Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Die Lehre der vier Ursachen 6
Humes Regularitätstheorie 9
Counterfactuals. 15
Einführung. 15
Goodmans meta-linguistischer Ansatz. 19
Erstes Problem: die relevanten Bedingungen. 21
Zweites Problem: Die Angabe von Gesetzen. 29
Das Goodman-Paradox 37
Schlussbemerkungen. 40
Literaturverzeichnis. 42
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Einleitung
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Jürgen und Vicky gehen am Donnerstagabend gemeinsam etwas trinken. Ziel ihres abendlichen Ausflugs ist das beliebte Wirtshaus „Lehner’s“ am Karlsruher Ludwigsplatz. Einige Stunden und mehrere Cocktails später, stolpern die beiden ein paar Euro ärmer, dafür aber um mehrere Promille reicher, aus der Kneipe. Da Jürgen in Offenburg wohnt, muss er zum Hauptbahnhof, um den Nachtzug in seine Heimat zu bekommen. Es ist eine laue Spätsommernacht, Grillen zirpen irgendwo idyllisch und ein warmer Wind fegt durch die Gassen. Jürgen möchte deshalb gerne zum Bahnhof laufen, um noch ein wenig frische Luft schnuppern zu können. Als gute Freundin will Vicky ihn natürlich begleiten. Aber plötzlich grollt ein Donner aus der Ferne heran. „Lass uns aufbrechen“, lallt Jürgen motiviert.
„Du willst doch nicht etwa zu Fuß gehen?“, fragt Vicky erschrocken, die einige Cocktails weniger hatte.
„Aber natürlich, wieso denn nicht?“, entrüstet sich Jürgen zwischen zwei Rülpsern. „Gleich fängt es an zu Gewittern, hast du den Donner nicht gehört?“ „Doch hab ich, aber das heißt doch noch lange nicht, dass es gleich gewittert!“, entgegnet Jürgen und freut sich über seinen eigenen Scharfsinn. „Der Donner könnte doch von irgendetwas kommen. Vielleicht ist dahinten eine Brauerei explodiert - schade um das schöne Bier.“
„Das meinst du doch nicht ernsthaft“, erwidert seine Freundin. „Man hat eindeutig gehört, dass es ein Donnerschlag war, der von einem Blitz kommt. Das Geräusch war doch eindeutig!“
„Ok, kann sein, dass es sich um das typische Geräusch handelte, das Blitze verursachen. Etwas anderes kommt wohl wirklich nicht in Frage. Aber dann gibt es immer noch einen Ausweg: Der Donner hatte keine Ursache! Es gab keinen Blitz, ich habe nämlich keinen gesehen. Es war einfach ein spontaner Donner, der mal seinem Ärger Luft machen wollte. Immer wenn es gewittert, blitzt es auch. Es hat aber nicht geblitzt, also gewittert es nicht. Ist doch ganz einfach. Also, lass uns gehen.“, argumentiert Jürgen, dreht sich um und torkelt Richtung Bahnhof.
„Oh man, Jürgen sollte weniger trinken.“, denkt sich Vicky. „Ein Donner ohne Blitz, was für ein Schwachsinn! Wenn er schon zugesteht, dass andere Ursachen ausscheiden, dann muss er davon überzeugt sein, dass es geblitzt hat. Es muss doch eine Ursache ge-
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ben. Ein Donner der ‚einfach so’ auftaucht - wie lächerlich! Ich glaube, so langsam trinkt er sich um den Verstand.“
Wem würden Sie in dieser Situation zustimmen? Jürgen oder Vicky? Lässt man die Geschichte noch einmal Revue passieren, fällt die Antwort nicht schwer. Zwar stimmt es sicherlich, dass ein Schluss von „es donnert“ auf „es hat geblitzt“ nicht immer richtig ist. Denn schließlich ist das Blitzen in der allgemein anerkannten Aussage „Wenn es blitzt, dann donnert es“ nur eine hinreichende Bedingung für das Donnern. Es könnte ja noch andere Ursachen geben. Eben beispielsweise eine Explosion oder ein Überschallflugzeug. Jürgen gesteht aber zu, dass aufgrund des charakteristischen Geräuschs alle Ursachen außer einem Blitz ausgeschlossen sind. Und dennoch glaubt er nicht, dass es geblitzt hat. Der Donner habe keine Ursache. Finden wir diese Ansicht akzeptabel? Nun, normalerweise doch wohl nicht, und insofern sollten wir Vickys Meinung teilen und Jürgen zu etwas weniger Alkoholkonsum in nächster Zeit raten.
