1. Einleitung
In Zeiten, in denen wir ferngesteuerte Maschinen auf dem Mars herumfahren lassen, Roboter Tumore entfernen und Retortenbabies die Erfüllung kinderloser Ehen sind, fragt niemand, wie wir eigentlich zu unserem aktuellen Wissensstand gekommen sind. Woher rührt unser scheinbar immenses Wissen? Wo liegen die Ursprünge? Welches waren die Antriebskräfte?
Die Bemühungen der vorliegenden Arbeit liegen darin, Einblick zu verschaffen in das Verständnis von Wissen und Wissenschaft im Islam. Dies ist ein sehr komplexer Themenbereich und nicht alle Aspekte können hier berücksichtigt werden. Daher konzentriert sich die Arbeit grundlegend auf das Konzept von Wissen und Wissenschaft im Koran und versucht Gründe für den Erfolg der wissenschaftlichen Unternehmungen im Islam des 8. bis
12. Jahrhunderts zusammenzutragen. Einher geht ein kurzer Einblick in die Ursachen des Niedergangs der islamischen Wissenschaften. Dabei beziehe ich mich auf die Auslegungen der im Literaturverzeichnis alphabetisch aufgeführten und im Text mehrfach zitierten Autoren, von denen ich annehme, daß sie unter anderen den Stand der Forschung repräsentieren.
2. Die Offenbarung von Wissen
Bei den Begriffen "Wissenschaft" und "Islam" bzw. "Koran" vermutet man zunächst keinerlei engeren Zusammenhang. Im Gegenteil, man neigt eher dazu, den Islam als Inbegriff alles Traditionellen und den Fortschritt Hemmenden zu sehen. Hans Daiber verweist dazu auf die "vielfach zur Regel gewordene bedingungslose Anlehnung des muslimischen Gelehrten (...) an Äußerungen und Handlungen älterer Autoritäten" 1 (= taqlîd). Dem Terminus taqlîd steht igtihâd, die eigenständige Forschung, gegenüber, genau das ist für Daiber der Indikator, daß das Prinzip des taqlîd nicht unwidersprochen geblieben ist: "Im 11. Jahrhundert hat der berühmte Theologe und Jurist al-Gazzâlî an den vernunftbegabten und traditionsbewußten Menschen die Aufforderung gerichtet, den taqlîd aufzugeben und selbständig nach der Wahrheit zu suchen." 2 Für Daiber ist es somit eine starke Vereinfachung, den Islam in seiner klassischen Gestalt lediglich als Offenbarungsreligion, "deren Hauptziel es sei, den Gläubigen einen Platz im Paradies zu sichern" 3 , anzusehen. Wie falsch diese Annahme sei, zeige die islamische Wissenschaftsgeschichte, die mit der Religion in der Entstehung und Entwicklung in einem Wechselverhältnis stehe.
Franz Rosenthal untersucht dazu, nachdem er die These aufgestellt hat, daß Muhammads Konzept von Wissen einen grundlegenden, ja sogar unabänderlichen Kurs für das intellektuelle Leben im Islam geschaffen hat, den Wert eines Wortes und dessen Bedeutung im Koran. 4
In all seinen Ableitungen taucht die Wurzel «`ain-lâm-mîm» im Koran ungewöhnlich oft auf, nämlich 750 Mal, was etwa 1 % des gesamten Vokabulars ausmacht. Vergleichsweise tauchen Verben wie kâna 1.300 Mal oder qâla 1.700 Mal auf, rabb erscheint 950 und Allâh 2.800 Mal.
Sie machen also zusammengerechnet etwa 10 % des Gesamtvokabulars des Korans aus. Somit ist Rosenthals Behauptung, Muhammads Botschaft sei keine abstrakte, intellektuelle Abhandlung mit reicher Ideenvielfalt, gerechtfertigt. Nur einige wenige Ideen werden durch konstante und zielbewußte Wiederholung der Glaubenssätze dem Leser eingeprägt. Das erinnert an das Prinzip der Wiederholung als rhetorisches Mittel.
Im Gegensatz zu `ilm, tauchen Wörter, die der allgemeinen Ansicht nach eher als `bedeutsam' gelten, wie `Gerechtigkeit' oder `Freiheit', verhältnismäßig selten auf (explizit wird `Freiheit' gar nicht genannt). Diese Begriffe schienen also für den historischen und ideellen Kontext der Predigt nicht von fundamentaler Notwendigkeit gewesen zu sein. So erklärt Rosenthal, daß das häufige Vorkommen der Wurzel «`ain-lâm-mîm» und die auffällige Ausdrücklichkeit kein Zufall sein können, und somit dem Wissen eine große Signifikanz zugeschrieben werden muß. 5
Andererseits ist das Wort `ilm nach Rosenthal eine gebräuchliche Vokabel mit gewöhnlicher Bedeutung. Man könne also annehmen, daß `ilm zwangsläufig in jeder längeren Arbeit, unabhängig von der Thematik, vorkommen kann. So vergleicht Rosenthal das Wort `ilm mit dem Verb 'atâ, welches ebenfalls oft vorkommt und dazu keine speziell religiöse Bedeutung hat. Bei dieser Betrachtung kommt Rosenthal zu drei Konklusionen:
î Die Passagen, in denen `ilm vorkommt, und die mit einer speziellen Bedeutung im koranischen Kontext belegt sind, seien sehr viel häufiger, als solche, die einen zufälligen, weltlichen Gebrauch zulassen würden.
