Inhaltsverzeichnis
I. Vorbemerkungen. 4
II. Essenz, Existenz, Existenzial Ek-sistenz Existenzialismus? 11
II.1 essentia existentia 13
II.2 Existenzialien 15
II.3 Existenz Ek-sistenz. 16
II.4 In-sistente Ek-sistenzen. 20
III. Substanz Substanzialität. 23
IV. Der innere Bezug von Anthropologie und Ontologie 26
V. Ist Heideggers Fundamentalanalyse eine Wissenschaft? 29
VI. Was ist Philosophie? 34
VII. Schlussbemerkungen. 39
Literatur - und Abkürzungsverze ichnis 42
3
I. Vorbemerkungen
„Die Sprache ist“, so Martin Heidegger (1889-1976), „das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“ 2 Hat er sich darin eine Arbeit vorgenommen, stellt er sich in alter Gepflogenheit nach logischen, also überwiegend wissenschaftlichen Gesichtspunkten eine sorgfältige Begriffsbestimmung voran, um sich in der hier thematisch vorgegebenen Sprachbehausung nicht fremd, sondern heimisch zu fühlen, um möglicher Weise bestätigen zu können, dass ihm die beigebrachte Sprache von einem gewissen Zeitpunkt an zu einem „im In-Sein fundierten Existenzial“ 3 geworden ist.
Die fundamentalen Existenzialien sind nach Heideggers Lesart „keine theoretisch-ontischen Verallgemeinerungen“, sondern bleiben jeder „ontisch-welt anschaulichen Daseinsauslegung“ 4 gewachsen, so dass die „Verallgemeinerung“ als eine „apriorisch-ontische“ 5 qualifiziert werden kann und damit unter den Begriff „transzendentale ‚Allgemeinheit’“ 6 fällt, die zumal in dem „existenzialen Begriff der Sorge zum Ausdruck“ 7 komme, wobei noch aus einiger Entfernung die Bitte Perianders aus Korinth (um 625-585) hinzugefügt werden kann: „... nimm in die Sorge das Ganze als Ganzes“. 8 Das klingt umfas send bedenklich. Erst in dunklen Zeiten wird erkennbar, ob einem ein Licht aufgehen will, oder nochmals und immer wieder mit Heidegger gesprochen: „Das Älteste des Alten kommt in unserem Denken hinter uns her und doch auf uns zu.“ 9
Es ließe sich hier schon besorgt fragen, ob Sprache und Denken objektivierend im (natur-)wissenschaftlichen Sinne seien und es gar sein müssten? Habe ich ei-
2 ÜdH, S. 5
3 SuZ, S. 54
4 SuZ, S. 200
5 SuZ, S. 199
6 SuZ, S. 199
7 SuZ, S. 200
8 HEIDEGGER / FINK: Heraklit, S. 263
9 AdD, S. 19
4
nen so berechenbaren wie kausal erklärbaren Gegenstand als Objekt vor mir, wenn es um die Existenz und Substanz des Menschen geht? Außerhalb des „naturwissenschaftlich-technischen Vorstellens“ 10 gebe es jedoch, so Heidegger, noch ein unabhängiges unmittelbares Ausdrucksvermögen: „Das eigene Wesen des Denkens und Sagens lässt sich nur einsehen in einem vorurteilsfreien Erblicken der Phänomene.“ 11
In der Philo sophie, der es oft schwer fällt, immer nur philosophisch zu sein, geht es von alters her vor allem um die Fähigkeit des Staunens: „Das Erstaunen ist die Stimmung, innerhalb derer den griechischen Philosophen das Entsprechen zum Sein des Seienden gewährt war.“ 12 Philosophisches Denken dürfte also bedeutend mehr als Logik und berechnendes Auseinandernehmen von Brosamen der Ganzheit des Seienden zum Zwecke vorsätzlich-vordergründiger Verwertungen sein; es hat folglich in inniger Verwandtschaft mit der Dichtkunst mehr mit Stimmungen und dem fortgesetzten Fragen nach dem Sinn des Seins zu tun. Sein Ergebnis ist das im Dienste des staunenden Denkens zur Sprache gebrachte, „das dem Zuspruch des Seins des Seienden entspricht“. 13
Gesetzt den Fall also, Heideggers sogenannte Existenzialontologie der Geschichtlichkeit ist weder Anthropologie noch Wissenschaft, sondern Phänomenologie, wenn sie überhaupt mit einem solchen Schlagwort aufs Kreuz zu legen wäre; dann könnte das anstehende Thema demzufolge nicht mit einer „zu einem Instrument der Meldung und der berechenbaren Information“ 14 verkürzten und verhärteten Sprache bewältigt - nein, ziviler ausgedrückt: gestalterisch entwickelt werden.