Um nun den Bogen vom Alkohol zur Philosophie zu spannen: Im Dialog war häufig die Rede von Ursache. Doch wo eine Ursache, da auch eine Wirkung, so die landläufige Meinung. Das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung nennt man allgemein Kausalität. Leider wird der Begriff in der Philosophie von verschiedenen Autoren in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Mario Bunge unterscheidet in seinem Werk „Kausalität, Geschichte und Probleme“ drei Hauptbedeutungen 1 :
1. Eine Bedeutung ist die bereits genannte: Kausalität steht für eine „Verbindung“ zwi-
1 vgl. Bunge, 1987, S.3
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Kausalität im ersten Sinn ist ein so fester Bestandteil unseres Lebens, dass es fragwürdig erscheint, ob wir uns eine Welt ohne sie überhaupt vorstellen können. Wir sind von tiefstem Herzen überzeugt, dass wir vom Essen satt werden, dass Regen die Ursache dafür ist, wenn man nass wird (vorausgesetzt man hatte keine Regenschirm dabei), dass Blitze Donner bewirken oder eben dass Rauchen Krebs verursacht. Zwischen den jeweiligen Ereignissen bzw. Ereignistypen scheint es eine Verbindung zu geben, sprich Kausalität. Eben diese Verbindung soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Doch bevor wir in die aktuelle Diskussion einsteigen, möchte ich Ihnen kurz zwei historische Ansätze vorstellen. Beginnen werde ich mit Aristoteles’ Lehre der vier Ursachen. Wie so oft bei den Gedanken des großen griechischen Philosophen wird auch diese Arbeit als die erste systematische Untersuchung angesehen, in diesem Fall als erste Untersuchung, die im Zusammenhang mit Kausalität steht.
Etwas ausführlicher schließt sich die Erläuterung einer bis heute einflussreichen Theorie des Philosophen David Hume an, seine so genannte Regularitätstheorie. Von dieser übergehend folgt dann der Blick in die Gegenwart. Ein viel diskutierter Versuch besteht darin, Kausalität über Counterfactuals oder kontrafaktische Konditionale zu fassen. Doch dafür muss man erst einmal eine Theorie über Counterfactuals haben. Ein Versuch von Nelson Goodman wird ausführlich dargestellt.
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Die Lehre der vier Ursachen
Lassen Sie uns folgende nette - wenn auch zugegebenermaßen erfundene - Begebenheit annehmen. Aristoteles war nicht nur ein außergewöhnlicher Philosoph, sondern er hatte auch eine ausgeprägte künstlerische Ader. Um sich zu entspannen, zog er sich ab und an in sein Atelier zurück und schlug dort mit Hammer und Meisel Motive leicht bekleideter Frauen aus Marmorblöcken heraus. Eines Abends im Mai 351 v. Chr. war es wieder soweit: Er hatte erneut eine Statue fertig gestellt. In diesem andächtigen Moment überlegte sich der Grieche: „Was war jetzt eigentlich die Ursache dafür, dass diese wunderschöne Statue entstanden ist? Nach einigem Nachdenken fand er nicht nur eine, sondern gleich vier Antworten. Zusammen bilden sie die Lehre der vier Ursachen 2 :
Zum einen ist für Aristoteles das zugrunde liegende Material der Statue eine Ursache, sprich der Marmor. Denn ohne Marmor hätte es nicht genau diese Statue gegeben. Vielleicht hätte es eine Statue gegeben, die im Motiv vollkommen identisch ist - allerdings aus Granit. Fasst man Identität aber als Übereinstimmung in allen Eigenschaften, so wäre diese Granit-Statue sicher nicht identisch mit jener aus Marmor. Sie unterscheiden sich ja in einem sehr grundlegenden Aspekt. In der Scholastik wurde diese Ursache die causa materialis genannt. Als zweites nennt Aristoteles die „Formalursache“, oder causa formalis. Diese ist schon schwerer zu fassen, aber mit Hilfe des Statuen-Beispiels sollte es gelingen, Licht ins Dunkel zu bringen. Denn auch die Form der leicht bekleideten Frau spielte beim Entstehungsprozess eine nicht unerhebliche Rolle. Denn ihre Form hatte der alte Grieche beim Bildhauen vor seinem geistigen Auge. Und nach dieser Idee hat er schließlich die Statue aus dem Marmor gehauen.
