Sneschana Kosarekova. Magisterarbeit: „Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch“ 3
Inhaltsverzeichnis:
Kapitel 1: Einführung in die Problematik 6
1.1. Die Funktionen der Sprache. Die emotive Funktion 6
1.2. Emotion vs. Gefühl. Klassifikationen 8
1.3.Das Gespräch. Die Gesprächsanalyse als linguistische Disziplin 11
1.4. Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen 14
1.5. Zielsetzung der Diplomarbeit 14
1.6. Beschreibung des Analysekorpus 15
1.6.1. Begründung der Auswahl 15
1.6.2. Beschreibung 17
1.6.3. Analyseverfahren 19
Kapitel 2: Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch 21
2. 1. Theoretische Überlegungen 21
2.1.1. Sprechakt- und kommunikationstheoretische Überlegungen 21
2.1.2. Probleme und Überlegungen bei der Analyse 24
2.2. Verbale Mittel 29
2.2.1. Auf der Ebene der Wortbildung 29
2.2.2. Syntaktische Ebene 32
2.2.2.1. Die unterschiedlichen Satzarten 33
2.2.2.1.1. Der Ausrufesatz 33
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2.2.2.1.2. Der Fragesatz 35
2.2.2.1.3. Andere Erscheinungen auf der Satzebene 38
2.2.2.1.3.1. Die Ellipse 38
2.2.2.1.3.2. Das Satzäquivalent 40
2.2.2.1.3.3. Andere syntaktische Mittel - Parenthese, Ausklammerung, Inversion 42
2.2.3. Auf der Ebene der Morphologie 44
2.2.3.1. Die einzelnen Wortarten 44
2.2.3.1.1. Das Verb 44
2.2.3.1.2. Das Substantiv 46
2.2.3.1.3. Das Adjektiv 47
2.2.3.1.4. Das Pronomen (und der Artikel) 48
2.2.3.1.5. Das Adverb 50
2.2.3.1.6. Das Modalwort 52
2.2.3.1.7. Die Partikel 54
2.2.3.1.7.1. Die Abtönungspartikeln 55
2.2.3.1.7.2. Die Gesprächspartikeln 60
2.2.3.1.7.3. Die Steigerungspartikeln 65
2.2.3.1.7.4. Die Gradpartikeln 67
2.2.3.1.7.5. Die Interjektionen 67
2.2.3.1.8. Die Präposition und die Konjunktion 69
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2.2.4. Auf der semantischen Ebene……………………………………………………..70 2.2.5. Auf der Stilistischen Ebene………………………………………………………77 2.2.5.1. Tropen und Figuren…………………………………………………………….77 2.2.5.2. Wiederholungen, Verschleifungen……………………………………………..79 2.2.6. Andere Mittel - Sinchrolalie, Überlappungen, Sprechpausen…………………...82 2.2.7. Ganze Äußerungen……………………………………………………………...83 2.3. Nichtverbale Mittel………………………………………………………………89 2.3.1. Paralinguistische Mittel………………………………………………………….90 2.3.2. Außerverbale Mittel……………………………………………………………..92 Kapitel 3: Zusammenfassung…………………………………………………………..95 Kapitel 4: Schlußfolgerungen………………………………………………………….99 Kapitel 5: Literaturverzeichnis………………………………………………………..105 6. Anhang………………………………………………………………………………110 6.1. Liste der analysierten Gespräche………………………………………………….110 6.2. Liste der Gefühle………………………………………………………………….119
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1. Einfuehrung in die Problematik:
Bevor wir an die konkrete Forschungsarbeit herangehen können, sollen wir einige theoretischen Überlegungen in Betracht nehmen. Die vorliegende Diplomarbeit hat drei Hauptakzente, die von gleichem Gewicht bei den Recherchen sein sollen: das Gespräch, die Gefühle und die linguistischen Mittel , durch die sie in der Kommunikation realisiert werden. Aus diesem Grunde soll in diesem einleitenden Teil versucht werden, einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung dieser Begriffe zu machen und allgemeine theoretische Voraussetzungen, die das optimale Verstehen ermöglichen, zu schaffen.
1.1. Die Funktionen der Sprache. Die emotive Funkion:
Diese drei grundlegenden Schwerpunkte lassen sich unter dem Begriff der sprachlichen Funktionen erfassen. Die Frage nach den Funktionen der Sprache ist noch von der Prager Schule des Strukturalismus aufgeworfen 1 und grundsätzlich untersucht worden. Sie hat auch in der darauffolgenden Zeit mehrere Versuche ausgelöst, eine passende Antwort zu finden. Die jeweils verschiedenen Ausgangspunkte (soziologische, logische, philosophische u.ä.) führen zu e rheblichen Unterschiede bei der Bestimmung der sprachlichen Grundfunktionen. In der Sprachwissenschaft haben sich jedoch die Modelle von Karl Bühler und Roman Jakobson etabliert, die einen psychologischen Ansatz aufweisen und den Kommunikationscharakter der Sprache betonen. Karl Bühler, der dem Prager Kreis nahe steht und ihn in einem gewissen Grade beeinflußt, geht von der Auffassung aus, daß die Sprache ein Werkzeug ist, mit dem die Menschen etwas über die Dinge mitteilen können 2 (sog. organon didaskaleion). In seinem Organon-Modell (griech. Werkzeug) entwickelt er ein Zeichenmodell, wo Sender, Empfänger und Gegenstände und Sachverhalte durch die Ausdrucks-, Appell-und Darstellungsfunktion der Sprache miteinander verbunden werden. Für die
1 Die Prager nennen sich „Funktionalisten“ und begreifen die Sprache als „systeme fonctionnel“ (System
mit Funktionen) im Unterschied zu den anderen strukturalistischen Schulen, die die Sprache nur als System
auffassen.
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Ausdrucksfunktion wird noch die Bezeichnung Symptom verwendet; sie ist primär auf den Sender bezogen und widerspiegelt seinen inneren Zustand und seine Einstellungen. Die Appellfunktion (der Signal) ist auf den Empfänger gerichtet und soll ihn zu etwas auffordern oder bestimmte verhaltens-, einstellungs- oder gefühlsmäßige Reaktionen bei ihm bewirken. Die Darstellungsfunktion (das Symbol) hat eine dominante Ausrichtung auf den Gegenstand und stellt Sachverhalte dar oder berichtet über sie. Der Kontext steht im Vordergrund.
