Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1. Fragestellung 3
1.2. Quellenlage 4
1.3. Forschungsstand 4
2. Zur inneren Struktur der Hanse 5
2.1. Das "politische System" der Hanse 5
2.1.1. Die hansische Organisationsstruktur 5
2.1.2. Privilegien und Handel 7
2.2. Voraussetzungen militärischen Vorgehens 8
2.2.1. Konfliktsituationen 8
2.2.2. Ziele und Instrumente hansischer Politik 9
2.2.3. Das Risiko des Kaufmannes 9
3. Auswärtige Konflikte 10
3.1. Handelskriege und Boykotte 10
3.1.1. Brügge und Norwegen 1280/84 10
3.1.2. Flandern 1358 11
3.1.3. Das "Boykottjahr" 1388 12
3.2. Die benachbarte Großmacht: Dänemark 13
3.2.1. Der Kampf gegen Waldemar Atterdag 13
3.2.1.1. Der Krieg von 1361/62 13
3.2.1.2. Die Kölner Konföderation 15
3.2.1.3. Der Friede zu Stralsund 17
3.2.2. Die Auseinandersetzung mit Erich v. Pommern 18
3.3. Unliebsame Konkurrenten: Die Holländer 19
3.4. Kampf um Privilegien: England 20
4. Verhandeln oder Krieg? - Ein Fazit 22
4.1. Von Stralsund nach Utrecht: Hansische Kriegszüge und ihre
Folgen 22
4.2. Die Optionen in der Phase des Niederganges 24
5. Zusammenfassung 25
Literatur 28
2
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
Dieses vielzitierte Wort Castorps, der seit 1472 Bürgermeister in Lübeck war, wird häufig als Beleg für den "Geist der Hanse" 1 herangezogen: nämlich den Krieg nach Möglichkeit zu vermeiden und statt dessen eine Verhandlungslösung zu suchen. Der Frage, inwieweit sich die Hanse in Krisensituationen tatsächlich daran hielt und zu welchen Mitteln sie zur Konfliktbeilegung griff, soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.
Ausgehend vom Veranstaltungstitel "Ängste und Risiken im Mittelalter" erfordert die Fragestellung zunächst eine grundlegende Betrachtung der inneren Struktur der Hanse sowie eine Definition der möglichen Bedrohungsszenarien (Kap.2). Im folgenden Kapitel werden Fallbeispiele aus der Hansegeschichte betrachtet. Der Schwerpunkt wird dabei auf Konflikte mit ausländischen Mächten gelegt; die Auseinandersetzungen der Städte mit ihren feudalen Stadtherren können aus Platzgründen nur gestreift werden. Während diese Beispiele aus dem Zeitraum stammen, der für E. Daenell die "Blütezeit" der Hanse darstellt 2 , soll im 4. Kapitel ein Ausblick auf die Zeit ihres Niederganges unternommen werden, wobei sich die Frage aufdrängt, welches Gewicht die beschriebenen Machtinstrumente, Vorgehensweisen und Drohgebärden zu jener Zeit noch besaßen. Schließlich soll im Kap.5 unter Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse der Frage nachgegangen werden, ob die Hanse in für sie gefährlichen Situationen einem bestimmten Verhaltensmuster folgte und zu welchen Gelegenheiten sie zu welchen Mitteln, d.h. insbesondere, wann und warum sie zu kriegerischen Mitteln griff. In bezug auf den Titel dieser Arbeit soll dabei untersucht werden, ob die Hanse vor der Wahl zwischen "Verhandeln oder Krieg" stand oder vielleicht dem Gedanken "erst verhandeln, dann (im Falle des Scheiterns) Krieg" folgte.
