1. Einleitung
„Parzivals Lebensgang ist ein E r z i e h u n g s r o m a n. Er wird durchs
Leben erzogen. In seiner Umwelt findet der weltunerfahrene Tor seine ersten
Lehrmeister. Das Wohlgemeinteste, wenn auch nicht das Klügste, gibt ihm
seine Mutter mit auf den Weg. [...] Mit psychologischer Folgerichtigkeit
verläuft diese geistige Bildungsgeschichte und sie hat ihren natürlichen Boden
in den Grundbedingungen der menschlichen Geistesformung, denn diese
erziehende Lebensgestaltung wird getragen und ermöglicht durch die
angeborene Natur.“ 1
Dieses Zitat Gustav Ehrismanns spiegelt die Problematik wider, mit der sich die vorliegende Arbeit zu befassen versucht: Wenn die Erziehung die grundlegende Weichenstellung im Leben eines Menschen ist, die durch natürliche Anlagen ergänzt und in besonderem Maße ermöglicht wird, muss der Erzieher einen großen Anteil an dem haben, was aus dem erzogenen Menschen im Laufe seines Lebens wird. Konkret heißt das: Herzeloyde hat großen Anteil an Parzivals Werdegang, da sie ihn von klein auf erzogen hat. Das Problem: In der Forschung bekommt die weltferne Erziehung Parzivals in der „waste ze Soltâne“ ein eher negatives Prädikat 2 , das im Text Wolfram´s durch Aussagen wie: „der knappe alsus verborgen wart/ zer waste in Soltâne erzogn,/ an küneclicher fuore betrogn“ 3 gestützt wird; denn betrogen wird niemand gerne, um was auch immer es gehen mag. Joachim Bumke sagt hierzu kurz und knapp: „Pädagogisch macht Herzeloyde alles falsch[...]“ 4 .
Diese Arbeit will die Frage beleuchten, ob Herzeloydes Erziehungsansatz wirklich so negativ zu beurteilen ist oder ob nicht im Nachhinein etwas Gutes an ihrer Methode zu finden ist, denn schließlich wird Parzival am Ende des Buches zu einem wahrhaft tugendreichen Menschen. Wäre es nicht möglich, dass Herzeloydes Erziehung indirekt oder direkt positiv dazu beigetragen hat,
1 Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. (Im
Folgenden zitiert als: Ehrismann) S.259
2 Vgl. Bumke, Joachim: Die Blutstropfen im Schnee. (Im Folgenden zitiert als: Bumke 2001) S. 78
Er sagt:„Was Herzeloyde ihrem Sohn antut, indem sie alles Wissen und alles Verständnis von ihm
fernhält,...“.
3 Wolfram von Eschenbach: Parzival. 117,30 - 118,2. (Im Folgenden zitiert als: Wolfram)
4 Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. S.43 (Im Folgenden zitiert als: Bumke1997)
2
dass Parzival sich so entwickelt? Kurt Ruh liefert dazu bereits einen Denkanstoss, denn er sieht Parzivals unkonventionelle Erziehung als eine „Chance ohnegleichen, Gewähr für Außerordentliches in einem Offensein, das alles vermag.“ 5
Um sich mit diesem Thema zu beschäftigen, soll zunächst ein Überblick über die pädagogische Kindheitsauffassung des Mittelalters gegeben werden, um im Anschluss daran Parzivals Erziehung damit zu vergleichen. Danach folgt ein Exkurs zu Jean-Jacques Rousseau, der mit seinem Buch „Emilé oder Über die Erziehung“ großes Aufsehen erregte - mit einem Konzept, das dem Herzeloydes gar nicht so unähnlich zu sein scheint und dabei hilft, ihr Handeln einmal anders zu deuten, wenn sich auch die Motivation Rousseaus deutlich von der Herzeloydes unterscheidet.