Bei seiner Auffassung geht Roman Jakobson von einer Übersicht über die konstitutiven Faktoren eines jeden Sprechaktes aus. Er erweitert das Organon-Modell um drei weitere Faktoren - Nachricht, Kontaktmedium und Code und verbindet mit ihnen drei neue Funktionen, wobei er für die Bühlerischen Funktionen unterschiedliche Bezeichnungen gibt: Die phatische Funktion ist auf das Kontaktmedium (den Kanal) ausgerichtet und besteht im bloßen Kontakthalten mittels Sprache, d.h. im Herstellen, Verlängeren oder Unterbrechen eines sprachlichen Kontakts. Die metasprachliche Funktion ist auf den Code gerichtet und bezeichnet die für die Äußerung verwendete Sprache selbst. Bei der poetischen (auch ästhetischen) Funktion steht die Nachricht im Mittelpunkt und sie findet ihren Ausdruck in der besonderen Auswahl der Lexik für eine Äußerung. Die Darstellungsfunktion von Bühler ist bei Jakobson kognitiv oder referentiell genannt, die Appellfunktion wird als konativ bezeichnet, und die Ausdrucksfunktion als expressiv (emotiv).
Für die vorliegende Untersuchung ist die Ausdrucksfunktion von Belang, da sie eben dazu dient, die Gefühle „die Innerlichkeit des Senders“ (Bühler 1934, zit. bei Bußmann 1990, 549) in der Kommunkikation (dem Gespräch) durch verschiedene (linguistische) Mittel zum Ausdruck zu bringen. Bei der emotiven Funktion wird die Sprache von dem Sprecher dazu gebraucht, daß er seine Emotionen, seine gefühlsmäßigen Einstellungen zu den augenblicklich relevanten Sachverhalten (Bublitz 1978, 4) ausdrücken könnte. Es werden dadurch seine Stimmung, seine innere Fassung, seine Haltung dem Gegenstand gegenüber formuliert. Es geht nicht mehr darum, was geäußert wird, sondern warum es
2 Noch Platon betont den Werkzeugcharakter der Sprache in seinem Krathylos-Dialog (zit. bei Bünting
1981, 47).
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getan wird, wie der Sprecher zu dem denotativen Inhalt des Gesagten steht, wie er seinen Wahrheitswert einschätzt, welche Annahmen er über ihn hegt. Jedoch scheint es uns wichtig zu erwähnen, daß in einer sprachlichen Äußerung nicht nur ausschließlich eine Funktion vorkommt, sondern mehrere zu erkennen sind und unter ihnen jedoch eine dominiert.
1.2. Emotion vs. Gefuehl. Klassifikationen:
In der Alltagssprache verwenden wir die Wörter Emotion und Gefühl als absolute Synonyme, ohne einen Unterschied dazwischen zu machen. Für die Zwecke unserer Forschung wäre es aber von Belang den Versuch anzustellen, die beiden Begriffe näher zu definieren und zu klassifizieren: Das Wort Emotion wird ganz allgemein in der Bedeutung von Gefühl, Gemütsbewegung oder seelische Erregung verwendet und bis ins 19 Jh. kommt es auch im Sinne von Volksbewegung, Empörung vor. Es ist eine Entlehnung von dem gleichbedeutenden französischen Wort émotion, und dem dazugehörenden Verb émouvoir ( bewegen, erregen) und führt auf das lateinische Verb emovere (herausbewegen, erschüttern, entfernen, harauswegschaffen) und sein Partizip zwei emotum zurück. Das Wort Gefühl gebraucht man als Tastsinn und seelische Stimmung. Es verweist auf das mittelhochdeutsche Verb vüelen, das althochdeutsche fuolen, das niederländische voelen, das englische to feel, das deutsche fühlen und ist unbekannter Herkunft mit ursprünglicher Bedeutung tasten. Erst später wurde diese Bedeutung zuerst auf körperliche und dann auch auf seelische Empfindungen übertragen.
Die Emotionen sind ein Oberbegriff für alle gefühlshaften Prozesse. Laabs bestimmt sie als „psychis che Qualitäten, deren spezifische Getöntheit und Gestimmtheit die Beziehungen widerspiegelt, in denen die Gegenstände oder Erscheinungen der objektiven Realität, einschließlich des eigenen Organismus und der eigenen Persönlichkeit zu den Bedürfnissen, Einstellungen und Motiven stehen“ (Laabs 1989, 97). Nach ihrer Intensität lassen sie sich formal einteilen in 1) eigentliche, intentionale Gefühle, die auf Objekte, Personen oder Sachverhalte gerichtet sind, 2) Stimmungen, die durch ungerichtete Zuständlichkeit gekennzeichnet sind und das gesamte Erleben
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durchdringen, 3) Affekte, die sehr intensiv verlaufen und gelegentlich verhaltensdesorientierende Wirkung haben. Die Emotionen sind nicht mit den kognitiven Prozessen im Gehirn verbunden und können nur durch ihren Bezug zu der konkreten Situation verstanden werden. Nach Rubinstein (zit. bei Clauß 1976, 131) sind sie durch die gesellschaftlichen Beziehungen des Menschen, durch Sitten und Gewohnheiten des jeweiligen gesellschaftlichen Milieus und seine Ideologie bedingt. Sie können entweder einen hemmenden oder einen fördernden Einfluß auf die menschliche Tätigkeit haben und sind in einem engen Zusammenhang mit den psychophysiologischen Veränderungen im Organismus. Deshalb sind bei ihrem Verlauf eine Reihe von Ab weichungen beobachtbar: der Blutdruck, die Puls- und
Atemfrequenz, der Hautwiderstand u.ä.. Manche Psychologen (Wassilkowski 1989, 118) weisen darauf hin, daß die Emotionen sowohl für die Menschen als auch für die Tiere typisch sind, während die Gefühle eher eine spezifische Eigenschaft der Menschen sind. In der modernen Psychologie gibt es eine Richtung, die Emotionspsychologie heißt und zur Aufgabe die Erforschung und die Klassifikation von Emotionen hat. Sie ist vetreten durch W. Wundt, C. Burt, M. Meyer, R. Plutchik, Ewert, Schlosberg u.v.a.. Ganz allgemein wird zwischen Zustands- und Eigenschaftsemotionen unterschieden oder man spricht auch von kollektiven und individuellen, positiven und negativen, starken und schwachen Emotionen. Eine genauere Untersuchung läßt sie aber gruppieren in somatische (Antriebe, Stimmungsgrund, Schreck, Angst); situative (Freude, Zorn, Besorgnis, Überraschung); soziale (Liebe, Selbstlosigkeit, Antipathie, Aggression); kognitive (Interesse, Hoffnung, ästhetische und religiöse Gefühle); meditative Emotionen (Scham, Selbstwertgefühle, Schuldgefühle, moralische Gefühle) und Gefühlsstörungen (parathyme (abweichende Gefühle), neurotische, soziopathische Störungen, Depressivität).
