1. Einleitung
Die ersten Anfänge der norwegischen Arbeiterbewegung lagen in der Thraniterbewegung 1848-1851 und der von Eilert Sundt 1864 gegründeten „Kristiania Arbeidersamfund“. 1 Jedoch erst in den 1870er Jahren begann die eigentliche Arbeiterbewegung, als die ersten Gewerkschaften in Kristiania und Bergen gegründeten wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits in anderen europäischen Ländern v. a. in Deutschland, Frankreich und England Arbeiterbewegungen etabliert. Deutschland hatte sich durch die Schriften von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle zu einem Zentrum sozialistischen Gedankenguts entwickelt und wurde durch seine Impulse häufig richtungsweisend für die Arbeiterbewegungen anderer Länder. Von 1890 bis zum ersten Weltkrieg 1914 verstärkte sich dieser Effekt erneut durch die Schriften von Karl Kautsky, Eduard Bernstein sowie Rosa Luxemburg, die zu heftigen Diskussionen (Revisionismusstreit, Massenstreikdebatte) innerhalb der deutschen Sozialdemokratie führten. Sozialdemokraten in den übrigen europäischen Länder verfolgten dies meist mit großem Interesse.
Diese Entwicklungen auf dem Kontinent bis 1870 waren in Norwegen durch die Presse und sowie durch Berichte von einheimischen Handwerkern, die auf Wanderschaft in Europa gewesen waren, bekannt geworden. Ein Anstoß für die Entstehung der norwegischen Arbeiterbewegung in den 1870er Jahren wurde das Treffen skandinavischer Arbeiter 1870 in Stockholm, auf dem die Bildung von Gewerkschaften diskutiert wurde. 2 Begünstigt wurden diese Ideen durch eine wirtschaftliche Hochkonjunktur und Hoch-
2 T. K. Derry, A History of Modern Norway 1814 - 1972, Oxford 1973, S. 134.
preisphase, die gute Voraussetzungen für Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen schuf. Typographen gründeten daraufhin 1872 in Kristiania die erste norwegische Gewerkschaft, der in den folgenden Jahren rasch weitere Gründungen in anderen Bereichen folgten. 3
Der dänische Sattler Marius Jantzen und der schwedische Zimmermann J. O. Ljungdahl brachten in dieser Zeit sozialistisches Gedankengut nach Norwegen. Ausgehend von der von Louis Pio 1871 gegründeten dänischen Abteilung der „Internationalen“ in Kopenhagen versuchten sie erstmals, eine überwiegend politische Arbeiterorganisation zu gründen. Das anfänglich gute Interesse an deren Ideen ebbte allerdings rasch ab. Eine Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit Ende der 1870er Jahre erschütterte die junge Arbeiterbewegung und führte schließlich zu deren Zerfall. 4 Erst in den 1880er Jahren entstanden in Kristiania und Bergen neue Gewerkschaften, die vor allem Unterstützungskassen gründeten und Bildungsarbeit betrieben.
Wie in vielen Ländern ging auch in Norwegen die Arbeiterbewegung zunächst von Handwerkern aus, weil deren Position durch die Industrialisierung zunehmend gefährdet wurde. Dagegen waren die Mitglieder der relativ jungen Gruppe der Industriearbeiter zunächst zufrieden, da sie mehrheitlich vom Land gekommen waren und in den Städten bessere Lebensbedingungen vorfanden als in ihren alten Stellungen. 5 Handwerker wurden daher in den großen Städten