An dritter Stelle führt Aristoteles die so genannte causa efficiens auf, die Wirkursache. Was wirkt auf den Marmor, damit dieser sein schönes Geheimnis preis gibt? „Na, Aristoteles natürlich“, ist man geneigt auszurufen. Aber mit dieser Antwort ist die causa efficiens noch nicht treffend dargestellt. Das „Wirken“ ist hier viel wörtlicher gemeint. In letzter Hinsicht ist es nämlich der Meisel des Künstlers, der bewirkt, dass die Statue aus dem Marmorblock entsteht.
Aristoteles verfolgt mit seiner künstlerischen Tätigkeit auch ein Ziel. Seien es die optischen Freuden an den Motiven, sei es der Entspannungs-Aspekt. Dieses Ziel spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Es ist die Motivation, die erst bewirkt, dass zu Hammer und Meisel ge-
2 vgl.
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griffen wird. Deshalb zählt es Aristoteles ebenfalls zu den Ursachen. In der Scholastik ist dieser vierte Aspekt bekannt geworden unter dem Namen causa finalis. Lange Zeit war die Lehre der vier Ursachen in der westlichen Welt die vorherrschende Doktrin. Doch aus heutiger Sicht wären wir nicht mehr bereit, alle vier Aristotelischen Ursachen mit ins Boot nehmen zu wollen, wenn wir fragen, weshalb etwas geschehen ist. Mit dem Aufkommen der empirischen Wissenschaften verabschiedete man sich zunächst von der causa formalis und der causa finalis. Aber weshalb eigentlich? Auf den ersten Blick erscheint es doch ganz plausibel, zumindest die causa finalis als Ursache anzuführen. Oder fänden wir folgende Erklärung nicht überzeugend?
Tom geht an den Kühlschrank und holt sich etwas zu trinken. Was war die Ursache dafür? Nun, Tom hat Durst gehabt und das Ziel verfolgt, seinen Durst zu löschen.
Abgesehen von menschlichen Handlungen scheint es für die causa finalis allerdings nicht mehr viel Platz zu geben 3 . Was für ein Ziel sollen beispielsweise Luftströmungen verfolgen, die über Karlsruhe ein Gewitter verursachen? Vicky und Jürgen werden vielleicht nass, aber sicherlich nicht, weil irgendwelche Naturabläufe dieses Ziel verfolgten! Allerdings sei zugestanden, dass dies eher eine epistemologische als eine ontologische Frage ist. Vielleicht haben Luftströmungen ja sogar Ziele und Absichten. Allerdings werden wir das wohl nie erfahren können und die Antwort entzieht sich damit unserem empirischen Horizont. Empirische Überprüfbarkeit ist in den modernen Wissenschaften aber ein entscheidendes Kriterium, um darüber zu entscheiden, welche Dinge wir als Ursachen akzeptieren. Mag sein, dass in Wirklichkeit unsichtbare Dämonen die Ursache für schwere Krankheiten sind. Leider können wir diese Biester wohl nicht nachweisen, sie sind ja nicht beobachtbar. Deshalb ist es dann doch die bessere Erklärung, Krankheitserreger, die man empirisch nachweisen kann, als Ursache anzunehmen. Causa finalis und causa formalis liegen außerhalb der Reichweite des Experiments und verschwanden deshalb mit der Geburt der neuzeitlichen Wissenschaften „in der Versenkung“, wie es Bunge ausdrückt 4 .
3 Und auch in diesem Forschungsbereich geben sich viele Wissenschaftler damit nicht mehr zufrieden. Vielmehr
wird versucht, die Wünsche von Personen, die zu Handlungen führen, auf neuronale und damit physikalische
Vorgänge zurückzuführen. Ein solcher physikalischer Reduktionismus käme wunderbar ohne causa finalis aus,
da so jede Handlung mittels causa efficiens erklärt werden könnte.
