im konstruktivistischen Ansatz als ein Prozess gesehen wird, in dessen Verlauf Menschen ihr Wissen aktiv handelnd und fühlend in komplexen, authentischen Situationen sowie in Abhängigkeit von ihren Vorerfahrungen und im Austausch mit anderen erwerben. Alles an dieser Konzeption widerspricht der kognitivistischen Computermetapher von Lernvorgängen.“
4 Müller K., 2001
9
Das Verb „konstruieren“ kommt vom Lateinischen construere und bedeutet soviel wie ordnen oder Struktur geben. Im Entstehen befindliche strukturgebende Prozesse stehen im konzeptuellen Mittelpunkt des Konstruktivismus.
Im Klassenzimmer kann der konstruktivistische Ausblick auf den Lernprozess eine Reihe verschiedener Lehrmethoden implizieren. Ganz allgemein ausgedrückt, bedeutet das gewöhnlich, dass die Schüler dazu ermutigt werden, aktive Techniken (Experimente, Lösen von Real World-Problemen) anzuwenden, um an mehr Wissen zu kommen und dann nachzudenken und darüber zu sprechen, wie sie vorgegangen sind und wie sich ihr Verständnis einer Sache langsam ändert. Die Lehrkraft ist darum bemüht, die bei den Schülern schon vorhandenen Vorstellungen in Erfahrung zu bringen und zu verstehen. Sie leitet die Tätigkeiten dahin, dass sie diese existierenden Vorstellungen und Begriffe einbezieht und dann auf ihnen aufbaut.
Konstruktivistisch orientierte Lehrkräfte leiten die Schüler dazu an, dauernd zu überprüfen, wie die Tätigkeit ihnen zum Verständnis verhilft. Indem sie sich selbst und ihre Strategien in Frage stellen, werden die Schüler im konstruktivistischen Klassenzimmer zu „Lernexperten“. Es wird ihnen dazu verholfen, die Wege zu erkennen und einzuschlagen, die sie zu lebenslangem Lernen benötigen. Man kann sich diesen Prozess auch wie eine Spirale vorstellen. Wenn man fortlaufend über die eigenen Erfahrungen nachdenkt, bemerkt man, dass diese komplexer und kraftvoller werden. Auf diese Weise können
10
immer stärker werdende Fähigkeiten zur Einbeziehung neuer Informationen entwickelt werden.
Eine der wichtigsten Aufgaben des Lehrers 5 ist es also, diesen Lern-und Nachdenkprozess zu ermutigen. Es ist absolut falsch, wie von konservativen Lehrkräften oft vorgegeben wird, dass die aktive Rolle des Lehrers hiermit abgeschafft oder dass sein Expertenwissen nicht zum Zuge kommt. Der Konstruktivismus ändert diese Rolle allerdings dahingehend, dass die Lehrkraft den Schülern hilft, Wissen aufzubauen, nicht eine Reihe von Fakten zu reproduzieren. Der konstruktivistische Lehrer stellt Werkzeuge wie z.B. problem-solving und auf Forschung beruhende Aktivitäten zur Verfügung, mit denen die Schüler ihre Ideen formulieren und überprüfen, Schlüsse ziehen und Beziehungen herstellen, ihr Wissen sammeln und an die Allgemeinheit weiter geben können. Der Konstruktivismus wandelt den Schüler“ 6 von einem passiven Empfänger von Informationen zu einem aktiven Teilnehmer seines Lernprozesses um. Der Lehrer begleitet, führt seine Schüler und lässt sie ihr Wissen aktiv aufbauen und nicht mechanisch vom Lehrer oder Textbuch präsentiertes Wissen schlucken.
