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I. Einleitung
Alexander der Große - ein Mann, der es genoss, sich vergöttern zu lassen. Doch was war es, was ihn dazu bewegte, sich als Abgott oder gar als Gott verehren zu lassen? War es politische Berechnung, hervorgerufen durch den Willen zur uneingeschränkten Macht, die ihn dazu trieb, dem Rest der Welt glauben machen zu wollen, er wäre heroischer oder göttlicher Abstammung? Oder war er selbst davon überzeugt, ein Gott zu sein? Hierbei handelt es sich um Fragen zur Persönlichkeit Alexanders, eines Menschen, der die halbe (damals bekannte) Welt in zwölf Jahren erobert hat. War er ein Mensch eiskalter B erechnung oder heißblütigen Glaubens?
Zur Untersuchung dieser Aspekte sind zunächst die Quellen antiker Geschichtsschreiber h eranzuziehen. Welche Hinweise geben sie zur Erörterung der Frage? Arrian, Plutarch, Curtius, Strabo und Athenaeus stellen hierbei die verwendeten Texte zur Beantwortung. Parallel zur Analyse der Quellen erfolgt die Untersuchung der Forschungsliteratur: Wie wird die Frage der Vergöttlichung Alexanders durch Wissenschaftler der Moderne bewertet? In der Forschungsliteratur stellt dieses Problem eine viel behandelte Thematik dar. Der For-schungsstand umfasst im wesentlichen zwei unterschiedlichen Auffassungen. Wolfgang Will, William Tarn und Helmut Berve vertreten die These der politischen Berechnung. Vor diesem Hintergrund sei jedes Handeln Alexanders auf das Interesse zurückzuführen, seine Macht mit höchstmöglicher Effizienz zu sichern.
Hans-Joachim Gehrke, Fritz Schachermayr und vor allem A. B. Bosworth sind im Gegensatz dazu Vertreter der Theorie, dass Alexander der Große in der Tat daran glaubte, von göttlicher Abstammung bzw. ein Gott zu sein.
Die vorliegende Arbeit ist chronologisch aufgebaut. Behandelt werden die wichtigen Ereignisse in der Herrschaft Alexanders, die ein Nachdenken über die Vergöttlichung dieses Mannes forcieren: familiäre Bedingungen in der Kindheit, der Zug zum Orakel des Ammon, der Versuch der Einführung der Proskynese, die Gleichsetzung mit dem Gott Dionysos und Ale- xanders Vorhaben, Eroberungen über den Indus hinaus zu tätigen.
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II. Hauptteil
1. Die literarischen Quellen
Bei der Bearbeitung der literarischen Quellen ist festzustellen, dass sich die antiken G eschichtsschreiber durchaus unterscheiden in Bezug auf den Grad der Wertschätzung gegenüber Alexander. Diesbezüglich gehe ich an dieser Stelle kurz auf die wichtigsten Quellen A-lexander den Großen betreffend ein:
Die Texte des Arrian, der Alexanderzug und die Indische Geschichte, bilden eine nüchterne Darstellung der Ereignisse. Arrian ist Alexander gegenüber hierbei positiv eingestellt 1 . Ein ebenfalls günstiges Alexanderbild bietet Plutarch. Interessant ist hierbei seine Einleitung der Alexander-Biografie, in der er sagt, er würde nicht Geschichte schreiben, sondern L ebensbilder zeichnen 2 . Die gesamte Biografie ist mit positiven Attributen gespickt. Im Gegensatz zur Darstellung Arrians sind die Schriften des Curtius angereichert mit zahlreichen Wertungen zu Person und Charakter Alexanders, welche zudem eine negative Einstellung gegenüber dem König offenlegen 3 .
Diodor, dessen Texte in der vorliegenden Proseminararbeit keine Verwendung finden, wird in Bezug auf seine Glaubwürdigkeit von zeitgenössischen Geschichtswissenschaftlern nur g ering geschätzt, da er lediglich Auszüge aus den wiederum von ihm verwendeten Quellen z usammengestellt habe 4 . Diese Zusammenstellungen finden Niederschlag in einer von ihm verfaßten Universalgeschichte, 40 Bücher umfassend. Das 17. Buch dieser „Bibliothéke historiké“ beschreibt die Regierungszeit Alexanders und dessen Zug durch Asien. Von den meisten Forschern wird die These vertreten, dass die Schriften d es Kleitarch als Quelle Diodors fungierten. Zwar bezweifeln einige Historiker, wie beispielsweise Tarn und Kaerst, dass dies die einzige Quelle Diodors darstellte, jedoch bekennen sich alle Geschichtswissenschaftler zu Kleitarch als eine wesentliche Quelle. Eine Beurteilung des Alexander erfolgt deshalb nicht durch Diodor selbst, sondern vielmehr durch Kleitarch und gegebenenfalls anderen Geschichtsschreibern der Antike, sofern Diodor sie als Quelle verwandte. Kleitarch berichtet über Alexander als einen verächtlichen Tyrannen, stellt also ein ungünstiges Alexanderbild dar 5 .
