Gliederung:
1. Einleitung 3
2. Antisemitismus in Rußland vor 1914 4
3. Entwicklung des Judentums vom Ersten Weltkrieg bis zum
Tod Lenins - 1914 bis 1924 7
4. Die Entwicklung unter Stalin
4.1. Emanzipation und Terror unter Stalin - 1924 bis 1948 S.10
4.2. „Die Schwarzen Jahre“ - 1948 bis 1953 S.13
5. Fazit S.15
6. Literaturverzeichnis S.17
2
1. Einleitung
In der modernen Historiographie, speziell in der russischen, liegt in den letzten Jahren das Hauptaugenmerk auf der Regierungszeit Stalins. Als Ursache dafür kann man die seit über 10 Jahren stattfindende Aufarbeitung der eigenen Geschichte ansehen und somit die Untersuchung der Verbrechen die unter Stalin verübt wurden sind. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR sind zahlreiche Dokumente zugänglich geworden, die dieses Kapitel der Geschichte der Sowjetunion um viele Facetten ergänzen. Man kann diese Forschung mit der Nationalsozialismusforschung in Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, vergleichen. Zunehmend spielt bei den Untersuchungen der Herrschaft Stalins auch die Ant isemitismusforschung eine wichtige aber leider weiterhin untergeordnete Rolle. Daher soll die vorliegende Arbeit sich dem Antisemitismus in der UdSSR bis 1953, dem Todesjahr Stalins, widmen und unter der Kernfrage stehen, welche Formen des Antisemitismus in der Sowjetunion bis 1953 zu finden waren. Mögliche Ursachen bzw. Hintergründe des Antisemitismus sollen desweiteren hinterfragt werden. Letztendlich soll untersucht werden, wie sehr die Politik in der Sowjetunion diesen Antisemitismus beeinflußte, ja sogar schürte.
Um dieser Kernfrage nachzugehen, sollen ausgewählte Beispiele von antisemitischen Übergriffen bzw. antisemitischen Tendenzen unter Berücksichtigung des historischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergrundes untersucht werden. Der Aufbau dieser Arbeit erfolgte bewußt nach einem chronologischen Schema, um Kontinuitätslinien bzw. -brüche, im Bezug auf den Antisemitismus, besser zu veranschaulichen. Die Untersuchung beginnt mit einer Betrachtung der Entwicklung des Judentums im Zarenreich, um die Situation zu verdeutlichen, in der sich die Juden zur Zeit der Gründung der Sowjetunion befanden. Außerdem sind hier die Grundlagen eines verbreiteten Antisemitismus zu suchen, der in den Köpfen der Menschen, die in der UdSSR lebten, weiterhin zu finden war. Bezüglich der Regierungszeit Stalins sei angemerkt, daß in der Historiographie Stalin oft mehr Kontinuität zum Zarenreich, als zur Revolution von 1917 nachgesagt wird. Worauf an einer späteren Stelle eingegangen werden soll. Desweiteren folgt eine Betrachtung der Situation der Juden im Ersten Weltkrieg und in der Revolutionszeit bis zu Lenins Tod, dessen Nachfolge Stalin antrat. An dieser Stelle soll dargelegt werden, welche Veränderungen für die Juden die Revolution und der Bürgerkrieg mit sich brachten und in welchen Formen Antisemitismus anzutreffen war.
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Die Untersuchung von Stalins Regierungszeit, die sich daran anschließt ist bewußt in zwei Teile untergliedert. Denn in den sogenannten „schwarzen Jahren“ der Herrschaft Stalins unterschied sich der vorherrschende Antisemitismus sehr stark vom Antisemitismus, der in den Vorkriegs- bzw. Kriegsjahren anzutreffen war. Dieser offensichtliche Wandel in Stalins Politik gegenüber den Juden soll vor allem im letzten Kapitel hinterfragt werden. Wie vorher bereits erwähnt wurde, ist mit dem Zusammenbruch der UdSSR die Zahl der Darstellungen, die sich mit dem Terror unter Stalin beschäftigen stark angestiegen. Jedoch ist das Fehlen eines Werkes, das sich ausführlich mit dem Antisemitismus in der UdSSR bis zu Stalins Tod beschäftigt, zu bemängeln. Entweder liefern die Darstellungen nur Einblicke in bestimmte Phasen des Antisemitismus in der UdSSR, oder in ihnen wird der antisemitische Aspekt der russischen bzw. sowjetischen Politik nur als nebensächlich betrachtet.