5 Bull, Gewerkschaftsbewegung, S. 42, 43.
v. a. Kristiania die Initiatoren fachlicher Organisationen zur Vertretung ihrer Interessen. Auf diesem Wege kamen auch deutsche Handwerker in die norwegische Arbeiterbewegung. Sie engagierten sich nicht nur stark in den jeweiligen Fachgewerkschaften, sondern auch in den sich formierenden sozialdemokratischen Arbeitervereinen und Parteien. Dabei importierten sie ideologische und organi-satorische Ideen aus ihrer Heimat. Die in Kristiania 1898 bz. 1899 von ihnen gegründeten deutschen Arbeitervereine „Vorwärts“ und „Freiheit“ schufen durch ihre Doppelmitgliedschaft in „Det norske Arbeiderparti“ und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands eine Klammer zwischen deutscher und norwegischer Arbeiterpartei. 6
In Bergen stellte sich die Situation anders dar als in Kristiania. Zum einen lag Bergen abseits der Wanderrouten europäischer Handwerksgesellen, zum anderen hatte dort das Zunfthandwerk eine starke Stellung. Die Industrie spielte in der alten Handelsstadt nur eine untergeordnete Rolle und gefährdete damit weniger das althergebrachte Sozialgefüge. Das starke Traditionsbewußtsein einheimischer Handwerker führte dazu, dass die Gründung von Gewerkschaften eher in den Berufszweigen mit hohen Anteilen an ungelernten oder wenig ausgebildeten Arbeitern (u. a. Bauarbeiter, Seeleute) erfolgte. Die geringe Organisationserfahrung dieser Leute war später eine Ursache für den weitestgehenden Zusammenbruch der ab 1885 entstandenen, eher philantropisch orientierten, sozialistischen Bewegung nach dem Tod ihres Initiators, des Dänen Sophus Pihl 1888. Dieser politisch wenig vorgebildete Personenkreis bildete die Basis für die theoretisch fundierte Agitation des deutschen Fischhändlers Victor Braune, der die politische Arbeit Sophus Pihls fortsetzte. Daraus resultierte eine sozialistischere
Ausrichtung der Arbeiterbewegung in Bergen. 7
Die Gewerkschaften schlossen sich meist zu fachlichen Landesverbänden oder regionalen überfachlichen Vereinigungen zusammen. Organistionshöhepunkt war 1899 die Gründung des Norwegischen Gewerkschaftsbundes als Dachorganisation der gewerkschaftlichen Landesverbände, der Landesorganisasjon, LO, auf dessen Gründungskongress die Vereinigung mit der Sozialdemokratischen Partei beschlossen wurde. Dieses enge Verhältnis von Gewerkschaften und Partei war typisch für Deutschland und hatte Vorbildfunktion für die Nordischen Länder. 8
Parallel zu den Gewerkschaftsgründungen entstanden die ersten Arbeitervereine, und dabei faßte eine Sozialdemokratie Fuß, die deutlich deutschen Ursprungs war. Aus der Gewerkschaftsbewegung heraus wurde in Kristiania 1885 die erste sozialistische Arbeiterpartei „Socialdemokratisk Forening“ mit dem Typographen Christian Holtermann Knudsen als Vorsitzendem gegründet. Deren erstes Programm war eine Übersetzung des dänischen sozialdemokratischen Programms, das wiederum eine Kopie des deutschen Gothaer Programms von 1875 war 9 (vgl. Kap. 3)
Dänemark spielte in diesem Zeitraum überhaupt eine wichtige Vermittlerposition für organisatorische und ideologische Impulse aus Deutschland, die die lebendigen Verbindungen zwischen der dänischen und der deutschen Arbeiterbewegung widerspiegelten. Über Dänemark gelangte deutsche sozialistische Literatur u. a. von Marx, Engels und Lassalle nach Norwegen. Dänen spielten außerdem beim Aufbau der lokalen Arbeitervereinigungen eine entscheidende Rolle. Neben Sophus Pihl in Bergen war in Kristiania der Däne Carl Jeppesen eine der treibenden Kräfte bei der Gründung der „Socialdemokratisk Forening“. Aber es gab auch direkte Kontakte zu Deutschen und nach Deutschland: In Kristiania arbeitete Christian Holtermann Knudsen eng mit dem deutschen Typographen F. P. Schulze zusammen, und Carl Jeppesen lebte und arbeitete eine Zeit lang in Deutschland. 10
1887 wurde auf einem Kongress in Arendal v. a. durch Verei-
nigung der sozialdemokratischen Bewegungen von Kristiania und Bergen die erste landesweite Arbeiterpartei „Det forende norske Arbeiderparti“ gegründet, deren Programm zunächst noch nicht sozialistisch geprägt war. Erst 1889 wurde dem Programm auf Initiative Victor Braunes eine prinzipielle sozialistische Einleitung vorangestellt. Auf der Landesversammlung von Drammen 1891 beschloß die Arbeiterpartei die Übernahme des Erfurter Programms der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands des gleichen Jahres und erhielt damit endgültig eine sozialistische Prägung. 11
10 Einhart Lorenz, Neuere Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Norwegen und Schweden, in:
11 Bahlburg, Die Norwegischen Parteien, S. 112.
In den 1890er Jahre begann ein langsames Wachstum der Sozialdemokratie. Seit 1894 trat „Det norske Arbeiterparti“ (DNA) bei Kommunal- und Stortingswahlen an und konnte nach anfänglichen Mißerfolgen erstmals 1903 Mitglieder im Storting stellen. Die 1890er Jahre waren geprägt von parteiinternen Konflikten (z. B. Unionsstreit, Massenaktionen), die sich bis zum Ende des ersten Weltkriegs hinzogen und mit der Durchsetzung des linken Flügels unter Kyrre Grepp und Martin Tranmæl endeten. 12 Der Beginn des 1. Weltkriegs 1914 beendete zunächst den Einfluss aus Deutsch-land, der nach dem Krieg verstärkt durch die russische Revolution wieder auflebte.