Die konstruktivistischen Theorien nehmen verschiedene Formen an, genau wie die behavioristischen und kognitivistischen. Der Unterschied ist jedoch, dass während die Behavioristen Wissen für mehr oder weniger passiv, für automatische Reaktionen auf externe Faktoren in der Umwelt und Kognitivisten es für abstrakte symbolische
5 das Wort „Lehrer“ bezieht sich in der gesamten Arbeit immer auch auf die „Lehrerin“
6 das Wort „Schüler“ bezieht sich in der ganzen Arbeit immer auch auf die „Schülerin“
11
Repräsentationen im Kopf der Individuen halten, sieht die konstruktivistische Schule Wissen als eine konstruierte Einheit, die von jedem einzelnen Lerner durch einen Lernprozess hergestellt wird. Wissen kann also nicht von einer Person auf die andere übertragen, sondern muss von jeder einzelnen Person (re)konstruiert werden. Das bedeutet, dass die Auffassung von Wissen sich von der Auffassung des gegebenen und absoluten Wissens des Behaviorismus und Kognitivismus unterscheidet. Im Konstruktivismus wird Wissen als relativistisch gesehen (nichts ist absolut, sondern verändert sich je nach Zeit und Raum).
Der Unterschied zwischen Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus wird von Müller 7 , 2001, sehr treffend zum Ausdruck gebracht: „Im Gegensatz zum Behaviorismus, der die Kognition als black box ausklammert und zum Kognitivismus, der den Computer zum Referenzmodell des menschlichen Geistes macht, gibt der Konstruktivismus in seinen anwendungsbezogenen (also
pädagogischen und didaktischen) Ausprägungen dem Menschen Leib, Emotionen, Kultur, Geschichte, Kommunikation und Kontext zurück (vgl. dazu Müller, 1996c).“
7 Müller, K., Der pragmatische Konstruktivismus, in Konstruktivistische Schulpraxis, Neuwied; Kriftel: Luchterhand 2001
12
Aber was genau ist Konstruktivismus?
Fünf grundlegende Themen haben die verschiedenen Theorien des Konstruktivismus gemeinsam. Diese Themen sind (1) aktive Tätigkeit, (2) Ordnung, (3) das Selbst (4) sozialsymbolische Verwandtschaft und (5) lebenslange Entwicklung.
Die Konstruktivisten haben unter Anwendung verschiedener sprachlicher und terminologischer Ausdrücke vorgeschlagen, dass erstens das menschliche Sammeln von Erfahrungen dauernde aktive Tätigkeit impliziert. Dies unterscheidet den Konstruktivismus von Arten des Determinismus, die Menschen als passive, dem Spiel von höheren Kräften ausgesetzt, verstehen wollen. An zweiter Stelle steht die These, dass ein Großteil des menschlichen Tuns aus ordnenden Prozessen besteht - aus dem organisatorischen Anordnen von Erfahrung durch stille, emotionale Vorgänge zum Schaffen von Bedeutung.
Eine dritte weitvertretene Behauptung der Konstruktivisten ist, dass das Organisieren der eigenen Tätigkeit im Grunde selbstbeziehend oder rekursiv ist. Das macht aus dem Körper einen Standort von Erfahrungen und ehrt ein tiefes phänomenologisches Verständnis des Selbst oder der persönlichen Identität. Aber das Selbst ist keine Insel kartesianischer Geistestätigkeit. Menschen wachsen innerhalb von Beziehungen auf.
Das vierte Thema des Konstruktivismus ist, dass das Individuum nicht getrennt von seiner organischen Einbeziehung in gesellschaftliche und
13
symbolische Systeme verstanden werden kann. Diese aktive, bedeutungsvolle und gesellschaftlich eingebettete Selbstorganisation ist Zeichen eines kontinuierlichen Entwicklungsflusses, in dem dynamische dialektische Spannungen wesentlich sind. Ordnung und Unordnung stehen Seite bei Seite in der lebenslangen Suche nach einem dynamischen Gleichgewicht, das niemals ganz erzielt wird.
Zusammen bilden diese fünf Themen einen konstruktiven Ausblick auf die menschliche Erfahrung, dessen Schwerpunkt die Tätigkeit eines sich entwickelnden, in komplexe Beziehungen eingebetteten Ichs darstellt.
1.1 Zur Entstehung des Konstruktivismus
Der Begriff „Konstruktivismus“ hat seine Wurzeln im klassischen Altertum. Wir brauchen nur an die Dialoge zwischen Sokrates und seinen Schülern zu denken, in denen er Fragen stellte, die seine Schüler dazu brachten, selbst die Schwächen ihrer Überlegungen zu erkennen. Das wichtigste didaktische Mittel des Sokrates war die Frage.
