2
I E I N L E I T U N G
Die Geschichte, die im kurzen Sommer der Anarchie erzählt wird, ist die der anarchistischen Bewegung in Spanien von ihren Anfängen um 1870 bis ende 1936, die Geschichte der CNT (Confederación Nacional del Trabajo) und insbesondere die Geschichte von Buenaventura Durruti, der eine Schlüsselfigur in der anarchistischen Bewegung, sowie im spanischen Bürgerkrieg wurde.
Auffällig an diesem Roman ist zunächst die Tatsache, dass er offensichtlich die Vorstellung eines individuellen Autors in Frage stellt und gegen eine homogene Form des Erzählens arbeitet. Der Roman richtet sich auch allgemein gegen die Vorstellung einer widerspruchsfreien Identität, was sich am besten, an der Art, wie die Person Durruti hier vorkommt und beschrieben wird, zeigen lässt. Bei diesem Werk handelt es sich nämlich um eine Aneinanderreihung von Berichten, Interviews, Zeugenaussagen, Zeitungsausschnitten, Propagandaschriften, usw., die Hans Magnus Enzensberger, zunächst für einen Film im Auftrag des WDR, 1971 gesammelt hat. 1 Obwohl der Ro man in seiner Form einer wissenschaftlichen Dokumentation zunächst sehr nahe kommt, versteht sich der kurze Sommer der Anarchie ausdrücklich nicht als solche. 2 Abgesehen davon, dass der Autor hier auch durch das Bearbeiten des Materials mit einwirkt, wodurch er sich auch gewollt von einer möglichst objektiven Darstellung entfernt (die Realisierbarkeit einer solchen wird übrigens grundsätzlich in Frage gestellt 3 ) und auch in seiner Intention somit von der wissenschaftlichen Dokumentation entfernt, verfolgt das Werk auch bestimmte politisch-ästhetische Prinzipien, die seine Form als Collage von kleinen Texteinheiten vieler „Autoren“ rechtfertigen, und die ein zentraler Gegenstand dieser Arbeit sein werden.
Neben diesen Stimmen eines Kollektivs, die in Kapiteln angeordnet sind, schaltet sich Enzensberger zwischendurch immer wieder ein, indem er in insgesamt 8 Glossen den für den Leser nicht mehr unmittelbar nachvollziehbaren historischen Hintergrund, sowie seine literarischen Motive erläutert. Dadurch liefert er in den Glossen auch selbst Interpretationen der Texte mit und steuert dadurch auch bewusst die des Lesers. Andererseits finden sich somit auch zahlreiche Hinweise, die den Umgang mit dieser Text-Collage
1 Jörg Lau: Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Leben. Berlin 1999, S. 289 f.
2 Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod. Roman. Frank-
furt a. M. 1972, S. 14 f. Nachfolgende Belege und Zitate aus diesem Buch sind nachgewiesen als (KS Seitenzahl).
3 Ebd.
3
erleichtern, was ein Grund dafür sein mag, dass das Buch weitaus mehr Beachtung fand als der Film 4 , in dem ebendiese Glossen fehlen.