1 Vgl. Seibert 1990, S. 38.
2 Vgl. Plut., Alex., 1.
3 Im Rahmen der Quellenanalyse werde ich mit Hilfe eines Beispiels näher darauf eingehen.
4 Vgl. Seibert 1990, S. 25.
5 Vgl. Seibert 1990, S. 27-28.
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2. Die Grundsteinlegung für Alexanders Selbstwahrnehmung
Alexanders Zug zum Orakel des Gottes Ammon im Jahre 331 v. Chr. stellt ein wesentliches Ereignis in Bezug auf die Frage, ob er tatsächlich daran glaubte, ein Gott gewesen zu sein, dar. Arrian berichtet, dass der Besuch des Orakels ein sehnlicher Wunsch Alexanders gewesen sei, und zwar aus dem Grunde, dass Perseus und Herakles ebenfalls dort gewesen seien. Alexander hätte also den Ehrgeiz gehabt, es ihnen gleich zu tun 6 . Demzufolge handelte es sich um ein Nacheifern von Vorbildern. Herakles galt als der Stammvater der makedonischen Königsfamilie. Auf diese Weise ist Alexander in einer Tradition der Heraklesverehrung aufgewachsen 7 . V or diesem Hintergrund erscheint es wahrscheinlich, dass bereits in seiner Kindheit die ersten Weichen für einen Glauben an sich selbst als einen Gott gestellt worden waren. Insofern kann man davon auszugehen, dass Alexander fest daran glaubte, heroische Vorfahren zu haben 8 .
Ursprünglich wurde jedoch zwischen einem heroischen Status und einem göttlichen klar u nterschieden. Ein Gott hatte im griechischen Bewußtsein der Zeit vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. das „Privileg“ der Unsterblichkeit, während die Sterblichkeit des Menschen nicht angezweifelt wurde. Der Heldenkult stellte hierbei die Mitte dar. Helden wie Herakles waren übermenschlich und somit Halbgötter. Eine untrennbare Verbindung zum Menschlichsein war hierbei jedoch immer gegeben: Ein Mensch konnte den Status eines Helden erlangen, und der Heldenkult war das höchste, was er erreichen konnte. Der Status eines Gottes aber blieb unerreichbar 9 .
Eine neue Denkungsart entwickelte sich jedoch, als Philipp II. im Jahre 355 v. Chr. König von Makedonien wurde. E in Herrscher wurde nun als „abgehoben“ angesehen, als ein Gott unter Menschen 10 .
Alexander glaubte also fest an seinen heroischen Status, wobei im besonderen während der ersten Jahre des Asienfeldzugs die Betonung dieser heroischen Abstammung im Vordergrund stand 11 . Der Zug zum Ammonorakel ist diesbezüglich als ein Einschnitt in das Denken Ale-xanders zu betrachten. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass das Heer durchaus von
6 Vgl. Arr. 3, 3-4.
7 Vgl. Schachermayr 1973, S. 408; Schachermayr räumt hier ein, dass Alexander glaubte, ein zweiter Herakles
zu sein, ihn sogar als älteren Bruder verehrte.
8 Vgl. Bosworth 1995, S. 281; Bosworth vertritt die These, dass Alexander fest an seine heroischen Vorfahren
glaubte und dass es durchaus sein Ziel war, in deren Fußstapfen zu treten.
9 Vgl. Bosworth 1995, S. 280.
10 Vgl. Tarn 1968, S. 83; Tarn räumt hier ein, Aristoteles hätte gesagt, er habe keinen Ebenbürtigen, und außer-
dem behauptet, der Weltherrscher würde ein Gott unter Menschen sein. Damit hätte er Alexander gemeint.
11 Vgl. Bosworth 1995, S 281.
Arbeit zitieren:
Katrin Eichhorn, 2001, Die Vergöttlichung Alexanders des Großen. Mittel zur Macht oder Glaube an die eigene Göttlichkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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