Einleitung. 4
1. Die Auseinandersetzungen Heinrich IV. mit den Sachsen in den Quellen 7
1.1 Die benutzten Quellen 7
1.2 Der Verlauf des Sachsenkrieges. 9
1.2.1 Der Beginn der Auseinandersetzungen Heinrichs mit den Sachsen. 9
1.2.2 Die Flucht Heinrichs von der Harzburg und der Frieden von Gerstungen. 13
1.2.3 Die Schleifung der Harzburg und die Schändung der salischen Grablege 18
1.2.4 Die Schlacht an der Unstrut und die Unterwerfung der Sachsen 20
1.3 Die Handlungen und Motive Heinrich IV. in den Quellen 24
1.3.1. Die königsfreundlichen Quellen. 24
1.3.2 Die königsfeindlichen Quellen. 28
2 Die Motive und das Selbstverständnis Heinrich IV. in der Forschung. 33
2.1 Die Machtpolitik des Kaisers 33
2.1.1 Die machtpolitischen Bedingungen zu Beginn der Herrschaft Heinrich IV. 33
2.1.2 Die Königsland- und Burgenbaupolitik Heinrich IV. im sächsisch-thüringischen
Raum. 36
2.1.3 Die Ministerialpolitik Heinrich IV. in Sachsen. 38
2.2. Heinrich der IV. und die Großen des Reiches 40
2.2.1 Die Verschwörung des sächsischen Adels 40
2.2.2 Die Adelsopposition gegenüber dem Kaiser 43
2.3 Der Charakter Heinrich IV. 45
Schlussbemerkungen 48
Quellenverzeichnis. 52
Literaturverzeichnis. 53
3
Einleitung
Gegenstand dieser Arbeit ist die Frage, ob König Heinrich IV., der sowohl in den zeitgenössischen Quellen als auch in der modernen Forschung eine der umstrittensten Figuren des gesamten Mittelalters zu sein scheint, durch seine individue lle Erscheinung, durch seine Motive und seine daraus resultierende Politik und nicht zuletzt durch seinen Charakter entscheidend zur offenen Empörung der Sachsen im Jahre 1073 beigetragen hat. Dabei dürfte ein wichtiger Aspekt sein, ob es überhaupt möglich ist, exakte Aussagen über die Persönlichkeit eines Menschen zu machen, der einerseits schon in seiner Gegenwart extreme Bewertungen erfahren hat, so dass es über ihn auch aufgrund seiner langen Regierungszeit ungewöhnlich viele Zeugnisse gibt, der aber auf der anderen Seite in einer Zeit gelebt hat, in der es nach Gerd Tellenbach berechtigte, grundsätzliche Zweifel an der Erkennbarkeit menschlicher Individualität überhaupt gibt. 1
Einerseits erscheint in den Quellen, wie zu zeigen sein wird, der milde und gütige, auf der anderen der hinterhältige, intrigante, ruch- und sittenlose König (um nur ein paar der Eigenschaften zu nennen, die ihm in den königsfeindlichen Quellen immer wieder zu g eschrieben werden), so dass es für den modernen Betrachter mit unseren Anforderungen einer möglichst ausgewogenen Darstellung geschichtlicher Untersuchungen schwierig ist zu glauben, dass hier von ein und derselben Person die Rede ist. Die Form der Konfliktdarstellung insbesondere der Ereignisse des Sachsenkrieges durch die damaligen G eschichtsschreiber stellt die Forschung heute dadurch vor erhebliche Probleme. Was ist glaubhaft und exakt, was ist reine Propaganda und Verleumdung? Um mit Fenske zu sprechen haben (...)„unsere Kenntnisse über Grundstrukturen, Antriebskräfte und innere Motive(...)“ nicht den Stand, den man bei der guten Quellenlage eigentlich erwarten sollte. 2 Der Konflikt wurde nicht als Ausdruck widerstreitender Gruppen mit all den unterschiedlichen Motiven, Interessenlagen und Parteiungen in möglichst objektiver Form dargestellt, wie es bei einer modernen Untersuchung über eine Krisensituation üblich wäre, sondern als Kampf von Gut gegen Böse, bei dem wenig Spielraum für Zwischentöne blieb. Ironischerweise wurde dieser archaische Kampf in all seinen Ausprägungen wiederum an der Bösartigkeit bzw. Gutherzigkeit von Individuen festgemacht, nämlich an der Person Hein- 1 Tellenbach,Gerd: Der Charakter Kaiser Heinrichs IV., in: Person und Gemeinschaft im Mittelalter, Sigmaringen 1988, S.345-367(zitiert als: Tellenbach, Der Charakter Kaiser Heinrichs IV.), S.346; vgl. Weinfurter, Stefan: Herrschaft und Reich der Salier, Sigmaringen 1992(im folgenden zitiert als: Weinfurter 1992), S.114
2 Fenske, Lothar: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung , Göttingen 1977(=Fenske, Adelsopposition), S.13
4
rich IV. und der Gruppe der Sachsen, die man in diesem Sinne durchaus als „Individuum“ bezeichnen könnte, denn sie handeln in der Regel als homogene Gruppe. Die Ironie ergibt sich daraus, dass diese Art der Darstellung ja eigentlich der erwähnten These Te llenbachs widersprechen müsste; ob sie es wirklich tut, wird im Laufe dieser Arbeit erkennbar werden.
