Am 20.9.1870 wurde die „Heilige Stadt“ Rom von italienischen Soldaten besetzt und zur Hauptstadt des Königreichs Italien erklärt. Dies war das Ende des Kirchenstaates 1 , dessen über tausendjährige Geschichte von Eroberungskriegen geprägt war. Der lange Kampf der Päpste um einen ausschließlich durch päpstliche Souveränität beherrschtes und von außen unangetastetes Gebiet fand am 11.2.1929 seinen Abschluss. Der Staat der Vatikanstadt (Stato della Città del Vaticano) wurde geschaffen. Dieses souveräne Völkerrechtssubjekt 2 ist das Ergebnis aus der Existenz des Kirchenstaates, dessen Wurzeln weit zurückreichen und dessen wahre Erschaffung im Jahre 1198 mit dem Pontifikat des 177. Papstes Innozenz III. begann. Anhand von Quellen aus dem Thronstreitregister Innozenz‘ III., das er speziell für diese politische Situation anlegen ließ, sowie aktueller Forschungsliteratur werde ich diesen Sachverhalt in vorliegender Arbeit erläutern. Die hier verwandte kritische Edition des Thronstreitregisters stammt von Friedrich Kempf (Regestum Innocentii III papae super negotio Romani imperii). Nach einigen Worten zur Person Innozenz‘ III. werde ich einen kurzen Überblick über die Geschichte des Kirchenstaates bis zum 12. Jahrhundert geben und die politische Ausgangssituation der Problematik erläutern. Dem folgt die Quellenanalyse, aus der sich das E rgebnis ableitet. Der Schluss wird den Bogen zum Begriff Europa schlagen.
1
Vgl. Frenz, TRE 19 S. 92: Bezeichnung für diejenigen Gebiete in von der Mitte des 8 Jh. bis 1870 der weltlichen Herrschaft des Papstes unterworfen waren bzw. vom diesem beansprucht wurden. In Italien erstreckte sich der Kirchenstaat als geschlossenes Gebiet vom tyrrhenischen Meer bis zur Adria. Er beinhaltete die fünf Regionen Romagna, Marken, Umbrien, Patrimonium Petri in Tuscia und der römischen Campania.
2 Vgl. Gatz, EKL 4 Sp. 1099.
1. Lothar von Segni
Lothar, Sohn des Grafen von Segni, wurde um 1160 bei Anagni geboren. Nach seinen Studien in Bologna und Paris war Lothar philosophisch-theologisch und in den Rechten hervorragend gebildet und mit staatsmännischen Anlagen ausgestattet. Im Jahre 1190 erlangte er die Kardinalswürde von San Sergio. Unmittelbar nach dem Tode des Papstes Cölestin III. (8.1.1198) wählten die Kardinäle Lothar, ihr jüngstes Mitglied, einstimmig zum Papst. Am 22.2. (Fest Petri Stuhlfeier) desselben Jahres wurde Lothar als Innozenz III. geweiht und gekrönt. Nach einem achtzehn Jahre dauernden Pontifikat starb Innozenz III. am 16.7.1216 in Perugia und wurde in der bischöflichen Kirche San Lorenzo beigesetzt 3 .
2. Der Kirchenstaat ab 754 bis zu Papst Innozenz III.
Eine Verbindung des Papsttums mit der neuen fränkischen Dynastie der Karolinger ermöglichte die Unterwerfung der Langobarden unter die fränkische Herrschaft. Pippin der Jüngere und Karl der Große bezwangen sie in drei Kriegen (754, 756 und 774/5). Pippin hatte dem Papst die Bewahrung und die Rückgabe des Dukats von Rom, des Exarchats von Ravenna, Istrien und Venetien, Korsika und der Herzogtümer Spoleto und Benevent zugesagt (diese Pippinische Schenkung ist nicht ganz erfüllt worden: Istrien und Venetien hatten dem Kirchenstaat nie angehört). Im Jahre 800 wurde Karl der Große zum Kaiser gekrönt und der Kirchenstaat dadurch in das karolingische Reich eingegliedert, behielt aber weitgehend Autonomie. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts r eduzierte sich der Kirchenstaat wieder auf den Dukat von Rom, der aber von Laien beherrscht wurde. Das Papsttum geriet in deren Abhängigkeit 4 . Während des 12. Jahrhunderts befand sich der Kirchenstaat faktisch in der Hand der Kaiser 5 . Als Innozenz III. Anfang des 13. Jahrhunderts den Stuhl Petri bestieg, begann er, die G eschichte eines unabhängigen Staates der Kurie zu schreiben.
