1 Einleitung 1
2 Sozialisation 2
2.1 Abriss der psychologischen und soziologischen Sozialisationstheorien 4 2.1.1 Psychologische Theorien der Sozialisation 4 2.1.1.1 Persönlichkeitstheorien 4 2.1.1.2 Lerntheorien 5 2.1.1.3 Entwicklungstheorien 5 2.1.2 Soziologische Theorien der Sozialisation 6 2.1.2.1 Systemtheorien 6 2.1.2.2 Handlungstheorien 7 2.1.2.3 Gesellschaftstheorien 10
3 Die Instanzen der Sozialisation
und der Einfluss der Marktwirtschaft 11
3.1 Die Sozialisation in der Familie 11 3.2 Die Sozialisation in der Schule 17 3.3 Die Sozialisation im Beruf 21 3.3.1 Abriss der beruflichen Sozialisationstheorien 21 3.3.1.1 Modernisierungs- und Individualisierungstheorie 21 3.3.1.2 Arbeitspsychologische Handlungstheorie 21 3.3.1.3 Arbeits- und Berufssoziologie 22 3.3.1.4 Rollentheoretische Sozialisationstheorien 23
3.3.1.5 Interaktionistische Theorie der Persönlichkeitsentwicklung 26 3.4 Die Sozialisation durch Massenmedien 32
4. Der Einfluss der Instanzen auf
die Marktwirtschaft 35
5. Konflikte im Beruf 37
6. Lösungsansätze 41
7. Schlusswort 45
8. Literaturverzeichnis 47
1. Einleitung
In dieser Arbeit wollen wir zeigen, dass eine enge Verbindung zwischen der Sozialisation auf der einen Seite und der Marktwirtschaft auf der anderen Seite besteht. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns mit den Prozessen der Sozialisation und den marktwirtschaftlich orientierten Organisationen.
Wir möchten den Versuch unternehmen deutlich zu machen, dass eine wechselseitige Beziehung besteht, dass also nicht nur eine einseitige Beeinflussung der Marktwirtschaft auf die Sozialisationsprozesse des Individuums besteht, sondern dass diese Prozesse ebenfalls einen Effekt auf die Ausrichtung der marktwirtschaftlich organisierten Organisationen haben.
Dazu werden wir einen Überblick über die gängigen Theorien der Sozialisation schaffen. Im weiteren Verlauf beschäftigen wir uns detailliert mit den Instanzen der Sozialisation und werden dabei Zusammenhänge zu den theoretischen Grundlagen herstellen und zeigen inwieweit die Marktwirtschaft Einfluss auf die Sozialisation hat - und umgekehrt.
Aufbauend auf diesem Wissen möchten wir mögliches Konfliktpotenzial aufdecken, die Ursachen dafür erklären und nach geeigneten Lösungsansätzen suchen.
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2. Sozialisation
In der Geschichte der Sozialisationsforschung wird der Begriff der Sozialisation in enzyklopädischen Werken erstmals seit dem frühen 19. Jahrhundert verwendet, im wissenschaftlichen Zusammenhang findet man diesen Begriff zum ersten Mal 1896 wieder, geprägt vom amerikanischen Sozialphilosophen Edward A. Ross.
Der französische Soziologe Emile Durkheim (1858-1917) beschäftigte sich in seinen Untersuchungen über den Übergang von einfachen zu arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften. Hierbei konzentrierte er sich auf die Kernfrage, wie in komplexen Strukturen, also eben in diesen Industriegesellschaften soziale Integration hergestellt werden kann. Durkheim geht davon aus, dass der Schritt zur modernen Industriegesellschaft nur dann vollzogen werden kann, wenn alle Gesellschaftsmitglieder die Normen und Zwangsmechanismen
verinnerlichen. Er meint, dass diese Normen und Mechanismen auf ein Individuum treffen, welches sich triebhaft, egoistisch und asozial verhält und erst durch den Prozess eben dieser Sozialisation gesellschaftsfähig wird. Durkheim sagt also, dass der unberührte Mensch zunächst in seiner Natur überhaupt gar nicht in der Lage ist gesellschaftlich miteinander umzugehen, sondern dass er existierende Muster und Normen ‚von außen nach innen holen muss’. Damit gilt Durkheim als der eigentliche Gründer dieses Konzeptes der Sozialisation. Er prägte damit den Begriff der Sozialisation, welcher in den Geistes- und Sozialwissenschaften bis in die 1970er vorherrschte. Durkheims Sichtweise betrachtet allerdings nur die Seite der Unterwerfung des Individuums unter gesellschaftlichen Anforderungen und gilt somit als soziologisch verkürzt. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand dieses Konzept erneut unter näherer Betrachtung und sorgte alsbald für einen Aufbruch in Richtung Persönlichkeit- und Erziehungstheorie und wurde somit Gegenstand interdisziplinärer Forschung. Dabei gab es in Bezug auf diese Forschung einige wichtige Persönlichkeiten, wie auf der persönlichkeitstheoretischen Seite insbesondere Sigmund Freud (1856-1939), innerhalb der Lerntheorie John
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B. Watson (1878-1958) und innerhalb der strukturgenetischen Entwicklungspsychologie John Piaget (1896-1980). Diesen psychologischen Theorien sind auch heute noch innerhalb der Sozialisationstheorie und -forschung bedeutende Rollen zuzuschreiben, denn hier wird das Verhältnis des Menschen zur direkten sozialen Umwelt verdeutlicht. Auf der Seite der Sozialforschung spielen insbesondere Talcott Parsons (1902-1979) mit seiner strukturell funktionalen Theorie der Zusammenhänge von individueller und gesellschaftlicher Entwicklung und George Herbert Mead (1863-1931), dessen Arbeiten parallel zu Durkheim entstanden sind, und sich mit der Rolle von Sprache und Kommunikation für die Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt haben, eine bis heute noch entscheidende Rolle.