10 PuT, S. 44
11 PuT, S. 45
12 Philo, S. 26
13 Philo, S. 29
14 PuT, S. 45
5
Es ist oft nicht einfach, den archimedischen Punkt eines eingezäunten Themas zu finden, geschweige denn den eines geistvollen und damit allezeit widerspruchsvollen Menschen. Besonders dessen Denken und Fühlen, ganz abgesehen von seinem Handeln, ist einer Sedimentationsverfallenheit ausgeliefert, die folglich bei einer pluralistischen Abfassung philosophischer Begründungen den jeweiligen Sedimentationscharakter der am Gespräch oder am Streit teilnehmenden Argumentationspartner erkennen lässt.
Wer also Heideggers Denken entsprechen will, und sei man ein noch so unbedarfter Anfänger, sollte versuchen, seinem Denken selbst auf steinigen Wald -oder verwachsenen Holzwegen entgegen zu kraxeln und zu krauchen. Derjenige, ob ganz angekommen oder nicht, dürfte dann nicht mehr allzu überrascht entdecken: Das „Haus des Seins“ ist keine gemütliche Schwarzwaldhütte, sondern das gesamte Universum - ohne Trennung in Innen und Außen - das wir trotz frühwarnender Einsichten, die Heraklits (550-480) berühmten Wort zugeschrieben werden 15 , dass „alles fließt - und nichts bleibt“, festzulegen, also in Sprache zu bannen suchen, um es uns begreifbar 16 und damit auch verfügbar zu machen. Der Dichter Paul Celan (1920-1970) stellte einmal fragwürdig fest: „Alles fließt: auch dieser Gedanke, und bringt er nicht alles wieder zum Stehen?“ Jedoch der „Herrgott“ selber wollte uns vor diesem Zweifel bewahren, indem er uns aus Goethes „Prolog im Himmel“ gönnerhaft zurief: „Und was in schwankender Erscheinung schwebt, / Befestiget mit dauernden Gedanken!“ 17
Wir unvollkommenen Geschöpfe werden bei diesem „Geschäft“ immer und ringsumher an unsere Grenzen stoßen, sowohl gemäß unserer Existenz und Sub-
15 EdwardHussey weist dies als „nicht herakliteisch“ zurück, siehe: Handbuch Frühe Griechische Philosophie.
Von Thales bis zu den Sophisten, Stuttgart 2001, S. 90. K.-H. Volkmann-Schluck hingegen meint: Der Sache
nach stammt dieses Wort durchaus von Heraklit. Es fragt sich nur, was es bedeutet.“ In: Die Philosophie der
Vorsokratiker. Der Anfang der abendländischen Metaphysik, Würzburg 1992, S. 97
16 Heidegger sagte dazu: „Inbegriff, Einbegreifen, Greifen und Begreifen ist schon an sich ungriechisch. Bei He-
raklit gibt es keinen Begriff, und auch bei Aristoteles gibt es noch keinen Begriff im eigentlichen Sinne.“ In:
Heidegger / Fink: Heraklit. S. 50
17 Johann Wolfgang von GOETHE: Faust 1. Teil
6
stanz als auch des Sinns unseres Seins in jenem Dasein, das Heidegger bekanntlich und berechtigt als ein Phänomen bezeichnete und zum Ausgangspunkt der Phänomenologie und damit zugleich der Ontologie erklärte. 18 Seine existenz-philosophische Linie, die unmissverständlich ontologischen Absichten gewidmet war, hatte freilich den Menschen im Blick, ohne ihn mit gewöhnlich abgenutzten Begriffen zu erwähnen, während dennoch sein Einfluss auf daseinsanalytische Psychiater nicht unbedeutend blieb, so auf Ludwig Binswanger (1881-1966), Medard Boss 19 (1903-1990) bis hin zu Jacques-Marie Émilie Lacan (1901-1981).
