Gliederung
A Einleitung 1
B
1 Die Situation nach Ende des 2. Weltkrieges 1
1.1. Die Epoche der Mitlebenden - Zeugen berichten 2
1.2. Selektive Geschichtsbetrachtung in SBZ und DDR 4
2 Perspektivenwechsel
2.1. In der Bundesrepublik wird Kritik laut 5
2.2. Erbe und Tradition in der DDR 7
3 Die nächste Generation setzt neue Maßstäbe
3.1. Begriffsentwicklung und Milieustudien 8
3.2. Ostdeutsche „Koalition der Vernunft“ 9
C Ausblick 10
A Einleitung
Am 20. Juli 2004 jährt sich das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg ausgeführte Attentat an Hitler zum 60. Mal. Fast genau so lange setzt sich die deutsche Geschichtsschreibung mit dem Ereignis auseinander. Der Rummel, den das Fernsehen in beinahe wöchentlich ausgestrahlten Filmen und Dokumentationen macht, zeigt ganz gut, wie prominent der konservative Widerstand von Historikern behandelt wurde und immer noch wird. Doch die Militärs waren nicht die einzigen, die gegen Hitler agierten: der Kreisauer Kreis, die rote Kapelle, die Kirche oder die Studenten - die Liste der Widerstandsgruppen ist lang. Nach der Teilung Deutschlands bewegte sich die Geschichtsschreibung in Ost und West in völlig verschiedene Richtungen, Objektivität fehlte besonders in den Anfangsjahren in beiden Staaten. Den Grund dafür muss man in erster Linie in der politischen Situation dieser Zeit sehen. Politiker wie Historiker in Ost und West bezogen sich meist auf jene Widerstandsgruppen, aus deren Motiven und Zielen heraus sie Orientierungen für die Gegenwart ableiten konnten.
Diese Arbeit soll die unterschiedlichen Aufarbeitungen der Widerstandsgeschichte in der Bundesrepublik und der DDR behandeln. Sie zeichnet die Entwicklung der Sichtweisen der Historiker ab dem Ende des Krieges bis heute nach.
B
1 Die Situation nach Ende des 2. Weltkrieges
Nach dem Krieg herrschte eine Verdrängung des Widerstandes vor. Den Alliierten lag nichts an einer Erinnerung an das „andere Deutschland“. Die NS-Herrschaft sollte aus den Köpfen der Deutschen verschwinden, Widerstand bildete dabei keine Ausnahme. Zusätzlich waren die propagandistischen Argumente der Nationalsozialisten noch präsent: Stauffenberg und seine Mitverschwörer hätten sich in letzter Minute retten wollen, Landesverrat sei begangen worden, der Zusammenbruch der Ostfront sei durch diese Handlungen beschleunigt worden und deutsche Soldaten hätten durch Spionage ihr Leben verloren. Doch die Alliierten konnten weder die Erinnerungen derjenigen löschen, die die Konzentrationslager überlebt hatten, noch die der Freunde und Familien, deren
1
Angehörige wegen offenen Widerstandes gegen Hitler - seien es die Männer des 20. Juli oder die Studenten der Weißen Rose - zum Tode verurteilt worden waren. Diese Menschen, Militärs wie Zivilisten, waren die ersten, die öffentlich Erinnerungsarbeit als Gedenken an ihre Helden begannen, obwohl sie dabei oft in der Bevölkerung auf Ablehnung stießen. 1
Widerstand befand sich bis in die fünfziger Jahre hinein in einer Art Defensivhaltung, anerkannt wurde er von der breiten Masse noch nicht. Das zeigte damals unter anderem eine Umfrage des Allensbacher Instituts, nach der etwa die Hälfte der deutschen Bundesbürger es ablehnte, eine Schule nach Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu benennen 2 . Trotzdem bot die Existenz eines Widerstandes die Möglichkeit, eine so genannte Kollektivschuld der Deutschen auszuschließen. Das ist wohl auch mit der Grund, warum in den ersten Jahren nach dem Krieg wichtige Werke von Historikern entstanden, die sich mit dem Nationalsozialismus und dem Widerstand auseinander setzten. Bereits 1945 schrieb Friedrich Meinecke „Die deutsche Katastrophe“, im Exil veröffentlichte Hans Rothfels „Die deutsche Opposition gegen Hitler“.