Bei der Untersuchung der Motive Heinrich IV. kommt man nicht umhin, auch nach Intentionen und Motiven anderer konkurrierender Gruppen zu fragen, denn auch für diese gilt grundsätzlich das gleiche Problem wie für die Motivlage Heinrich IV.. Grundsätzlich lassen sich zu Beginn des Konfliktes drei miteinander im Widerstreit liegende Gruppierungen unterscheiden: Der König selbst, die Sachsen und die übrigen Fürsten des Reiches. Mit Fug und Recht muss hier eine andere Partei erwähnt werden, die in den Jahren nach 1076 erheblichen Einfluss auf den Verlauf der ursprünglich innerdeutschen Konflikte hatte: Das Reformpapsttum, insbesondere natürlich die Auseinadersetzungen mit Gregor VII. Besonders Fenske betont, dass die mit Heinrich konkurrierenden Parteien „(...)ihre geistige Legitimation(...)“ aus der „(...) diesen Zeitabschnitt prägenden Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Kaisertum(...)„ 3 bezogen. Dies mag stimmen oder auch nicht, aber die „zahlreichen Konfliktsituationen, die die Regierung des Saliers prägten, bestimmt dieses Thema jedenfalls nicht(...)“ allein, und die „(...)innere Desintegration des Reiches war bereits im Gange(...)“, bevor es zum offenen Konflikt mit Gregor VII. kam . 4 Lange wurde trotzdem überlegt, ob dieser Auseinandersetzung ein eigenes Kapitel in dieser Arbeit gewidmet werden müsste, es wurde aber dagegen entschieden, weil der Sachsenkrieg in seinen Anfangsjahren zwar mit den vielen anderen Konflikten Heinrich IV. verschränkt ist, die Auseinandersetzung mit dem Papsttum in der Sachsenfrage aber, wenn überhaupt, nur indirekt wirkte und auch aus platztechnischen Gründen nicht mehr behandelt werden konnte. Der Zeitrahmen dieser Abhandlung ist damit schon vorgegeben: Obwohl der Konflikt mit den Sachsen bereits zu Zeiten Heinrichs III. gärte, fand er seinen Höhepunkt unter Heinrichs IV., doch auch danach war er noch nicht beigelegt, wie die Regierung Heinrichs V. beweist. Die Arbeit beschränkt sich allerdings auf drei Jahre des Konfliktes und zwar auf die Anfangsjahre1073 bis 1075, in denen der schon länger schwelende Konflikt zum offenen Ausbruch kam. Das hat mehrere Gründe. Zum einen soll es hier ja eben nicht darum
3 ebd., S.9
4 Suchan, Monika: Königsherrschaft im Streit: Konfliktaustragung in der Regierungszeit Heinrichs IV., Stuttgart 1997 (= Suchan 1997); vgl. Keller, Hagen: Zwischen regionaler Begrenzung und universalem Horizont. Deutschland im Imperium der Salier und Staufer1024 bis 1250, Band 2, Frankfurt / Main, Berlin 1986. (=Keller, 1986), S.164
5
gehen, den Konflikt in seiner ganzen Breite darzustellen, sondern Ursachen und Motive der direkt beteiligten Parteien unter besonderer Berücksichtigung der Person Heinrichs IV. zu untersuchen. Einerseits verweist die Themenstellung also an den Beginn der Auseinandersetzung, denn Motive und Gründe eines Konfliktes werden eben am deutlichsten erkennbar in der Anfangszeit eines solchen, andererseits macht die Verquickung mit anderen Konfliktfeldern in der späteren Regierungszeit des Saliers eine Fokussierung notwendig. Eine weitere Frage, die im Zuge dieser Arbeit beantwortet werden soll ist, weshalb