Holger Müller
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Das Russische Wissenschaftliche Institut 3
2.1. Einführung 3
2.2. Probleme 6
2.3. Das Ukrainische Wissenschaftliche Institut 10
2.4. Die Rivalität der Institute 10
2.5. Die letzten Jahre des Instituts 11
2.6. Resümee 13
2.7 Mit dem Institut verbundene Einrichtungen 14
2.7.1. Der Russische Akademische Verein 14
2.7.2. Weitere Einrichtungen 14
3. Russische Schulen 15
3.1. Das Russische Gymnasium und die Deutsch-Russische
St. Georgs-Schule 15
3.2. Die Deutsch-Russische Höhere Schule 18
Literaturliste 22
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Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
Holger Müller
Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
1. Einleitung
„Die Haupteigenschaft eines Flüchtlings ist die, dass er das Land seines regulären Aufenthalts (dessen Angehöriger er sein kann oder nicht) aufgrund politischer Ereignisse in diesem Land, die seinen Aufenthalt dort unmöglich machen, verlassen und Zuflucht in einem anderen Land gesucht hat, oder, wenn er sich bereits außerhalb seines Heimatlandes aufhält, nicht bereit ist wegen der Gefahr für Leib und Leben dorthin zurückzukehren. (...) Er unterscheidet sich vom normalen Fremden oder Migranten darin, dass er sein Heimatland nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen verlassen hat. ” 1
Diese Definition eines Flüchtlings soll verdeutlichen, mit welchen Personen es die im folgenden beschriebenen Institutionen zu tun haben. Des weiteren werden nachfolgend diejenigen als Emigranten bezeichnet, die freiwillig geflüchtet sind oder ausgewiesen wurden, sowie Sowjetbürger, die nur zeitweise im Exil lebten oder gar nicht mehr zurückkehrten. 2 Im folgenden wird auf die drei für die Emigranten wichtigsten großen Organisationen eingegangen und ihre Bedeutung und Probleme erläutert. Dabei wird auch das Verhalten der deutschen Behörden gegenüber den russischen Emigranten erleuchtet werden.
2. Das Russische Wissenschaftliche Institut
2.1. Einführung
Neben den verschiedenen russischen Schulen (siehe Kapitel 3) gehörte zu den russischen Bildungseinrichtungen auch das Russische Wissenschaftliche Institut, welches eine Stellung zwischen Schule und Universität einnimmt.
Am 17. Februar 1923 wurde das Institut eröffnet und residierte ab dem Zeitpunkt in der alten Bauakademie am Schinkelplatz.
1 vergleiche John Simpson (S. 3f) und Bettina Dodenhoeft (S. 2).
2 vergleiche Bettina Dodenhoeft und Karl Schlögel „Das andere Russland ”, in: Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, S. 238-256, S. 240.
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Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
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Seine Entstehung verdankt das Russische Wissenschaftliche Institut der Initiative verschiedener deutscher Institutionen und Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der „Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas ” und dessen Repräsentanten Otto Hoetzsch, dem Völkerbund für die Angelegenheiten der russischen Flüchtlinge und dessen Vertreter Moritz Schlesinger, dem Auswärtigen Amt und dem Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.
Für die staatliche Förderung des Institutes gab es verschiedene Bedingungen. So sollte es völlig unpolitisch sein und als ein Unternehmen der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas gelten.
Das Auswärtige Amt wollte aufgrund der neu geknüpften Beziehungen zwischen Deutschland und Sowjetrussland nicht offiziell mit dem Institut in Verbindung gebracht werden, da es sich bei den am Russischen Wissenschaftlichen Institut lehrenden Wissenschaftlern um Personen handelte, die 1922 von der Sowjetregierung ausgewiesen wurden. Die Situation war deshalb brisant, weil Moritz Schlesinger bewirkte, dass Wissenschaftler und Intellektuelle, die von den Sowjets nach Sibirien verbannt wurden, ausreisen durften und die finanziellen Möglichkeiten zur Gründung des Russischen Wissenschaftlichen Institut erhielten. Vor der Gründung es Institutes hat man bei der sowjetischen Botschaft nachgefragt, was anhand einer Erklärung des sowjetischen Kulturatttachés zu ersehen ist, die bestätigt, dass die Sowjetregierung „sehr einverstanden sei, wenn es gelänge, den Professoren hier einen Erwerb zu schaffen. Gegen die geplanten Kurse würde ... kein Mißtrauen bestehen, da jede Politik dabei ja ausgeschaltet sei. ” 3
Am 26. Februar 1923 wurde der Lehrbetrieb in Russischen Wissenschaftlichen Institut aufgenommen. Nach der Satzung waren Ziele und Aufgaben des Instituts das „Studium der russischen geistigen und materiellen Kultur und die Verbreitung der Kenntnisse hierüber unter Russen und Ausländern und außerdem die Gewährung des Beistandes der russischen Jugend zwecks Erzeugung des Rechts, die Hochschulen in Deutschland zu besuchen ” 4 Als Leiter des Instituts fungierte Professor Jasinskji der es für angebracht hielt, den ca. 500 Studenten, die in Berlin studierten, auch ihre eigene Kultur und die Situation in Sowjetrussland nahe zu bringen. Zusätzlich zu diesen Studenten suchten noch ca. 1500 weitere russische Studenten nach einer Möglichkeit, ihr Studium weiterzuführen. 5
3 vergleiche Bettina Dodenhoeft, S. 90.
4 vergleiche Bettina Dodenhoeft, S. 91.
5 vergleiche Bettina Dodenhoeft, S 91.
