INHALTSVERZEICHNIS
A: EINLEITUNG S.1
B: HAUPTTEIL S.2
1.) Die Struktur und Komposition des "Lanzelet" S.2
1.1 Die Mängel in Struktur und Komposition:
Unverbundenheit und Wiederholung S.2
1.2 Die Zweiteilung des "Lanzelet" als sinnstiftendes Strukturprinzip S.4
1.2.1 Der erste Teil: Lanzelets Aufstieg S.5
1.2.2 Der zweite Teil: Lanzelets Bewährung S.5
1.3 Die Rahmenhandlung als Element der Einheit S.7
2.) Die sprachliche Qualität und Umsetzung des "Lanzelet" S.7
2.1 Die sprachlichen Eigenheiten im "Lanzelet" S.8
2.2 Die Übertragungsqualität des Romans: Quelle und deutsche Übersetzung S.8
2.3 Die möglichen Einflüsse anderer Werke und Autoren S.10
3. Der Autor des "Lanzelet" Ulrich von Zatzikhoven S.11
3.1 Der Leutpriester Ulrich von Zatzikhoven S.11
3.2 Ulrich von Zatzikhoven als Erzähler: Mängel und Eigenleistung S.11
4. Der Inhalt und die stofflichen Bezüge des "Lanzelet" S.13
4.1 Der Held und Protagonist "Lanzelet" S.13
4.2 Die Minne: Sinnlicher Trieb und Ästhetisierung S.17
5. Die Frage nach dem Lehrwert: Trivialität versus Didaxe S.19
5.1 Die Trivialität des „Lanzelet“ S.19
5.2 Der „Lanzelet“ als didaktischer Roman S.20
5.3 Der Kompromiss: Ein Unterhaltungsroman? S.22
C: SCHLUSSBETRACHTUNG S.24
BIBLIOGRAPHIE S.26
1. Primärliteratur S.26
2. Sekundärliteratur S.26
II
Die Aufgabe, dem „Lanzelet“ des Ulrich von Zatzikhoven als eigenständiges Werk innerhalb der Gattung „Artusroman“ eine bestimmte Bedeutung sowie einen Lehrwert zuzuordnen, stellte schon 1845 den Herausgeber der mittelhochdeutschen Textausgabe K.A. Hahn vor erhebliche Schwierigkeiten. Da das Werk in seiner Gesamtkonzeption und Durchführung von wesentlicher Eigenart geprägt ist, wurde die Forschung mit der problematischen Frage konfrontiert, wie sie den „Lanzelet“ in die Riege des bisher Bekannten einordnen sollte. Obwohl die Literatur der letzten 150 Jahre, die sich im Rahmen von Gattungsbestimmung, Formproblemen und Lehrwertmodellen mit Ulrichs Roman beschäftigte, kaum noch zu überschauen ist, konnte sich bis in jüngste Zeit kein eindeutiges Urteil durchsetzen. Dennoch lässt sich grundsätzlich festhalten, dass sich die Forschungsliteratur ihrer Entstehungszeit nach in etwa zwei konträre Positionen unterteilen lässt. So dominiert vor allem in den älteren Arbeiten die Meinung, dass es sich beim „Lanzelet“ um ein epigonenhaftes Ausnahmewerk handelt, welchem kaum bis gar kein literarischer Wert beigemessen werden könnten, 2 während sich die neuere Forschung ab etwa 1960 bemüht, dem Roman in verschiedenen Theorien und Modellen einen Sinn zuzuschreiben. 3 Da insbesondere die älteren Arbeiten den Roman kontinuierlich unter gewissen Paradigmen zu beurteilen versuchten - d.h. der Vergleich mit den klassischen Artusromanen Hartmann von Aues, Gottfried von Straßburgs oder Wolfram von Eschenbachs wurde nie außer Acht gelassen - ließ sich demzufolge in der neueren Literatur eine Art Gegenbewegung erkennen, die wiederum viele Aspekte zu unkritisch und positiv behandelte. 4
Aufgrund der zahlreichen Arbeiten zum Thema sowie den häufig sehr speziell gewählten Analyseaspekten, 5 soll die vorliegende Untersuchung vor allem einen Querschnitt durch die gängigen Perspektiven bilden. Anhand von fünf Gliederungspunkten wird versucht, die Frage, ob sich dem „Lanzelet“ ein bestimmter literari-
1 Hahn, K. A.: Vorrede, in: Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet, hg. Von K. A. Hahn, Frankfurt am Main 1845, Unveränderter Nachdruck m. Nachwort u. Bibliographie von Frederick Norman, Berlin 1965, S.V-XX, S.V.