2. Antisemitismus in Rußland vor 1917
Bis zur ersten Teilung Polens, im Jahre 1772, der noch drei weitere folgen sollten, war die Anzahl der Juden auf russischem Territorium verschwindend gering. Daher hatten die meisten Einwohner dieses Landes keine Erfahrungen mit Juden gesammelt. Antisemitische Tendenzen innerhalb der Bevölkerung vor dieser Zeit sind der Literatur nicht zu entnehmen. Somit stand das Zarenreich seit 1772 vor der großen Herausforderung, die Juden, deren Anteil an der russischen Bevölkerung sich mit der Okkupation des polnischen Gebietes stark erhöhte 1 , in die eigene Bevölkerung möglichst reibungslos zu integrieren. Als problematisch erwies sich dabei die Tatsache, daß die sozio- ökonomische Struktur der Juden, die weitestgehend im Handel und im Handwerk beschäftigt waren, schwer in die sozioökonomische Struktur Rußlands zu integrieren war. Denn im Zarenreich lag der wirtschaftliche Schwerpunkt im Bereich der Landwirtschaft. Der Bereich des Handels war fast ausschließlich dem Adel vorbehalten. 2 Es gab kein aufstrebendes Bürgertum in Rußland, wie in anderen europäischen Staaten, in das die Juden hätten integriert werden können. Somit war auch nicht die Möglichkeit einer ähnlichen Emanzipation der Juden, wie sie vor allem in den westeuropäischen Gesellschaften im 19.Jahrhundert anzutreffen war, gegeben. 1772 erließ die Zarin Katharina II. ein Manifest, das die Gleichstellung der Juden beinhaltete. Der Besitz der Juden und ihre Religion blieben unangetastet. Das Ziel der Politik Katharinas II. war die zunehmende Integration der Juden in das russische Ständegefüge, um
1
Ab diesem Zeitpunkt bildeten die russischen Juden die größte jüdische Gemeinschaft der Welt.
2 Vgl. Kappeler, Andreas: Rußland als Vie lvölkerreich. Entstehung - Geschichte - Zerfall, München 2001,
S.82ff.
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mit ihrem wirtschaftlichen Potential die Modernisierung des Reiches zu beschleunigen. 3 Die Politik der Zarin zielte also darauf ab, die Juden langfristig zu assimilieren, ohne ihre Religion und Kultur zu unterdrücken, und sie nicht auszugrenzen. Hierin lag eine große Chance, mögliche antisemitische Vorurteile abzubauen.
Es kam aber anders. Denn mit der Okkupation des polnischen Territoriums wurden auch polnische antijüdische Vorurteile, die sich im Laufe von Jahrhunderten in Polen bildeten, von der russischen Gesellschaft übernommen. Besonders große Ressentiments gegenüber den Juden hatten die Moskauer Kaufleute, die in den Juden eine neue und gefährliche Konkurrenz sahen. Auf deren Petition ging auch das sogenannte Ansiedlungsrayon von 1804 zurück, das erst nach der Februarrevolution von 1917 abgeschafft wurde. Es besagte, daß die Juden sich nicht außerhalb eines Territoriums ansiedeln durften, welches aus den ehemaligen polnischen Gebieten, der linksufrigen Ukraine und Neurußland bestand. 4 Bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts verschärften sich diese antisemitischen Tendenzen. Sie waren jedoch nicht rassistisch, sondern vor allem wirtschaftlich und religiös motiviert. Eine ganz neue und grausame Qualität bekam der russische Antisemitismus in den Jahren zwischen 1881 und 1906. Diese Phase der Geschichte der russischen Juden kann man als die Zeit der Pogrome bezeichnen. Das russische Wort Pogrom, das Gewitter bedeutet, wurde zum ersten mal im Jahr 1871 verwendet, als die in Odessa lebenden Juden Opfer eines Übergriffes der griechischen Minderheit wurden. 5 In diesen Jahren entlud sich, wie ein Gewitter, der Antisemitismus der Russen in blutigen Ausschreitungen mit unzähligen Todesopfern. Bei der Suche nach den Gründen für diese Pogrome muß zwischen zwei Phasen dieser Pogromwellen unterschieden werden.
Die erste Pogromwelle, etwa 250 Pogrome, ereignete sich zwischen 1881 und 1884. Als deren Auslöser gilt die Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahre 1881, welche das Resultat einer vermeintlichen jüdischen Verschwörung, die der Bevölkerung in einer antisemitischen Kampagne vorgetäuscht wurde, gewesen sei. Die Ursachen dieses verbreiteten Antisemitismus auf einen Faktor zu reduzieren ist sicherlich verkehrt. Ein wichtiger Faktor war die Tatsache, daß der exklusive Nationalismus im Europa und auch im Rußland des 19.Jahrhunderts, vor allem ab den 1870er Jahren, einen verstärkten Fremdenhaß und somit auch Antisemitismus mit sich brachte. 6 Iris Boysen führt als weitere Ursache für die Pogrome
3 Vgl. Ebd., S.84.
4 Vgl. Boysen, Iris: Die revisionistische Historiographie zu den russischen Judenpogromen von 1881 bis 1906,
in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Jg.8(1999), S.14.
5 Vgl. Bartal, Israel: Staatlicher Antisemitismus in Osteuropa, in: Stern, Frank(Hrsg.):Universalgeschichte der
Juden. Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart, Wien 1993, S.190f.
6 Vgl. Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus, München 2002, S.59ff.
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Christopher Müller, 2003, Antisemitismus in der UdSSR bis 1953, München, GRIN Verlag GmbH
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