ì Wörter, die mentale Aktivitäten ausdrücken, solche wie `wissen' oder auch `lehren', seien sehr viel weniger aufdringlich, als solche, die physische Aktivitäten ausdrücken, wie
`kommen' oder `sagen'. Dies sei der Grund dafür, daß solche Vorkommen nicht auf Zufälligkeit basieren.
Ä "Alles neigt dazu zu zeigen, daß Muhammad innerhalb des Systems seines religiösen Denkens dem Wissen eine große Signifikanz zuerkannt hat." 6
Zusammenfassend beschließt Rosenthal, daß das Wissen eine grundlegende Kraft in der neuen Religion sei. Da er aber noch immer nicht belegt sieht, warum Muhammad dem Wissen eine so entscheidende Position in seinen Lehren gab, versucht Rosenthal nun, äußere Einflüsse zu untersuchen. So stellt er fest, daß der koranische Gebrauch von `ilm in keinen historischen Kontext bzw. in eine Tradition von Wissenschaft gestellt werden kann. 7 Die Originalität des prophetischen Anliegens bezüglich des Wissens kann nach Rosenthal nur verstanden werden, wenn ein ähnlicher Ursprung gefunden werden kann. In diesem Kontext sei Sure 102: 5-7 eine höchst naheliegende Passage:
"Aber nein! Wenn ihr es sicher wüßtet! Ihr werdet die Gahîm sehen. Doch, ihr sollt sie mit dem Auge der Gewißheit 8 sehen." 9
In der vorliegenden Koranausgabe wurde in Vers 5 'ilma l-yaqîni mit "sicher wissen" übersetzt, was Rosenthal auch für richtig hält, doch er legt besonderes Augenmerk auf den Begriff der Gewißheit bzw. al-yaqîn. Nach ihm bezieht sich das Wort yaqîn immer auf Wissen mit dem höchsten Grad an Gewißheit. 10 Rosenthal zieht nun Diskussionen anderer Kulturen über Konzepte bezüglich des Wissens zum Vergleich heran und kommt zu folgenden Ergebnissen 11 :
î Yaqîn könne seinen Ursprung nicht im griechischen Ausdruck hê gnôsis tês alêtheias (das Wissen um die Wahrheit) haben, da dieser bereits mit îda`tâ dasrârâ übersetzt worden sei.
ì Es spreche nichts dagegen, `ilm mit der griechischen gnôsis 12 zu übersetzen.
Ä Aufgrund zeitgenössischer christlicher sowie jüdischer Diskussionen um den Ausdruck hê gnôsis tês alêtheias und den Begriff gnôsis, ist Rosenthal der Meinung, daß es möglich und keinesfalls gewagt sei, anzunehmen, daß diese Diskussionen auf "Muhammad eingetröpfelt" seien und sein "Interesse am Wissen entflammt" haben. 13
Å Eventuell habe auch christliche, jüdische und heidnische Gnostik sowie der Mandaismus 14 Einfluß auf Muhammads Konzept von Wissen gehabt.
Als weiteren Punkt seiner Argumentation, arbeitet Rosenthal einen Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Wissen aus und stellt fest, daß das Wissen Gottes dem menschlichen Wissen quantitativ sowie qualitativ überlegen ist: Gott wisse um geheime Ursachen und Angelegenheiten, die sich dem menschlichen Wissen (wohl im Sinne von Vorstellungskraft/Horizont) entzögen. Dies begründet er wiederrum mit der unterschiedlichen Verwendung verschiedener Vokabeln. Beispielsweise sei `arafa in Bezug auf Gott nicht anwendbar. 15
Nach Rosenthal kommt jegliches menschliches Wissen von Gott. Wahres menschliches Wissen sei gleichzusetzen mit religiöser Einsicht 16 ; dazu zieht der Autor Sure 7: 52 heran:
"(...) Und wahrlich, Wir hatten ihnen ein Buch gebracht, das Wir mit Wissen darlegten als Richtschnur und Barmherzigkeit für die Leute, die gläubig sind." 17
Jegliches menschliches Wissen, das einen realen Wert habe und es wahrhaftig verdiene "Wissen" genannt zu werden, sei religiöses Wissen. So sei Wissen die notwendige Konsequenz von Glauben 18 :
"(...)Allâh wird die unter euch, die gläubig sind, und die, denen Wissen gegeben wurde, um Rangstufen erhöhen. Und Allâh ist dessen wohl kundig, was ihr tut." 19
Für Rosenthal zeigt dies, daß Wissen praktisch ein Synonym für Religion darstellt; denn Wissen wird gegeben und soll sich angeeignet werden, um zur (Gottes-)Erkenntnis zu gelangen. 20
3. Gründe für den Erfolg der wissenschaftlichen Unternehmungen
3.1 Der Aufruf zum Erwerb von Wissen im Koran
Für Umar Rolf von Ehrenfels ist die "Wertbetonung, die gerade Wissensdrang, Wissenschaft und Gelehrtentum in den Quellen des islamischen Lebens- und Kulturgefüges von allem
Arbeit zitieren:
Sonia Ben Salah, 1998, Wissen und Wissenschaft im Koran, München, GRIN Verlag GmbH
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Zauberdreiecke mit den Zahlen von 1 bis 10
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