[...] Aufgrund ihrer verschiedenen Sozialisation haben sexuell missbrauchte Mädchen
aus türkischen Familien jedoch in vielen Punkten andere Hilfsbedürfnisse als
deutsche Mädchen. Um auf diese Bedürfnisse angemessen reagieren zu können,
ist es notwendig, die Situation nicht nur aus deutscher Sicht zu beurteilen, sondern
sowohl der Migrationshintergrund als auch die Herkunft des Mädchens aus einer
moslemischen Kultur müssen berücksichtigt werden.
Ziel dieser Arbeit ist eine sachliche Auseinandersetzung sowohl mit der Problematik
des innerfamiliären sexuellen Missbrauchs als auch mit dem kulturellen
Hintergrund türkischer Migrantenfamilien. Auf der Grundlage dieser Betrachtungen
werden die besonderen Schwierigkeiten, die bei sexuell missbrauchten Mädchen türkischer Herkunft auftreten, dargestellt, um dann Schlüsse für die praktische
Arbeit zu ziehen.
Da die Bedeutungen der verschiedenen Begriffe zum sexuellen Missbrauch stark
voneinander abweichen, erfolgt zuerst ein Vergleich der verschiedenen Definitionen,
aus denen die der Arbeit zugrunde liegende Definition hervorgehoben wird.
Anschließend werden einige Studien zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs
dargestellt, das aufgrund der hohen Dunkelziffer nur sehr schwer zu bestimmen
ist.
Bezüglich der rechtlichen Situation sexueller Gewalt wird sowohl das deutsche als
auch das islamische Gesetz untersucht, da türkische Migrantenfamilien in und mit
beiden Kulturen leben. Im Falle des sexuellen Missbrauchs spielen beide Kulturen
eine Rolle, auch wenn ein deutsches Gericht das tatsächliche Strafmaß festlegt.
Diese Hin - und Hergerissenheit zwischen den Kulturen in allen Lebensbereichen,
die besonders junge Migranten betrifft, wird im Anschluss beschrieben.
Nachdem dann die wichtigsten Ansätze zur Entstehung sexuellen Missbrauchs
dargestellt werden, erfolgt eine Darstellung der verschiedenen Persönlichkeitsmerkmale
des Opfers und des Täters. Außerdem werden die unterschiedlichen
Erlebens - und Umgangsweisen beider Seiten vor und nach der Tat und die spezielle
Psychodynamik der Familien, in denen sexueller Missbrauch auftritt, veranschaulicht.
Der letzte Teil der Arbeit verknüpft die theoretischen Grundlagen zum sexuellen
Missbrauch mit den Überlegungen zur Situation türkischer Migrantenfamilien.
Im Fazit werden Schlüsse für die praktische Arbeit mit sexuell missbrauchten
Mädchen türkischer Herkunft und den Umgang mit ihren Angehörigen gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist sexueller Missbrauch? – Problematik eines Begriffes
3. Dunkelziffern und Schätzungen – Epidemiologie
4. Die Rechte des Kindes – Juristische Aspekte sexueller Gewalt in Deutschland
5. Die Rechte des Kindes II – Sexualität, Ehe und Gesetz im islamischen Kulturkreis
6. Tradition oder Anpassung? - Türkische Familien zwischen den Kulturen
7. Das Recht des Stärkeren – Zur Ätiologie des sexuellen Missbrauchs
7.1 DER INDIVIDUUMZENTRIERTE ANSATZ
7.2 DER INTERAKTIONSZENTRIERTE ANSATZ
7.3 DER FEMINISTISCHE ANSATZ
7.4 FINKELHORS „MODELL DER VIER VORAUSSETZUNGEN“
8. „Eine Persönlichkeit voller Schamgefühle“ – Wer sind die Täter?