Zugleich haben wir von vornherein das Selbstverständnis seines Denkens zu beachten, das ausdrücklich „nicht auf eine ontologische Grundlegung der Anthropologie“ 20 aus war, sondern auf eine „fundamentalontologische Abzweckung“ 21 zielte. Schon zuvor, im § 9 seiner Universal-Ontologie „Sein und Zeit“ schrieb er: „Die existenziale Analyse des Daseins liegt vor jeder Psychologie, Anthropologie und erst recht Bio logie.“ 22 Obwohl seiner grundlegenden Seinsforschung durchaus eine ebenso grundsätzliche Anthropologie innewohnt, verwahrte er sich j edoch gegen eine Reduktion seines Werkes auf die in Mode gekommene Lehre von der Natur des Menschen. Dessen ungeachtet hat er den Begründer der neuzeitlichen Anthropologie, Max Scheler (1874-1928), durchaus geschätzt und ihm sogar sein Werk „Kant und das Problem der Metaphysik“ gewidmet.
18 SuZ, S. 37: „Sachhaltig genommen ist die Phänomenologie die Wissenschaft vom Sein des Seienden - Onto-
logie.“
19 Michael MAYER: „Hatte Boss sich bereits in früheren Jahren mit der Daseinsanalytik Martin Heideggers
auseinandergesetzt, markierte doch erst das persönliche Zusammentreffen mit dem deutschen Philosophen 1946
einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Mit Heidegger verbanden ihn eine innige, bis zu dessen
Tod 1976 anhaltende Freundschaft und eine fruchtbare Arbeitsgemeinschaft (Zollikoner Seminare). Einig waren
beide sich in der Überzeugung, dass der technisch-naturwissenschaftliche Kausalismus prinzipiell die Dimension
des Menschen in seiner Ganzheit verfehlen müsse.“ In: Der Daseinsanalytiker. Zum 100. Geburtstag von Medard
Boss, Neue Zürcher Zeitung, (Internationale Ausgabe) 4./5. Oktober 2003, S. 36
20 SuZ, S. 200
21 SuZ, S. 200
22 SuZ, S. 45
7
Dennoch hielt ihn nichts davon ab, sich später in dem Text „Die Zeit des Weltbildes“ noch konsequenter von der Anthropologie abzusetzen, in dem er nahezu vernichtend urteilte: „Durch die Anthropologie wird der Übergang der Metaphysik in den Vorgang des bloßen Aufhörens und des Aussetzens aller Philosophie eingeleitet.“ 23 Solche Widersprüche, besonders jedoch der Widerspruch zum Untertitel der Überschrift, erzeugen vorsätzlich Spannungen, die es einfallsreich zu nutzen gilt, selbst wenn man noch nicht genau weiß: warum, wozu?
Als Eckpfeiler des vorgegebenen Fundaments sind bequem die Begriffe Existenz, Substanz, Anthropologie, Philosophie und Wissenschaft auszumachen. Soeben ist unversehens der Begriff „Begriff“ i ns Spiel gekommen; und so ginge das fort - fast ohne Ende - durch die unzähligen Varianten des Alphabets, denn ein Wort ergibt bekanntlich das andere - oder angemessener ausgesprochen: Begriffe neigen dazu, sich zu lösen und, aufgelöst in neuen Zusammenhängen, zu verselbständigen. Einem Einzelnen ist es unmöglich, alles durchzuspielen, aber es dürfte wohl im Sinne Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831) bedacht bleiben, dass die Wahrheit immer nur das Ganze sein kann. Das faktisch Unmögliche bewahrt so vor dem Größenwahn, der über ein ganzes Jahrhundert ausgefüllt hat, zugleich auch vor dem voreiligen Schluss, sich einzubilden, mit St. Marx (1818-1883) oder ohne ihn die Welt samt ihrer angeblichen Geschichtsgesetze erkennen zu können, um sie dann nicht mehr interpretieren zu wollen, sondern nur noch handfest „verändern“ zu müssen. 24 Ausgerechnet solch ein halbstarkes Postulat würde angeblich „die Völker überzeugen, dass es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel - den revolutionären Ter-rorismus“ 25 .
23 Hw, S. 92
24 Siehe 11. Feuerbach-These von Karl MARX, die übrigens noch immer widersinnig in goldenen Lettern im
Vorraum der Berliner Humboldt-Universität prangt.