Zu den Kapiteln und den Glossen kommen noch ein Prolog und ein Epilog, beide ebenfalls, wie die Kapitel, aus Berichten bestehend, die Enzensberger lediglich angeordnet hat. Diese haben beide den Untergang des spanischen Anarchismus zum Thema: Im Prolog wird das Begräbnis und die Totenfeier Durrutis beschrieben 5 , die zur Demonstration werden, wie es später, in der siebten Glosse, nochmals als Teil einer „Dramaturgie der Heldenlegende" (KS 261) interpretiert wird. Im Epilog kommen dann die Stimmen der Nachwelt zu Wort. Hier wird die Verschmelzung Durrutis mit dem spanischen Anarchismus zum Thema gemacht, und das entgültige Ende dieser Revolution scheint in der naiven Vorstellung einiger nun veralteter Kämpfer, die sich einbilden, „sie bräuchten nur nach Spanien zurückzukehren, wenn es soweit ist, und da wieder anzufangen, wo sie 1936 aufgehört haben“ (KS 293), sowohl offen als auch indirekt durch. Das Scheitern dieser Revolution und die Endgültigkeit, die ihrem Ende inne liegt, sind aber auch Aspekte, die das Zeitgeschehen in Deutschland nach der Studentenrevolte reflektieren. Die Kritik an den Punkten in der Vorgehensweise der Anarchisten, die hier als Gründe für ein Scheitern der Revolution in Spanien angenommen werden, ist auch als Kritik an der Neuen Linken zu lesen, die, wie Luhmann es 1971 formulierte, „in der Bewahrung ihrer immer noch nicht erfüllten Ideale konservativ wird.“ 6 Scheinbar paradoxerweise dient gerade der hier kritisierte Idealismus der Anarchisten gleichzeitig als das umgekehrte Spiegelbild, vor dem das Korrupte und Kompromisslerische der Politik der Gegenwart aufgezeigt werden kann. Dieses scheinbare Paradoxon löst sich aber dann auf, wenn man bedenkt, dass der Idealismus, dessen Überlebensunfähigkeit in der Wirklichkeit gezeigt wird, uns hier nicht mehr real sondern als Teil eines Romans entgegentritt. In dieser ästhetischen Form ist die Frage nach seiner Tauglichkeit erneut zu stellen und, wie ich meine, zu bejahen, da er in dieser Form auf Probleme in der Gegenwart aufmerksam machen und somit einen kritischen Umgang mit ihnen ermöglichen kann (und mehr als das kann Literatur meiner Meinung nach sowieso nicht). Damit eine historische Persönlichkeit hier trotz der verwendeten typisch-dokumentarischen Mittel in ein literarisches Konzept eingebunden werden kann, bietet Enzensberger einleitend ein neues Verständnis von Geschichte, mit dem ich mich hier deshalb auch als erstes befassen werde.
4 Frank Dietschreit; Barbara Heinze-Dietschreit: Hans Magnus Enzensberger. Stuttgart 1986, S. 93.
5 KS 7-11.
4
I I H A U P T T E I L
1) Geschichte als Fiktion
Noch bevor man das Buch aufschlägt, fällt im Untertitel die Bezeichnung „Roman“ auf, was zunächst merkwürdig erscheint, angesichts des Umstands, das sich dieser „Roman“ größtenteils aus Zeugenaussagen, zeitgenössischen Artikeln, Interviews, usw. zusammenstellt, also aus solchen Texteinheiten, denen normalerweise die Funktion einer his-torischen Quelle zukommt. In der Tat ist es dem Kurzen Sommer der Anarchie sogar abgesprochen worden, ein Roman zu sein 7 ; und an einer anderen Stelle, die zwar nicht so weit geht, ist in dieser „offensiv verwendete[n] Gattungsbezeichnung“ 8 doch zumindest eine „gezielte Provokation des Literaturbetriebes“ 9 gesehen worden. Auch die dazwischengeschobenen Glossen scheinen zunächst in erster Linie nur dazu zu dienen, dem Leser den historischen Rahmen zu liefern.
Bei genauerem Lesen des Textes ergeben sich allerdings einige deutliche Hinweise dafür, dass hier ein literaturtheoretisches Programm verfolgt wurde. Den ersten Hinweis erhalten wir in der Verschmelzung zwischen Geschichte und Fiktion, wie sie bereits im Titel der ersten Glosse stattfindet. 10 In dieser Verschmelzung findet sich auch eine erste Rechtfertigung für eine Art des Erzählens, die sich nicht auf die Stimme eines einzelnen Autors, sondern auf die Stimme vieler Menschen stützt, denn die Geschichte wird hier als Fiktion eines Kollektivs aufgefasst.
Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich die hier wiedergegebenen „historischen Quellen“ nicht einfach als „Dokumente“ (KS 14) interpretieren lassen, da der Umgang mit ihnen unweigerlich Fragen aufwirft bezüglich der Intention des Sprechers, seiner möglichen Vergesslichkeit, usw., also der bewussten und unbewussten Lügen, die mit einfließen 11 , baut Enzensberger in der ersten Glosse seine Kritik an die „Historie der Historiker“ (KS 13) auf. Eine grundsätzliche Schwierigkeit ergebe sich schon bei der Frage, was denn überhaupt noch als Dokument aufgefasst werden dürfe - nämlich streng
6 Jürgen Habermas; Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?
Frankfurt a. M. 1971, S. 399.