Der Sokratische Dialog ist noch immer ein wichtiges Werkzeug, mit dem konstruktivistische Lehrkräfte das Wissen ihrer Schüler überprüfen und neue Lernerfahrungen planen. Böhme 8 (1992,134) beschreibt die sokratische Methode mit folgenden Worten: „Der Lehrer, der nichts lehrt: Sokrates hat mit diesem Paradox einen neuen Typ von
8 Böhme, G., 1992: Der Typ Sokrates. Frankfurt/M.
14
Pädagogik erfunden. Man nennt sie, seinen eigenen Worten folgend, mäeutische Pädagogik, d.h. geburtshelfende Pädagogik. Die Idee besteht darin, dass der Lehrer dem Schüler kein Wissen mitteilt, sondern ihm vielmehr bei der Produktion von Wissen Hebammendienste leistet. Der Vorzug, der mäeutischer Pädagogik gegenüber herkömmlicher Wissensvermittlung zukommt, bestehe darin, sagt man, dass das Wissen auf diese Art dem Schüler nicht äußerlich bleibe, sondern als selbstproduziertes seiner Persönlichkeit integriert werde. Wenn man die Einheit von Wissen und Person als das entscheidende Charakteristikum philosophischen Wissens bezeichnet, also ein typisch philosophischer Effekt.“
Im vergangenen Jahrhundert entwickelten Jean Piaget 9 und John Dewey 10 auf die Kindheit bezogene Entwicklungs-und
Erziehungstheorien, die wir heute Progressive Erziehung nennen und die zur Entstehung des Konstruktivismus geführt haben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier nachfolgend einige der wohl renommiertesten Vertreter der Neuzeit des konstruktivistischen Gedankens angeführt:
9 Jean Piaget (1896-1980), ein Schweizer Psychologie- und Soziologieprofessor, widmete sein Leben der Frage: Wie wächst Wissen? Piaget kam zu dem Schluss, dass der Mensch durch die Konstruktion progressiv komplexer logischer Strukturen, von der Kindheit an bis zum Erwachsenenalter, lernt. Die konstruktivistische Pädagogik basiert auf dieser Prämisse des Bauens sukzessiven Wissens, dessen Tiefe und Komplexität von Stufe zu Stufe anwächst.
10 John Dewey (1859-1952), ein amerikanischer Philosoph und Pädagoge war der angesehenste Pädagoge seiner Zeit. Er lehnte die gängigen autoritären Lehrtechniken ab und das Ziel seiner Arbeit war Methoden und Curricula zu ändern. Zwei seiner bekanntesten Arbeiten sind DEMOCRACY AND EDUCATION (1916) und LOGIC (1938).
15
1.1.1 Jean Piaget
Den Kern seiner Theorie des Wissens fasste Piaget mit folgenden Worten zusammen:
„I think that all structures are constructed and that the fundamental feature is the course of this construction: Nothing is given at the start, except some limiting points on which all the rest is based. The structures are neither given in advance in the human mind nor in the external world, as we perceive or organize it. 11 ” (Piaget, 1977b, p.63).
Piaget glaubte, dass der Mensch durch das Bauen einer logischen Struktur nach der anderen lernt. Er kam auch zu dem Schluss, dass sich die Logik des Kindes und seine Denkweise anfänglich vollkommen von der des Erwachsenen unterscheidet. Die Implikationen dieser
11 „Ich glaube, dass alle Strukturen konstruiert sind und das grundlegende Kennzeichen der Verlauf dieser Konstruktion ist: Nichts ist gegeben am Anfang, außer einigen Begrenzungen, auf denen alles andere aufbaut. Die Strukturen sind weder in der menschlichen Vorstellung vorher gegeben noch in der Außenwelt, wie wir sie empfinden oder uns einrichten.“
16
Theorie und der Art und Weise wie er sie anwendete, haben den Grundstein der konstruktivistischen Pädagogik gelegt.