2 Vgl.: Brogsitter, Karl Otto: Artusepik, zweite, verbesserte und ergänzte Aufl., Stuttgart 1971 (Realienbücher für Germanisten, Abteilung Literaturgeschichte); Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters, 2. Teil, Die Mi ttelhochdeutsche Literatur, Schlussband, München 1935; Eis, Gerhard: Ulrich von Zatzikhoven, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Berlin 1953, Sp. 621-625; Norman, Frederick: Nachwort, in: Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet, hg. Von K. A. Hahn, Frankfurt am Main 1845, Unveränderter Nachdruck m. Nachwort u. Bibliographie von Frederick Norman, Berlin 1965; Schneider, Hermann: Heldendichtung, Geistlichendichtung, Ritterdichtung, Heidelberg 1925; Vilmar, A. F. Ch.: Geschichte der deutschen National-Literatur, 19. verm. Aufl., Marburg/Leipzig 1879.
3 Vgl.: V.a. Gottzmann, Carola L. (Hg.): Deutsche Artusdichtung, Bd. 1, Rittertum, Minne, Ehe und Herrschertum. Die Artusepik der hochhöfischen Zeit, Frankfurt am Main 1986 (Information und Interpretation 2); McLelland, Nicola: Ulrich von Zatzikhoven´s ´Lanzelet´. Narrative style and entertainment, Cambridge 2000 (Arthurian studies 46); Ruh, Kurt: Der Lanzelet Ulrichs von Zatzikhofen. Modell oder Kompilation?, in: Deutsche Literatur des späten Mittelalters. Hamburger Colloquium 1973, Berlin 1975, S.47-55.
4 Vgl.: Soudek, Ernst: Die Funktion der Namensuche und der Zweikämpfe in Ulrich von Zatzikhoven´s ´Lanzelet´, in: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, Bd. 2, hg. von Minis Cola, Amsterdam 1972, S.173-185. Soudek verzichtet in seinem Aufsatz weithin auf konkrete Textbelege, sodass sich seine äußerst positive Sichtweise des "Lanzelet" schwer nachvollziehen lässt.
5 Vgl. etwa: Jackson, W. H.: Ulrich von Zatzikhoven´s Lanzelet and the Theme of Resistance to Royal Power, in: GLL NS 28 (1975), S.285-297; Littman, Esther Gorny: Techniques of Creating Suspense in Ulrich von Zatzikhoven´s Lanzelet, Diss. phil., University of Michigan 1975; Schüppert, Helga: Minneszenen und Struktur im Lanzelet Ulrichs von Zatzikhoven, in: Würzburger Prosastudien II, Fs. K. Ruh, München 1975, S.123-138.
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scher Lehrwert zuordnen lässt, möglichst umfassend zu erörtern. Nach einem gesteigerten Prinzip werden zunächst Äußerlichkeiten, das heißt Komposition und sprachliche Beschaffenheit, sowie die Person Ulrich von Zatzikhovens behandelt und anschließend zentrale Inhalte und Themenkreise untersucht. Im letzten Abschnitt wird schließlich versucht, die Ergebnisse in einer Gegenüberstellung von Trivialität und Didaxe zu kontrastieren und ein Modell der aktuellen Forschung, das dem „Lanzelet“ als Unterhaltungsroman völlig neue Qualitäten beimisst, zu integrieren.
