Weil er auf diese Propheten nicht hören wollte, weil er sie sogar ihre Windschutzscheibe mit seinem Golfschläger zertrümmernd lästerte, fällt er in Ungnade und verliert wie aus heiterem Himmel seine fremdgehende Frau, seinen Film und sein Vermögen. „Sie“ werden es ihm genommen haben und „sie“ wissen, wo er ist, finden ihn selbst in dem versteckten Hotel, wo er sich verkrochen hat und navigieren ihn zum Berg der Ranch, wo er die magischen Worte aus dem Munde des göttlichen Cowboys erfährt. Gott nötigt ihn - als der Urheber aller Differenz - dazu, eine Unterscheidung zu machen und so, wie „am Anfang das Wort“ Gott von der Welt und dann Himmel und Erde, Land und Wasser, Mann und Frau usw... differenzierte, so bringt der Gehorsam des Regisseurs ihm die Welt des Reichtums zurück, die Welt des schönen Scheins, den amerikanischen Traum. Er dreht seinen Film, hält Parties am Pool und lebt Hollywood. Und der Cowboy - jene göttliche Erscheinung der „Frontier“ und Gründer der amerikanischen Religion - huscht dort im Hintergrund auch noch mal vorbei.
Wo jedoch Gott, da ist der Teufel nicht fern, er, „der in bezug auf Gott ‚eine
Beobachtungsposition, einen Reflexionswert etablieren wollte‘, was in Relation zur göttlichen Positivität nur negativ möglich war: ‚als Prinzip des Bösen (...) Wie anders hätte man Licht in die Welt bringen können.“ (Werber 1993, S.18) Dieser Teufel sitzt hinter dem Café Winkie’s und eine frühe Szene stellt ihn uns zunächst mittels der Erzählung einer Figur vor, die ebenso eine Schlüsselposition einzunehmen scheint. Es ist ein junger Mann (dessen ängstliche Ähnlichkeit mit Kafka nun wirklich ausschließlich auf die Beobachtungsposition meinerseits zurückzuführen sein mag), der einem Bekannten/Freund/Psychologen (?) die Geschichte eines Traumes erzählt, der ihn nicht mehr loslässt. „Ich kann durch die Wand sehen...“, stammelt er und das Gesicht, was er dort hinter dem Café vernimmt, will er nie, nie wieder sehen. Wie bei einem Kind, dem man am hellichten Tag beweist, dass unter seinem Bett keine Monster hausen, führt Lynch den jungen Mann und uns um die Ecke der dreckigen, besprühten Mauer und der Schreck, der uns in die Glieder fährt, korreliert mit dem Infarkt des jungen K.: Der Monstermann lugt tatsächlich um die Ecke. Er ist es auch, der die blaue Box hütet, die zum Schlüsselmotiv des Films wird, Pandoras Box natürlich, die nicht zufällig eine „blue box“ ist. Die Schlüssel zu ihr spielen im Film denn auch eine nahezu leitmotivische Rolle, tauchen allerdings immer dann in der Handlung auf, wenn wir selber nicht mehr mitkommen, hängen als provokante „I nterpretationsschlüssel“ der Sinn-Dissemination vor uns, als Motive einer „Sinnstimulation bei gleichzeitiger Sinnverweigerung“ (So auch Hans H. Hiebel in seiner Interpretation zu Kafkas
„Legende“ „Vor dem Gesetz“, die einem beim Betrachten des Films unwillkürlich in den Sinn kommt. (Vgl. Hiebel 1993) Die Frau, welche die Schlüssel am Ende nimmt, ist denn auch die vermeintliche Protagonistin des Films, welche als naive Schauspielerin in spe, Straßenmädchen und ermordete Frau auftritt, welche sie selber noch auf der Suche mit ihrem Gegenpart Rita als bereits stinkende Leiche in einem „Hexenhaus“ von Wohnsiedlung angefunden hat. Doch halbwegs der Reihe nach. Jene blonde, naive, angehende Schauspielerin namens Betty ist es nämlich, welche uns in den Film einführt und in dem untergemieteten Appartement ihrer Tante in Hollywood unterkommt. Dort findet sie Rita vor, eine mysteriöse Schwarzhaarige, die bei einem Unfall auf dem Mulholland Drive ihr Gedächtnis zu verloren haben scheint. Als beide sich nun im Laufe des Films auf die Suche nach ihrer Identität machen, verschmelzen und verwischen die Grenzen zwischen den Geschichten, Identitäten und Rollenverteilungen der Frauen immer mehr. Die Leiche, welche Betty und Rita in besagtem, efeuumwachsenen „Hexenhaus“ finden, hört auf einen Namen, der Rita als einziger in ihrer Amnesie wieder einfällt und das ausgerechnet durch die Betrachtung eines Filmplakates (!) von Rita Hayworth! Der falschen Annahme folgend, dieser Name wäre nun ihrer und auf der Suche nach ihrer vermeintlichen Wohnstatt auf besagte Leiche treffend, ist hierbei noch mal anzumerken, dass Rita also nur deswegen heißt, wie sie heißt, weil dieser Name ihrem von Amnesie geplagten Bewusstsein durch ein Plakat der Traumfabrik aufgedrückt wird. (Besonders pikant wird dieses Motiv dadurch, dass Rita Hayworth realiter an Alzheimer litt!) Die tote „Rita“ wiederum ist dann später Betty selbst, zum Leben wiedererweckt von dem Cowboy, der ihr erlaubt, „wieder aufzustehen“.
Seine verwirrenden Stränge und seine suggestive Symbolik reflektiert der Film gleich mehrmals als „Kunst in der Kunst“ oder als Logik des Traums. Nicht nur der Wirklichkeit werdende Traum des jungen K. im Café Winkie’s deuten darauf hin, auch das „Illusionstheater“, in welches Betty und Rita zu einem früheren Zeitpunkt - aber immerhin schon als Liebespaar - in tiefer Nacht flüchten. Alle Geschehnisse dort sind Playback, das „Orchester“, das auf die vermeintlich spontanen Anweisungen des Zeremonienmeisters reagiert ebenso wie die Sängerin, deren tieftrauriger Gesang Betty und Rita zu Tränen hin- und die melancholische Diva in den Tod reißt.
Alles ist Playback. Alles ist vorgegeben.
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Oliver Uschmann, Clemens Flach, 2002, Die Religion des Scheins - Versuch über "Mulholland Drive", Munich, GRIN Publishing GmbH
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