7 Reinhard Baumgart: Ein Heldendenkmal - wozu? In: Der Spiegel 26 (1972), H. 41, S. 194.
8 Lau: Hans Magnus Enzensberger, S. 290.
9 Ebd.
10 KS 12.
11 KS 15.
5
genommen gar nichts. Die Fragen, die aufgeworfen werden, ließen sich nicht einfach beiseiteschieben,
Dieses Problem spricht Enzensberger auch an anderer Stelle an, in einem Aufsatz, der diesem Roman sehr nahe liegt 12 , und beschreibt die Schwierigkeiten, die auftreten, wenn man versucht, von Personen, „die im langsamen Verschwinden begriffen sind“ 13 , zu malen. Das „Malen“ von Personen kann man hier natürlich auch im übertragenen Sinn verstehen, nämlich im Sinne von „ein literarisches Bild einer Person schaffen“. Dieser Bezug zum kurzen Sommer der Anarchie ergibt sich auch unmittelbar durch Dieter Jungs Bild von Buenaventura Durruti von 1973 14 , das den Text begleitet. Die Personen, die im Verschwinden begriffen sind, würden, wie Enzensberger hier schreibt, immer unschärfer und schillernder. „Mit den Personen [...] verschwinden auch ihre Farben“ 15 , allerdings nähme die Zahl der Farben „während ihres Verschwindens keineswegs ab“. 16 Auch hier verrät der Text seine Nähe zum Roman, wo auch die Problematik geschildert wird, die den Versuch begleitet, „die Existenz eines Mannes, der seit fünfunddreißig Jahren tot ist [...]“ (KS 14) und der, abgesehen von seinen Handlungen, die nun aus ihrer Wirkung rekonstruiert werden müssen, so gut wie nichts hinterlassen hat. Die Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Quellen, mit denen man sich hierbei konfrontiert sieht, ließen sich nicht beantworten; „jeder Schritt dieser Überprüfung würde uns von der Rekonstruktion weiter entfernen und der Destruktion der Geschichte näher bringen“ (KS 15). Außerdem ist Durruti zu den Personen zu zählen, „die bereits Reproduktionen waren, ehe sie zu verschwinden anfingen“ 17 , bei denen uns noch eine zusätzliche Reproduktionsebene bei der Rekonstruktion von Fakten im Wege steht, und die Enzensberger von denen, „die unbekannt sind“ 18 , wiederum unterscheidet. Die Feststellung, dass eine objektive Geschichtsschreibung unmöglich ist, führt Enzensberger jedoch keineswegs zur Resignation. Den Weg daraus schafft er durch ein neues
12 Hans Magnus Enzensberger: Das langsame Verschwinden der Personen. In: Hans Magnus Enzensberger, hg. von Rein-
hold Grimm. Frankfurt a. M. 1984, S. 15-17.
13 Ebd., S. 15.
14 Ebd., S. 16.
15 Ebd., S. 15.
16 Ebd.
17 Ebd., S. 17.
18 Ebd.
6
Verständnis von Geschichte, das den Widerspruch in der Überlieferung wie auch die Lüge annimmt, als zwei ihrem Wesen eigene Erscheinungsformen. Der Autor sieht hier eine Entsprechung zwischen Form der Überlieferung, zu der eben diese Widersprüchlichkeit wie auch die Lüge und der Subjektivismus gehören, und der Geschichte, die selbst nicht starr ist:
Die verschiedenen Versionen eines Ereignisses berühren sich genau in ihrer Widersprüchlichkeit; in jeder von ihnen steckt ein Funke von Wahrheit sowie ein Moment von Lüge. 19 Genau hier ist es, wo Geschichte entsteht.
Dieser Vorstellung nach geht Geschichte von Ereignissen aus, die den Menschen im Gedächtnis haften geblieben sind, die aber dann, wie in einer Sage, selbständig weitergesponnen werden. Anders gesagt: Die Geschichte bedient sich aus der Wirklichkeit, formt aber dann etwas Neues; sie besteht also aus den Wellen, die diese geschlagen hat. „Die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Wirklichkeit ihre Materialien liefert.“ (KS 13). Als Beispiel werden auch einige vermeintliche Zitate berühmter Personen genannt 20 , deren Authentizität sehr fraglich erscheint, die sich aber deshalb keineswegs widerlegen lassen, denn „an diesen Bildern hat die kollektive Imagination mehr Anteil als jede Wissenschaft“ (KS 13).