1. Die Struktur und Komposition des "Lanzelet"
1.1 Die Mängel in Struktur und Komposition: Unverbundenheit und Wiederholung
Ein Hauptkritikpunkt, der sich fast ausnahmslos durch die Interpretationen und Wertungen der älteren Forschung zieht, setzt an der allgemeinen Strukturierung des Romans Ulrich von Zatzikhovens an. Neben einer scheinbar ungelenken, dem Vergleichsschema des klassischen Artusromans widersprechenden Anordnung im Ganzen, 6 wird vereinzelt vor allem die Zusammenhanglosigkeit der Szenen bemängelt. Die einzelnen Sequenzen seien demnach ohne Abstimmung aufeinander kettenartig verbunden, sodass der Eindruck einer "Sammlung vermischter Abenteuer" 7 nicht zu leugnen sei. 8 Als Textbeispiel für die Unverbundenheit der einzelnen Episoden, ließen sich etwa bestimmte Figuren anführen, die, sobald sie ihre Rolle ausgespielt haben und ihre Funktion erfüllt ist, aus dem weiteren Geschehen verschwinden. 9 Dies gilt sowohl für die ersten Frauen Lanzelets - die Galagandreiz Tochter 10 und Ade (V.1357-2282) - wie auch für die Beteiligten einzelner Abenteuer, so etwa Mâbûz "der blœde" 11 (V.3551), Valerîn (V.4960-5360, V.6696-7756), der Zauberer Malduk (V.6696-7756) oder die verwandelte Minneric hterin (V.7817-8040). 12 Ergänzend hierzu, sei weiterhin die lose Klammerung des Romans durch zu nennen. Die gesamte Erzählung hafte am bloßen Äußeren, indem sie lediglich peripher durch die Rahmenhandlung zusammengehalten werde. 13 Dieser äußere Zusammenhalt spielt gezielt auf die Namenssuche Lanzelets und die daran gebundenen Bedingungen an. Wird dieser Handlungsstrang jedoch gleichbedeutend mit der Rahmenhandlung genannt, so gilt es, zu unterscheiden, dass seine Motivierung im ersten Teil des Romans (V.41-4743) weitaus wichtiger erscheint als im zweiten Teil (V.4744-9433), in wel-
6 Vgl.: Ehrismann, S.6.
7 Schneider, S.307.
8 Vgl.: Vilmar, S.135, Schneider, S.307, Ehrismann, S.6.
9 Vgl.: Ehrismann, S.6.
10 Ulrich von Zatzikhoven: Lanzelet, hg. Von K. A. Hahn, Frankfurt am Main 1845, Unveränderter Nachdruck m. Nachwort u. Bibliographie von Frederick Norman, Berlin 1965, V.667-1356. Im Folgenden werden Verweise und Zitate aus dieser Quelle durch die Angabe der Verszahl im laufenden Text aufgeführt.
11 Übersetzungen, soweit nicht anders angegeben von mir, Julia Ilgner. „Der Blöde“.
12 Allerdings ließe sich hier anmerken, dass fast alle der auftretenden Figuren durch ihre Vorgeschichte mit der Handlung mehrfach verbunden sind. So ist die Rettung Mâbûz´ als Sohn der Meerfee (in V.4546-4563 schlägt Lanzelet Iweret) die Bedingung für Lanzelet, um seine Herkunft zu erfahren ("ir sint geheizen Lanzilete, von gebürte sælic unde grôz", V.4706-4707, „ihr heißt ´Lanzelet´ und seid glückselige geboren, sowie von adliger Abstammung“), Valerîn war es wiederum nur möglich die Artuskönigin Ginover zu entführen (V.6740-6744), da Lanzelet ihn beim ersten Kampf verschonte (V.5340-4343) und der Zauberer Malduk besteht auf die Auslieferung Wâlweins und Erecs als Geiseln, da er eine alte Rechnung mit ihnen offen hat (V.7000-7016).
13 Vgl.: Eis, Sp.622; Ehrismann, S.6-7.
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chem er bereits die Kenntnis seiner Abstammung erlangt hat. Lediglich die Schlussszene vor dem Epilog (V.9309-9351, 9434-9444) verweist durch die Darstellung der idealen Königsherrschaft Lanzelets und Iblis´ konträr auf das Fehlverhalten seines Vaters, König Pants, zu Beginn des Romans ("der pflac er âne mâzen vil, / als maneger der mê haben will / dan im daz reht verhenge", 14 V.47-49).