8.1 PERSÖNLICHKEIT DES TÄTERS
8.2 DER GROOMING PROZESS NACH BULLENS
8.3 DER KREISLAUF DER TAT NACH WOLF
8.4 DAS VERANTWORTUNGS – ABWEHR – SYSTEM NACH DEEGENER
9. Zwischen Liebe und Angst – Die Folgen des Missbrauchs für das Opfer
9.1 EIGENSCHAFTEN DER OPFER
9.2 TRAUMATISIERUNGSFAKTOREN
9.3 INITIALFOLGEN
9.4 LANGFRISTIGE FOLGEN
10. Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie
10.1 GIBT ES RISIKOFAMILIEN?
10.2 ABWEHRMECHANISMEN UND REAKTIONEN DER MÜTTER
10.3 REAKTIONEN DES OPFERS
11. Sexueller Missbrauch in türkischen Familien
11.1 ZUR SITUATION VON MIGRANTENFAMILIEN IN DEUTSCHLAND
11.2 FAMILIENSTRUKTUREN
11.3 ABWEHRMECHANISMEN DER ANGEHÖRIGEN BEI SEXUELLEM MISSBRAUCH
11.4 TÜRKISCHE MÄDCHEN IN MÄDCHENHÄUSERN
12. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Problematik des innerfamiliären sexuellen Missbrauchs unter besonderer Berücksichtigung des kulturellen Hintergrunds türkischer Migrantenfamilien in Deutschland auseinander, um angemessene Ansätze für die praktische Hilfe zu identifizieren.
- Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie
- Einfluss kultureller Prägungen und Werte (z. B. Konzept der „Ehre“)
- Migrationsspezifische Belastungsfaktoren und deren Folgen
- Herausforderungen in der professionellen Unterstützung und Beratung
Auszug aus dem Buch
Finkelhors „Modell der vier Voraussetzungen“
Bei der Betrachtung der verschiedenen Ursachenmodelle zum sexuellen Missbrauch stellt man fest, dass einzelne Faktoren nicht genügen, um das Entstehen einer solchen Tat hinreichend zu erklären. Noch dazu widersprechen sich die Autoren (beziehungsweise Verfechter) der unterschiedlichen Ansätze oft gegenseitig oder stehen gar in Konkurrenz zueinander, so dass, wie Kolshorn und Brockhaus (2002b, S.362) feststellen, ein „organisierender Rahmen“ nötig ist. Wichtig ist eine umfassende Sichtweise, die - ohne ideologische Vorbehalte – alle am Entstehen beteiligten Einflüsse berücksichtigt.
Das „Modell der vier Voraussetzungen“ von David Finkelhor vereint internale und externale Faktoren in einem Modell und bezieht dabei individuelle, soziologische und interaktionsbezogene Einflüsse mit ein. Finkelhor geht davon aus, dass diese vier notwendige Bedingungen notwendig für das Auftreten des sexuellen Missbrauchs sind:
1. Beim Täter muss eine Motivation zum Missbrauch bestehen.
2. Er muss innere Hemmungen überwinden.
3. Er muss externale Faktoren, die ihn an der Tat hindern könnten, überwinden.
4. Zuletzt muss der kindliche Widerstand überwunden werden.
Die Motivation des Täters, ein Kind zu missbrauchen, unterteilt Finkelhor in drei Komponenten: zuerst muss eine emotionale Übereinstimmung bestehen. Dazu kann das Bedürfnis nach Macht und Kontrolle über andere gehören oder eine nicht altersgemäße emotionale Entwicklung. Der Täter glaubt, dass eine sexuelle Beziehung zu einem Kind seine Bedürfnisse angemessen befriedigen würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die gesellschaftliche Ratlosigkeit bei sexuellem Kindesmissbrauch und definiert das Ziel, die Problematik unter Einbeziehung des türkischen Migrationshintergrunds zu beleuchten.
2. Was ist sexueller Missbrauch? – Problematik eines Begriffes: Diskutiert verschiedene Definitionen und wählt eine für die Arbeit maßgebliche Definition aus, die auf Machtmissbrauch und fehlendem Einverständnis basiert.
3. Dunkelziffern und Schätzungen – Epidemiologie: Analysiert die Problematik der Dunkelziffern und stellt verschiedene epidemiologische Ansätze und Studien vor.