1 Philippe Dollinger, Die Hanse, 5.erw. Aufl. Stuttgart 1998, S.234.
2 Ernst Daenell, Die Blütezeit der deutschen Hanse, 2 Bde., 3. Aufl. Berlin/New York 2001
3
1.2. Quellenlage
Wichtigste Quelle für diese Arbeit stellen natürlich die "Hanserecesse" 3 dar, also die Niederschriften der Beschlüsse der Hansetage. Auf diesen wurde das Vorgehen der Städtegemeinschaft in bestimmten Situationen diskutiert, vereinbart und vorbereitet. Weiterhin spielen Verträge zwischen der Hanse und auswärtigen Mächten, Privilegien, Briefkorrespondenzen usw. eine zentrale Rolle. Die Nichteinhaltung von Handelsbestimmungen, der Entzug von Privilegien oder gegenseitige Schadenersatzforderungen stellten nicht selten das auslösende Moment eines Konfliktes dar. Neben den Recessen liegen auch andere schriftliche Quellen gedruckt vor, für diese Arbeit vor allem R. Sprandels Quellensammlung 4 .
In der Fachliteratur ist E. Daenells "Die Blütezeit der Deutschen Hanse" 5 ereignisgeschichtlich immer noch brauchbar, als Gesamtdarstellung "Die Hanse" von Philippe Dollinger grundlegend. Neuere Werke liegen von Heinz Stoob 6 und Rolf Hammel-Kiesow 7 vor; Klaus Friedlands "Die Hanse" 8 setzt den Schwerpunkt eher auf die inneren Zusammenhänge und die Lebensumstände der Bürger als auf die politische Geschichte. Der Textband des Ausstellungskataloges zur Hanseausstellung in Hamburg von 1989, herausgegeben von Jörgen Bracker, Volker Henn und Rainer Postel 9 enthält zahlreiche Aufsätze verschiedener Hanseforscher. Das Werk "Die Hanse" von Johannes Schildhauer, Konrad Fritze und Walter Stark 10 entstammt der marxistischen Geschichtsschreibung, genauso das Werk Fritzes mit G. Krause "Seekriege der Hanse" 11 , welches für das Thema dieser Arbeit eine zentrale Stellung einnimmt.
1.3. Forschungsstand
Die nationalistisch-machtpolitische Sichtweise der Hansegeschichte, wie sie in der Geschichtsschreibung des 19. und beginnenden 20. Jhds. vertreten worden ist, ist mittlerweile längst überholt. Auch das Standardwerk Daenells
3 Karl Koppmann (Hrsg.), Hanserecesse, 8 Bde., Leipzig 1870-97.
4 Rolf Sprandel (Hrsg.), Quellen zur Hanse-Geschichte, Darmstadt 1982.
5 s. Anm.2.
6 Heinz Stoob, Die Hanse, Graz / Wien / Köln 1995.
7 Rolf Hammel-Kiesow, Die Hanse, München 2000.
8 Klaus Friedland, Die Hanse, Stuttgart 1991.
9 J. Bracker / V. Henn / R. Postel, Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos, Lübeck 1999.
10 J. Schildhauer / K. Fritze / W. Stark, Die Hanse, Berlin 1977.
11 K. Fritze / G. Krause, Seekriege der Hanse, Berlin 1989.
4
entspricht in vielen Punkten nicht mehr dem neuesten Stand 12 . Die allgemeine Entwicklung der Geschichtswissenschaft von der traditionellen Politik- hin zu einer Sozialgeschichte erfaßte auch die Hanseforschung, was sich besonders in der Frage der "Verfassung" der Hanse und daraus folgend dem Verhältnis der hansischen "Teilbereiche" zueinander äußert 13 . Hierbei sind verschiedene neuere Forschungsansätze zu unterscheiden, die sich vor allem in den letzten zehn Jahren mit der hansischen Spätzeit auseinandersetzen; aber auch die hansische Frühzeit bis 1250 erhält erst seit kurzem die nötige Beachtung, vor allem durch die Archäologie 14 . Weiterhin spielt natürlich der seit den 90er Jahren mögliche Zugang zu den Archiven des ehemaligen "Ostblocks" eine gewichtige Rolle 15 .