4 s. Bunge, 1987, S. 35
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Was wir allerdings empirisch nachweisen können, und zwar mit einer Perfektion die zu Zeiten des Aristoteles sicher nicht möglich war, ist das Material des Objekts, auf das gewirkt wird. Allerdings wird es nicht mehr als Ursache angesehen, sondern vielmehr als das, an dem sich die Veränderung im Laufe eines kausalen Prozesses vollzieht. Die Materie steht mit allen Naturereignissen in fester Verbindung. Sie ist das Objekt der Veränderung und nicht „das, woraus ein Ding ins Dasein tritt, und das fortdauert“ 5 .
Übrig geblieben ist die causa efficiens, die „Wirkursache“. Aber was wirkt da eigentlich, wenn beispielsweise zwei Billardkugeln aufeinanderprallen. Kräfte? Energie? Was ist die Verbindung, die vom einen Ereignis (Billardkugel stößt auf eine andere), zum anderen (Billardkugeln ändern ihren Bewegungszustand) führt? Große Bedeutung haben die Untersuchungen von David Hume zu diesem Thema erlangt. Seiner Theorie wollen wir uns nun zuwenden.
5 Aristoteles, Physik, Buch II, Kap. 3, 194b
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Humes Regularitätstheorie
Der Standardinterpretation nach hat David Hume die so genannte Regularitätstheorie der Kausalität vertreten. Zwar sind einige Autoren heute der Meinung, der Schotte sei bei seinen Ausführungen doch einer Gesetzauffassung von Ursache und Wirkung gefolgt, ich werde mich im folgenden aber auf die Standardinterpretation beschränken. Zwei grundsätzliche Annahmen liegen der Methodologie von Hume zugrunde, die vorab geklärt werden müssen, um seine Untersuchung zur Kausalität verstehen zu können. Hume war strenger Empirist. Deshalb sind für ihn alle Vorstellungen (Ideas), die wir haben, auf sinnliche Eindrücke (Impressions) rückführbar 6 . Das mag erst einmal befremdlich klingen, so kann ich mir doch beispielsweise das geflügelte Pferd Pegasus vorstellen, ohne jemals das Vergnügen gehabt zu haben, dem Wundertier begegnet zu sein. Aber schauen Sie mal mit Ihrem geistigen Auge auf Ihre Vorstellung des Pegasus. Sie setzt sich nur aus Objekten zusammen, die wir aufgrund von Sinneseindrücken kennen, und zwar einem Pferd und einem Paar Flügel. Ähnlich steht es mit Erinnerungen. Zwar habe ich jetzt keinen Sinneseindruck davon, wie ich mit meinem Opa anno 1984 am Kamin saß, aber die Erinnerung lässt sich rückführen auf den Sinneseindruck, den ich damals in der Situation hatte. Und wenn ich nie mit meinem Opa am Kamin gesessen bin, ich es mir aber trotzdem vorstelle, gilt dasselbe wie für Pegasus. Verschiedene Vorstellungen, die jeweils auf einfache Eindrücke rückführbar sind, werden kombiniert.
Die zweite Annahme ist, dass die Natur einer Sache nur beschrieben werden kann, wenn wir unsere Vorstellung der Sache bis zur Ursache dieser Vorstellung rückverfolgen 7 . Will ich verstehen, welche Natur die Vorstellung hat, dass ich mit meinem Opa anno 1984 am Feuer saß, muss ich schauen, woher diese Vorstellung kommt. Saß ich als vierjähriger Bub wirklich dort, ist die Ursache der Vorstellung der Sinneseindruck. Hat Kamin-Romantik mit dem Großvater nie stattgefunden, sind vielleicht Sehnsüchte, etwas verpasst zu haben, die Ursache. Genau das muss ich untersuchen, will ich begreifen, was die Natur der Sache ist. Gemünzt auf die Kausalität bedeuten diese beiden Grundsätze folgendes: Wenn es so etwas wie eine Verbindung von Ursache und Wirkung in der Welt gibt, muss die Vorstellung, die wir von Kausalität haben, in letzter Hinsicht auf Sinneseindrücke rückführbar sein.
6 vgl. Hume, 1904, S. 13
7 vgl. Hume, 1973, S. 22
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Arbeit zitieren:
Holger Siebnich, 2004, Die Analyse kontrafaktischer Konditionale: Der meta-linguistische Ansatz von Nelson Goodman, München, GRIN Verlag GmbH
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