„Die Haupteigenschaft eines Flüchtlings ist die, dass er das Land seines regulären Aufenthalts
(dessen Angehöriger er sein kann oder nicht) aufgrund politischer Ereignisse in diesem
Land, die seinen Aufenthalt dort unmöglich machen, verlassen und Zuflucht in einem anderen
Land gesucht hat, oder, wenn er sich bereits außerhalb seines Heimatlandes aufhält, nicht
bereit ist wegen der Gefahr für Leib und Leben dorthin zurückzukehren. (...) Er unterscheidet
sich vom normalen Fremden oder Migranten darin, dass er sein Heimatland nicht aus wirtschaftlichen,
sondern aus politischen Gründen verlassen hat. ”1
Diese Definition eines Flüchtlings soll verdeutlichen, mit welchen Personen es die im folgenden
beschriebenen Institutionen zu tun haben. Des weiteren werden nachfolgend diejenigen
als Emigranten bezeichnet, die freiwillig geflüchtet sind oder ausgewiesen wurden, sowie Sowjetbürger,
die nur zeitweise im Exil lebten oder gar nicht mehr zurückkehrten.2
Im folgenden wird auf die drei für die Emigranten wichtigsten großen Organisationen eingegangen
und ihre Bedeutung und Probleme erläutert. Dabei wird auch das Verhalten der deutschen
Behörden gegenüber den russischen Emigranten erleuchtet werden.
1 vergleiche John Simpson (S. 3f) und Bettina Dodenhoeft (S. 2).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Russische Wissenschaftliche Institut
2.1. Einführung
2.2. Probleme
2.3. Das Ukrainische Wissenschaftliche Institut
2.4. Die Rivalität der Institute
2.5. Die letzten Jahre des Instituts
2.6. Resümee
2.7 Mit dem Institut verbundene Einrichtungen
2.7.1. Der Russische Akademische Verein
2.7.2. Weitere Einrichtungen
3. Russische Schulen
3.1. Das Russische Gymnasium und die Deutsch-Russische St. Georgs-Schule
3.2. Die Deutsch-Russische Höhere Schule
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte und Entwicklung russischer Bildungseinrichtungen in Berlin während der Zwischenkriegszeit. Das primäre Ziel ist die Analyse der Bedeutung dieser Institutionen für die russische Emigrantengemeinschaft sowie das ambivalente Verhältnis der deutschen Behörden zu diesen Einrichtungen, die oft als machtpolitisches Instrument betrachtet wurden.
- Gründung und Zweck des Russischen Wissenschaftlichen Instituts
- Finanzielle Herausforderungen und politische Abhängigkeiten
- Konkurrenz zwischen dem Russischen und dem Ukrainischen Wissenschaftlichen Institut
- Schulwesen für russische Emigrantenkinder und deren Konzeption
- Überführung und Instrumentalisierung der Einrichtungen durch nationalsozialistische Stellen
Auszug aus dem Buch
2.2. Probleme
Bald nach der Gründung tauchten die ersten Probleme für die Mitglieder des Institutes auf. So weigerte sich die Reichspost, dem Leiter des russischen Wissenschaftlichen Instituts Jasinskij Geldsendungen und andere Postsendungen auszuhändigen, da dieser keine Vollmacht besaß. Diese musste ihm erst vom Auswärtigen Amt ausgestellt werden.
Das gravierendste Problem war die Finanzierung des Institutes. Obwohl man für die Gründung des Institutes noch genügend Geld gesammelt hatte, war die weitere Finanzierung unsicher. Deshalb drohte schon ein knappes Jahr nach der Eröffnung die Schließung des Russischen Wissenschaftlichen Institutes, da die unentgeltlich zur Verfügung gestellten Räume der Bauakademie geräumt werden sollten. Das Institut war aber nicht in der Lage, die Räume zu mieten. Nachdem aber das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung von der Situation in Kenntnis gesetzt wurde konnte der Lehrbetrieb fortgesetzt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definition des Flüchtlingsbegriffs und Einordnung der im Text behandelten Organisationen in das Exilgeschehen.