25 MEW, Bd. 5, S. 457
8
Jener vom europäischen Ursprung zynisch entfremdeten „Philosophie“, die nichts mehr mit dem Ursprung des Wortes, also mit der Liebe zur Weisheit zu tun hatte und haben wollte, setzte Martin Heidegger, der in einem Brief vom März 1933 deutlich vom „Widergeist der kommunistischen Welt“ 26 schrieb, ein Zurück zur Substanz und Existenz sowie zum Seienden im Sein und sein Zurück zur Besinnung bei den Vorsokratikern entgegen, um solches ins Leere, also in die Utopie und gleic hzeitig in die Katastrophe laufende Denken zu überwinden. Was bedeutete es ihm, etwas zu überwinden? Bezogen auf René Descartes (1596-1650) schrieb er dazu: „Überwindung aber bedeutet hier ursprüngliches Fragen der Frage nach dem Sinn, d. h. nach dem Entwurfsbereich und somit nach der Wahrheit des Seins, welche Frage sich zugleich als die Frage nach dem Sein der Wahrheit enthüllt.“ 27
Obwohl er kein Aufheben davon machte, hat er den anfänglichen Pakt mit den Nationalsozialisten als Irrtum aufrichtig überwunden. Übrig bleibt: „...er war für eine kurze Weile ein politischer ‚Militanter’, wie Sartre es sein ganzes denkerisches Leben hindurch war“. 28 Die in Washington geborene Journalistin Anna Applebaum (geb. 1964) stimmt diesbezüglich völlig mit dem Heidegger-Schüler Ernst Nolte (geb. 1923) überein: „So nahm der Ruf des deutschen Philosophen Martin Heidegger schweren Schaden, weil er den Nationalsozialismus kurze Zeit offen unterstützt hatte, und dies bevor Hitler seine großen Verbrechen beging. Dagegen litt der französische Philosoph Jean-Paul Sartre überhaupt nicht darunter, dass er in der Nachkriegszeit, als jeder, der sich dafür interessierte, bereits genügend über Stalins Grausamkeiten wissen konnte, die Sowjetunion lautstark verteidigte.“ 29
26 HEIDEGGER / BLOCHMANN: Briefwechsel 1918-1969, S. 60
27 Hw, S. 92
28 Ernst NOLTE: Geschichtsdenken im 20. Jahrhundert. Von Max Weber bis Hans Jonas, S. 481
29 Anna APPLEBAUM: Der Gulag. Berlin 2003, S.13
9
Ich werde mir aus der Gegebenheit meiner Veranlagung heraus, da ich ja auch in meiner „Eigentlic hkeit“ leben möchte, die Freiheit nehmen (müssen), mich dem mir abwechslungsreich vorkommenden Thema assoziativ in essayistischer Sprachform zu nähern, so dass ich das, was mir einfällt (Heidegger: „Wir kommen nie zu Gedanken. Sie kommen zu uns.“ 30 ), erst nachträglich zu gliedern versuche, was freilich hauptberuflichen „Methodikern“ unangenehm auffallen wird. Gerechtfertigt werden soll oder kann diese Selbstbestimmung nur durch ein Denken, das in ein „Denken des Seins“ 31 zu gelangen sucht, indem es sich mit seinen Fragen und seiner Sprachmöglichkeit einfach auf den Weg macht, denn: „Der Weg ist ein Weg des Denkens“. 32 Es möchte weder durch Eitelkeit noch Anmaßung, vielmehr durch Einsicht in die eigene Begrenztheit die tastenden Schritte auf dem weiten Feld der Da-Seins-Frage nicht zu einer „Technik des Erklärens aus obersten Ursachen“ 33 herabwürdigen oder sich zu einer allzu geschäftigen, oft als professionell missverstandenen Beschäftigung mit der Philosophie aufblähen. Was dann? Es möchte mitdenken, nachdenken und wenn es hoch kommt: offen sein gegenüber dem, was da aus der heideggerschen Gewestheit als Lichtung in die heutige oder in mir wesende Dunkelheit zu dringen vermag. In der Not gäbe es sich auch damit zufrieden, sich wundern zu dürfen, wie es Worte, Wort für Wort, oftmals schaffen, Wort zu halten und selbst undeutlichen Sätzen einen Sinn zu leihen.
Die Besinnung auf jenen Bereich, auf dem sich das Seiende offenbaren könnteer steht bei Heidegger für die „neuzeitliche Philosophie der Subjektivität“ 34 -und ebenso „auf der Seite der Zerrissenheit - nämlich des Bewusstseins. Dieses Zerrissene ist durch seinen Riss offen für den Einlass des Absoluten. Für das
30 AdD, S. 11
31 ÜdH, S. 8
32 TuK, S. 5
33 ÜdH, S. 9
34 WhD, S. 52
10
Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2003, Existenz und Substanz - Heideggers Anthropologie zwischen Philosophie und Wissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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Der Existentialismus als Humanismus?
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