2. Zur inneren Struktur der Hanse
2.1. Das "politische System" der Hanse
2.1.1. Die hansische Organisationsstruktur
Wenn in der einschlägigen Literatur wie auch in der vorliegenden Arbeit vereinfachend von "der Hanse" als historischem Handlungsträger die Rede ist, so ist dabei zu berücksichtigen, daß es sich bei der Hanse keineswegs um eine politische Einheit, vergleichbar etwa dem englischen Königreich, handelte. Die Hanse ging aus einem genossenschaftlichen Zusammenschluß norddeutscher Fernhändler, welche seit der Gründung Lübecks 1159 16 in zunehmendem Maße den Ostseehandel zwischen Rußland und Nordwesteuropa, besonders England und Flandern an sich zogen, der "universitas mercatorum Romani imperii Gotlandiam frequentantium" 17 , hervor. Bedingt durch die Gründung zahlreicher Städte an der südlichen Ostseeküste im Zuge der Ostkolonisation gelang es ihnen, ihre slawischen und skandinavischen
12 So z.B.: "Von grundlegender Bedeutung für die deutsche Hanse waren die zwei Jahrzehnte
von 1356-1377. An die Stelle der deutschen Kaufmannshanse im Auslande, die ohnmächtig
war, ihre wirtschaftliche Stellung wenn erforderlich mit dem nötigen Nachdruck zu
verteidigen, trat eine Vereinigung der niederdeutschen Städte." -Daenell, Bd.I, S.50. Ganz zu
schweigen davon, daß sich die "Kaufmannshanse" als keineswegs "ohnmächtig" erwiesen hat
(etwa in Norwegen 1285), wird die Herausbildung der "Städtehanse" früher angesetzt. Vgl.
Schildhauer / Fritze / Stark, S.75ff.
13 Hammel-Kiesow, S.15
14 Stoob, S.15.
15 Ebd., S.20.
16 Genauer: dem Wiederaufbau Lübecks durch Heinrich dem Löwen, vgl. Hammel-Kiesow,
S.30.
17 Ebd., S.49.
5
Konkurrenten aus diesem Verkehr zu verdrängen - dies ging so weit, daß die Wirtschaft und die Versorgung ganzer Regionen und Länder wie z.B. Norwegens völlig von den Hansekaufleuten abhing 18 . Über die "Einung" verschiedenartiger Organisationsformen dieser Kaufleute - Fahrtgemeinschaften, Gilden in den Heimatstädten und Zusammenschlüsse in den ausländischen Handelsplätzen - entwickelte sich "ganz von selbst auch eine Einung ihrer Heimatstädte" 19 , welche ab dem ausgehenden 13. Jahrhundert zunehmend zur Vertretung der Handelsinteressen ihrer Kaufleute in Erscheinung trat 20 . Der Begriff "Deutsche Hanse" ist erstmals im Jahre 1282 in London überliefert und setzte sich nur allmählich durch 21 .
Eine der charakteristischsten Eigenschaften der Hanse war ihre "Nicht-Organisation". Zu keiner Zeit gab es eine Satzung, einen festen Verwaltungsapparat oder auch nur eine Mitgliedsliste. Die meisten der bedeutenderen Hansestädte gehörten "einfach dazu"; nur vereinzelt, wie etwa bei der Wiederaufnahme verhanster Mitglieder wie Bremen 1358 und Köln 1474 oder der Aufnahme einiger niederländischer Städte im 15. Jhd., läßt sich ein genaues Beitrittsjahr feststellen 22 . Erst im späten 16. Jhd. wurde damit begonnen, feste "Mitgliedsbeiträge" zu erheben, und erst der 1556 berufene Syndicus Heinrich Sudermann kann als der erste eigentliche Angestellte der Hanse bezeichnet werden 23 . Die hansische Organisationsstruktur beschränkte sich auf die Einteilung der Städte in Drittel: das wendisch-sächsische, das rheinisch-preußische sowie das gotländisch-livländische 24 . An der Gruppierung des zweiten Drittels läßt sich ablesen, daß es sich hierbei um keine geographische als vielmehr um eine wirtschaftspolitische Einstufung zu handeln schien.