Gleichzeitig stoßen sich die Untersuchungen jedoch an der Wiederholung von Szenen, die - da sie ohne jegliche nennenswerte Abänderung übernommen werden - den Mangel an Beziehungslosigkeit sogar verstärken. Indem ähnliche Handlungsmuster in mehrmaliger, kaum veränderter Wiederholung aneinandergereiht werden, vermittelt das Gesamtwerk den Eindruck eines Episodenromans. 15
Inhaltlich entsprechen diesen sich gleichenden "Geschichten", "Szenen" und "Abenteuern" vor allem die Âventiuren des Helden aus dem ersten Teil des "Lanzelet" . Da die Eroberung seiner drei Frauen - der Tochter des Galagandreiz, Ade und schließlich Iblis - einhergehen mit dem Bekämpfen und Töten ihres jeweiligen Vormundes, ließe sich hier von einer gewissen Parallelität der Handlung sprechen. Trotz der aufgeführten Beanstandungen an der Gesamtstruktur bzw. an einzelnen Strukturelementen, wurde auch in der älteren Forschung die Gliederung des Romans in zwei, etwa glei chlange Teile als sicher vorausgesetzt. Während zum einen die "Schachtelkomposition" 16 durch inhaltliche Divergenzen erklärt wurde, galten als weitere Kritikpunkte das Fehlen der Problematisierung des Helden 17 sowie die gänzliche Inkongruenz mit dem ersten Teil. 18 Neben der Feststellung, dass der zweite Teil ein loses Anhängsel des ersten sei, wurde vermehrt versucht, die Episoden nach der Gewinnung der Iblis als ein narratives Versuchsfeld des Autors auszuweisen. So würden die erzählerischen Expansionen das Bemühen Ulrichs widerspiegeln, ein möglichst umfassendes Bild des arthurischen Motiv- und Erzählarsenals zu zeichnen. Dass gerade dieses Streben nicht nur eine inhaltliche Überladung mit sich bringt, sondern vor allem eine strukturelle Interpretation unbeachtet lässt, 19 scheint als weiteres Indiz auf die Strukturproblem zu verweisen.
1.2 Die Zweiteilung des "Lanzelt" als sinnstiftendes Strukturprinzip
In den neueren Arbeiten zur kompositorischen Frage im "Lanzelet" wird der Interpretation der beiden Großteile häufig eine Aufwertung des Erzählablaufs insgesamt vorangestellt. Zwar lässt die Beanstandung der "verschachtelte Erzählweise" nach wie vor an die Kritikpunkte in Kapitel 1.1 denken, allerdings gilt er nun vie lmehr als Instrumentarium, um die Handlung durch Kontrastierung einzelner Szenen strikt zu gliedern. Minneszenen stehen abwechselnd Szenen gegenüber, die am Artushof spielen oder sich im Rahmen von Âventiuren
14 „Er herrschte über alle Maße hinaus wie jemand, der nach mehr verlangt, als ihm das Recht zubilligt.“
15 Vgl.: Norman, S.283; Soudek, S.284; Vilmar, S.135; Brogsitter (1971), S.83; Richter, S.28; Norman und Brogsitter ergänzen sich, wenn sie inhaltlich anmerken, es handle sich um eine "lose aneinandergereihte Kette von Abenteuern, in der der Ritter von einem Abenteuer zum anderen eilt" (Norman, S.283) und "die gewöhnlich in einer neuen Hochzeit Lanzelets enden" (Brogsitter, S.83).
16 Ehrismann, S.4. Ehrismann gliedert die beiden Teile inhaltlich in zwei verschiedene Sagenkreise, das "Feemärchen" (V.41-4959) und die "Lanzelotsage" (V.4960-8040).
17 Der Krise, die der Protagonist des klassischen Artusromans stets durchlaufen musste, um aus dieser gewandelt und gestärkt hervorzugehen, entspricht formal das Schema des doppelten Ku rsus. Da im "Lanzelet" der Held krisenlos ist, entfällt folglich auch das dazugehörige Strukturprinzip. Die Wertung der Charakterisierung des Helden selbst wird im Kapitel 2 vorgenommen.
