2
Inhalt
0. Einleitung 3
1. Die Transformation des geschlossenen Systems MS in das
offene System N. 3
1.1 Minnesang als System 3
1.2 Die Transformation - die Systeme im Vergleich 4
1.2.1 Die Minne 5
1.2.2 Personennamen und die Einführung des „Setting“ 7
1.2.3 Sprechperspektive 8
1.2.4 Soziale Konstellationen 9
2. Mögliche Gründe für die Transformation von MS zu N. 10
2.1.1 Minnesang als Idealisierung der Situation der Frau 11
2.1.2 Minnesang als symbolisch-repräsentative Idealisierung
der ökonomischen Situation des Ritters 12
2.1.3 Die „niederen Beweggründe“ des MS - Geld und Ruhm 13
2.2 Das System N als Antwort auf einen als fortan zu
idealisierend empfundenen Minnesang 14
2.2.1 Die dörperliche Sphäre als Resonanzraum 14
2.2.2 Ausblendung der Individualität im MS 15
2.2.3 Spannung durch das Prinzip des offenen Systems 16
2.2.4 Das Spielen mit Rollen und Rahmen 17
3. Schlussbetrachtung 19
4. Literatur 21
3
0. Einleitung
Die vorliegende Arbeit bezie ht sich auf den Michael Titzmanns Aufsatz „Die Umstrukturierung des Minnesang-Sprachsystems zum ‚offenen System‘ bei N.“. 1 Titzmann versucht dort, das „System N.“ als „Resultat einer historischen Transformation (aufzufassen), die es zugleich strukturell impliziert.“ 2 Die vorliegende Arbeit wird zunächst die wichtigsten vorgestellten Unterschiede zwischen dem „System MS“ und dem „System N“ aufführen und illustrieren. Nach diesem eher referierendvergleichendem Teil sollen ein paar Gründe angeführt werden, die nahezu notwendig diese Transformation einleiten mussten. Die Zitate aus Ns Liedern beziehen sich allesamt auf die Anordnung der Lieder nach Siegfried Beyschlag 3 , da es auf dem knappen Raum dieser Arbeit nicht um Probleme der Überlieferung, sondern um eine exemplarische Illustration eben jener Transformation geht, die N. eingeleitet hat.
1. Die Transformation des geschlossenen Systems MS in das offene System N.
1.1 Minnesang als System
Den Minnesang als System zu bezeichnen, mag auf den ersten Blick verwirrend sein. Geht man von der klassischen Konzeption der Systemtheorie aus, hat sich die Kunst als System schließlich erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts ausdifferenziert und fungierte vielmehr vorher lediglich als funktionales Mittel anderer Systeme. Die Systembildung der Kunst geschah demnach „vor dem historischen Hintergrund der Entstehung von Freizeit als einem gesellschaftlichen Problem ungebundener Zeit“ 4 , so Gerhard Plumpe. Die Rezeption von Kunst war in früheren Zeiten in eine übergreifende Sinngebung eingebettet. Religiöse Lektüre diente etwa „der ‚Durchdringung‘ tendenziell aller profaner Lebensvollzüge mit einer transzendenten Sinngebung“. 5 Kunst wurde noch nicht als von anderen Systemen - sprich: Lebensbereichen - differenziertes System aufgeno mmen.
1 Titzmann, Michael. Die Umstrukturierung des Minnesang-Sprachsystems zum ‚offenen‘ System bei Neidhart. In: DvJs 45, S. 481-514
2 ebd. S.481
3 Beyschlag, Siegfried. Die Lieder Neidharts. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975
4 Plumpe, Gerhard / Werber, Niels. Kunst ist codierbar. In. Siegfried J. Schmidt(Hrsg.). Literatur und Systemtheorie. Opladen: Westdeutscher Verlag 1993. S. 33
5 Schön, Erich. Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Verwandlungen des Lesers. Stuttgart 1987. S.280f.
4
Demnach erscheint eine Bezeichnung des Minnesangs als System irritierend, da dieser schließlich zu einer Zeit stattfand, in der die Kunst selber noch gar nicht als System ausdifferenziert war.