es nicht mehr oder nur noch mit ausgesprochener Kraftanstrengung ge lang, den Konflikt zumindest zwischenzeitlich gütlich beizulegen. Instrumente der gütlichen Konfliktbeilegung gab es genügend und diese sind auch in vielen Phasen der Auseinandersetzungen immer wieder angewandt worden. Warum versagten diese ausgerechnet in einem Konflikt, der im Prinzip nicht anders begann als viele andere Konflikte in anderen Reichen des Mittelalters, bei denen es um Fragen der Machtverteilung und des Machtverhältnisses ging? 5 Lag es an der originären Art des Konfliktes? Oder lagen die Gründe doch eher in der Einzigartigkeit und der Perfidität des Charakters des jungen Saliers, wie es die Quellen zuweilen nahe legen? Ebenso zu klären wird die Frage sein, ob der Sachsenkrieg nicht auch als Ventil diente, ein Problem zu lösen was seit Jahren überfällig war, nämlich den wachsenden Eingriff des Königs in die Gewalt der Großen. Waren diese Versuche Heinrichs Folge oder Ursache einer Entwicklung, die Hagen Keller als Geschichte einer Herrschaftskrise erkennt , die ihren Ausdruck in einem gestörten Verhältnis zwischen König und Reich findet? 6 Im ersten Teil soll der Verlauf der Auseinandersetzungen der Sachsenkriege in den Jahren von 1073 bis 1075 nachgezeichnet werden, wie er sich in den wichtigsten zeitgenössischen Quellen widerspiegelt. Dabei sollen die Informationen, die die einzelnen Quellen liefern, einander so gegenübergestellt werden, dass sich trotz der unterschiedlichen Darstellungen ein genaues Bild der Auseinandersetzungen ergibt.
In der zweiten Hälfte des ersten Teils soll in ähnlicher Weise mit den Motiven Heinrichs IV. verfahren werden, wobei die königsfreundlichen und die königsfeindlichen Quellen einander gegenübergestellt werden, denn sie liefern ein völlig gegensätzliches Bild des Königs ab.
Auf der Grundlage dieser Quellenaussagen soll dann im zweiten Teil versucht werden, die wahren Ursachen dieses Konfliktes herauszuarbeiten. Ob sich letztlich ein geschlossenes Bild dieser Ursachen und den Auswirkungen, welche die Persönlichkeit des Königs dies-
5 Suchan1997, S.2
6 Keller, 1986, S.164
6
bezüglich hatten, ergibt, wird sich zeigen. Klar ist in jedem Fall, dass eine monokausale Herangehensweise hier nicht weiter hilft, denn letztlich ist ein „wahrer Schuldiger“ in diesem Konflikt nicht herauszufiltern, wie sich zeigen wird. Ein Bündel von Ursachen muss dabei eine Rolle spielen, deren Ursprünge nicht ausschließlich in der Regierungszeit Heinrich IV. zu finden sein werden. Haben schon in der ersten Hälfte des „salischen Jahrhunderts, einer Zeit der Gärung, ja einer Schwellenzeit“ 7 Entwicklungen begonnen, die zum Ausbruch der Spannungen führen mussten? Welche Rolle spielten strukturelle Probleme in dem Machtverhältnis zwischen den Reichsfürsten (zu denen ja auch die sächsischen gehö rten) und dem Königtum, wie es sich in ottonischer und (früh-)salischer Zeit herausgebildet hatte? 8 Nicht zuletzt: Konnte Heinrich IV., unabhängig von seinen Anlagen, vor dem Hin-tergrund einer Vielzahl von Problemen überhaupt zu einem starken, die Probleme wirklich lösenden König und Kaiser werden?