Das wichtigste beschlußfassende Organ war der Hansetag, welcher in unregelmäßigen Abständen einberufen wurde und im Verlauf des 15. Jhds. zusehends seltener stattfand und niemals von den Ratssendeboten aller Städte beschickt worden war 25 . Die Teilnahme an diesen Hansetagen war zum Teil so gering, daß 1430 eine Geldbuße für "unentschuldigtes Fehlen" eingeführt wurde, denn häufig waren auf den Tagen nicht einmal Vertreter
18 Ahasver v. Brandt, Die Hanse und die nordischen Mächte im Mittelalter, Köln 1962, S.14f.
19 E. Pitz, zit. n. Hammel-Kiesow, S.51.
20 Schildhauer/Fritze/Stark, S.75ff.
21 Friedland, S.126f.
22 Bracker, S.78.
23 Hammel-Kiesow, S.114.
24 Dollinger, S.129.
6
aller Drittel zugegen 26 . Besonders hierbei zeigt sich die Vormachtstellung Lübecks, welches nicht nur der am häufigsten frequentierte Versammlungsort war, sondern dessen Rat in der Regel die Tage einberief und, gemeinsam mit den anderen wendischen Städten, offiziell ab 1418 die Interessen der Gesamthanse zwischen den Tagen vertrat 27 . Dem Ausland gegenüber legte die Hanse einigen Wert darauf, auch nicht als feste Organisation zu gelten, wie aus einem Schreiben von 1469 an den englischen Kronrat zu ersehen ist 28 , um eine kollektive Haftbarmachung der Hanse abzuwehren.
Aus dieser Form des lockeren Zusammenschlusses ergibt sich, daß die "Gesamt-Hanse" als politische Einheit kaum in Aktion treten konnte. Zu verschieden waren die partikularen Interessen der einzelnen Mitglieder; und nur allzu häufig wurden diese über das Interesse der Gemeinschaft gestellt, wie im dritten Kapitel an diversen Ereignissen nachzuweisen sein wird.
2.1.2. Privilegien und Handel
Das Fundament für den im 13. und 14. Jhd. stetig wachsenden hansischen Auslandshandel waren die von den jeweiligen Herrschern, in der Regel gegen Bezahlung, erteilten Privilegien. Diese beinhalteten verschiedene rechtliche Garantien. Als Beispiele seien genannt:
• Die Befreiung von bestimmten Abgaben sowie der Erhebung neuer.
• Die Aufhebung des sog. "Strandrechtes", d.h. die Hilfeleistung bei der Bergung gestrandeten hansischen Gutes.
• Das Zugeständnis der eigenen Gerichtsbarkeit und der Schutz von Personen und Gütern. 29 Insbesondere diese Rechtssicherheit, die den Kaufmann vor willkürlicher Verhaftung oder Beschlagnahmung seiner Waren schützen sollte, spielte eine zentrale Rolle in verschiedenen Konflikten, da sich daraus häufig Schadenersatzforderungen ergaben. Dazu gab es noch verschiedene weitere verbriefte Rechte wie etwa Geleitschutz, freie Niederlassung, Direkthandel mit Produzenten und anderen Ausländern usw.
Diese Privilegien waren zunächst für die einzelnen Hansestädte, die am jeweiligen Ort Handel trieben, separat ausgestellt; ab 1343 jedoch zunehmend
25 Dollinger, S.125.
26 Ebd. Mitte und Ende des 16. Jhds. fanden zeitweise wieder häufiger Hansetage statt, was mit
den Reorganisationsbemühungen der Hanse zu jener Zeit zusammenhing. Ebd., S.433.
27 Ebd., S.534.
28 vgl. ebd., S.548ff.
29 Ebd., S.247f.
7
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Maik Nolte, 2003, Verhandeln oder Krieg? Hansische Einstellungen, München, GRIN Verlag GmbH
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