Unter einem Gefühl versteht man ganz allgemein die Beziehung, die Stellungnahme des tätigen Subjekts zur Umwelt. Laabs (1989, 144) bestimmt die Gefühle als „eine Klasse von Emotionen, die unmittelbar auf objektiv-reale Sachverhalte, Personen, Situationen, auf die eigene Person gerichtet sind“. Sie sind immer subjektiv und sind weder kognitive, noch willentliche Reaktionen des Individuums auf die Inhalte seines Erlebens. Sie sind
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universal, d.h. nicht an bestimmte Sinnesorgane gebunden. In gewissen Grenzen lassen sie sich beeinflussen (z. B. unterdrücken, zerstreuen). Sie zeichnen sich durch eine kleinere Dauer im Vergleich zu den Stimmungen und durch eine niedrigere Intensität im Vergleich zu den Affekten aus. Eine interessante Äußerung zum Thema Gefühl hat der berühmte Philosoph Karl Jaspers (1994, 67) gemacht, dessen Bewertung es als einen solchen Begriff bestimmt, der gar keinen positiven, sondern nur einen negativen Inhalt hat: „Alles, was nicht Empfindung oder logische Form ist, nennt man Gefühl“.
Es gibt ein- und mehrdimensionale Gefühlstheorien. 3 Zu den eindimensionalen Ansätzen zählen die Lust-Unlust-Theorien, die schon bei Aristoteles, später bei Brentano und Stumpf auffindbar sind. Von den mehrdimensionalen Gefühlstheorien sind diese von Wundt, von Traxel und von James und Lange zu erwähnen. Wundt unterscheidet: Lust-Unlust ( die qualitative Seite psychischer Vorgänge); Erregung-Beruhigung (die Intensität) und Spannung-Lösung (der zeitliche Aspekt). Traxel hebt die folgenden drei Faktoren auf: angenehm-unangenehm, Unterwerfung-Überhebung und Motivationsgrad. Und James und Lange weisen Ende des 19 Jh. auf die physiologischen Prozesse hin; für sie sind die Gefühle das Ergebnis viszentraler Empfindungen 4 . Ihre Theorie ist stark kritisiert worden, (z. B. von Cannon) und die physiologischen Veränderungen wurden in der neueren Zeit als Begleitphänomene der Gefühle wahrgenommen. Es sind zahlreiche Versuche unternommen, was die Klassifikation von Gefühlen anbetrifft, jedoch bleibt das immer noch ein Problem. Ganz allgemein werden sie in positive und negative Gefühle geteilt, oder in hohe und niedrige, in dauerhafte und solche von kurzer Dauer… In formaler Hinsicht unterscheidet man: sensorische Gefühlstöne (angenehm, bitter), Anmutungen (heitere Landschaft), Körper-Gefühle (Frische, Müdigkeit), Gefühle im engeren Sinne (Liebe), Stimmungen (Traurigkeit), Affekte (Wut). Nach der Art und Modi werden sinnliche, seelische, geistige Gefühle und Affekte, Leidenschaften, Stimmungen unterschieden. Ein weiterer
Klassifizierungsversuch ergibt sich durch die Einbeziehung von gemeinsamen
3 Der Unterschied zwischen ihnen besteht in dem Festlegen der Ausgangskriterien - ob es sich um
homogene Kriterien handelt oder eher heterogene in Betracht kommen
4 z. B. „Angst haben“ bedeutet das Pochen des eigenen Herzens fühlen; „Scham empfinden“: das Erröten
des Gesichts infolge Gefäßerweiterung und erhöhter Durchblutung spüren (vgl. dazu Clauß 1976, 195)
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Situationsbedingungen für verschiedene Emotionstypen. Dann wird unterschieden zwischen Primärgefühle, auf zielgerichtete Tätigkeit bezogen wie Zorn, Furcht, Freude; Vitalgefühle auf Körperwahrnehmungen bezogen wie Ekel oder Schmerz, Gefühle des Selbstkonzepts bezüglich erstrebter oder erreichter Leistungen wie Erfolg, Mißerfolg, Scham, Schuld und Gefühle, die die Umwelt betreffen wie Haß, Liebe oder Patriotismus. Wenn man von den gesellschaftlichen Normen ausgeht, lassen sich religiöse, logische, ethische, geistige, ästhetische, intellektuelle, praktische u.ä. Gefühle unterscheiden. Und im Alltag wird von Glück, Erstaunen, Furcht, Traurigkeit, Wut, Ekel, Verachtung, Interesse, Angst, Mitleid, Liebe, Haß u.v.a. gesprochen. 1.3. Das Gespraech. Die Gespraechsanalyse als
linguistische Disziplin:
Das Wort Gespräch stammt aus dem mittelhochdeutschen Wort gespraeche und dem althochdeutschen gisprachi und hat die allgemeine Bedeutung von Sprechen, Sprechvermögen, Rede, Beredsamkeit, Unterredung, Beratung. Es weist eine „kollektive Wortbildung“ zum Verb sprechen (< ahd. sprehhan < germ. sprekan < idg. (s)p(h)er„rufen, widerhallen“) auf, das ursprünglich ein lautmalendes Wort im Sinne von knistern, prasseln war. Das Gespräch ist die Grundeinheit menschlicher Rede, es ist die natürlichste und die meist verbreitete Form der menschlichen Kommunikation (neben der Schrift, dem Zeichen, dem Bild, dem Ausdruck und der Handlung). Damit ein Gespräch glücken kann, werden ganz allgemein Sender, Empfänger, Kanal und Code vorausgesetzt. Noch das kollektivierende Präfix ge- bei der Wortbildung weist auf die Gemeinsamkeit der Gesprächspartner hin.