Parzivals Erziehung hat, einmal abgesehen von vi elen Arbeiten zu seiner „tumpheit“ und der Frage nach seiner vermeintlichen Schuld, anscheinend kein allzu großes Interesse in der Forschung gefunden, da es sehr wenige Werke gibt, die sich explizit damit befassen. Die wenigen Werke, die sich als hilfreich im Hinblick auf die Fragestellung erwiesen, waren nur für einen kurzen Zeitraum zugänglich bzw. gar nicht zu bekommen. Die Literatursammlung hat sich in diesem Punkt daher als schwierig erwiesen, so dass vielfach die Primärliteratur an erster Stelle zitiert wird.
5 Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. S.70 (Im Folgenden zitiert als: Ruh)
3
2. Pädagogische Ansichten und Schulbildung des
Mittelalters
Mittelalterliche Autoren teilten in Anlehnung an Isidor von Sevilla die Kindheit in drei Phasen ein. Sie behaupteten, dass in den verschiedenen Stufen bestimmte physische und psychische Anregungen erforderlich seien, um zu einer bestmöglichen Entwicklung des Kindes beizutragen. 6 Die erste Phase bildete ihrer Auffassung nach die so genannte infantia, die den Zeitraum von der Geburt bis zum 7. Lebensjahr einschloss. Im Vordergrund stand hier der Spracherwerb des Kindes.
Die daran anschließende zweite Phase, die pueritia, dauerte bis zum 14. Lebensjahr und diente der Erziehung des Körpers, des Willens und des Verstandes in Form von Anleitung zur Beschäftigung des Körpers und des Geistes und Einführung in die Septem Artes Liberales. 7
Das Kind „[...]erwirbt [...] zivilisatorische Fähigkeiten und kulturelle Werte“ 8 , so sagte man, die in der dritten Phase, der adolescentia, zunehmend vertieft wurden.
Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung nach Ansicht der mittelalterlichen Pädagogen nicht mehr wahllos verformbar, aber dennoch noch biegsam genug, um die ihnen vermittelten Lehren in ihre Persönlichkeitsentwicklung mit aufzunehmen und vernünftig zu denken und zu handeln. 9
In die zweite dieser drei Phasen fiel demnach der Beginn der Erziehung eines adeligen Jungen zum Ritter.
Als Sieben- bis Zehnjährige kamen die Jungen, sofern sie denn Stand und Mittel dazu besaßen, an den Hof eines Adeligen und begannen dort zunächst als Page m it der Reitausbildung. Mit zwölf Jahren schloss sich eine grundlegende Waffenausbildung an. Inhalt dieser Ausbildung waren Fertigkeiten wie Fechten, Ringen und Bogenschießen. Darüber hinaus waren
6 vgl.: Shahar, Shubamith: Kindheit im Mittelalter. S.29 (Im Folgenden zitiert als: Shahar)
7 vgl.: Bumke 2001, S.80
8 Shahar, S. 191
9 vgl.: Bumke 2001, S.80
4
aber auch kulturelle Elemente Gegenstand der Erziehung, also Schachspielen, Musizieren und alle Formen sittlich-höfischen Benehmens. 10 Mit etwa 15 Jahren endete ihre Ritterausbildung und die Jungen wurden zu Knappen, bis sie mit etwa 18 Jahren zum Ritter geschlagen wurden. 11 Neben der ritterlichen Ausbildung war es für adelige Jungen allerdings auch möglich, eine Ausbildung zum Kleriker zu absolvieren, denn eine Ausbildung zu haben war von größter Wichtigkeit und schon damals galt: „Die Schule ist der wichtigste Katalysator sozialen Aufstiegs[...]“. 12 Eine solche Ausbildung begann in der Regel mit sieben bis zehn Jahren mit dem Elementarunterricht an einer Sing- oder Leseschule. 13 Daran schloss sich die so genannte Lateinschule an, die den Weg für das Studium an einer Universität ebnete. 14
3. Die Erziehung des jungen Parzival
a. Die Vorgeschichte
Schon nach wenigen Zeilen der Lektüre Wolframs von Eschenbach wird deutlich, dass Parzival ganz anders aufwächst, als man es von einem Jungen seiner Abstammung erwarten dürfte: abgeschottet vom höfischen Leben auf dem Land, genauer gesagt „zer waste in Soltâne“ 15 .