In seinem Artikel 12 äußert sich Seymour Papert über Piaget mit unverhohlener Verwunderung: „The core of Piaget is his belief that looking carefully at how knowledge develops in children will elucidate the nature of knowledge in general. Whether this has in fact led to deeper understanding remains, like everything about Piaget, controversial. In the past decade Piaget has been vigorously challenged by the current fashion of viewing knowledge as an intrinsic property of the brain. Ingenious experiments have demonstrated that newborn infants already have some knowledge of the kind that Piaget saw as actively constructed by the growing child. But for those, like me, who still see Piaget as the giant in the field of cognitive theory, the difference between what the baby brings and what the adult has is so immense that the new discoveries do not significantly reduce the gap but only increase the mystery 13 .”
12 in einer Spezialausgabe des Time magazine über „The Century’s Greatest Minds“, Seite 105, am 29. März 1999 erschienen.
13 „Der Kern der piagetschen Theorie ist sein Glaube, dass aufmerksame Beobachtung der Entwicklung des Wissens bei Kindern, Licht auf die Natur des Wissens werfe. Ob dies tatsächlich zu einem tieferen Verständnis geführt hat, bleibt kontrovers, wie alles im Zusammenhang mit Piaget. Im vergangenen Jahrzehnt ist Piaget heftig von der verbreiteten Ansicht, dass Wissen eine immanente Eigenschaft des Verstandes sei, in Frage gestellt worden. Raffinierte Versuche haben bewiesen, dass Neugeborene schon Wissen jener Art besitzen, das Piaget als für aktiv vom heranwachsenden Kind konstruiert, hielt. Aber für diejenige, die Piaget immer noch für den Riesen auf dem Gebiet der kognitivistischen Theorie halten und zu denen auch ich gehöre, ist der Unterschied zwischen dem, was Säuglinge mitbringen und was dann bei Erwachsenen vorhanden ist, so gewaltig, dass die neuen Entdeckungen die Kluft nicht bedeutend verkleinern, sondern die Rätselhaftigkeit nur zunehmen lassen.“
17
Ernst von Glasersfeld 14 :
“There is a great deal of resistance against this view of knowledge, and of scientific knowledge in particular. The philosophical tradition has for more than two thousand five hundred years perpetuated the notion of human knowledge as the more or less ‘true’ representation of a real world 15 .
Piagets Modell besagt, dass Wissen als eine Sammlung von Aktionsschemen und Denkmodellen gesehen werden muss, die es uns ermöglichen in der Welt, wie wir sie erleben, zu leben und uns zu bewegen. Diese beiden Ansichten über Wissenschaft und die zugrundeliegenden kognitiven Vorgänge sind nicht zu vereinbaren.
Auf der einen Seite stehen die Realisten, für die die Essenz der Wissenschaft im Sammeln von „objektiven“ Daten liegt und die ihnen zufolge für sich selbst sprechen und automatisch wahre Erklärungen darstellen. Für sie ist Wissen das Ergebnis von Entdeckungen.
Auf der anderen Seite steht Piagets Konstruktivismus für den jegliche Wissenschaft das Ergebnis der Begriffsbildung des Verstandes ist. Aus dieser Perspektive symbolisiert Wissen keine unabhängige Wirklichkeit oder stellt diese dar, sondern ist eine Sammlung von Erfindungen, die zufällig zur Welt, wie sie erlebt wird, passt
14 Ernst von Glasersfeld, Scientific Reasoning Research Institute, Hasbrouck Laboratory, University of Massachusetts, Amherst, MA 01003, USA: Homage to Jean Piaget (1896-1980), 12.12.1997 (http://www.oikos.org/Piagethom.htm)
15 Gegen Piagets Auffassung des Wissens und insbesondere des wissenschaftlichen Wissens wird viel Widerstand geleistet. Für mehr als zweitausendfünfhundert Jahre hat die philosophische Tradition das menschliche Wissen als das mehr oder weniger „wahre“ Abbild der wirklichen Welt definiert.