Das Gespräch als Forschungsgegenstand haben viele wissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. Rhetorik, Philosophie, Pädagogik, Psychoanalyse, Ethnomethodologie u.ä., die es unter jeweils unterschiedlichem Gesichtspunkt betrachten, bewerten und analysieren. Abgesehen von dieser interdisziplinären Forschung, beschäftigen wir uns mit dem Gespräch auf der Ebene der Gesprächsanalyse: eine relativ junge linguistische Teildisziplin, die Mitte der 70er Jahre entstanden und dann weiterentwickelt und erforscht wird. Ihr Gegenstandsbereich ist ausschließlich die mündlich realisierte
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Sprache, die für die Zwecke der Forschung auf jegliche Art und Weise konserviert wird - Verschriftung (Transkription), Videoaufnahme etc. Es werden dabei vorwiegend die organisatorischen und strukturellen Aspekte des Miteinander-Sprechens berücksichtigt, ohne dabei die thematisch-inhaltlichen Prozesse außer acht gelassen zu werden. Im Rahmen der Gesprächsanalyse gibt es zahlreiche Versuche das Gespräch näher zu definieren. Indem sie sich mit den schon etablierten Auffassungen auseinandersetzt und sie einer scharfen Kritik unterzieht, schlägt Bärbel Techtmeier (vgl. dazu Techtmeier 1984, 47f.) die folgende Definition vor, die wir auch für die Zwecke unserer Forschung anwenden werden: Das Gespräch ist das grundlegende Kommunikationsereignis der direkten Kommunikation, durch das die Partner verbal, mir Hilfe des Sprecherrollenwechsels, unter konkreten sozial-historischen Bedingungen, bestsimmte Tätigkeitsziele realisieren.
Bei unserer Untersuchung stützen wir uns weiterhin auf die Klassifikation und die Termini von Henne/Rehbock 5 . Sie führen die “für eine Gesprächsanalyse relevanten Analysekategorien“ (S.20) ein und unterscheiden zwischen Makroebene, mittlere Ebene und Mikroebene, auf denen ein Gespräch realisiert wird. Unter Makroebene sollen wir die unterschiedlichen Gesprächsphasen verstehen. Die Gesprächseröffnung und beendigung sind in der Gesprächsanalyse vielmals untersucht und beschrieben worden. Sie dienen zur Ausgrenzung der Interaktionseinheit Gespräch und stellen eigenartige Rituale dar. Die Gesprächs-„Mitte“ ist durch Themenabfolgen und Themenwechsel gekennzeichnet, die durch den jeweiligen Gesprächspartner zu steuern sind. Von ihm hängen auch die vielfältigen Nebenthemen, Abschweifungen und Einschübe ab, die mitten im Gespräch vorkommen und als Gesprächs-„Ränder“ bezeichnet werden. Die mittlere Ebene umfaßt kleinere Organisationseinheiten. Sie untersucht die Regeln des Sprecherwechsels, die Abfolge einzelner Redebeiträge und ihre Verknüpfung, die Gliederungssignale, das Hörerverhalten. Als Gesprächsschritt (engl. „turn“) bezeichnet Goffmann (1974, 201, zit. bei Henne/Rehbock 1979, 22) „das, was ein Individuum tut
5 Henne, H./Rehbock, H.: Einführung in die Gesprächsanalyse. Walter de Griuyter. Berlin, New York
1979.
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und sagt, während es jeweils an der Reihe ist“. Ein Gesprächsschrittwechsel oder Sprecherwechsel (engl. „turn-taking“) haben wir, wenn ein ehemaliger Hörer zum Sprecher wird, wobei gleichze itig der ehemalige Sprecher die Hörerrolle übernimmt (Linke 1994, 264). Der Sprecherwechsel kann auf drei Wege geschehen: entweder durch Selbstselektion, d.h. wenn man sich selbst an Stellen möglicher Redeübergabe zum Wort meldet; oder durch Fremdwahl - wenn der gegenwärtige Gesprächspartner den nächsten wählt (durch Nennung, Kopfnicken, Blick, Geste); oder wenn der Gesprächsleiter den folgenden Redner wählt (bei institutionalisierten Gespräche). Unter Gesprächssequenz werden „diejenigen Gesprächsschritte mehrerer Gesprächspartner zu funktionellen Einheiten zusammengefaßt, für die die Eigenschaft der „bedingten Erwartbarkeit“ („conditional relevance“) gelten soll“ (Henne/Rehbock 1979, 24). Als Sprechakte werden die kleinsten kommunikativen Handlungseinheiten bezeichnet. Sie können die Modalität der Gesprächskommunikation bestimmen und sind Teile der Gesprächsschritte oder fallen mit ihnen zusammen. Dem Sprechakt entspricht der Hörverstehensakt, der das aktualisierte Verstehensvermögen des Hörers zum Ausdruck bringt. Die Menge der Mittel, durch die die Kommunikation im Sinne des Sprechers gesteuert wird, wird als Gliederungssignale bezeichnet, sie können auch den Inhalt verstärken oder den Sprecherwechsel vorbereiten. Das sind u.a. „die bestätigungsheischende und informationsverstärkende Partikeln“ wie ne, nich, gell, ja, woll (Henne/Rehbock 1979, 26). Das Back-Channel-Behavior (sog. Hörer-feed-back oder Rückmeldungspartikeln) sind Mittel des jeweiligen Hörers, „das Gespräch zu stabilisieren und in seinem Sinne zu akzentuieren“ (Henne/Rehbock 1979, 27).
Die Mikroebene interessiert sich für die sprechaktinternen Elemente. Auf dieser Ebene werden die ersten Beobachtungen der gesprochenen Sprache angestellt. Dabei wird die syntaktische, lexikalische, phonologische und prosodische Struktur untersucht und dadurch sind die meisten Unterschiede in der Grammatik der geschriebenen und gesprochenen Sprache ermittelt worden. (Die Prosodie ist die Gesamtheit sprachlicher Eigenschaften wie Akzent, Intonation, Quantität, Sprechpausen. Sie beziehen sich im allgemeinen auf Einheiten, die größer sind als ein einzelnes Phonem. Dazu zählt auch die Untersuchung von Sprechgeschwindigkeit, Rhythmus und Sprechpausen. (vgl. dazu Bußmann 1990, 618).
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Auf diesen drei Ebenen werden die unterschiedlichen Gefühle, die beim Sprechen zum Ausdruck kommen, zu analysieren sein. Dabei werden aber auch die mannigfaltigen Mittel zu ihrer Realisierung berücksichtigt und erforscht. 1.4. Linguistische Mittel:
Es kann sich um verbale oder um nichtverbale Mittel handeln. Die verbalen Mittel sollen wir dann auf den unterschiedlichen Sprachebenen untersuchen. Der Hauptakzent muß darin liegen, ausfindig zu machen, ob sie syntaktsischer (Satzarten, Wortstellung) oder morphologischer Art (Interjektionen, Ad verbien, Partikeln) sind oder ob sie sich als Wortbildungsmittel (verschiedene Suffixe), als semantische (Wortwahl, Phraseologismen, Abweichungen von der Norm) oder als stilistische Mittel (Tropen und Figuren) realisieren.