In diesem kurzen Abriss der Historie der norwegischen Arbeiterbewegung wird bereits deutlich, dass es vielfältige theoretische, programmatische und personelle Impulse aus Deutschland gegeben hat, auch wenn diese nicht immer direkt sondern auch über Dänen und Schweden nach Norwegen gelangten. Wie stark sich diese Einflüsse letztendlich auf die Entstehung und Etablierung der norwegischen Arbeiterbewegung auswirkten, wird in der Literatur von verschiedenen Autoren differenziert bewertet. Während Halvard Lange von einem minimalen ausländischen Einfluss ausgeht 13 , schreibt Axel Zachariassen von vermehrtem Interesse am Streit zwischen Kautsky und Bernstein 14 und Einar Terjesen bezeichnt den Gedanken- und Ideenimport als umfassend. 15 Einhart Lorenz bezieht dagegen eher ein Mittelposition, wenn er von bescheidenen deutschen Einwirkungen spricht, aber dennoch die Bedeutung und
12 Bull, Arbeiderklassen, S. 521, 522.
13 Lange, Arbeiderpartiets Historie, S. 234.
14 Zachariassen, Fra Marcus Thrane til Martin Tranmæl, S. 128.
15 Terjesen, Marxismen, S. 121.
das Prestige der deutschen Arbeiterbewegung in Norwegen hervorhebt. 16
Diese Arbeit soll für den Zeitraum der Entstehungs- und Etablierungsphase der norwegischen Arbeiterbewegung von 1870 bis 1914 anhand von Programmen und Biographien die Spur deutscher Impulse auf Programme und Ideologie der Arbeiterorganisationen in Norwegen verfolgen. Dazu werden die Impulse aus Deutschland nach verschiedene Kategorien betrachtet. Die theoretischen Schriften von Marx, Engels, Lassalle etc. sowie die Parteiprogramme der „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ hinterließen Spuren bei der Entwicklung der norwegischen Arbeiterbewegung. Diese Impulse gelangten nicht nur auf schriftlichem Wege nach Norwegen, sondern auch durch Vermittlung von Deutschen, die sich in politischen Vereinen und Parteien, aber auch in den Gewerkschaften engagierten. Norweger und nicht zuletzt auch Dänen und Schweden importierten ebenfalls organisatorische und ideologische Kenntnisse.
16 Lorenz, Deutsche Einflüsse, S. 111-118.
2. Theoretische Impulse
Gemeinsame Basis aller sozialistischen und sozialdemokratischen
Organisationen sind die theoretischen Werke von Karls Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle, die in jedem Land ihre spezifische Ausprägung erfuhren. Auch die sozialdemokratische Denkweise in Norwegen wurde seit 1885 stark durch Übersetzungen deutscher Schriften beeinflußt. 17
Nach Norwegen gelangten diese Werke im wesentlichen über
Dänemark und konnten ebenso wie andere grundlegende sozialistische Schriften in der Zigarrenhandlung des Dänen Carl Jeppesen in Kristiania gekauft werden. Das „kommunistische Manifest“ und Lassalles „Arbeiterlesebuch“ wurden 1886/87 im Feuilleton des „Social-Demokraten“ 18 publiziert. Als erstes Originalwerk auf Norwegisch erschien 1904 Engels „Socialimens utvikling fra utopi til vitenskap“ 19 . Karl Kautskys „Karl Marx historiske virksomhed“ 20 und August Bebels „Kvinden og socialismen“ 21 wurden 1908 bzw. 1912 von J. Aass herausgegeben. August Bebels Werk war auch in Norwegen eine der meistgekauften sozialistischen Schriften. Der Kommentar Karl Kautskys zum Erfurter Programm wurde von Olaf Scheflo ins Norwegische übersetzt („Det socialistiske programm; Erfurt programmet“) und kam 1914 heraus. 22