1.1. Die Epoche der Mitlebenden - Zeugen berichten
Wie bereits angedeutet, entstanden kurz nach 1945 die ersten geschichtswissenschaftlichen Abhandlungen zum Widerstand. Was die Besonderheit dieser Historiker war und was nach ihnen keiner mehr erreichen konnte, war die Tatsache, dass sie die NS-Herrschaft selbst miterlebt hatten und womöglich Widerstandskämpfer gekannt hatten. Das bekannteste Beispiel hierbei ist Gerhard Ritter, der 1954 sein Buch „Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung“ veröffentlichte. Ritter war mit Goerdeler befreundet gewesen, war zwar am Attentat am 20. Juli nicht beteiligt, gehörte aber der Widerstandsgruppe an. Ritter wurde wie Goerdeler verhaftet und die beiden Männer sahen sich kurz vor Goerdelers Hinrichtung noch einmal. So ist es wenig verwunderlich, dass Gerhard Ritter in seinem Buch bewusst diese Gruppe von
1 Toyka-Seid, Widerstand gegen Hitler, S.572
2 Steinbach, Widerstandsforschung, S. 597
2
Verschwörern in den Mittelpunkt stellt, ja gar Goerdeler als Zentralfigur der Widerstandsbewegung überschätzt 3 .
Sechs Jahre vor Ritter veröffentlichte der damals in Chicago lehrende Hans Rothfels den ersten Beitrag zur deutschen Widerstandshistorie: „The german opposition to Hitler“. 1964 wurde das Buch ins Deutsche übersetzt. Auch Rothfels war ein „Kind seiner Zeit“. Beim Blick auf seine Biographie wird klar, warum auch er den Fokus auf die Verschwörung der Männer des 20. Juli setzte. Er war ein Schüler Friedrich Meineckes, wandte sich aber bald intellektuell von seinem Lehrer ab, war eher anti-liberal und konservativ eingestellt. Seine Geschichtsschreibung war meist politisch motiviert. Rothfels war Jude, Wahlpreuße und ging überzeugt als Soldat in den 1. Weltkrieg, aus dem er schwer verwundet heimkehrte. Das Verdienst im Krieg war auch der Grund, warum Rothfels nach der „Machtergreifung“ von den Nationalsozialisten nicht verfolgt wurde. Jedoch wurde er als Professor in Königsberg immer wieder von Kollegen und Vorgesetzten geschnitten, so dass er sich schließlich zur Emigration entschied.
„Die deutsche Opposition gegen Hitler“ ist in erster Linie ein objektiv gehaltener Grundriss der verschiedenen Widerstandsgruppen im Dritten Reich. Man muss die Tatsache berücksichtigen, dass sich die Entstehung des Buches auf einer sehr schmalen Quellenbasis bewegte. Man kann deutlich Rothfels’ „Vorliebe“ für den konservativen Widerstand erkennen. So nimmt er an verschiedenen Stellen die Motive und Ziele der Verschwörer in Schutz, die - wie von späteren Historikern analysiert - alles andere als freiheitlich-demokratisch waren: „Das hieß unter anderem, dass die Männer der deutschen Opposition nicht die Absicht hatten, die Idee des Volks-Staates da wieder aufzunehmen, wo die Weimarer Republik sie hatte fallen lassen. Ihre Pläne gingen [...] auf eine konservative und dezentralisierte Demokratie, mit einer mehr oder weniger starken Beimischung von Sozialismus.“ 4 Nach Rothfels’ Buch erschien eine Flut von Abhandlungen zu diesem Thema, die Popularität des Attentats, die damals aufkam, hat bis zum heutigen Tag kaum abgenommen.
Ein Grund für den einseitigen geschichtswissenschaftlichen Blick auf die Widerstandsgeschichte dürfte unumstritten die gewollte Festigung der jungen
3 Ritter, Goerdeler, aus dem Vorwort von Theodor Eschenburg, S. 5
4 Rothfels, Opposition gegen Hitler, S. 173
3
Arbeit zitieren:
Claudia Fröhling, 2004, Widerstandsforschung - Selektive Geschichtsschreibung in BRD und DDR seit 1945, München, GRIN Verlag GmbH
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