Die nonverbalen Emotionsindifikatoren müssen dabei nicht außer acht gelassen werden, da diese paralinguistischen Begleitphänomene eine entscheidende Rolle für die Erschließung und das richtige Decodieren der Emotionen spielen. Es handelt sich um begleitende Geste, Gesichtsausdruck, Blickkontakt, Körpermimik, Körperhaltung, Modulationen des Stimmklangs, taktile Elemente u.ä., die einen wesentlichen Beitrag zur Bereicherung und Verfeinerung eines Dialogs haben. Wunderlich (1970, 15, zit. bei Bußmann 1996, 299) unterscheidet in dieser Hinsicht zwischen paralinguistischen und außerverbalen Mittel. Er bezeichnet die paralinguistischen Mittel als Bestandteile der lautlichen Form und betont ihre Eigenschaft als solche etwa auf einen Tonband festgehalten werden zu können. Das sind die Intonation, die Tonhöhen und der Lautstärkenverlauf, der Sprechrythmus, die Pausengliederung und die Akzentuierung. Als außerverbal werden die begleitenden Gesten, die Gesichts- und Körpermimik, die Körperhaltung, die Tränen u.ä. dargestellt. Die Bedeutung dieser Mittel ist in der Ausdruckspsychlogie und in der Personenwahrnehmungsforschung der
Sozialpsychologie gründlich untersucht worden, in der Gesprächsanalyse aber bleibt das noch ein weißes Feld.
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1.5. Zielsetzung der Diplomarbeit:
Mit unserer Untersuchung setzen wir uns die folgenden Ziele:
♦ Das Schaffen von allgemeinen theoretischen Voraussetzungen, die das Verstehen der
vorliegenden Arbeit erleichtern und zugleich auch Einführung und Erläuterung der Begriffe, die von besonderer Wichtigkeit für die vorliegende Untersuchung sind.
♦ Auswahl eines passenden Analysekorpus, der sich für die Zwecke der beabsichtigten
Forschung besonders gut eignet und den Anforderungen der Analyse völlig entspricht.
♦ Die Ermittlung von den linguistischen Gefühlsindifikatoren in deutschsprachigen
Gesprächen, die zu Unterrichtszwecken aufgenommen worden sind und eine möglichst niedrige dialektale Färbung aufweisen.
♦ Die Erforschung dieser Gefühlsindifikatoren auf den unterschiedlichen sprachlichen
Ebenen - Wortbildung, Syntax, Morphologie, Semantik, Stilistik - wobei der funktionelle Aspekt und der gesprächsanalytische Ansatz besonders stark berücksichtigt werden.
♦ Die Ermittlung von den dadurch explizierten Gefühle. ♦ Die Ermittlung von den nonverbalen Gefühlsindifikatoren.
♦ Klassifikation der ermittelten verbalen Mittel auf Grund ihrer Realisierung auf den
unterschiedlichen sprachlichen Ebenen. Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlußfolgerungen von der Untersuchung. 1.6. Analysekorpus und Analyseverfahren:
1.6.1. Begruendung der Auswahl:
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Für die Zwecke unserer Forschung würden sich am besten echte Alltagsgespräche eignen, die unter bekannten Gesprächspartnern stattfinden. Da diese Dialoge im Prinzip keinen Grad an Vorbereitetheit aufweisen, können sie ein hervorragendes Klima für das Entstehen und Verbalisieren von Gefühlen schaffen. Denn die Gemütszustände sind weder willentlich, noch kognitiv und sind primär durch den Faktor Spontaneität bedingt. Außerdem führt die Vertrautheit zwischen den Sprechenden zu mehreren emotionellen Reaktionen. Die zu behandelnden Themen und Probleme, die vom Belang für die sich schon kennenden Konversierenden sind, wecken Ihr Interesse. Auf diese Weise können sie von sich auch eine Mehrzahl von Gefühlsausbrüchen geben, die an und für sich auf mannigfaltige sprachliche Mittel zurückzuführen sind und daher für uns ein breites Feld zur Analyse und Erforschung darstellen. Zu unserem Bedauern sind wir aber nicht imstande, solche Konversationen zu sammeln und zu den Zwecken unserer Untersuchung anzuwenden und deshalb haben sich uns zwei andere Möglichkeiten zur Verfügung gestellt: Dramentexte oder für die Zwecke des Unterrichts aufgenommene Gespräche.
Die Dramentexte sind in der Regel aufgrund dialogischer Rede gebaut und in diesem Sinne spricht man auch von einer „Kommunikationsstruktur des Dramas“ (Eicher/Wiemann 1997, 129). Wir sollen aber vor allem in Betracht ziehen, daß diese Dialoge eigentlich einen schriftlich fixierten Text darstellen. Sie lassen sich ebenso als simuliert und inszeniert bestimmen, wobei der Gesichtspunkt des Autors, der die eigenen Vorstellungen in seinem Werk encodiert, maßgebend ist. Auf diese Weise werden auch die in den entstandenen Gesprächen explizierten Gefühle stark subjektiv gefärbt und ausschließlich durch das Prisma des Dichters wiedergegeben. Er hat auch die Möglichkeit, über das sprachliche Mittel zu bestimmen, durch das ein bestimmter Gemütszustand verbalisiert wird, indem er sein persönliches Weltwissen anwendet. Außerdem sollen wir bei unserer Betrachtung der Dramengespräche vor Auge halten, daß sie eine Adressatenorientiertheit aufweisen (eine Mehrzahl an potentiellen Rezipienten voraussetzen) und zum Zwecke einer Inszenierung und daher auch einer Interpretierung geschaffen sind. Bei diesen Dialogen werden häufig auch die Konversationsmaximen von Grice verletzt. Alle oben aufgeführten Besonderheiten der Dramengespräche lassen uns einen krassen Unterschied im Vergleich zu der Alltagsrede
Sneschana Kosarekova. Magisterarbeit: „Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch“ 17
erkennen und zu der Schlußfolgerung kommen, daß sie sich nicht ganz gut für unsere Untersuchung eignen.