Titzmann benutzt den Begriff allerdings in freier Interpretation und bezeichnet damit die klar vorgegebenen „Grenzwerte“ 6 und Normen, denen der Minnesang unterworfen war. Er war ein geschlossenes System in dem Sinne, dass die in ihm vorkommenden Motive, Interaktionen, Stoffe und Werte niemals aus dem Rahmen fielen. Jeder einzelne Text des MS enthielt somit sämtliche Bausteine des ganzen Systems und konnte bereits „als Beleg und Repräsentation von MS fungieren.“ 7 Ein Abweichen von den vorgegebenen Mustern hätte vom System MS nicht aufgefangen werden können, sondern den abweichenden Text schlichtweg als nicht zum System gehörig kategorisiert. Als nun N. auf den Plan trat und in seiner Lyrik sämtliche Normen, Motive und Stoffe des MS umformte, umstellte, parodierte und dennoch als Referenzpunkte mitlaufen ließ, transformierte er somit den „geschlossenen MS“ in das „offene System N“. Wie das vonstatten ging und welche Elemente nun einer Änderung unterfuhren, sei im folgenden erläutert.
1.2. Die Transformation - die Systeme im Vergleich
Es ist eine typisch systemtheoretische Überlegung, dass das System N vor dem Hintergrund des Systems MS verstanden werden kann. Erst die Differenz generiert das System N, die Kunst benutzt sich selbst als ihr Medium. Man mag jetzt einwenden, dass diese Überlegung vor dem Hintergrund absurd ist, dass es zu jener Zeit a) noch gar kein Kunstsystem gab und b) die Kunst sich erst im Ästhetizismus selber zum Medium machte und in den Jahrzehnten vorher eher die System/Umwelt-Referenz (klassischromantische Phase) oder die Umwelt selbst (Naturalismus) zu ihren „Medien“ machte, vor dessen Hintergrund sie ihre „Form“ abbilden konnte. 8 So gesehen würde Titzmanns Aufsatz unterschwellig die Ausdifferen- zierung des Kunstsystems 12./13. Jahrhundert ansetzen, da N. ja diese Mechanismen benutzt. Diesen Gedanken sollte man auch vor dem Hintergrund der Rezeption von MS und Ns Lyrik im Hinterkopf behalten.
6 Titzmann, S. 482
7 ebd., S. 501
8 die Klassifizierung der Epochen vor dem Hintergrund der Frage, welches Medium die Kunst benutzt, um sich als Form davor abbilden zu können, geht ebenso auf oben zitierten Aufsatz „Kunst ist codierbar“ von Plumpe und Werber zurück
5
Die Transformation des MS- in das N-System vollzog sich jedenfalls an relevanten Knotenpunkten wie Liebe, Setting, Personal, Rollen-erwartung und Sänger-Autor-Rolle-Problematik und soll nun erläutert werden.
1.2.1 Die Minne
Im Minnesang ist das Szenario unveränderlich festgelegt und konven-tionalisiert. Der Ritter wirbt um die Gunst einer höfischen Dame, die grundsätzlich unerreichbar für ihn ist. Dabei entstammt der Ritter zumeist dem Stand des „Ministerialen“, ist also Angehöriger eines niederen Dienstadels, der von den Aufträgen seines Dienstherren lebt, dessen Frau zumeist die unerreichbare Angebetete ist. Das Personal ist also klar umrissen und deutlich abgegrenzt von jeder Form der „dörperlichen“ Sphäre, die als Schmelztiegel alles Vulgären galt. Das entspricht der damaligen „Codierung“ der Liebe, die entweder als geistig-edles, asketisch-sehnsüchtiges Ideal der Minne oder als vulgäres, körperbetontes Triebspiel der „Dörper“ galt. In Dietrich Schwanitz Buch „Systemtheorie und Literatur“ wird dieses typische Liebesmodell des MS in einem fiktiven Gespräch über die Genealogie des Liebesbegriffes durch die Jahrhunderte treffend auf den Punkt gebracht:
„Im Mittelalter kommt doch die ritterliche Liebe überhaupt erst in Gang, indem daß die Sexualität als Abstoßungspunkt mißbraucht wird. Die wahre Liebe steigert sich im selben Maße ins Unwahrscheinliche und Ideale, was dann nur noch durch außerordentliche Verdienste erreicht wird, indem die vulgäre, sinnliche Liebe auf Distanz gebracht wird.“ 9
Nicht die vollzogene Liebe, sondern die dauerhafte Spannung eines Liebes- „dienest“ ohne realistische Hoffnung auf „lôn“ im Sinne der Vereinigung ist somit der Motor des MS-Systems.