17 Bull, Gewerkschaftsbewegung, S. 57.
18 Der „Social-Demokrat“ war das Mitteilungsblatt der „Socialdemokratisk Forening“ in Kristinia, wo es 1884
19 Originaltitel erschienen 1882: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“.
20 Originaltitel: erschienen 1908: „Die historische Leistung von Karl Marx“.
21 Originaltitel erschienen 1879: „Die Frau und der Sozialismus“
22 Die dänische Übersetzung des 1. Band von Marx „Das Kapital“ erschien 1885 in der von Kopenhagener
Bereits die ersten Sozialdemokraten in den 1880er Jahren hatten umfassende Kenntnisse der Schriften Marx, Engels und Lassalles. In den Artikeln, die Christian Holtermann Knudsen und der schwedische Tischler J. O. Ljungdahl in „Vort Arbeide“ bzw. „Social-Demokraten“ veröffentlichten, wird deutlich, dass beide auf jeden Fall das 1. Kapitel von Marx „Kapital“ kannten. J. O. Ljungdahl bezieht sich außerdem 1885 in einem Artikel im „Vort Arbeide“ auf das eherne Lohngesetz von Ferdinand Lassalle. Ob diese Kenntnisse durch Lesen der entsprechenden Werke oder durch Popularisierungstexte erworben wurden, ist natürlich nicht mehr nachvollziehbar. Ausländische Zeitschriften wurden auf jeden Fall von den führenden Kreisen der Partei gelesen und die Inhalte den Mitgliedern durch Artikel im „Social-Demokraten“ oder durch Vorträge vermittelt. 23
Durch Studien- und Schulungsarbeit - eine wichtige Aktivität in der Arbeiterbewegung - wurden diese theoretischen Arbeiten weiter verbreitet. 1890 war in Kristiania der „Klubben Karl Marx“ als erste Studiengruppe gegründet worden und 1893 die erste sozialistische Agitationsschule, deren Basis für die Schulungsarbeit v. a „Das Kapital“ von Marx war. In der 1909 gegründeten „Den socialdemokratiske Aftenskole“ erhielt Karl Marx erstmals einen bedeutenden, wenn auch nicht einzigartigen Platz. 24 In Bergen waren für den Deutschen Victor Braune die Schriften Marx und Engels ebenfalls die Grundlage für seine intensive Schulungsarbeit, die der örtlichen sozialistischen Bewegung eine vorwiegend jugendliche Anhängerschaft zuführte. 25 Für die norwegischen Sozialdemokraten waren allerdings weniger die theoretischen Schriften von Marx von Interesse, sondern eher seine Kapitalismus-Analysen, obwohl Elemente der marxistischen Theorie zur
23 Lange, Fra sekt til partei, S. 204. Terjesen, Marxismen, S. 125, 140, 141.
24 Terjesen, Marxismen, S. 126, 127.
25 Lange, Arbeiderpartiets Historie, S. 88.
Propaganda und Agitation im Klassenkampf verwendet wurden und als wichtige Bausteine in die sozialdemokratische Denkweise eingingen. Auch wenn diese Elemente nicht für den politischen Kurs bestimmend waren, trugen sie doch zur Förderung der Arbeiterbefreiung bei, indem sie den örtlichen Arbeitskampf als Teil eines internationalen Kampfes erscheinen ließen. 26
Es war selbstverständlich, sich auf Marx zu berufen, und Christian
Holtermann Knudsen brachte dies auf den Punkt in seiner Aussage: „Wenn man sich nicht zu Karl Marx Doktrinen bekennt, kann man sich nicht Sozialdemokrat nennen“. 27 Aber intensive theoretische Auseinandersetzungen wie in Deutschland üblich fanden in Norwegen nicht statt. Die einzige theoretische Debatte vor 1900 führten 1888 Victor Braune und Carl Jeppesen im „Social-Demokraten“ über die Landwirtschaftsfrage, ein Thema, das zu diesem Zeitpunkt keine praktische Relevanz für die Organisationsfrage der Arbeiterbewegung hatte. Die Rede Ludwig Meyers auf dem Herbstfest anläßlich Lassalles Todestags 28 1896 macht deutlich, dass in Norwegen Marx und Lassalle nicht im Gegensatz zuein-ander standen, sondern sich ergänzten. Beide erfüllten für die Norweger eher die Funktion als Helden und Symbole. Sie wurden bei passenden Gelegenheiten zitiert, wobei die Zitate allerdings nicht immer korrekt zugeordnet wurden. 29
Die meisten nach Norwegen übertragenen sozialdemokratischen
Ideen stammten allerdings von Ferdinand Lassalle. Sein ehernes Lohngesetz wurde z. B. explizit übernommen und als Begründung
26 Edvard Bull, Sozialgeschichte der norwegischen Demokratie, Stuttgart 1969, S. 67. Terjesen, Marxismen, S. 121, 125, 126.