1. Die Auseinandersetzungen Heinrich IV. mit den Sachsen in den Quellen
1.1 Die benutzten Quellen
Der Verlauf des Sachsenkrieges soll in dieser Arbeit auf der Grundlage von vier erzählenden Quellen dargestellt werden, über deren Entstehung und Urheberschaft in diesem Kapitel in aller Kürze berichtet werden soll:
Die „Lamperti Monachi Hersfeldensis Annales“ sind das vierte und bekannteste Werk des Hersfelder Mönchs Lampert und wurden von diesem nach 1077 fertiggestellt, da sie mit den Vorbereitungen zur Wahl Rudolfs von Rheinfelden zum Gegenkönig enden. 9 Dabei stehen die Auseinandersetzungen zwischen Heinrich IV. und den Sachsen im Mittelpunkt der Annalen. Nach Büchner ist sich die Forschung darüber einig, dass Lampert es in seiner königsfeindlichen Darstellung oftmals mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ja dass er Geschehnisse, je nachdem, ob sie zu seiner Parteilichkeit passen oder nicht, entweder falsch oder gar nicht darstellt; das wird in dieser Untersuchung zu zeigen sein. Daraus ergibt sich, dass diese Quelle, wie übrigens die anderen hier behandelten auch, mit Vorsicht zu genießen ist.
7 Weinfurter 1992, S.5
8 dazu insbesondere Suchan 1997, S.32ff.
9 Alle Informationen über die in dieser Arbeit benutzten Quellen sind den Bänden 12 und 13 der Fre iherr vom Stein-Gedächtnisausgabe entnommen.
7
Das „Carmen de bello Saxonico“, nach Schmale ein zeitgenössisches Werk, das in den Jahren 1075/76 geschrieben worden sein muss, weil es den Sachsenkrieg mit dem Jahr 1075 als abgeschlossen ansieht und das Wiederaufflammen der Kämpfe im Jahre 1076 nicht erwähnt, schildert die Jahre des sächsischen Aufstandes bis zur Schlacht an der Unstrut im Jahre 1075 in drei Büchern in Form eines Gedichtes. Über den Verfasser lassen sich keine endgültigen Aussagen machen; manche Vermutungen, dieser sei identisch mit dem Autor der „Vita Heinrici IV. imperatoris“ haben zwar etwas für sich, können aber nicht mit letzter Gewissheit nachgewiesen werden. Fest steht, dass das Werk völlig die Sichtweise des Königs teilt und die Auseinandersetzungen so subjektiv verzerrt erscheinen, dass es als einzige Quelle der Ereignisse nur einen geringen Wert hätte; im Verhältnis zu den anderen Quellen dieser Arbeit lassen sich dennoch einige Kenntnisse gewinnen, die nach Schmale ein „notwendiges Korrelat zu den ebenso einseitigen Darstellungen aus dem Kreis der Gegner des Herrschers“ bedeuten. 10
Das „Brunonis Saxonicum Bellum“ stellt den Sachsenkrieg aus der Sichtweise der Sachsen dar und ist damit in seiner Eigenschaft als historische Quelle zwar ebenso vorsichtig zu behandeln, bietet jedoch aufgrund seiner Ausführlichkeit ebenso wie die Annalen La mperts trotz bewusster Verzerrungen mehr Erkenntniswert.
Der Verfasser, der wahrscheinlich mit dem für das Jahr 1100 verbürgten Domscholaster Bruno von Magdeburg identisch war, hat sein Werk wahrscheinlich bis 1082 abgeschlossen, denn die Forschung schließt aus einer Erwähnung Ottos von Nordheim im letzten Kapitel, dass dieser zum Zeitpunkt der Niederschrift noch gelebt haben muss (gestorben 1083). In seiner ausschließlichen Parteinahme für die Sachsen wird die Person Heinrich IV. als das „Böse an sich dargestellt“; in diesem Sinne ist das Buch als Quelle zwar ebenso einseitig wie die anderen, aber dennoch von hohem Erkenntniswert, da es wie keine andere den sächsischen Standpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Königtum wiedergibt.