Wie wir aber alle wissen, haben sich gerade in den letzten Jahrzehnten die westlichen Gesellschaften in dem Maße verändert, dass sie keine Industriegesellschaften wie zu Durkheims Zeiten mehr sind. Die heutigen Gesellschaften sind vielmehr durch eine große Vielfalt von sozialen und kulturellen Lebensformen geprägt und durch ein Zusammenspiel eigenständiger Organisationen und Systeme bestimmt. Nicht zuletzt machen es die durch die Globalisierung herbeigeführten Verflechtungen, und die daraus resultierenden multiplen Muster und Normen nunmehr erforderlich, von der von Durkheim geforderten Adaption der Normen und Mechanismen von außen Abstand zu nehmen, und das Augenmerk auf eine von innen heraus geleitete, sensible Reflexion und Anpassung der sozialen Regeln zu lenken. Diese Erkenntnisse wecken den Bedarf nach neuen, zeitgemäßeren Theorien, wobei das ‚Handbuch der Sozialisationsforschung’ (Hurrelmann/Ulich 1980) eine entscheidende Rolle spielt. Sozialisation wird nun als der Prozess definiert,
„in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial
handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den
Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen, die für den Menschen innere
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Realität bilden, und der sozialen und physikalen Realität, die für den Menschen die äußere Realität bilden.“ 1
Nach dieser kurzen Einführung werden wir nun versuchen, eine Übersicht sowohl der gängigen psychologischen als auch soziologischen Theorien zu liefern.
2.1 Abriss der psychologischen und soziologischen
Sozialisationstheorien
2.1.1 Psychologische Theorien der Sozialisation
2.1.1.1 Persönlichkeitstheorien
Die persönlichkeitstheoretischen Konzeptionen befassen sich in erster Linie - wie es der Name schon vermuten lässt - mit der menschlichen Persönlichkeit. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Eigenschaften, Einstellungen, Motivationen, Gefühle und Interessen eines Individuums und auf die biologisch festgelegten Bedürfnisse und Triebe gerichtet. Ein besonders bekannter Ansatz der Persönlichkeitstheorie beschäftigt sich mit der Analyse der in der menschlichen Psyche fest verankerten Triebe und Motivationen, die bei der
Persönlichkeitsentwicklung eine ausschlaggebende Rolle spielen. Untersuchungsgegenstand dieser Psychoanalyse ist die ‚Eltern-Kind-Beziehung’. Daneben existieren weitere Persönlichkeitstheorien mit jeweils anderen Schwerpunkten. Zu nennen sind hier z.B. Theorien, die sich mit Persönlichkeitsmerkmalen beschäftigen, welche „[…] zur Bewältigung von Lebensproblemen und für die Aneignung und Verarbeitung der sozialen und materiellen Umwelt notwendig sind.“ 2 Diese Theorien werden als ‚Stress- und Bewältigungstheorien’ bezeichnet.
1 Hurrelmann 2002, 15f
2 Hurrelmann 2002, 49
4
2.1.1.2 Lerntheorien
Im Gegensatz zu den eben erwähnten Persönlichkeitstheorien geht die Lerntheorie davon aus, dass nicht die Triebe und genetisch festgelegtenalso internen Faktoren - Schlüssel der Persönlichkeitsentwicklung sind, sondern dass jedes Individuum durch die Einflüsse der sozialen und materiellen Umwelt - also der externen Faktoren - geprägt wird. Das Verhalten des Individuums wird also durch Erfahrungen determiniert, durch Lernprozesse, z.B. durch Interaktionen mit anderen Individuen. Das geschieht, in dem die äußeren Einflüsse und Eindrücke, sowie Erfahrungen durch kognitive Leistungen des Individuums verarbeitet werden und somit die externen Determinanten auch zu internen werden. Ein bekannter Vertreter dieser Theorie war Brandura (1979).
2.1.1.3 Entwicklungstheorien
Hier wird die gesamte Lebenszeit eines Individuums als Prozess betrachtet, in dem sich Persönlichkeitsmerkmale verändern. Zum einen gibt es die ‚kognitive Entwicklungspsychologie’, die von einer Wechselwirkung von Mensch und Umwelt ausgeht. Innerhalb dieser Beziehung werden Wahrnehmungsstrukturen und Denkmuster
ausgebildet, die sich schrittweise weiterentwickeln. Dabei stellt jede Entwicklungsstufe die Voraussetzung für die nächstfolgende dar (vgl. Piaget 1972).