18 Vgl.: Eis, Sp. 623; Mertens, S.98.
19 Vgl.: Mertens, S.98.
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mit der Ritterlichkeit befassen. 20 So folgt auf die erste Minneszene mit der Tochter Galagandreiz´ (V.667-1257) die Lockung Orphilets, den Artushof aufzusuchen (V.1258-1356), worauf die zweite Minneszene um Liniers Nichte Ade eingefügt ist (V.1357-2249), welche wiederum durch die Begegnung Lanzelets mit dem Artusritter Wâlwein (V.2760-3521) abgeschlossen wird. 21
Den einzelnen Âventiuren bzw. Bewerbungsproben - insbesondere des ersten Teils - liegt neben der Gegenüberstellung zur Welt von "Kardigân" (V.2257) zusätzlich ein bestimmtes Steigerungsprinzip zu Grunde. So sei der "Lanzelet" zwar ein Âventiureroman, der sich vom traditionellen Erfahrungsmodell Chrétien de Troyes´ distanziert, jedoch gleichzeitig ein eigenes krisenloses "Aufstiegs- und Bewährungsmodell" 22 realisiert. 23
1.2.1 Der erste Teil: Lanzelets Aufstieg
Diese Bezeichnung deutet bereits, wenn auch nicht explizit genannt, die Gliederung des "Lanzelet" in seine zwei Teile bzw. - nach Mertens´ - "zwei Modelle" an.
Ob nun vom Werdegang eines unbekümmerten Jünglings 24 , der Selbstverwirklichung 25 oder dem Erwerb der Artuswürdigkeit 26 gesprochen wird, so kulminiert doch all dies im Begriff des "Aufstiegs". Das "Aufstiegsmodell", also diejenige Phase in Lanzelets Leben, in der er das sichere Reich der Meerfee verlässt (V.400-402), um seine Identität zu finden, von Johfrit in das ritterliche Handwerk eingeführt wird (V.452-466) und seine Kampfestüchtigkeit in den drei Âventiuren auf Galagandreiz´ Burg "Moreiz" (V.667-1356), Liniers "Limors" (V.1357-2282), Mabuz´ "Schâtel le mort" (V.3522-3748) und schließlich gegen Iweret (V.4257-4743) steigert, ist nic ht nur von inhaltlichem Bezug. So muss der Protagonist in verschiedenen Episoden, die in programmatischer Stufung auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet sind, eine "Reihe einander stufenförmig übergeordnete Zweikämpfe bestehen." 27 . In einer additiven Reihung von Möglichkeiten wird dieselbe Grundsituation - der Kampf und die anschließende Eroberung einer Frau - durch Variation abgewandelt und fortlaufend gesteigert bis das Ideal erreicht ist. Ergänzend hierzu gilt weiterhin die Gliederung nach thematischer Stufung, die einen bestimmten Verlauf der Entwicklung des Helden voraussetzt. Lanzelet muss folglich auf seinem Weg zum Helden verschiedene Etappen zurücklegen, d.h. es gibt eine konkret festgelegte Folge von Minne (Iblis als ide-
20 Vgl.: Gotzmann, S.169.
21 Vgl.: McLelland, S.77, S.139; Gottzmann, S.169. Bei einer Analyse des gesamten Romans würden sich zahlreiche weitere Beispiele für diesen Gegensatz finden, diese hier aufzulisten würde jedoch den vorgegebenen Rahmen der Arbeit sprengen. Zur Anschaulichkeit empfiehlt sich ein Blick auf die Handlungsschemata von McLelland und Gottzmann.
22 Mertens, S.90.
23 Vgl.: Mertens, S.90, S.98. Mertens räumt ferner ein, dass es im Roman durchaus auch erzählerisches Material gebe, das von der Liebes- und Herrscherqualifikation als Basis der zuvor erläuterten Divergenz sowie dem Steigerungsprinzip abweicht, aber dies sei im Hinblick auf Chrétien zu relativieren, in dessen Werken sich Vergleichbares findet - wenn auch in geringerer Ausmaß.
24 Vgl.: Soudek, S.174. Soudek spricht vom "dörperlichen Jüngling[ ]" (S.174).
25 Vgl.: Ruh, S. 52. Ruh setzt die Namensfindung des Protagonisten gleich mit einer Art "Zu-Sich-Selber-Kommen" gleich.
26 Vgl.: Mertens, S.95.
27 Soudek, S.174, vgl. Soudek, S.174, Anm. 5; Haug (1978), S.56. Nach Soudek ist gerade das Bestehen dieser ritterlichen Prüfung die Voraussetzung, um den Namen zu erfahren bzw. sich dessen würdig zu erweisen. Dass die Namenssuche als integrales Thema der Lancelot-Sage in Ulrichs Version Eingang findet, zeichnet den Roman gegenüber Chrétiens "Chevalier de la Charrette" in positiver Weise aus.