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Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
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Eine Studienmöglichkeit hatten folgende Personen: Studenten, welche vor 1918 an einer russischen Hochschule studierten, ehemalige und augenblickliche Studierende an ausländischen Universitäten und Personen, die eine Mittelschule in Russland oder im Ausland absolviert hatten. Die Studierenden konnten beiderlei Geschlechts sein und mussten das 16. Lebensjahr vollendet haben. Der Bedarf an solch einer Bildungseinrichtung bestand also. Zusätzlich zu der Aufgabe, den beiden Studentengruppen gerecht zu werden, wollte das Russische Wissenschaftliche Institut aber auch Forschungsarbeit leisten und zusätzlich zu den Kursen für die Studenten Vortragsreihen für die breite Öffentlichkeit veranstalten. Die Behörden in Deutschland sahen in der Unterstützung des Institutes eine Zukunftsinvestition. Man hoffte darauf, dass die in Deutschland ausgebildeten Studenten nach einem Umsturz in Russland in ihre Heimat zurückkehren. Sie wurden als die „zukünftigen führenden Persönlichkeiten in öffentlichen und politischen Leben Russlands ” 6 betrachtet. Die Semestergebühren betrugen 5000 Mark, wobei Hörer, die nur verschiedene Vorträge und Seminare besuchten, ohne ein volles Semester zu absolvieren nur 1000 Mark bezahlen mussten. 7 Es lässt sich leicht vorstellen, dass dieser Betrag von einem einfachen Emigranten nicht allein aufgebracht werden konnte und dass Institut deshalb finanzieller Unterstützung bedurfte.
Im Institut waren drei Wissenschaftsgebiete vertreten. Wie aus dem ersten Vorlesungsverzeichnis hervorgeht, handelte es sich dabei um Philosophie, Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Einige der angebotenen Veranstaltungen waren „Die Geschichte der geistigen Strömungen in Russland und die Grundlage der Sozialphilosophie ” (veranstaltet von N. Berdjaev), „Einführung in die Philosophie ” (S. Frank), „Russische Geschichte des XVIII. und XIX. Jahrhunderts ” (A. Kizewetter), „Geschichte des Wirtschaftswesens in Russland ” (P. Struve), „Russisches Handelsrecht ” (A. Kaminka), „Die Theorie des Rechtsbewusstseins ” (I. Il´in) und „Die internationale Lage Russlands ” (M. Taube). Die Kurse wurden von namhaften russischen Wissenschaftlern abgehalten. Viele von ihnen hatten ihren ständigen Wohnsitz im Ausland und hatten manchmal Schwierigkeiten, eine Einreisevisum zu erhalten, so dass der Rektor des Institutes beim Auswärtigen Amt intervenieren musste. Dieses unterstützte die Bitten um Einreise mit der Begründung, dass es im deutschen Interesse sei, wenn das russische Institut in Berlin ein „vollwertiges, wenn nicht gar ein überlegenes
6 vergleiche Hans-Erich Volkmann (S. 129).
7 Bei den auftretenden Gebühren muss die hohe Inflation dieser Jahre beachtet werden.
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Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
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Gegenstück zu der in Prag befindlichen Universität biete. ” 8 Die neu gegründete Tschechische Republik war bemüht, hervorragende Wissenschaftler ins Land zu holen und hatte deswegen großzügige Einreisebedingungen und unterstützte die russischen Emigranten auf vorbildliche Weise. Bei den Überlegungen zur Institutsgründung wurde aber auch an eine Bereicherung der deutschen Wissenschaft gedacht, da die Tätigkeit russischer Wissenschaftler zu Kontakten mit deutschen Wissenschaftskreisen führen würde. Da sogar einige Vorlesungen in deutscher Sprache abgehalten wurden, konnten auch breite deutsche Kreise von dem Institut profitieren.
Russischen Emigranten im Ausland bot ein Studium am Institut die Möglichkeit der Einreise nach Deutschland, da ihnen, nach Absprache Jasinskijs mit dem Fremdenamt des Polizeipräsidiums, großzügige Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen erteilt wurden. Jasinskij machte einen Vorschlag, wie diese Prozedur automatisiert werden könnte, indem ein zum Studium zugelassener Student gleichzeitig mit der Bescheinigung für die Studienerlaubnis auch die für die Einreiseerlaubnis bekam. Das Auswärtige Amt stand diesem Plan positiv gegenüber, weil es bestrebt war möglichst viele russische Studenten nach Berlin zu ziehen, um mit den andere Emigrationszentren konkurrieren zu können. Es sollte zwischen Deutschland und Russland eine Brücke für die Zukunft geschlagen werden. Dabei stand in jedem die Emigranten unterstützenden Land die Hoffnung im Hintergrund, dass die Emigranten bei einem Umsturz in Sowjetrussland sich an die ihnen erwiesenen Vergünstigungen erinnern und sich politisch dementsprechend verhalten würden. Sie sollten Politik im Sinne des ehemaligen Gastgeberlandes betreiben. Man ging also davon aus, dass diese Studenten bei einem Umsturz die neue politische Führungsschicht bilden werden.
Um eine gewisse Kontrollmöglichkeit bei der Einreise zu haben, sollte das Russische Wissenschaftliche Institut im engen Kontakt mit dem Auswärtigen Amt über die Imatrikulationsanträge entscheiden.
2.2. Probleme
Bald nach der Gründung tauchten die ersten Probleme für die Mitglieder des Institutes auf. So weigerte sich die Reichspost, dem Leiter des russischen Wissenschaftlichen Instituts Jasinskij Geldsendungen und andere Postsendungen auszuhändigen, da dieser keine Vollmacht besaß. Diese musste ihm erst vom Auswärtigen Amt ausgestellt werden. Weitere
8 vergleiche Bettina Dodenhoeft, S. 92.
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Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin
Arbeit zitieren:
Holger Müller, 1999, Die russischen Bildungseinrichtungen in Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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