Die andere (und letzte) Möglichkeit für uns ist, als Analysekorpus solche Gespräche zu verwenden, die zu Unterrichtszwecken aufgenommen worden sind. Diese
Konversationen weisen eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der echten dialogischen Rede auf: Zwar ist bei einem Gesprächspartner ein gewisser Grad an Vorbereitetheit vorausgesetzt, das betrifft aber nur die Themenauswahl (Themenfixiertheit), da sein eigentliches Ziel ist es, den anderen Gesprächspartner in einen alltäglichen Dialog zu verwickeln und auf diese Weise eine möglichst echte Unterhaltung zu schaffen. Als Hauptproblem erweist sich dabei die Tatsache, daß die beiden Konversierenden im Prinzip unbekannt sind. Das hat zur Folge, daß die Vertrautheit zwischen ihnen nur durch die konkrete Situation - ein unverbindliches Gespräch auf der Straße - entsteht. Deshalb verlassen manchmal auch diese Konversationen nicht die Sphäre der ursprünglichen Teilnahme und Engagiertheit und weisen nicht die inneren Regungen auf, die den privaten Gesprächen eigen sind. Jedoch zeichnen sich aber diese für die Zwecke des Unterrichts aufgenommene Dialoge durch mannigfaltige Gefühlsausbrüche und durch eine Mehrzahl spontanen emotionellen Reaktionen aus, und deshalb haben wir uns für sie entschieden und in der vorliegenden Arbeit sie ausführlich zu analysieren versucht. 1.6.2. Beschreibung:
Die von uns erforschten Gespräche sind Filmsequenzen mit versteckter Kamera, die im Hinblick auf eine möglichst niedrigere dialektale Färbung in Norddeutschland aufgenommen worden sind. Dieses Projekt ist mit Hilfe eines Akteurs realisiert worden, der zufällige Fußgänger zu einem „echten“ Gespräch in arrangierten Situationen zu verleiten versucht. Es hat sich dabei als „schwierig und z. T. als heikel erwiesen, Passanten zu sprachlichen Reaktionen provozieren zu wollen, die über das lineare Antwortgeben hinausgehen und in subjektiv-emotionale Bereiche (etwa Ausdruck von Freude, Zorn, Überraschung usw.) vordringen.“ (Begleitheft zu „Direkt angesprochen 2“
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- Müller 1984, 14). Jedoch wird u ns dadurch eine breite Palette von Emotionen in typischen Alltagssituationen offenbart.
Diese Gespräche kennzeichnen sich auch dadurch, daß sie den Anspruch auf einen möglichst höheren Grad an Echtheit erheben. Dem Schema von Henne/Rehbock (1979, 32f.) fo lgend, kann man sie als natürliche arrangierte Gespräche bestimmen, die aber als spontan zu interpretieren sind. Ihr situationeller Kontext ist eine direkte face-to- face Kommunikation, die sich durch zeitliche Simultaneität und räumliche Nähe kennzeichnet. In der Regel handelt es sich um ein interpersonales dyadisches 6 Gespräch, wo der Öffentlichkeitsgrad der Gesprächspartner von privat bis nicht öffentlich variiert. Das soziale Verhältnis zwischen ihnen ist symmetrisch 7 und wenn nicht, dann haben wir es mit einem asymmetrischen gesprächsstrukturell bedingten Verhältnis zu tun (z. B. bei einer Befragung oder einem Interview wie in der Sequenz 5). Die Sprechenden sind unbekannt bis flüchtig bekannt und im Allgemeinen nicht auf das Thema vorbereitet (mit Ausnahme von dem Akteur, der aber eben die Rolle eines zufälligen Passanten spielt). Die zu analysierenden Gespräche haben eine diskursive 8 Handlungsdimension, die einen alltäglichen Charakter aufweist. Es geht dabei um themabereichfixierte Gespräche. Das Verhä ltnis von Kommunikation und nichtsprachlichen Handlungen ist apraktisch, d.h. nicht in außersprachlichen Handlungen verflochten und daher ihren Sinn beziehend.
Die Dialoge selbst sind mit einer Videokamera aufgenommen und zu den Zwecken des Unterrichts in einem Begleitheft auch transkribiert worden. Sie sind in verschiedenen Sequenzen aufgeteilt. Die von uns untersuchten Konversationen sind sieben an der Zahl. Sie sind aus unterschiedlichen Reihen entnommen, im Hinblick darauf, daß sie nicht ein und dasselbe Gesprächsgegenstand haben und auf diese Weise gleiche oder ähnliche Gefühle verbalisieren. Die Selektion ist nach unserer subjektiven Meinung eingetreten, wobei das Hauptkriterium war es, eine möglichst vielfältige Emotionsskala zu erforschen, die durch abwechslungsreiche linguistische Mittel versprachlicht wird. Die
6 Das Wort dyadisch bedeutet aus zwei Einheiten bestehend.
7 Der Begriff symmetrisch beruht auf soziale, soziokulturelle, gesprächsstrukturelle u.ä. Gleichheit der
Kommunikationspartner
8 Als diskursiv wird ein Gespräch bezeichnet, bei dem Geltungen und Normen problematisiert werden.
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von der Analyse erfaßten Gespräche sind: „So ein armer Hund“, „Vorsicht Linsen“, „Fragen kostet nichts“, „Verkehrte Welt“, „Kein schlechter Fund“ und zwei Dialoge aus der Sequenz „Immer diese Raucher“, da sie in einem hohen Grade echte emotionelle Reaktionen bei den Befragten erkennen lassen. 1.6.3. Analyseverfahren:
Erster Schritt: Unser Analyseverfahren besteht darin, daß wir in den Äußerungen der Gesprächspartner die konkreten linguistischen Mittel ausfindig zu machen versuchen, die Indikatoren für die Gemütszustände der Sprechenden sind. Beim Vollzug dieses Schrittes sind wir der natürlichen Reihenfolge der Gesprächsbeiträge nachgegangen, damit wir den Faktor außersprachlichen und innensprachlichen situationellen Kontext, der maßgebend bei einer Konversationsanalyse ist, am besten berücksichtigen können. Zweiter Schritt: Von dem funktionalen Aspekt ausgehend, werden die gegebenen Einheiten zu den unterschiedlichen Ebenen der deutschen Grammatik (morphologische, semantische, syntaktische, etc.) gezählt und mit den Methoden der jeweiligen linguistischen Disziplin erforscht. Hierbei wird auch der gesprächsanalytische Standpunkt in Betracht gezogen, damit die kommunikative Funktion ebenfalls ermittelt wird.
Dritter Schritt: Hier sind wir auf die explizierten Gefühle näher eingegangen, wobei wir aber keine ausführliche Erklärung vorgenommen haben, warum wir gerade der Meinung sind, daß eben dieser oder jener Gemütszustand versprachlicht wird. (Sonst würde eine Verschiebung des Hauptakzents geschehen und die vorliegende Arbeit würde eine allzu psychologische Färbung bekommen.)