Dies liegt darin begründet, dass sein Vater Gahmuret als Ritter starb und seine Mutter Herzeloyde verhindern will, dass ihren Sohn das gleiche Schicksal ereilt: „si brâhte dar durch flühtesal/ des werden Gahmurets kint.“ 16 Sie hält es deshalb für das Beste, wenn Parzival nie erfährt, dass es so etwas wie das Rittertum überhaupt gibt, damit er gar nicht erst in Versuchung kommt, ein ebensolches Leben anzustreben.
10 vgl.: Shahar, S.241 und 244
11 vgl.: Shahar, S.241f.
12 Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter. Berlin, Ullstein 1997. S.593.( Im Folgenden zitiert
als: Borst)
13 vgl.: Shahar, S.217
14 vgl.: Shahar, S.217
15 Wolfram, 117,9
16 Wolfram, 117,14f.
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Da auch ein Teil von Herzeloydes Gefolgsleuten mit nach Soltâne gekommen ist, muss sie dafür Sorge tragen, dass Parzival auch von ihnen nichts darüber erfährt; daher verbietet sie selbigen unter Androhung der Todesstrafe, vor Parzival die Existenz ritterlichen Daseins außerhalb von Soltâne auch nur anzusprechen:
„den gebôt sie allen an den lîp,/ daz se immer ritters wurden lût“ 17 . Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass Herzeloyde sich in erster Linie um ihr eigenes Wo hlergehen sorgt, denn sie sagt: „‚wan friesche daz mîns herzen trût,/ welch ritters leben waere,/ daz wurde mir vil swaere’“ 18 . Darüber, was diese Erziehungsmaßnahme für ihren Sohn bedeuten könnte, denkt Herzeloyde nicht nach.
Wolfram sieht in ihrem Rückzug von der Welt zwar in erster Linie ein religiöses Motiv 19 , doch man könnte Herzeloyde unterstellen, sie habe auch aus egoistischen Motiven ein Leben jenseits der Gesellschaft angestrebt, um sich selbst vor weiterem Kummer zu schützen.
So versucht sie auch gar nicht erst, ihr Gefolge davon zu überzeugen, dass ihr Vorhaben das Beste für Parzival sei, sondern geht direkt zu Drohungen über, was man so deuten könnte, dass sie zumindest ahnt, dass man ihre Erziehungsmethode nicht verstehen würde.
b. Die Erziehungsmethoden Herzeloydes
In Sachen Belehrung lässt Herzeloyde ihren Parzival in der ersten Zeit völlig unbedarft. Das Schnitzen und das Bogenschießen scheint er sich selbst beigebracht zu haben, was seine ritterlichen Anlagen offenbart 20 . Auch mit dem seelischen Konflikt in seinem Innern, der in ihm aufsteigt, sobald er die Vögel, die er so gerne singen hört, erschießt, weil seine Triebe ihn dazu veranlassen, bleibt er allein.
17 Wolfram, 117,22f.
18 Wolfram, 117, 24ff.
19 vgl.: Bumke 1997, S.43
20 vgl.: Schröder, W.J.: Die Soltane-Erzählung in Wolframs Parzival. S.12 (Im Folgenden zitiert
als: Schröder)
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Arbeit zitieren:
Mareike Moers, 2004, Die Erziehung des jungen Parzival - Hindernis oder Chance?, München, GRIN Verlag GmbH
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Inhalt gut, Ausdruck nicht wirklich.
Inhaltlich hat die Arbeit mir einige Denkanstöße geben können und vorallem das Literaurverzeichnis gab mir die Möglichkeit, noch einige weitere Werke für meine Arbeit zu bekommen. Ich finde jedoch, dass der Ausdruck überarbeitungswürdig ist und einige Formulierungen wirklich unglücklich sind für eine wissenschaftliche Arbeit.
am Tuesday, August 31, 2004-