Eine weitere Richtung der Entwicklungstheorie ist die ‚ökologische Entwicklungspsychologie’. Sie geht davon aus, dass der Mensch selbst seine Entwicklung gestaltet und als selbstreflektierendes Individuum sein Bild von der Umwelt aufbaut und flexibel verändert. Menschen und ihre Umwelt werden innerhalb dieser Theorie als ein System verstanden, in dem sich beide gegenseitig beeinflussen.
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2.1.2 Soziologische Theorien der Sozialisation
2.1.2.1 Systemtheorien
Innerhalb dieser Disziplin sind zwei Theorien von Bedeutung. Zum einen die ‚struktur-funktionale-Systemtheorie’ (Talcott Parsons 1902-1979) und zum anderen die ‚soziale Systemtheorie’ (Niklas Luhmann 1984). Parsons betrachtet die Strukturen von Systemen, die immer auch eine Funktion haben. Mit Struktur meint er insbesondere den zeitlich überdauernden Aspekt eines Systems und mit Funktion meint er den dynamischen Aspekt. Funktion eines Subsystems ist die Stabilisierung des Gesamtsystems. Analysiert werden hier das Zusammenspiel verschiedener Systeme und Subsysteme der Realität (innere und äußere). Dabei werden verschiedene Blickwinkel zur Hilfe genommen: Einerseits die Mikroperspektive, die sich mit den individuell psychischen Persönlichkeitsstrukturen beschäftigt, und zum anderen die
Makroperspektive, welche gesellschaftliche Sozialstrukturen untersucht. Diese beiden Perspektiven werden hier in Bezug gesetzt und versucht in Einklang zu bringen.
Die ‚soziale Systemtheorie’ gilt als eine der einflussreichsten Weiterentwicklungen der Systemtheorie durch Luhmann. Sie beschäftigt sich mit der Eigenständigkeit der Systeme, die in Abhängigkeit zueinander existieren. Er differenziert zwischen einem organischen, einem psychischen und einem sozialen System, welche alle eigenen Entwicklungsgesetzen folgen. So besteht z.B. aus der Differenz zwischen psychischem System (Person) und dessen Umwelt (soziales System) die Möglichkeit und Notwendigkeit von Sozialisation.
„Der Mensch, wiewohl in seiner Persönlichkeitsentwicklung auf Soziales angewiesen, wird durch Sozialisation nicht Teil des sozialen Systems. Dies ist so wenig der Fall, wie umgekehrt dadurch das soziale System sich nicht irgendwie in Psychisches transformiert. Die Gesellschaft kann Angebote machen und Wirkungen in ihrer Umwelt auslösen, sie kann entsprechende Funktionssysteme ausdifferenzieren, deren Wirkungen aber doch
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nicht kontrollieren, weil sie eben nicht im sozialen System, sondern im psychischem System des Menschen stattfinden.“ 3
Alle drei Systeme (organisches, psychisches und soziales) werden innerhalb dieser Theorie als selbstorganisierende und selbstgesteuerte Systeme verstanden.
2.1.2.2 Handlungstheorien
Der Begründer einer der einflussreichsten Ansätze der Handlungstheorie ist George Herbert Mead (1863-1931). Mead differenziert menschliches vom tierischen Verhalten durch die Intentionalität und Zielgerichtetheit. Dieses Verhalten bezeichnet er als ‚Handeln’. Bei genauerer Betrachtung wird der Begriff des Handelns als sinnhaft aufeinander bezogene Aktionen mindestens zweier Individuen (Interaktion) verstanden. Der äußere Rahmen des Handelns wird bestimmt durch eine geregelte Folge von Aktionen innerhalb sozialer Situationen unter Befolgung normativer Regeln und der Motivation der teilnehmenden Akteure. Da das Handeln im Mittelpunkt steht, spricht man hier von Handlungstheorie. In Meads Hauptwerk ‚Mind, Self and Society’ (deutsch 1968) beschäftigt er sich in erster Linie mit dem Ursprung und der Entstehung menschlicher Subjektivität. Demnach steht der Mensch in ständiger Auseinandersetzung mit der natürlichen und der sozialen Umwelt. Mead geht davon aus, dass der Mensch von Grund auf nach physiologischen und organischen Gegebenheiten handelt und sich an seiner Umwelt orientiert. Soziale Interaktionsprozesse beeinflussen aber dieses Handeln in hohem Maße. So sind also Individuum und Umwelt prozesshaft miteinander verbunden. Erst dieses prozesshafte Wechselspiel macht die Entstehung des menschlichen Subjekts möglich.
3 Hurrelmann 2001, 47
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Arbeit zitieren:
Christian+Thomas Schlegtendal, 2003, Die Wechselwirkung von Sozialisation und Marktwirtschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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