Bei N. wird nun diese klare Linie aufgelöst. Das Liebesobjekt ist nunmehr nicht mehr per se die höfische Herrin, sondern lediglich eine abstrakte Einheit, die von Lied zu Lied verschieden gefüllt werden kann. „Die Person scheint nur als funktionale Größe interessant.“ 10
Tatsächlich ist bei N. die klassische MS-Situation des Ritters, der einer unerreichbaren Dame in der „höveschen“ Sphäre dient und damit die höfischen Werte verkörpert, einer Vielzahl von neuen, skurillen Konstellationen gewichen. Da wirbt der Ritter in WL 32
9 Schwanitz, Dietrich. Systemtheorie und Literatur. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990, S. 195
10 Titzmann, S. 489
6
(nach Beyschlag) auf einmal um ein Mädchen, welches offensichtlich nicht aus der höfischen Sphäre stammt, denn er verliert den „Wettbewerb“ gegen drei Konkurrenten.
„Nu râten mîne vriunt! ich bin niht wîse
si ist mir gram; wande ich bin bewarren wîder sî.
ditze jâr
wâren ir wol drîe, die ir in den ôren lâgen als diu bîe, sôs immer kômen dar.“ 11
Auch in denen von Beyschlag explizit unter „Minnedienst“ zusammengefassten Liedern, finden sich Konstellationen, die nichts mehr mit dem Minnekonzept des klassischen MS zu tun haben. So gelingt es immer wieder dem Ritter feindlich gesinnten Personen, ihm seine Herrin abspenstig zu machen, was in seiner Logik dem bis-herigen Minnesangskonzept total widerspricht. Weder ist da die höfische Frau noch für irgendjemanden zu haben, noch würde sich der Ritter erdreisten, sich über seine Konkurrenten zu echauffieren, weil dies ja darauf hindeutet, dass er wirkliche Chancen hätte und somit würde er den Motor der Minne - die endlose Sehnsucht - blockieren. Vergleichen wir doch mal ein frühes Minnelied von Walther mit einem Winterlied von N.. Bei Walther erfüllt die Minne noch die Funktion eines autopoietischen Konzeptes, welches sich selbst genügt, da es die höchsten Werte vereint:
„Minne ist ein gemeinez wort,
und doch ungemeine mit den werken : dêst alsô. Minne ist aller tugende ein hort: âne minne wirdet niemer herze rehte frô. Sît ich den gelouben hân, frouwe Minne, fröit ouch mir die Sinne. mich müet, sol mîn trôst zergân.“ 12
Hier definiert sich die Minne noch aus der oben von Schwanitz beschriebenen Differenz zur vulgären Sexualität oder auch nur Erreichbarkeit der Angebeteten. Halten wir dem einen Ausschnitt aus Ns WL 33 (nach Beyschlag) entgegen:
„Der mir mîner vrouwen hulde erwende,
der wizze daz, wirt mir sîn stat, daz ich im ein punkelîn erzeige,
11 Beyschlag, S. 159
12 Wapnewski, Peter (Hrsg.). Walther von der Vogelweide. Gedichte. Frankfurt/M.: Fischer 12. Aufl. 1998, S. 10
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Oliver Uschmann, 2000, Die Transformation des geschlossenen Systems Minnesang in das offene System Neidhart, München, GRIN Verlag GmbH
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