Die „Vita Heinrici IV. imperatoris“ ist als Lebensbeschreibung Heinrichs IV. angelegt und versucht, das Leben des Königs auf engstem Raum einzufangen. Die „Vita“ ist geprägt vo n „absoluter und emphatischer“ Anhängerschaft an den Salier 11 , so dass der Verfasser, der
10 Schmale, Franz-Josef(Hrsg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. 12.), Darmstadt 1963, S..24
11 ebd., S.36
8
nur als „Anonymus“ bezeichnet wird, vielleicht in der engeren Umgebung desselben zu suchen ist und zuweilen mit dem Autor des „Carmen“ gleichgesetzt wird. Alle Versuche, ihn zu identifizieren sind dabei allerdings erfolglos geblieben, so dass die Frage nach der Urheberschaft in der Forschung verschiedentlich schon als irrelevant abgelehnt wurde, da sie nicht zu beantworten sei. Sicher ist nur, dass die „Vita“ um 1106/1107 unter dem direkten Eindruck des Todes Heinrichs geschrieben worden sein muss, und zwar von einem Mann, der seine Anonymität gewahrt wissen wollte. In ihrem Wert als historische Quelle ist sie allein schon aufgrund der fehlenden Detailfülle beschränkt; insbesondere dem Sachsenkrieg von 1073-1075 wird so wenig Platz eingeräumt, dass das Werk in diese Untersuchung eigentlich nur aufgenommen wurde, weil es einige Erkenntnisse bezüglich der Eigenschaften und Motive Heinrich IV. liefert und in Verbindung mit den anderen Werken einen geschlosseneren Eindruck von der widersprüchlichen Persönlichkeit dieses Herrschers vermittelt.
1.2 Der Verlauf des Sachsenkrieges
1.2.1 Der Beginn der Auseinandersetzungen Heinrichs mit den Sachsen
Im „Saxonicum Bellum“ des Bruno wird berichtet, dass der Grundstein für die Auseinandersetzungen zwischen den Sachsen und dem jungen König Heinrich IV. schon kurz nach dessen Schwertleite und Mündigkeitserklärung am 29.März 1065 gelegt wurde 12 : Auf Rat des Bischofs Adalbert von Bremen begann er, zunächst unter Duldung der Sachsen, „quia nondum eius intentio mala cognoscebatur“ 13 , Burgen anzulegen, deren erste und größte er „Harzburg“ nannte. Die Sachsen, die zu Beginn des Burgenbaus den König sogar noch durch „vel opibus vel operibus“ 14 unterstützten, erkannten dessen wahre Absichten erst, als die hineingelegten Burgbesatzungen auf vielfältige Weise begannen, sowohl Volk als auch Adel zu unterdrücken und zu berauben. Daraufhin wurde „(...)ab omni Saxonica(...)“ eine „(...)coniuratio(...)“ 15 gebildet, um sich gegen die königlichen Umtriebe zu wehren.
12 Boshof, Egon: Heinrich IV., Göttingen, Zürich, Frankfurt 1979 (zitiert als: Boshof, Heinrich IV.), S. 46
13 Schmale, Franz-Josef(Hrsg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. 12.), Darmstadt 1963, S.192-405 (zitiert als: Schmale: Brunonis Saxonicum Bellum), S.212, Z.20
14 ebd., S.212, Z.23/24
15 ebd. , S.214, Z.5
9
Ähnliches erzählt auch Lampert von Hersfeld in seinen Annalen, fügt jedoch hinzu, dass es den Sachsen darum gegangen sei, die Freiheit der Väter zu verteidigen 16 , wobei er nicht genauer beschreibt, was die Sachsen wohl darunter verstanden haben; allerdings berichtet auch das „Carmen de bello Saxonicum“ an mehreren Stellen vom „ius patria“ der Sachsen, das es zu verteidigen beziehungsweise zurückzuerobern gelte 17 . Als Beweis für die Bösartigkeit des Königs schreibt Lampert zudem, dass die „Fama“ gehe, dieser plane, das Volk der Sachsen zu vernichten 18 .
Im Gegensatz dazu beschreibt das königsfreundliche „Carmen de bello Saxonicum“ das wilde und zügellos-anarchische Leben der Sachsen zur Zeit der Minderjährigkeit des Königs durch die Aufzählung von gottlosen Taten vornehmlich gegen Witwen, Waisen, Arme und Kirchen, die das exemplarisch „Böse“ dieses Volkes im Gegensatz zur königlichen Tugendhaftigkeit von Heinrich verdeutlichen sollen 19 . Doch sobald Heinrich mündig ge-worden war, „zog er diesem Volk die allzu losen Zügel an“ 20 und versuchte, Recht und Gesetz wieder durchzusetzen.