27 Das Zitat von Christian Holtermann Knudsen wurde von mir übersetzt und lautet im Original: „Hvis man
28 Das jährliche Herbstfest zur Erinnerung an Ferdinand Lassalles Todestag war in den 1890er Jahren aus
29 Terjesen, Marxismen, S. 121, 125, 134-136, 143.
Einar Terjesen, Arbeiderbevegelse og politik i Norge 1890er arene, Arbeiderhistorie, Oslo 1991, S. 43.
für die politische Organisation verwendet. Im Gegensatz zu den Aussagen Lassalles engagierte sich die Arbeiterpartei auch auf gewerkschaftlichem Gebiet, v. a. nach der Gründung der Landes-organisation 1899, als die DNA auch als gewerkschaftliches Koor-dinationsorgan fungierte. 30
Die Bedeutung von Marx und Lassalle dokumentierte auch das von
Andreas Paulson 1914 herausgegebene Heft mit Leseempfehlungen für Arbeiter („Hvad skal arbeiderne læse?“). Darin verwies er nicht nur auf englische Schriften, sondern auch auf die Klassiker von Karl Marx („Lønarbeid og kapital“) und Ferdinand Lassalle („Arbeidsprogram“). 31
Neben den Originalwerken waren Artikel im „Social-Demokraten“
wesentliche Quelle für die Kenntnisse über die deutsche Sozialdemokratie. Die Zeitung brachte in unregelmäßigen Abständen Artikel, die aus deutschen Blättern wie „Vorwärts“, „Neue Zeit“ oder „Sozialistische Monatshefte“ stammten. Ob es sich dabei um direkte Übersetzungen aus dem Deutschen handelte, oder um Übertragungen aus dem Dänischen oder Schwedischen, ist nicht bekannt. 32
Die in Deutschland ab 1890 geführten Grundsatzdiskussionen
wurden in Norwegen differenziert zur Kenntnis genommen. Häufig spielten sie außerhalb der ausländischen Quellen des „Social-Demokraten“ nur eine geringe Rolle. 33
Der Skandinavische Arbeiterkongress von 1890 in Kristiania
spiegelte allerdings einen Streit innerhalb der meisten sozialistischen Arbeiterbewegungen wider, der von Deutschland ausgegangen war, als es zu Differenzen zwischen den „Jungen“ auf der
30 Terjesen, Marxismen, S. 136, 142.
31 Ebd. S. 128.
32 Neben dänischen und schwedischen Parteiorganen und dem deutschen „Vorwärts“ wurden ab 1899 außerdem
33 Lange, Fra sekt til parti, S. 204.
einen und August Bebel und Wilhelm Liebknecht auf der anderen Seite kam. Der „Social-Demokrat“ stellte sich auf die Seite von Bebel und Liebknecht, publizierte Artikel zu dem deutschen Parteienstreit. 34
Die Revisionismusdebatte 35 dagegen, die sich in den meisten euro-
päischen sozialistischen Parteien niederschlug, fand in Norwegen nur geringes Interesse und wirkte sich nach Aussage der führenden Männer in der norwegischen Arbeiterpartei (Carl Jeppesen, Ludvig Meyer, Gjøstein, Christopher Hornsrud und Magnus Nilssen) nicht auf die Programmbesprechung oder die praktische Politik aus. Außer Ludvig Meyer hatte kein führender norwegischer Politiker persönliche Eindrücke vom Revisionismusstreit 36 (vgl. Kap. 4.2). Der „Social-Demokrat“ veröffentlichte Artikel zur Diskussion innerhalb der deutschen Partei, stellte sich aber auf die Seite von August Bebel und Karl Kautsky und drückte 1897 sogar seine Freude über den Sieg Bebels aus. 1898 erschienen dazu im „Social-Demokraten“ zwei unkommentierte Artikel von Bernstein. Die im gleichen Jahr auf dem Stuttgarter Kongress stattfindende große Debatte wurde dagegen in einem Leitartikel des „Social-Demokraten“ kommentiert und die Notwendigkeit zur Einführung
34 In Deutschland hatte sich Ende der 80er Jahre eine Gruppe von „Jungen“ gebildet, die die Beschränkung auf
36 Lange, Arbeiderpartiets Historie, S. 234.
Arbeit zitieren:
Andrea Clemens, 2004, Deutsche Impulse in der Entstehungs- und Etablierungsphase der norwegischen Arbeiterbewegung (1870-1914), München, GRIN Verlag GmbH
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