18
1.1.2 John Dewey (1859-1952)
John Dewey versteht Erziehung nur innerhalb wirklicher Erfahrungen. Er schrieb: “If you have doubts about how learning happens, engage in sustained inquiry: study, ponder, consider alternative possibilities and arrive at your belief grounded in evidence. Inquiry is a key part of constructivist learning.” 16
In seiner berühmten Erklärung 17 über die Erziehung formulierte John Dewey die seiner Ansicht nach wesentlichen Aspekte einer sinn- und wertvollen Erziehung. In dieser Rede kommt seine konstruktivistische Haltung immer wieder zum Ausdruck. Der bezeichnende Absatz dieses Credos scheint mir folgender zu sein:
“The child’s own instincts and powers furnish the material and give the starting point for all education. Save the efforts of the educator connect with some activity which the child is carrying on of his own initiative independent of the educator, education becomes reduced to a pressure from without.” 18
16 Wenn du Zweifel hast über wie Lernen stattfindet, stelle laufend Fragen: Untersuche, wäge ab, ziehe Alternativen in Betracht und komme zu deiner, auf Beweisen gründenden Überzeugung. Das Stellen von Fragen ist der Schlüssel zu konstruktivistischem Lernen.
17 My Pedagogical Creed: John Dewey's famous declaration concerning education. First published in The School Journal, Volume LIV, Number 3 (January 16, 1897), pages 77-80.
18 “Des Kindes eigene Instinkte und Kräfte liefern das Material und verkörpern den Ausgangspunkt für die Erziehung schlechthin. Erziehung reduziert sich auf einen Druck von Außen, wenn die Bemühungen des Lehrers nicht in Verbindung mit einer Tätigkeit stehen, die das Kind aus eigener Initiative und unabhängig vom Lehrer verrichtet.
19
John Dewey wies die Ansicht zurück, dass Schulen eintöniges, mechanisches Speichern von Daten durch Auswendiglernen oder Wiederholen in den Mittelpunkt rücken sollten. Er schlug die Methode des „directed living“ (gesteuerten Lebens) vor, in der die Schüler in praktischen Real World-Werkstätten ihre Kenntnisse und Fähigkeiten durch Kreativität und Kollaboration unter Beweis stellen könnten. Den Schülern sollte dazu Gelegenheit gegeben werden, selbst nachzudenken und ihre Gedanken auch zu artikulieren. Diese
Vorstellung Deweys kommt besonders stark im Kapitel 12: Thinking in Education seines „Meilensteins“ Democracy and Education zum Ausdruck:
“But the first stage of contact with any new material, at whatever age of maturity, must inevitably be of the trial and error sort. An individual must actually try, in play or work, to do something with material in carrying out his own impulsive activity, and then note the interaction of his energy and that of the material employed. This is what happens when a child at first begins to build with blocks, and it is equally what happens when a scientific man in his laboratory begins to experiment with unfamiliar objects.
Hence the first approach to any subject in school, if thought is to be aroused and not words acquired, should be as unscholastic as possible. To realize what an experience, or empirical situation, means, we have to call to mind the sort of situation that presents itself outside of school; the sort of occupations that interest and engage activity in ordinary life. And careful inspection of methods which are permanently successful in formal education, whether in arithmetic or learning to
20
read, or studying geography, or learning physics or a foreign language, will reveal that they depend for their efficiency upon the fact that they go back to the type of the situation which causes reflection out of school in ordinary life. They give the pupils something to do, not something to learn; and the doing is of such a nature as to demand thinking, or the intentional noting of connections; learning naturally results.” 19
Zu den Pädagogen, Philosophen, Psychologen und Soziologen, die zu der Theorie des konstruktivistischen Lernens neue Perspektiven hinzugefügt haben, gehören Lev Vygotsky, Jerome Bruner und David Ausubel.