Die Befürchtungen der Sachsen, für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen zu werden, bildeten demnach die Hauptursache für ihre „coniuratio“ und damit des beginnenden Krieges, weil sich das Volk aus Angst vor Strafe gegen den jungen Kaiser verschwor 21 . Boten beklagten die Willkür von „pupillus et advena“ 22 , die das Volk ausplündern und dessen „patria iura“ 23 verletzen würden, was den bei Bruno und Lampert stattfindenden Ereignissen (Burgenbau, Verbrechen der Besatzungen) sogar noch einen Hinweis auf die „fremden“ Burgbesatzungen (siehe Kap.2.1.3) hinzufügt und insofern bedeutsam ist, als dass hier sehr gut zu erkennen ist, dass selbst in einer „Propagandaschrift“, wie man heute sagen würde, Hinweise auf Abläufe jenseits von Parteilichkeiten zu finden sind, die, natürlich mit unterschiedlichen Intentionen, die wahren Abläufe erhellen. Lampert weist dagegen ganz deutlich auf die Ministerialpolitik (siehe Kap.2.1.2) des Saliers hin, wenn er schreibt,
16 Buchner, Rudolf(Hrsg.): Lampert von Hersfeld, Annalen (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe), Darmstadt 1962, (zitiert als: Lampert) S.176, Z.30; vgl. auch S.179, Z.30/31
17 Schmale, Franz-Josef(Hrsg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. 12.), Darmstadt 1974, S. 143-189, (zitiert als: Schmale, Carmen de bello saxonicum), S.146, Zeile 48 vgl. S.160, Z.40; vgl. S.184, Z.210
18 Lampert, S.176, Z.2
19 , Schmale, Carmen de bello saxonicum S.144, Z.11-19
20 ebd. , S. 144, Z.21
21 ebd. , S. 146, Zeile 30:“Conuratia dolo“
22 ebd. , S. 146, Zeile 42
23 ebd. , S. 146, Zeile 48
10
dass (der König) “haec enim illi gens erat acceptissima(...)“. Die damit gemeinten Schwaben, „(...) obscuris et pene nullis maioribus ortos(...)“ 24 waren nach Lampert einer der Hauptgründe für den wachsenden Unmut der Sachsen, weil sie von den königlichen Burgen aus das sächsische Volk terrorisierten. 25
Der König wiederum akzeptierte die Beschwerden der Sachsen laut „Carmen“ nicht und bezeichnete seine Maßnahmen als Akt der Widergutmachung an den Armen 26 für die Verbrechen der Sachsen; auch hier verweist der Verfasser wieder auf die mittelalterlichen Königstugenden. Um die Lage zu beruhigen, sollte ein Hoftag einberufen werden, was von den Sachsen aus unredlichen Gründen aber nicht akzeptiert wurde. Beide Seiten rüsteten nun zum Krieg, der König, indem er sechs Burgen bemannen ließ 27 ,wohingegen die Sachsen nichts weiter als marodierende Pöbelhaufen aufzubieten hatten, die neue, wiederum das in der mittelalterlichen Vorstellungswelt „Böse an sich“ verkörpernde Verbrechen gegen Witwen, Waisen und Kirchen begingen. 28
Hier wird der Aufruhr der Sachsen also, im Gegensatz zu der Darstellung bei Bruno und Lampert, als Grund für die Bemannung der Burgen genannt; die vorher geschilderten Anklagen der Sachsen lassen aber eine zeitliche Abfolge wie bei Bruno und Lampert wahrscheinlicher erscheinen, eine Vermutung, der sich auch die Forschung anschließt (vgl. Kap. 2.1.1). In jedem Fall weisen die immer wieder auftauchenden Hinweise auf die Burgenbaupolitik Heinrichs unabhängig von ihrer unterschiedlichen parteipolitischen Bewertung durch die Quellen daraufhin, dass die Burgen entscheidend zum Ausbruch des Krieges beigetragen haben.
Die „Vita Heinrici IV. imperatoris“, die den Sachsenkrieg bis zur Schlacht an der Unstrut sehr kurz abhandelt 29 berichtet nur, dass dem alle Königstugenden verkörpernden Heinrich (siehe Kap.1.3.1) das raue Volk der Sachsen gegenüber stand, das zu den Waffen griff, um sich selbst „(...)laudis ex incepto furoris(...)“zu verscha ffen 30 .