Somit ist die Überlieferung eines historischen Ereignisses, die sich in den diversen Quellen verstreut finden lässt, durch ihre Erscheinungsform, die der Fiktion nahe kommt, selbst schon „ästhetische[r] Ausdruck“ (KS 15), also eine Kunstform geworden, und die Bezeichnung „Roman“, die diese „Collage“ (KS 14) erhält, ist nur noch als eine Bestätigung all dessen zu sehen.
Dieser Auffassung nach unterscheidet sich Geschichte jedoch grundlegend von der reinen Fiktion, also der „beliebigen Erfindung“ (KS 13), denn
Es gilt also, dieses Interesse zu bewerten. Der Autor hält hier den Leser ausdrücklich dazu an, sich selbst auch kritisch mit den Aussagen auseinander zu setzen. Enzensberger
19 KS 15.
20 KS 13.
7
zieht sich hier also durchaus nicht in die politische Reflexion zurück, wie dies Ingrid Eggers behauptet. 21
2) Der Leser als der letzte, der Geschichte erzählt
Dieser Roman versteht sich also nicht als Selbstzweck, sondern als Material, mit dem umgegangen werden muss, und aus dem sich die eigenen Interessen herauskristallisieren lassen. Die Geschichte, die erzählt wird, bzw. die Art, in der sie von den verschiedenen Personen wiedergegeben wird, ist der Spiegel, durch den der Leser die eigene Gegenwart revidieren soll. Dass „[d]ie Geschichte Durrutis [...] keinen aktuellen Bezug hat“ 22 , stimmt zwar, wenn wir unsere Betrachtung auf den historischen Gegenstand des Romans beschränken, nicht aber, wenn es um die Art geht, wie das Scheitern der Anarchisten dargestellt wird.
Dadurch dass der Roman ein Weiterarbeiten des Lesers fordert, der angehalten wird, sich hinsichtlich der eigenen Interessen, wie die der Feinde im Klaren zu werden, schult er ganz gezielt politisches Bewusstsein, was dann auch die Voraussetzung für sinnvolles politisches Handeln ist. Dem Rezipienten soll auch keineswegs eine Denkweise vorgegeben werden; er soll alles andere als passiv bleiben. „Eine passive Lektüre läßt dieses Material nicht zu. Lesen heißt hier unterscheiden, urteilen, Partei ergreifen.“ (KS 259). Die Behauptung, dass Enzensberger dieses Vorhaben misslungen sei, da der Leser dazu verleitet werde, „für den Anarchismus Partei zu ergreifen“ 23 (was so auch nicht stimmt und differenzierter zu betrachten ist, worauf ich aber später noch eingehen werde), ist dann nicht sehr haltbar, wenn man bedenkt, dass es nie darum geht, den Anarchismus zu rehabilitieren. Mit „unterscheiden, urteilen, Partei ergreifen“ meint der Autor eher, dass die Aussagen hinsichtlich der dahinter steckenden Interessen geprüft werden sollen, und dass man sich stets der Tatsache bewusst sein sollte, dass hinter jeder Aussage auch ein Interesse steckt.
Der Autor bleibt selbstverständlich nicht ausgeschlossen, denn auch er verfolgt Interessen. Er nimmt hierbei sogar eine Sonderstellung ein, da er vor dem Leser der letzte ist, der die Geschichte erzählt 24 , und somit am stärksten auf ihn einwirkt. Er macht daraus auch kein Geheimnis, wenn er mehrere Faktoren, wie das Weglassen, Übersetzen, Schneiden, Montieren und vor allem die Wahl der erzählten Geschichte, mit denen er
21 Ingrid Eggers: Veränderungen des Literaturbegriffs im Werk von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt a. M. 1981, S. 110.
22 Ebd., S. 109.
23 Ebd., S. 110.
Arbeit zitieren:
Diego De Filippi, 2003, Literaturanalyse / Buchbeschreibung: Hans Magnus Enzensberger - Der Kurze Sommer der Anarchie , München, GRIN Verlag GmbH
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