Inhaltsverzeichnis:
1. Das Interesse der Erziehungswissenschaft an Autobiografien 3
1.1 Erziehungswissenschaftliche Grundfragen 4
1.2 Autobiografische Materialien: Lebenslauf und Lebensgeschichte 6
1.3 Spezifische Formen lebensgeschichtlichen Lernens 7
1.4 Analyse autobiografischen Materials: Fünf Schichten 10
2. Analyse: Wie prägen Jungen-Beziehungen Hillas Lern- und
Lebensgeschichte? 13
2.1 Friedrich Schiller: Der Freund und die erste Schwärmerei 14
2.2 Georg: Der erste Schritt in Richtung Erwachsenwerden 17
2.3 Sigismund: Hilla beginnt kritisch zu denken 21
3
Fazit: Welche Bedeutung haben meine Analyse-Ergebnisse für die
Erziehungswissenschaft? Wie kann ich sie auf die heutige Zeit
übertragen? 24
Literaturverzeichnis
1.Das Interesse der Erziehungswissenschaft an
Autobiografien
„Nichts als die Wahrheit“, „Ungelogen“ oder „Hinter den Kulissen“. So lauten einige von vielen populären Autobiografien, die seit neuestem auf dem Markt sind. Biografien entwickeln sich zu einem neuen „Boom“. Über sein Leben zu schreiben ist wieder „in“. Lebensgeschichten sind nicht nur für die Unterhaltung interessant, sondern besonders auch für die Erziehungswissenschaft. Im ersten Teil dieser Hausarbeit werde ich erläutern, warum Autobiografien für die Erziehungswissenschaft interessant sind. Zunächst geht es um erziehungswissenschaftliche Grundfragen und die Doppelseitigkeit der Erziehungsaufgabe (universelle und individuelle Perspektive). Als zweiten Punkt dieses ersten Teils unterscheide ich die autobiografischen Materialien Lebenslauf und Lebensgeschichte. Mein Schwerpunkt wird dabei auf den Besonderheiten der Lebensgeschichte liegen.
Im dritten Punkt geht es um die verschiedenen Formen lebensgeschichtlichen Lernens, wobei ich einzelne Aspekte herausgreifen und näher bestimmen werde. Daran knüpft der zweite Teil meiner Hausarbeit an. Die Textgrundlage meiner Interpretation ist der autobiografische Roman von Ulla Hahn „Das verborgene Wort“. Diesen Text werde ich auf die Frage hin analysieren: Wie prägen Jungen-Beziehungen Hillas Lern- und Lebensgeschichte? Dabei greife ich drei Beziehungen heraus, die mir für die Entwicklung der Romanheldin wichtig erscheinen.
Der dritte und letzte Teil meiner Arbeit wird eine Übertragung der Analyseergebnisse auf die heutige Zeit sein. Dabei stelle ich mir die Fragen: Welche Bedeutung haben meine Analyseergebnisse für die
Erziehungswissenschaft? Wie kann ich sie auf heute übertragen? Dazu mache ich einen Vorschlag, wie lebensgeschichtliches Lernen im Unterricht verwirklicht werden könnte.
1.1 Erziehungswissenschaftliche Grundfragen
Welchen Zweck soll Erziehung eigentlich erfüllen? Diese Frage stellen wir uns nicht erst seit dem berühmten PISA-Test. 1926 versucht Friedrich Schleiermacher
3
in seinen pädagogischen Vorlesungen auf diese Frage eine Antwort zu finden. Er charakterisiert zwei Seiten von Erziehung, den universellen und den individuellen Teil. 1 Erziehung ist für ihn „das Tüchtigmachen für die Gemeinschaft und die Entwicklung der persönlichen Eigentümlichkeit.“ 2 Heute umschreibt die Erziehungswissenschaft das „Tüchtigmachen für die Gemeinschaft“ mit dem Begriff der Sozialisation. 3 Was aber damit genau gemeint ist, bleibt auch heute noch strittig. Die Erziehungswissenschaft ist darum bemüht, Bildungspolitik, Gesetzgebung und praktischer Erziehung eine rationale Grundlage zu geben, damit diese ihre Aufgabe des „Tüchtigmachens für die Gemeinschaft“ ausfüllen und optimieren können. 4
In Schleiermachers Forderung nach der „Entwicklung der persönlichen Eigentümlichkeit“ wird deutlich, dass er von einer schon einer schon bestehenden Besonderheit der einzelnen Person ausgeht. 5 Diese muss jedoch weiter entwickelt werden, und zwar mit Hilfe der Erziehung. 6 Der Mensch benötigt also die Hilfe der Erziehung um zu einer eigenständigen Person zu werden. Das Problem der individuellen Seite der Erziehungsaufgabe ist, dass diese oft für die Sozialisation (also die universelle Seite) vereinnahmt und ihr untergeordnet wird. 7
Die kritischen Erziehungstheoretiker gehen dieses Problem so an: Sie suchen persönliche Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb der Gesellschaft. 8 Die Vereinbarung des Individuellen und Universellen ist also das Ziel. 9 Die diskussionsleitenden Kategorien sind z.B. „Emanzipation“, „Identität“, „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“. 10 Aber hier wird wieder das Problem deutlich, dass nicht das Individuum im Mittelpunkt steht, sondern objektive Interessen. 11
1 Vgl. Theodor Schulze: Lebenslauf und Lebensgeschichte, in: Baacke/Schulze, Aus Geschichten lernen, Weinheim 1993. S. 174.