3 Vgl. Schwaiger, TRE 16 S. 176 u. Fichtinger S. 175/176.
4 Vgl. Frenz, TRE 19 S. 93.
5 Vgl. Frenz, TRE 19 S. 94.
4
3. Der Tod Heinrichs VI. als Ausgangspunkt
Alle Handlungen politischer Art Innozenz‘ III. waren auf dessen Bestreben zurückzuführen, die päpstliche Gewalt niemals abhängig von der weltlichen Gewalt werden zu lassen. Eine besondere Rolle innerhalb dieses Bestrebens spielte die Rekuparationspolitik 6 sowie die Thronstreitpolitik des Papstes:
Den Ausgangspunkt der Gesamtbetrachtung b ildet der Tod des Stauferkönigs Heinrichs VI.. Nachdem der König im Jahre 1197 starb, geriet das Reich in eine Krise. Die staufischdeutsche Herrschaft in Italien und Sizilien brach zusammen und in Deutschland lösten die Ereignisse den deutschen Thronstreit aus 7 .
Hierbei wurde der bereits zum Nachfolger gewählte Sohn Heinrichs, Friedrich II, beiseite geschoben und die Konfliktparteien der Staufer und Welfen wählten im Jahre 1198 ihren jeweils eigenen neuen König. Der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe Otto IV standen sich gegenüber 8 . Papst Innozenz III. befand sich unterdessen in der Rolle des Regenten Siziliens, zu dem er von Konstanze, der Witwe Heinrichs VI., bestimmt worden war 9 Zu diesem Zeitpunkt begann das konsequente, in die Politik eingreifende Handeln des Papstes, das die Wurzel des Kirchenstaates darstellte.
4. Quellenanalyse zur Rekuperationspolitik und Thronstreitpolitik Innozenz‘ III.
Innozenz nutzte die Regentschaft über Sizilien, um die Machtverhältnisse zu seinem Gunsten zu gestalten. Dies bedeutete für ihn, die Möglichkeit einer Personalunion zwischen dem Königreich Sizilien und dem deutschen Kaisertum für immer zu unterbinden 10 . Hierbei zeigte sich deutlich der Wille Innozenz‘ III., das Papsttum nicht in die Abhängigkeit weltlicher Macht geraten zu lassen. Hierzu sollte auch die Erweiterung einer territorialen Machtbasis in Mittelitalien erfolgen 11 .
Das Kalkül des Papstes zeigte sich besonders in seinen Entscheidungen und Handlungen währen des deutschen Thronstreites:
6 Bezeichnung der neueren Ge schichtsschreibung für die päpstlichen Bestrebungen nach der Rückerwerbung der betreffenden Gebiete in Mittelitalien.
7 Vgl. Boshof, in: Frenz S. 52.
8 Vgl. Frenz, in: Frenz S. 16.
9 Vgl. Schulze S. 212.
10 Vgl. Andresen, Ritter S. 163.
11 Vgl. Boshof, in: Frenz S. 53.
Arbeit zitieren:
Katrin Eichhorn, 2002, Der Beitrag des Papstes Innozenz III. zur Gestaltung Europas. Innozenz III. - Schöpfer des Kirchenstaates und Wurzel des Stato della Città del Vaticano., München, GRIN Verlag GmbH
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