Vierter Schritt: Danach sind wir auf die nonverbalen Gefühlsindifikatoren kurz eingegangen, damit wir ihre wichtige Ro lle bei der Explikation von Emotionen im Verlauf des Dialogs veranschaulichen können. Dabei haben wir näher die Intonation, die Körperhaltung und den Gesichtsausdruck in Betracht genommen. Eine vollständige Analyse der nonverbalen Begleitphänomene ist nicht vorgenommen, da sie zu
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umfassend wäre und dem Zweck der vorliegenden Arbeit, nämlich der Ermittlung der linguistischen Gefühlsindifikatoren, nicht entsprechen würde. Fünfter Schritt: Nach dieser Bestimmung, primären Einordnung und Analyse haben wir eine globale Klassifikation vorgenommen, ausgehend davon, auf welcher sprachlichen Ebene das konkrete linguistische Mittel realisiert ist. Dabei ist auch auf den konkreten Dialog verwiesen, der im Anhang zu lesen ist.
Hiermit bieten wir ein Beispiel an, damit wir unser Analyseverfahren veranschaulichen können:
1A: Von wo denn? Die Modalpartikel denn hat in den Fragesätzen eine stark mildernde Funktion und dient als ein Mittel, wodurch die Gesprächsmaxime der Höflichkeit nicht verletzt wird (vgl. dazu Bublitz 1978, 61). In dieser Ergänzungsfrage kommt die Partikel denn betont vor und nimmt Bezug auf das Vorausgehende. Der Hörer braucht eine befriedigende Antwort, eine Information, die er bisher nicht erhalten hat. Der Gebrauch von denn als Abtönungspartikel ist konversationsbezogen und rückwärtskonnektierend, d.h. reaktiv. Außerdem hat er einen wesentlichen Beitrag zur natürlichen und freundlichen Gestaltung der Frage (Helbig 1988, 107f.).
Denn läßt uns Rückschlüsse auf die Gemütsverfassung der Konversierenden ziehen. Aus der außersprachlichen Situation läßt sich eine Neugier erschließen. Zugleich werden auch die Hilfsbereitschaft und die Engagiertheit seitens des Hörers verbalisiert, wobei sich auch seine Aufmerksamkeit zu spüren gibt.
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2. Mittel zum Ausdruck von Gefuelen beim Gespraech:
2.1. Theoretische Ueberlegungen:
2.1.1. Sprechakt-und kommunikationstheoretische
Ueberlegungen:
Die Sprechakttheorie, die vor allem von den Sprachphilosophen Austin und Searl vertreten und aufgearbeitet wird, vermittelt ein Wissen über das Verhältnis von Form und Funktion eines Satzes. Es werden die syntaktischen Satztypen (Aussage-, Frage-und Aufforderungssatz) mit ihrer wörtlichen und linguistischen Bedeutung und ihre illokutionäre Rolle voneinander abgehoben. Indikatoren für die Illokution sind vorwiegend die performativen Verben 9 , aber sie kann auch durch die Wortstellung, die Intonation und den sprachlichen und nicht sprachlichen Kontext signalisiert werden. In den sprechakttheoretischen Auffassungen wird der Sprechakt als die kleinste Redeeinheit bestimmt, die syntaktisch, semantisch und intonatorisch wohlgeformt ist. Ein jeder Sprechakt wird als einen Handlungsakt angesehen. Indem wir sprechen, handeln wir. Dieses sprachliche Handeln ist in einer konkreten Situation eingebettet und hat einen bestimmten Zweck, der eine eigene Rolle in der Kommunikation hat. Deshalb lassen sich die sprachlichen Äußerungen von ihrem situationellen Kontext isoliert schwer ausdeuten und analysieren. Von Belang für ihr richtiges Verstehen und Decodieren sind die sog. Präsuppositionen 10 . Interessant in dieser Hinsicht ist die Auffassung von Ducrot (zit. bei Bublitz 1978, 16), der in einer sprachlichen Äußerung Vor- und Nachgeschichte voneinander abhebt. Zum ersten Begriff zählt er die Präsuppositione n, die Sprecherannahmen und -erwartungen, und zum zweiten das Mitverstandene (‚sous-entendus‘) und die suggerierten Schlußfolgerungen (‚invited inferences‘).
9 Die performativen Verben sprechen einen vorgegebenen Sachverhalt nicht aus, sondern konstituieren
den Sachverhalt, auf den sie sich beziehen, erst durch das Aussprechen. (vgl. dazu Pannenberg 1984, 66)
10 Bußmann betrachtet sie als „selbstverständliche (implizite) Sinnvoraussetzungen sprachlicher […]
Äußerungen“ (1990, 600). In der Regel wird zwischen logisch-semantischen und pragmatischen
Präsuppositionen unterschieden.
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Unsere Recherchen, wie schon angeführt, vollziehen sich im Bereich der Konversationsanalyse. Die zu unseren Zwecken erforschten Gespräche stellen „die Grundeinheit sprachlicher Kommunikation“ dar (Henne/Rehbock 1979, 18). Ganz allgemein können wir die Gespräche als eine Erscheinungsform der Kommunikation bestimmen 11 und deshalb möchten wir auch auf den letzten Begriff aufmerksam machen und kurz darauf eingehen. Das Wort stammt aus dem lateinischen communicare, was die Bedeutung von gemeinsam machen, vereinigen, mitteilen hat. Diese ursprüngliche Bedeutung weist auf den Gemeinschaftscharakter dieses Phänomens hin. Denn die Kommunikation setzt Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunizierenden voraus, die sich auf „gemeinsames Wissen und partiell gemeinsame Überzeugungen“ beziehen. (Wunderlich zit. bei Bublitz 1978, 96). Diese Haupteigenschaft der Kommunikation wird mit dem Begriff Kommunikationsdreieck in Zusammenhang gesetzt, das ihre Grundstruktur verdeutlicht und aus Kommunikator 12 , Kommunikant 13 und Botschaft 14 besteht. Als wichtigste Kommunikationsmittel sind die Sprache, die Schrift, das Zeichen, das Bild, d er Ausdruck und die Handlung zu erwähnen. Ganz allgemein unterscheiden wir verbale und nonverbale Kommunikation. Bei unseren Forschungen richten wir unsere Aufmerksamkeit vorwiegend auf die sprachliche, lassen aber dabei auch die nichtsprachliche nicht ganz außer acht. Die Eigenschaften der sprachlichen Kommunikation faßt Linke (vgl. dazu Linke 1994, 173f.) folgendermaßen auf: sie soll eine symbolische Interaktion sein, die ein partnerorientiertes Handeln darstellt, das ein intentionales Verhalten in sich i st. Die Kommunikation kennzeichnet sich durch eine bunte Palette von Auswirkungen, die von Nichtachtung bis zur Manipulation reichen (vgl. dazu Benesch 1992, 209).