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ale Partnerin), Namen (Sohn eines Königs), Artusaventiure (Sieg über Valerîn für Artus) und der darauf folgenden Teilnahme an der Tafelrunde. 28
1.2.2 Der zweite Teil: Lanzelets Bewährung
Stand der erste Teil des "Lanzelet" unter dem Programm des "Aufstiegs", so gilt es nicht, im folgenden Abschnitt durch einen Wandel, wie ihn die Krise in den klassischen Romanen des doppelten Kursus herbeiführt, das Errungene in Frage zu stellen, sondern vielmehr es zu bestätigen. Lanzelet, der spätestens seit der Einkehr am Artushof als vortrefflicher Ritter gilt, der nur in Wâlwein einen würdigen Gegner findet, als Königssohn prädestinierter Herrscher ist und in Iblis die ideale Partnerin gefunden hat, hat zu Beginn des zweiten Teils all das erreicht, was ihn als Held auszeichnen sollte. Um jedoch einer Art Wandel, einem Rückgang bzw. Verlust seiner erworbenen Ehre vorzubeugen, muss er sich in eben dieser Stellung bewähren. 29 Denn "in dem, was der Mensch erworben hat, muss er sich erst bewähren, bevor davon ausgegangen werden kann, dass er es auch von Dauer zu erhalten vermag." 30
Konkret bedeutet dies, dass die neuen Âventiuren - so verschiedenartig sie auch motiviert sein mögen -, denen sich Lanzelet stellen muss, dazu dienen, all das, was er erworben hat, in der Gefährdung zu stärken. Das "Erworbene", die Essenz dieses Aufstiegs, lässt sich vereinfacht auf zwei Bereiche reduzieren. Sowohl die Gemeinschaft mit Iblis, die Ehe, als auch die Verbindung mit den Rittern der Tafelrunde, also die Artusgemeinschaft, erfahren durch die Handlung des zweiten Te ils eine Festigung. 31 Als häufig zitiertes Beispiel lässt sich die Gefangenschaft Lanzelets auf Plûrîs anführen (V.5522-5678), wo er von der Burgherrin gegen seinen Willen festgehalten wird. Während Iblis in seiner Abwesenheit durch die Mantelprobe als die treueste und vorbildhafteste aller Frauen am Artushof ausgezeichnet wird ("es wære mit der wârheit / daz aller beste stênde cleit, / das ie dehein vrowe getruoc", 32 V.6133-6135), geht auch Lanzelet keine neue Beziehung zur Plûrîsdame ein, sondern denkt vie lmehr an seine Freundin:
jedoch stuont sîn herze sô, / swie frœliche er die zît vertribe, / daz er niemer dâ belibe, ern gesæhe sîne fri-undîn / swenn ez mit fuoge möhte sîn (V.5646-5650), sone kom ûz sînem muote / vrowe Iblis ze keiner stunt (V.5672-5673). 33
28 Vgl.: Haug (1978), S.56-60. Haug betont, dass der Aufstieg Lanzelets in etwa dem Weg entspricht, den auch die Helden Chrétiens passieren müssen (S.56).
29 Vgl.: Ruh, S.50-53 ; Haug (1978), S.60-61. Haug erkennt ebenfalls, dass die Hauptaufgabe des zweiten Teils darin besteht, die Ergebnisse des ersten Teils zu bestätigen, merkt jedoch an, dass gleichzeitig problematische Beziehungen nicht mehr durchgespielt werden können. Indem alles Prozesshafte in die erste Romanhälfte verlegt wurde, kann nichts mehr innerlich bewältigt werden, sondern muss zurückgelassen werden, d.h. "das Zurücklassen bedeutet die Bewältigung" im "Lanzelet" (S.61).
30 Gottzmann, S.179.
31 Vgl.. Haug (1978), S.59; Mertens, S.95; Gottzmann, S.187.
32 „Dies sei - um die Wahrheit zu Sprechen - der am besten passende Mantel, der jemals von einer Dame getragen wurde.“
33 „Jedoch war seinem Herzen derart zu Mute, dass, wie fröhlich er auch die Zeit vertreiben mochte, keinesfalls dort bleiben wollte, wenn er nicht seine Freundin wieder sehen würde, wie auch immer es durch Fügung geschehen möge.“, „Daher ging ihm seine Dame Iblis zu keiner Stunde aus dem Kopf.“
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Julia Ilgner, 2004, Ulrich von Zatzikhovens "Lanzelet", München, GRIN Verlag GmbH
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