19 “Aber das erste Stadium des Kontakts mit neuem Material, egal in welchem Alter des Reifeprozesses, muss unweigerlich das des Experimentierens sein. Der Einzelne muss tatsächlich versuchen, im Spiel oder bei der Arbeit, etwas mit einem Material anzufertigen in Ausführung seiner spontanen Tätigkeit, und dann die gegenseitige Einwirkung seines Kraftaufwandes und jenen des verwendeten Materials beobachten. Genau dies geschieht, wenn Kinder zum ersten Mal mit Bauklötzen bauen und genauso, wenn ein Wissenschaftler in seinem Laboratorium anfängt, mit unbekannten Gegenständen zu experimentieren. Folglich, wenn Gedanken erweckt und nicht nur Wörter gelernt werden wollen, sollte die Annäherungsart an jedes beliebige Fach in der Schule so unschulisch wie möglich sein. Wir müssen jene Arten der Gegebenheiten und Beschäftigungsarte in unser Bewusstsein rufen , die von Interesse sind, im normalen Leben ihren Platz haben und außerhalb der Schule gegenwärtig sind, um uns zu verdeutlichen, was eine Erfahrung oder empirische Situation bedeutet. Bei einer sorgfältigen Untersuchung der Methoden, die in der formellen Erziehung von dauerhaftem Erfolg gekrönt sind, sei dies im Rechnen oder Lesenlernen, im Geographie-, Physik- oder Fremdsprachenunterricht, wird sich herausstellen, dass sie, um wirksam zu sein, von der Tatsache abhängen, dass sie sich auf den Situationstypus beziehen, der außerhalb der Schule, im normalen Leben, zum Nachdenken anregt. Sie geben den Schülern etwas zu tun, nicht zu lernen und das Tun ist solcher Art, dass es Denken oder das absichtliche Bemerken von Zusammenhängen erfordert und die Schüler somit auf natürliche Art und Weise lernen.“
21
1.1.3 Lev Vygotsky
Lev Vygotsky wurde 1896 in Russland geboren. Von 1918 bis 1924 lehrte er Literatur und Psychologie, gab Vorlesungen über mit Literatur und Wissenschaft zusammenhängende Probleme und gründete ein psychologisches Labor in einer Lehrerbildungsanstalt (Teacher Training Institute). Vygotsky verfasste eine Theorie der kognitiven Entwicklung, die mehr den zu Grunde liegenden Prozess hervorhob als das endgültige Entwicklungsstadium selbst. Er untersuchte den Zusammenhang zwischen dem kognitiven Prozess und den sozialen Handlungen des Individuums, woraus seine soziokulturelle Entwicklungstheorie entstand. Dieser Theorie zu Folge lernen Schüler, wenn sie Probleme lösen müssen, die über ihrem tatsächlichen Entwicklungsniveau (aber innerhalb ihres potentiellen
Entwicklungsniveaus) liegen und zwar unter Anleitung durch Erwachsene oder in Zusammenarbeit mit fähigeren Gleichaltrigen.
22
1.1.4 Piaget und Vygotsky - eine Gegenüberstellung
Seit der Publikation der ersten Übersetzung von Vygotskys Thought and Language (25 Jahre später in Thinking and Speech umgetauft) ist eine Diskussion im Gange über die Beziehung zwischen Vygotskys und Piagets Theorien. Ihre Meinungen unterscheiden sich hauptsächlich bezüglich ihrer Ansichten über die Bedeutung von Kultur, insbesondere der Rolle der Vermittlung von Handlung durch Artefakte und deren Einfluss auf die Entwicklung des Verstandes.
Der anerkannte Standpunkt ist, dass für Piaget Kinder ihr Wissen durch ihre Handlungen in der Welt konstruieren: to understand is to invent. Im Gegensatz dazu, erhebt Vygotsky den Anspruch, dass Verstehen sozialen Ursprungs ist. Manche Interpreten sind der Ansicht, dass Vygotsky kein Konstruktivist ist, weil er den sozialen Kontext beim Lernen betont, aber andere sehen seine Ansicht, dass Kinder sich ihre Begriffe selbst kreieren als durch und durch konstruktivistisch.
Ich möchte hier nachfolgend diese Differenzen näher untersuchen: Für Piaget konstruieren Kinder ihr Wissen durch Handlungen: to understand is to invent, Vygotskys Auffassung andererseits, so wird argumentiert, ist, dass jedes Verstehen einen sozialen Ursprung hat. Bei dieser Gegenüberstellung wird jedoch außer Acht gelassen, dass Piaget die gleichwertige Rolle der sozialen Welt bei der Konstruktion von Wissen nie bestritten hat, im Gegenteil gibt es nicht wenige Stellen, wo er unterstreicht, dass das Individuelle und das Soziale von gleicher Wichtigkeit sind:
23
Arbeit zitieren:
Vera Schladitz del Campo, 2004, KONSTRUKTIVISMUS IM DAF-UNTERRICHT, München, GRIN Verlag GmbH
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