2. Das Russische Wissenschaftliche Institut: Darstellung der Gründung und der wissenschaftlichen Ausrichtung sowie des Versuchs, russische Bildung als Brücke zwischen Deutschland und Russland zu nutzen.
2.1. Einführung: Hintergrund zur Etablierung des Instituts an der Bauakademie und dessen Zielsetzung für russische Studenten.
2.2. Probleme: Analyse der finanziellen Schwierigkeiten und bürokratischen Hürden, mit denen das Institut von Beginn an zu kämpfen hatte.
2.3. Das Ukrainische Wissenschaftliche Institut: Entstehung des Instituts als Konkurrenzprojekt und dessen stärkere staatliche finanzielle Absicherung.
2.4. Die Rivalität der Institute: Beschreibung des finanziellen und räumlichen Konkurrenzkampfes zwischen den russischen und ukrainischen Exilgruppen.
2.5. Die letzten Jahre des Instituts: Der schleichende Prozess der Schließung bzw. Umwandlung des Instituts unter dem Einfluss der Nationalsozialisten.
2.6. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der deutschen Haltung, die primär von kurzsichtigem utilitaristischem Denken geprägt war.
2.7 Mit dem Institut verbundene Einrichtungen: Vorstellung begleitender Strukturen wie des Russischen Akademischen Vereins.
2.7.1. Der Russische Akademische Verein: Fokus auf die soziale und finanzielle Unterstützung notleidender Studenten.
2.7.2. Weitere Einrichtungen: Überblick über andere wissenschaftliche Anstalten wie die Religiös-Philosophische Akademie.
3. Russische Schulen: Erörterung der Bemühungen, russische Emigrantenkinder in ihrer Muttersprache und Tradition zu erziehen.
3.1. Das Russische Gymnasium und die Deutsch-Russische St. Georgs-Schule: Kontrastierung der unterschiedlichen Konzepte einer rein russischen Schule versus einer Gemeinschaftsschule.
3.2. Die Deutsch-Russische Höhere Schule: Verlauf der Zusammenlegung beider Schulen und deren spätere staatliche Übernahme.
Schlüsselwörter
Russische Emigration, Berlin, Russisches Wissenschaftliches Institut, Exil, Auswärtiges Amt, Russische Schulen, Deutsch-Russische Höhere Schule, Finanzierung, Nationalsozialismus, politische Instrumentalisierung, Bildungspolitik, Wissenschaftstransfer, Flüchtlingshilfe, Zwischenkriegszeit, Russlanddeutsche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Geschichte und die organisatorischen Rahmenbedingungen russischer Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen im Berlin der 1920er und 1930er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Gründung, Finanzierung, politischen Instrumentalisierung und dem schließlichen Niedergang des Russischen Wissenschaftlichen Instituts sowie verschiedener russischer Schulen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie diese Institutionen als Knotenpunkte der Emigrantencommunity fungierten und wie sie gleichzeitig im Spannungsfeld deutscher Interessen und der Weltwirtschaftskrise agierten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Quellen, Aktenmaterial und der einschlägigen Fachliteratur zur Emigrationsgeschichte basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Russischen Wissenschaftlichen Instituts und die Untersuchung des Schulwesens für Emigrantenkinder, einschließlich der Rivalitäten zwischen verschiedenen Organisationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentral sind Begriffe wie russische Emigration, Berlin, politische Instrumentalisierung, Bildungsgeschichte und Zwischenkriegszeit.
Warum stand das Russische Wissenschaftliche Institut in ständiger finanzieller Not?
Das Institut war von unregelmäßigen Zuwendungen des Auswärtigen Amtes abhängig, das die Unterstützung eher als karitative oder taktische Maßnahme und weniger als dauerhafte Förderung betrachtete.
Welche Rolle spielten die Nationalsozialisten bei der Auflösung der Einrichtungen?
Mit der Machtübernahme 1933 wurden die Einrichtungen ideologisch "gesäubert", "nichtarische" Mitarbeiter entlassen und die Institutionen teils in städtische Schulen umgewandelt oder durch das Reichspropagandaministerium instrumentalisiert.
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- Holger Müller (Author), 1999, Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25839