4. Die Rechte des Kindes – Juristische Aspekte sexueller Gewalt in Deutschland: Beleuchtet die rechtliche Lage in Deutschland und die Konsequenzen einer Strafanzeige.
5. Die Rechte des Kindes II – Sexualität, Ehe und Gesetz im islamischen Kulturkreis: Untersucht die Rolle des islamischen Rechts und die Bedeutung der Ehe innerhalb des moslemischen Kulturkreises.
6. Tradition oder Anpassung? - Türkische Familien zwischen den Kulturen: Beschreibt das Spannungsfeld, in dem sich türkische Migranten zwischen traditionellen Werten und der deutschen Gesellschaft befinden.
7. Das Recht des Stärkeren – Zur Ätiologie des sexuellen Missbrauchs: Stellt verschiedene theoretische Erklärungsmodelle zur Entstehung von Missbrauch vor.
8. „Eine Persönlichkeit voller Schamgefühle“ – Wer sind die Täter?: Analysiert Täterprofile, den "Grooming"-Prozess sowie Dynamiken wie den "Kreislauf der Tat".
9. Zwischen Liebe und Angst – Die Folgen des Missbrauchs für das Opfer: Detailliert die kurz- und langfristigen emotionalen, somatischen und sozialen Folgen für die Betroffenen.
10. Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie: Untersucht die familiären Strukturen, Grenzproblematiken und die Rolle der Mutter in inzestuösen Systemen.
11. Sexueller Missbrauch in türkischen Familien: Verknüpft die theoretischen Erkenntnisse mit der spezifischen Lebenssituation von Migrantenfamilien und deren Umgang mit dem Thema Missbrauch.
12. Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit von Kultursensibilität in der professionellen Hilfepraxis.
Schlüsselwörter
Sexueller Missbrauch, Kindesmisshandlung, Inzest, Psychodynamik, Migrantenfamilien, Türkische Kultur, Erziehung, Trauma, Prävention, Täterschaft, Opferrisiko, Migration, Familiensysteme, Ehre, Mädchenhäuser
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des innerfamiliären sexuellen Missbrauchs mit einem spezifischen Fokus auf die besonderen Herausforderungen und kulturellen Kontexte türkischer Migrantenfamilien in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Ätiologie des Missbrauchs, die Täterpsychologie, die Folgen für die Opfer sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen innerhalb türkischer Familienstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine sachliche Auseinandersetzung mit der Problematik, um daraus fundierte Schlüsse für eine kultursensible praktische Arbeit mit missbrauchten Mädchen türkischer Herkunft zu ziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse verschiedener psychologischer, soziologischer und rechtlicher Ansätze, die zur Erklärung von sexuellem Missbrauch herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Definition von Missbrauch, die Epidemiologie, juristische Aspekte, verschiedene Täter- und Erklärungsmodelle (wie das von Finkelhor) sowie die Auswirkungen auf Opfer und die spezifische Psychodynamik in türkischen Familien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sexueller Missbrauch, Migration, Türkische Familien, Psychodynamik, Tätermodelle, Traumatisierung und Kultursensibilität.
Welche Rolle spielt der "Grooming"-Prozess nach Bullens in dieser Untersuchung?
Dieser Prozess erklärt, wie Täter das Vertrauen der Opfer gewinnen, sie isolieren und den Missbrauch systematisch vorbereiten, was für das Verständnis der Täter-Opfer-Dynamik essenziell ist.
Wie gehen türkische Migrantenfamilien laut der Autorin typischerweise mit einer Aufdeckung um?
Häufig wird versucht, den Vorfall familienintern zu lösen, um den Ruf der Familie (Ehre) zu schützen. Dies führt oft zu einer Abkapselung gegenüber externen Hilfsangeboten wie Jugendämtern.
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- Mareike Rescher (Author), 2003, Sexueller Missbrauch an türkischen Mädchen - Grundlegende Überlegungen zur Psychodynamik in der Familie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26132