Bei dem w.o. erwähnten, aus Schuld der Sachsen nicht zustandegekommenen Hoftag, von dem das „Carmen“ berichtet, kann es sich nur um denjenigen am Peter- und Paulstag im
24 beide Zitate bei Lampert, S.176, Z.5-7
25 die Verbrechen der Burgbesatzungen schildert Lampert in Ein zelheiten, S.174
26 Schmale, Carmen de bello saxonicum, S.146, Zeile 55-57
27 ebd. , S.148, Z. 74-76, Lampert nennt 8 Burgen, vgl. Lampert, S. 166, Z, 7/8 und S.194, Z.17-19
28 ebd. , S.148, Z. 79-84
29 Schmale, Franz-Josef(Hrsg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. 12.), Darmstadt 1974, S.407-467 (zitiert als: Schmale, Vita Heinrici IV.), S.416, Z.29- S.418, Z.18
30 Schmale, Vita Heinrici IV., S.416, Z.30
11
Juni des Jahres 1073 handeln. Bruno zufolge kamen die Fürsten gerne, weil sie hofften, dass „(...)quia calamitatum, quas Saxonia iam diu tolerabat(..)“ 31 dort beendet werden konnten, doch kamen die Verhandlungen danach wegen der Lasterhaftigkeit des Königs nicht zustande, der lieber dem Würfelspiel und anderen „rebus nugatoriis 32 “ frönte als seine Königspflichten wahrzunehmen. Um die Schmach für die wartenden Fürsten auf die Spitze zu treiben, wurde ihnen am Abend schließlich mitgeteilt, dass der König den Ort schon verlassen habe und zur Harzburg eile. Diese hochmütige Behandlung der Fürsten seitens des Königs markierte nach Bruno den Anlass des Krieges:“Illa dies et haec causa bellum primitus incepit; illa dies principium omnium (...)malorum fuit.“. 33 Wohl im Juli 1073 versammelte sich das ganze Volk der Sachsen, „magni parvique“ 34 , und schwor, nachdem viel Fürsten, unter anderem Otto von Nordheim, der ja bereits zwei Jahre Krieg gegen Heinrich geführt hatte 35 , die Missetaten des Königs durch Erzählungen verdeutlicht hatten 36 , die Freiheit „ecclesarium /suarum (...) et totius Saxoniae“ mit allen Kräften zu verteidigen, „quamdiu viverent“ 37 .
Lampert dagegen berichtet anderes vom Zustandekommen der sächsischen „coniuratio“: 38 Danach erkannten die Sachsen die Verschlagenheit des Königs und hielten Zusammenkünfte ab, um das von zwei Seiten drohende Unheil, nämlich die Verschwörung Heinrichs mit dem Dänenkönig, über die auch Bruno berichtet 39 , sowie den Feldzug gegen die Polen, der eigentlich gegen sie gerichtet war, abzuwenden. Besonders Otto von Bayern und Hermann Billung, Bruder des verstorbenen Herzogs Otto von Sachsen, taten sich als Anstifter der Empörung hervor, neben der Sorge um den Stamm trieb sie auch „privato odio“ 40 an. Das ganze sächsische Volk wurde zu den Waffen gerufen, um entweder zu sterben oder die Freiheit zu erkämpfen. Einige, die sich nicht beteiligen wollten, so Erzbischof Liemar von Bremen, Bischof Eppo von Zeitz und sein Amtsbruder Benno von Osnabrück wurden aus Sachsen vertrieben und schlossen sich dem König an. Als die Verschwörung Anfang August herangereift war, überbrachten sie dem König die Forderungen des Stammes durch Boten:
31 Schmale: Brunonis Saxonicum Bellum, S.220, Z.21/22
32 ebd., S.220, Z.26ff.
33 ebd., S.222, Z.3-5
34 ebd., S.222, Z.14
35 ebd., S.216, kap.19; vgl. Lampert, S.177, der bes. Otto von Nordheim und Burchard von Halberstadt als Anführer des sächsischen Aufstandes nennt.
36 ebd, S.222, kap.25 und S.224, kap.26
37 ebd., S.226, Z.25/27
38 zum folgenden vgl. Lampert, S.176, Z.24- S.182, Z.33
39 ebd., S.174; vgl. Schmale: Brunonis Saxonicum Bellum, kap.36
40 Lambert, S.178, Z.4
12
Arbeit zitieren:
Ingo Deffner, 2003, Heinrich IV. und die Sachsenkriege, München, GRIN Verlag GmbH
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