Interessant in diesem Zusammenhang ist die berühmte Äußerung von P. Watzlawick (zit. bei L inke, Benesch, Stempel), daß man „nicht nicht kommunizieren kann“. Er bezeichnet als kommunikativ auch das nicht intentionale und nicht interaktive Verhalten,
11 Hoberg (1988, 14) bemerkt, daß „mündliche Kommunikation in der Regel ein Gespräch“ ist.
12 Der Kommunikator wird auch Expedient, Produzent, Urheber, Sender, Suggestor genannt (vgl. dazu
Benesch 1992, 209f.)
13 Den Kommunikanten nennt man auch Empfänger, Rezipient, Perzipient, Betroffener, Wahrnehmender,
Interpretant, Konsument, Zielperson (ebd.)
14 Die Botschaft bezeichnet man noch als message, Parole, Mitteilung, Intention, Gehalt, Aussage,
Bedeutung, Anliegen, nonverbales Verhalten (ebd.)
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da es sich interpretieren läßt (z. B. wenn das Schweigen als Antwort angenommen wird) und deckt auf diese Weise eine neue Dimension in der Kommunikationstheorie auf. Watzlawick legt mehr wert auf solche Elemente des menschlichen Benehmens wie Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit, Charakter der Gesprächspartner, als auf die sprachlichen Formulierungen. Seine Auffassung ist viel besprochen, von manchen Sprachwissenschaftlern auch mit Zweifel empfunden, jedoch aber „nicht bestreitbar“ (Stempel 1984, 154).
1975 formuliert Grice das sog. Kooperationsprinzip, dessen Grundidee ist es, daß die Kommunikation ein k ooperatives Handeln, eine Interaktion ist. Somit wurde ein weiterer Faktor zu den bisher als grundlegend für die Interpretation einer Äußerung aufgefaßten zwei Faktoren - Satzbedeutung und sprachlicher und nichtsprachlicher Kontext - hinzugefügt. Diesem Prinzip wurde aber Abstraktheit vorgeworfen und deshalb leitet Grice vier Konversationsmaximen ab, die als „vernünftig akzeptierten Anforderungen an effektive Kommunikation“ (Bußmann 1990, 422) gelten sollen. Ihr Nicht-Akzeptieren könnte zu einem Bruch in der Kommunikation führen. Die Maxime der Quantität verlangt von dem Sprechenden, daß nicht mehr gesagt wird, als nötig. Die Maxime der Qualität erfordert dazu auch einen hohen Grad an Wahrheit bei der Aussage. Die Maxime der Relation lautet, daß man nur Themarelevantes sprechen soll und die Maxime der Modalität setzt Klarheit und keine Dunkelheit und Mehrdeutigkeit im Ausdruck voraus. Die vier Maximen werden als die Grundlage für einen „maximal effizienz- und rationalitätsorientierten Informationsaustausch“ ( Stempel, 1984, 163) angesehen.
Die mündliche Kommunikation wird normalerweise als ein Gespräch verstanden, wo die beteiligten Personen ständig wechseln und zwischen denen zeitliche und räumliche Simultaneität besteht. Bei dieser face-to-face Interaktion haben sie die Möglichkeit zu Rückfragen und können mit Hilfe von nonverbalen Mitteln auf etwas hinweisen oder sogar Bezug zum Thema nehmen. Man braucht nicht unbedingt alles in Sprache zu fassen und deshalb haben wir oft bei den Alltagsgesprächen karge Aussagen und kurze, unvollständige Sätze. „Sprachliches Handeln im Rahmen der Alltagskommunikation verläuft gewöhnlich zwanglos und ist weniger geplant als zum Beispiel ein
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institutionelles Gespräch“ (Ramge, zit. bei Lüger, 1993, 6). Deshalb ist auch der genaue sprachliche Ausdruck nicht so wichtig. Als Anlaß für solche Dialoge bestimmt Stempel (1984, 152) den „Wunsch oder das Bedürfnis, sich mit einem oder mehreren Gesprächspartnern auszutauschen“. Diese Gespräche verlaufen meistens spontan und die Kommunizierenden sind in einem höheren Grade entspannt und sollen und können viel improvisieren. Sie verhalten sich offen und natürlich und haben die Möglichkeit zur Äußerung eines Werturteils. 2.1.2. Probleme und Ueberlegungen bei der Analyse:
Der Faktor Situationalität spielt eine wichtige Rolle nicht nur bei der Ermittlung der sprachlichen Äußerungen, sondern auch bei der Bestimmung der dabei explizierten Gefühle, da sie nur durch ihren Bezug zu der konkreten Situation verstanden werden können. Demzufolge sollen wir bei unseren Forschungen immer von dem situationellen Kontext ausgehen und erst dann die linguistische und psychologische Bedeutung der Phänomene ausfindig zu machen versuchen.
Bei der Interpretation sollen wir auch die Tatsache beachten, daß wir als Interpreten zeitlich und räumlich von den Sprechenden getrennt sind. Dabei geht uns eine wichtige Seite von der face-to- face Interaktion verloren, und nämlich die nonverbale Kommunikation. Darunter verstehen wir die paralinguistischen und außerverbalen Begleitphänomene, die eine entscheidende Rolle für die Erschließung und das richtige Entschlüsseln der Emotionen spielen und das Gespräch in einem hohen Grade bereichern und verfeinern. Es handelt sich dabei einerseits um Intonation, Tonhöhen und Lautstärkenverlauf, Sprechrythmus, Pausengliederung und Akzentuierung, und andererseits um begleitende Geste, Gesichtsausdruck, Blickkontakt, Körpermimik, Körperhaltung, taktile Elemente u.ä..
Bei der Bestimmung der in dem konkreten Gespräch explizierten Gefühle können wir auc h dem Faktor der Subjektivität nicht ausweichen. Darunter wird unsere persönliche Einschätzung, Auswertung und Bestimmung der Gefühle gemeint. Bei einer geglückten Kommunikation bewerten sowohl der Sender, als auch der Empfänger die Nachricht (bei
Arbeit zitieren:
Sneschana Kosarekova, 2002, Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch, München, GRIN Verlag GmbH
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