2 Ebd.
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. ebd. S. 175.
5 Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. ebd. S. 176.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd.
4
Das Individuum soll sich folglich selbst bestimmen. Aber kann es dass von Geburt an, oder muss Selbstbestimmung gelernt und entwickelt werden? 12 Das Problem für die erziehungswissenschaftliche Forschung und der praktischen Pädagogik besteht darin, dass sich die Überlegungen und Erklärungsversuche zur „Entwicklung der persönlichen Eigentümlichkeit“ nur schwer auf eine empirische Grundlage stellen lassen. 13
Biografische Materialien geben der individuellen Seite von Erziehung ein größeres Gewicht und einen greifbaren Kern. 14 In Autobiografien erfährt man von einem einzelnen Menschen was z.B. „Selbstverwirklichung“ oder
„Emanzipation“ für ihn konkret bedeutet, was ihn darin behindert oder fördert. 15 Biografien lassen sich jedoch nicht auf die individuelle Seite beschränken, die universelle Seite ist immer mit vorhanden. 16 Daraufhin lassen sich biografische Materialien unterschiedlich analysieren: Unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Bestimmtheit individueller Lebensläufe, und der Perspektive der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen. 17
Bei der Interpretation sollte man sich diese Differenzen bewusst machen, und die individuelle Seite der Erziehung und ihre subjektive Reflexion Gewicht zu verleihen. 18 Lernprozesse, in denen sich die „Entwicklung der persönlichen Eigentümlichkeit“ entwickelt, sollen in ihrer Besonderheit gekennzeichnet werden, und damit vom „Tüchtigmachen der Gesellschaft“ abgegrenzt werden. 19 Diese Differenzen werden an der Unterscheidung von Lebensgeschichte und Lebenslauf verankert. 20
In meinem nächsten Punkt werde ich die Textsorten der Lebensgeschichte und des Lebenslaufs näher erläutern und unterscheiden. Mein Hauptaugenmerk wird auf der Klärung des Inhalts von Lebensgeschichten liegen.
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. ebd.
15 Vgl. ebd. S. 177.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. ebd.
18 Vgl. ebd.
19 Vgl. ebd.
20 Vgl. ebd. S. 178.
5
1.2 Autobiografische Materialien: Lebenslauf und
Lebensgeschichte
Wie schon zuvor erwähnt, gibt es verschiedene Wege, Biografien zu analysieren. So existieren zwei Möglichkeiten seine Erfahrungen und Ereignisse im Leben zu verschriftlichen: Der Lebenslauf und die Lebensgeschichte. Der Lebenslauf ist ein knapper Text und verfolgt einen bestimmt Zweck. Seine Funktion ist durch Institutionen vorgeschrieben. 21 Er listet Ereignisse des Lebens auf, die von objektiven Interesse sind. Wichtig sind z. B. Schulabschluss, Karrieren, Mitgliedschaften, usw. Soziologische Strukturen sind der Hintergrund. 22 Subjektive Empfindung oder Reflexion sind im Lebenslauf uninteressant, allein die Fakten zählen. 23 Diese sind nicht zu verändern. Die Adressaten von Lebensläufen sind z.B. Arbeitgeber oder Vertreter von Institutionen. Sie erwarten von dem biografischen Material u.a. sozial gültige Bewertungen, also Daten auf deren Grundlage sie ihre Entscheidungen treffen können. 24
Zusammenfassend kann man also sagen: „Lebensläufe sind in Qualifikationen und Rollen konzipiert.“ 25 Sie sind notwendig, um die Person zu identifizieren und sie in der Gesellschaft zu lokalisieren. 26
Lebensgeschichten sind nicht wie die Lebensläufe unveränderbar. Im Gegenteil: Sie müssen immer wieder neu geschrieben werden. 27 Und wie der Name schon sagt (Lebens-Geschichte), wird eine Geschichte erzählt. 28 Hier geht es nicht um die Aneinanderreihung gesellschaftlich wichtiger Fakten, sondern um das Erzählen der eigenen (Lebens-) Geschichte. 29 Das geschieht z.B. in Szenen, Bildern oder kommentierenden Sätzen. 30 Der Schreiber selbst entscheidet was wichtig für ihn ist. Einen konkreten Verwendungszweck gibt es also nicht. 31 Eine einzige Lebensgeschichte kann auch über den individuellen Erfahrungshorizont
21 Vgl. ebd. S. 179.
22 Vgl. ebd. S. 185.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. ebd. S. 187.
25 Vgl. ebd. S. 192.
26 Vgl. ebd. S. 189.
27 Vgl. ebd. S. 182.
28 Vgl. ebd. S. 185.
29 Vgl. ebd.
30 Vgl. ebd.
31 Vgl. ebd.
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Quote paper:
Silke Kattenborn, 2002, "Das verborgene Wort" von Ulla Hahn: Analyse des Romans unter der Fragestellung "Wie prägen Jungen-Beziehungen Hillas Lern- und Lebensgeschichte?", Munich, GRIN Publishing GmbH
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